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Manfred Spitzer: Digitale Demenz

Cover Manfred Spitzer: Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen. Droemer Knaur (München) 2012. 272 Seiten. ISBN 978-3-426-27603-7. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR.
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Thema und Zielsetzung

Manfred Spitzer beschreibt in seinem Buch den Trend zu einer zunehmenden Verbreitung der unrezensierten Nutzung digitaler Medien durch Kinder und Jugendliche. Er greift den Terminus „Digitale Demenz“ auf, der von südkoreanischen Ärzten geprägt eine „Gedächtnis-, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen sowie emotionale Verflachung und allgemeine Abstumpfung“ bei jungen Erwachsenen mit überdurchschnittlich hohem digitalem Medienkonsum beschreibt.

Spitzers Ziel ist es, auf das Problem aufmerksam zu machen und es als solches klar zu benennen, da es von vielen bedeutsamen Instanzen der Gesellschaft teilweise durch Nicht-Wissen, Ignoranz oder (monetäre) Partikularinteressen negiert wird. Darüber hinaus beschreibt er mögliche Auswege aus dem Dilemma.

Autor

Prof. Dr. med. Dr. phil. Manfred Spitzer wurde 1958 geboren und ist seit 1998 Ordinarius für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitätsklinikum in Ulm. Darüber hinaus ist er Leiter des 2004 gegründeten Transferzentrums für Neurowissenschaften und Lernen (ZNL). Er studierte Philosophie, Psychologie und Medizin in Freiburg und habilitierte sich nach Promotionen in Psychologie und Medizin 1989 für das Fach Psychiatrie. Als Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie war er von 1990 – 1997 zunächst Oberarzt für Psychiatrie an der Universität Heidelberg.

Forschungsaufenthalte, Gastprofessuren (u.a. an der Harvard University) und Forschungspreise kennzeichnen seinen wissenschaftlichen Werdegang. Er ist Herausgeber wissenschaftlicher Zeitschriften, veröffentlichte zahlreiche wissenschaftliche und populärwissenschaftliche Artikel (Originalarbeiten und Übersichtsartikel) und Bücher. Darüber hinaus moderiert er wöchentlich die Sendereihe „Geist & Gehirn“.

Entstehungshintergrund/ Vorgeschichte

Manfred Spitzer beschreibt den Trend zu einer zunehmenden Verbreitung der unrezensierten Nutzung digitaler Medien, der vor allem bei Kindern und Jugendlichen progredient zu beobachten ist. Diesen Trend und den sorglosen Umgang damit beobachtet Spitzer mit Besorgnis.

Aufbau und Inhalt

In einem kurzen Vorwort klärt Manfred Spitzer den Leser über die Genealogie des Terminus „Digitale Demenz“ als ärztliche aus Südkorea stammende Beschreibung von Gedächtnis-, Aufmerksamkeits- und Konzentrationsstörungen sowie emotionale Verflachung bei jungen Erwachsenen beschreibend, auf.

In der darauf folgenden Einleitung fragt Spitzer zunächst etwas polemisch: „Macht Google uns dumm?“ Er thematisiert zunächst das überlange Zeitintervall über sieben Stunden, das Jugendliche täglich mit digitalen Medien verbringen und welches in den letzten Jahren deutlich zugenommen hat. Darüber hinaus weist der Autor darauf hin, dass es bei ausgeprägtem Gebrauch des Internet schwerer fällt, sich auf das Schreiben langer Texte zu konzentrieren und setzt dies in Verbindung mit neurowissenschaftlichen Erkenntnissen. In diesem Zusammenhang weist er darauf hin, dass ein Sachverhalt durchdrungen sein will – was weit mehr bedeutet, als nach ihm zu „googeln“ –, um tatsächlich (Gedächtnis-) Spuren zu hinterlassen. Spitzer betont hier erstmalig, dass ihm oftmals der Vorwurf gemacht werde, technischem Fortschritt übermäßig kritisch gegenüber zu stehen, was er dementiert und widerlegt. Darauf folgend erläutert er anhand des gedankenlosen Einsatzes von „Pedoskopen“ (radiologische Durchleuchtungsgeräte für Füße in Schuhgeschäften) im vergangenen Jahrhundert, dass technischer Fortschritt keineswegs durchweg nur positiv sei und man die Partikularinteressen der Wirtschaft keineswegs außer Acht lassen dürfe, da der Einsatz dieser Geräte eine ungeheuer hohe Strahlenbelastung für Kinder bedeutet habe. Da mit dem Einsatz dieser Geräte gezielt Kinder angesprochen worden waren, habe man darüber versucht, den Umsatz auf Kosten Letzterer zu steigern. Diesem Beispiel folgend kommt der Autor auf den Einsatz von digitalen Medien bei Kindern und Jugendlichen zu sprechen und belegt anhand wissenschaftlicher Daten, dass der übermäßige Gebrauch von Computern (mehrmals wöchentlich) nicht etwa zu besseren Schulleistungen, sondern ganz im Gegenteil zu deutlich schlechteren schulischen Leistungen führt, wobei er zu bedenken gibt, dass ein seltener Einsatz zu besseren Leistungen führt als ein komplettes Unterlassen der Benutzung von Computern. Auch führe der Gebrauch zu mehr sozialer Isolation.

Jedes der 14 Kapitel verfügt über Illustrationen, Analogien, Graphen, uvm. Darüber hinaus wird das Wichtigste eines jeden Kapitels in einem „Fazit“-Unterkapitel zusammengefasst.

Das erste Kapitel, Taxi in London“ zeigt auf, wie der Gebrauch kognitiver Fähigkeiten zu einer Verbesserung dieser Fähigkeiten führt. Als prägnantes Beispiel illustriert er die neuronale Plastizität von Taxifahrern einer Großstadt (London).

Das zweite Kapitel beginnt mit der Darstellung der Demenz und zeigt auf, wie der Gebrauch von Navigationssystemen die eigenständige Orientierungsfähigkeit einschränkt. Spitzer titelt hier „Training: Neuronen wie Muskeln“ und illustriert hoch komplexe neurowissenschaftliche Erkenntnisse mit alltäglichen Beispielen. Der Autor weist hier darauf hin, dass auch bei älteren Menschen die Neurogenese vor allem im Hippocampus durchaus funktioniert. In diesem Zusammenhang weist er darauf hin, dass eine Vielzahl von Neuronen untergehen kann, ohne dass dies für den Menschen selbst und seine Umwelt merkbar wird. Spitzer stellt in diesem Kapitel auch klar, dass körperliche Aktivität das einzig wirksame Mittel gegen die Entwicklung einer Demenz darstellt

Im dritten Kapitel „Schule: Copy und Paste statt Lesen und Schreiben“ wird verdeutlicht, wie wichtig es ist, sich intensiv (vor allem durch Lesen und Schreiben) mit Lehrinhalten auseinanderzusetzen. „Digitale Medien verringern die Verarbeitungstiefe“, so stellt Spitzer fest und untermauert diese Erkenntnis nachhaltig mit Beispielen aus wissenschaftlichen Studien. Der Autor kritisiert hier drastisch die Initiative „One Laptop per Child (OLPC)“, die es anstrebt jedes Kind in ärmeren Ländern mit einem günstigen Computer zu versorgen und schildert die Abwendung von diesem Konzept, da es an grundlegenderen Dingen (Schulgebäude, Lehrer, etc.) fehlt und Pilotversuche keinerlei günstige Ergebnisse versprachen. Darüber hinaus résumiert der Autor über den Einsatz von „Smartboards“ (als Ersatz für Kreidetafeln) und Computern in deutschen Schulen und weist anhand mehrerer Studien auf die ungünstigen Ergebnisse hin. Hinzu komme eine „digitale Kluft“, wobei die schulischen Leistungen ohnehin unterprivilegierter und schlechterer Schüler durch den Einsatz von Computern noch schlechter wurden.

Im darauf folgenden vierten Kapitel macht der Autor deutlich, dass sich Menschen, die sich auf die omnipräsente Verfügbarkeit von Internetsuchmaschinen wie Google verlassen, Faktenwissen weniger gut merken. Grund ist die nunmehr fehlende/ reduzierte Notwendigkeit des Merkens.

Digitale soziale Netzwerke (wie z.B. Facebook), so leitet Spitzer anhand von wissenschaftlichen Studien her, „machen [digitale Netzwerke]unsere Kinder und Jugendlichen einsam und unglücklich“ und führen nicht selten zu einem Phänomen, das es früher nicht gegeben hat: „Cyber-Mobbing“ und „Bullying“. Während digitale soziale Netzwerke bei Erwachsenen zum Aufrechterhalten bereits bestehender Freundschaften dienen, mindert die Nutzung bei Jugendlichen die Anzahl an realen Freundschaften.

Während der Autor im sechsten Kapitel „Baby-TV und Baby-Einstein-DVDs“ einen konstruktiven Nutzen nachweislich abspricht, demonstriert er im siebten Kapitel über „Laptops im Kindergarten“ mit höchster neurowissenschaftlicher Kompetenz wie wichtig „herkömmliches“ Lernen ist.

Das achte Kapitel ist geprägt vom destruktiven Einfluss digitaler Spiele auf die schulischen Leistungen. Hier widerlegt er die Angst vieler Eltern, dass ihr Nachwuchs soziale Kontakte verliere, wenn er nicht ebenso wie andere Kinder Zugriff auf Spielkonsolen habe. Insbesondere weist der Autor auf eine gleichsinnige Beziehung zwischen der mit Computerspielen verbrachten Zeit und den schulischen Leistungen hin.

Über „Digital Natives“ (Menschen, die nach 1980 geboren und mit Computern aufgewachsen sind) und die „Generation Google“ (Digital Natives, die nach 1993 geboren sind) schreibt Spitzer im neunten Kapitel. Im letzten viertel Jahrhundert habe sich die Fähigkeit mit Informationen umzugehen weder verbessert noch verschlechtert; allerdings falle es jungen Menschen schwerer, die Bedeutung unterschiedlicher Quellen adäquat bewerten zu können.

„Multitasking“ ermögliche zwar wortimmanent zum Durchführen mehrerer Aufgaben gleichzeitig, gehe aber zu Lasten der Tiefe und Nachhaltigkeit der Informationsverarbeitung und führe insgesamt zu vermehrter Ablenkbarkeit bei konzentrationsbedürftigen Aufgaben.

Während Manfred Spitzer sich im elften Kapitel mit „Selbstkontrolle versus Stress“ beschäftigt, zeigt er danach auf, welch hohe Bedeutung ausreichend Schlaf für den Menschen hat, der allerdings durch digitalen Medienkonsum oftmals eingeschränkt wird. In diesem Zusammenhang weist Spitzer nachdrücklich auf das Suchpotential digitaler Medien hin und zeigt den enormen Zeitverbrauch auf, der durch die Nutzung des Internets entsteht.

Bevor der Autor im letzten Kapitel Auswege aus der „digitalen Misere“ aufzeigt, fragt er im 13. Kapitel „Warum geschieht nichts?“. Er weist zuerst auf den Einfluss der Medienlobby hin, fragt aber ebenso nach der Verantwortlichkeit in der Politik und Kirche. Spitzer beklagt, dass verunsicherte Eltern kaum eine Möglichkeit hätten, valide Informationen über die Gefahren digitaler Medien einzuholen.

Das letzte Kapitel ist der Darstellung von Lösungsmöglichkeiten vorbehalten, nachdem Manfred Spitzer die gewonnen Erkenntnisse der vorangegangenen Kapitel kurz und prägnant résumiert. Er berichtet, dass „Aufklärung und gute Ratschläge“ nicht ausreichend seien, diskutiert die Sinnhaftigkeit eines „Internetführerscheines“ und manifestiert, dass „eine solide Grund- oder Allgemeinbildung“ von höchster Relevanz sei. Auf ein solches solides Fundament könne man „digital kompetent aufbauen“. Der Autor rät: „Lassen Sie sich durch Medienmarktschreier nicht den Verstand rauben“ und gibt schließlich wertvolle stichpunktartige und im Alltag taugliche Tips.

Zielgruppe

Manfred Spitzer spricht mit seinem Buch eine breite Zielgruppe an. Er übersetzt wissenschaftliche Erkenntnisse in für jedermann verständliche Informationen.

Diskussion und Fazit

Manfred Spitzer klärt den Leser seines Buches kenntnisreich und scharfsinnig über den Gebrauch und die damit im Zusammenhang stehenden „Risiken und Nebenwirkungen“ von digitalen Medien auf. Keineswegs bleibt dem Leser eine gewisse Verärgerung des Autors über viele, die den gedankenlosen Umgang mit digitalen Medien forcieren oder zumindest tolerieren, verborgen. Die vom Autor aufgedeckten Partikularinteressen – vor allem aus der (Medien-) Wirtschaft stammend – sind sicher Grund genug, die Verärgerung Spitzers nachvollziehen zu können. Sicher hat Spitzer sich mit multi-fokalen „Angriffen“ auf Digitalmedien, (Medien-) Wirtschaft, Politik und Kirche keineswegs Freunde gemacht, und sein Buch birgt für die oben genannten „unbequeme“ Fakten in sich. Ob die Kritik, die Spitzers Buch vielerorts erfährt, berechtigt ist, darf bezweifelt werden.

Auf jeden Fall beleuchtet Manfred Spitzer wissenschaftliche Erkenntnisse von allen Seiten und stellt sie ungeheuer kenntnisreich aber dennoch verständlich für einen jeden Leser dar und leistet damit einen brillanten Beitrag zu einem brisanten Thema.


Rezensent
Prof. Dr. med. et Dr. disc. pol. Andreas G. Franke
M.A. Professur für Medizin in Sozialer Arbeit, Bildung und Erziehung Hochschule Neubrandenburg
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Zitiervorschlag
Andreas G. Franke. Rezension vom 05.11.2012 zu: Manfred Spitzer: Digitale Demenz. Wie wir uns und unsere Kinder um den Verstand bringen. Droemer Knaur (München) 2012. ISBN 978-3-426-27603-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13832.php, Datum des Zugriffs 25.06.2018.


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