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Sabine Handschuck: Interkulturelle Qualitätsentwicklung im Sozialraum, Bd. 2

Cover Sabine Handschuck: Interkulturelle Qualitätsentwicklung im Sozialraum. Bd. 2. Konzeptevaluation eines Modellprojektes zur interkulturellen Orientierung und Öffnung von sozialen Einrichtungen. ZIEL Verlag (Augsburg) 2008. 283 Seiten. ISBN 978-3-940562-22-7. D: 24,80 EUR, A: 25,50 EUR, CH: 45,00 sFr.
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Thema und Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist der zweite Teil der 2008 von der Humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität Köln angenommenen Dissertation der Autorin. Im ersten Band 1 (siehe Rezension von Susanne Spindler) hat Sabine Handschuck ein Konzept zur Weiterentwicklung der interkulturellen Orientierung und Öffnung sozialer Arbeit erarbeitet, dem der systemische Ansatz von Staub-Bernasconi zugrunde liegt. Das Projektkonzept wurde unter Beteiligung von insgesamt 32 sozialen Einrichtungen in einem Modellprojekt in zwei der 13 Münchner über einen Zeitraum von drei Jahren evaluiert. Im diesem zweiten Band stellt die Autorin die methodische Vorgehensweise und die Ergebnisse dieser Evaluationsstudie vor.

Autorin

Sabine Handschuck war mehrere Jahre lang Mitarbeiterin des Stadtjungendamtes in München und beschäftigte sich praktisch und theoretisch mit dem Thema der interkulturellen Orientierung und Öffnung sozialer Verwaltungen und Einrichtungen.

Aufbau und Inhalt

Die Evaluation umfasste drei Schwerpunkte: Erstens die Bewährung der Projektkonzeption aus Sicht der Teilnehmer und welche Veränderungen sich daraus ableiten lassen, zweitens die Bewertung der Servicequalität des Projektes durch die Auswertung der Fokusbefragung eines Qualitätszirkels und drittens die Erwartungen der Entscheidungsträger, die in einer Gruppendiskussion ermittelt wurden.

Das erste Kapitel ordnet die Evaluation theoretisch in die angewandte Sozialforschung ein und betont für das Projekt die formative Evaluation, in der die Forschenden mit den Beteiligten zusammen lernen und Veränderungen anstoßen. Weiterhin werden der grobe Projektverlauf sowie die am Projekt beteiligten Regionen und Einrichtungen vorgestellt.

Das zweite Kapitel resümiert Forschungsfragen, beschreibt die Methode der „Grounded Theory“ sowie das Design des ersten Untersuchungsschwerpunktes.

Das dritte Kapitel stellt die Ergebnisse der ersten Untersuchungsfrage gegliedert nach Projektphasen und Maßnahmen vor und leitet daraus Verbesserungsmöglichkeiten für die Projektkonzeption ab:

Die Motivation zur Teilnahme hatte sowohl exogene (Haushaltskürzungen, wahrgenommenes Machtgefälle) als auch endogene Gründen (persönliche Weiterbildung, Anerkennung, höhere Effizienz,…). Bei der Befragung zum Zielfindungsprozess fiel der unterschiedliche Wissenstand der Teilnehmer auf, der zukünftig durch eine entsprechende Fortbildung adressiert werden soll.

Als Schwachstelle erwiesen sich diejenigen einrichtungsübergreifenden Qualitätszirkel, die ein schlechtes Gruppenklima und Mühe hatten sich auf ein gemeinsames Anliegen festzulegen, sich aber gegen eine externe Moderation entschieden hatten. Die Empfehlung lautet deshalb, Qualitätszirkel grundsätzlich durch Moderation und fachliche Beratung zu unterstützen. Dies würde sich auch förderlich auf die Effizienz und die Zielgerichtetheit der Vernetzung und Kooperation der Einrichtungen auswirken. Die Workshops zum Qualitätsmanagement wurden als notwendig, aber theoretisch und anspruchsvoll bewertet. Hier wird empfohlen, die Gruppen nach Kenntnisstand zusammen zu stellen sowie die praktische Anwendung des erworbenen Wissens fachlich zu begleiten. Die einwöchigen Seminare zur interkulturellen Schulung der Fachkräfte lieferten sehr positive Rückmeldungen und Ergebnisse. Auch die Befragung zu den Maßnahmen der interkulturellen Öffnung und die aus dem Qualitätsmanagement resultierenden strukturellen Veränderungen in den Einrichtungen (z.B. Konzepte, Standards, Arbeitsstrukturen) entsprachen der Zielvorstellung des Projektes. Hingegen wurde der Transfer der Projektinhalte und Qualitätszirkelergebnisse als schwierig empfunden und ist künftig konzeptionell mehr zu berücksichtigen. Während die Unterstützungsbereitschaft der Einrichtungen als förderlich empfunden wurde, fühlten sich über die Hälfte der Befragten durch die Kürzungen im Sozialbereich belastet. Defiziten in der Steuerung des öffentlichen Trägers konnte durch stärkere Einbeziehung der zuständigen Fachkräfte begegnet werden.

Das vierte Kapitel stellt die Evaluation der Teilnehmerschulung zur NutzerInnenbefragung bezüglich der Servicequalität des Projekts nach der SERVQUAL-Methode in moderierten Fokusgruppen vor. Die SERVQUAL-Methode zur Ermittlung von Lücken zwischen Erwartung und Erfahrung sowie „Momenten der Wahrheit“ wird kurz erläutert. Die Schulungsteilnehmer entwickelten auf dieser theoretischen Grundlage einen Fragenkatalog zur Servicequalität des Projektes, den sie anschießend in einem Qualitätszirkel testeten. Nach Auswertung der Ergebnisse und Rückmeldungen von Befragten und ModeratorInnen konnten so neben Verbesserungsvorschlägen zur allgemeinen Projektqualität auch die Schulungen evaluiert werden. Beide wurden grundsätzlich positiv bewertet.

Im fünften Kapitel beschreibt Handschuck die Evaluierung der Erwartungen von Entscheidungs- und Interessensträgern aus Kommunalpolitik, Verwaltung und von freien Trägern mittels der Gruppendiskussion als externer Stakeholder-Konferenz von 15 Personen, die transkribiert und diskursanalytisch ausgewertet wurde. Gefragt wurde nach den Vorstellungen über interkulturell orientierte und geöffnete Einrichtungen, den Erwartungen an die Projektergebnisse, das methodische Vorgehen sowie den Zeit- und Kostenrahmen. Die Diskussion verlief konstruktiv, höflich und respektvoll trotz teilweise kontroverser Diskussion. Die Stakeholder befürworteten die Zielsetzung und Fortführung des Projektes und reflektierten ihre Rolle und ihre Möglichkeiten, das Projekt zu unterstützen. Methodisch wurde die Arbeit in Qualitätszirkeln teilweise skeptisch betrachtet, da parallele Vernetzungen befürchtet wurden. Hier gelang es den Teilnehmern, einen Kompromiss auszuhandeln, der die Qualitätszirkel als Arbeitsinstrument grundsätzlich bestätigt und sie in bereits bestehende Vernetzungen integriert.

Das Abschlussresümee im sechsten Kapitel fasst die wichtigsten Ergebnisse der Evaluationsstudie sowie Empfehlungen für konzeptionelle Verbesserungen zusammen. Die Autorin unterstreicht die zentralen Projektannahmen, dass strukturelle Veränderungen, wie interkulturelle Öffnung, nur mit Unterstützung der Kommunalpolitik und Träger der Einrichtungen sowie der aktiven Beteiligung der Fachkräfte gelingen können.

Das Projekt wird als insgesamt erfolgreich beurteilt, wobei 10% der Einrichtungen ihre Arbeitsziele nicht erreichten. Das Konzept ist mit einigen Verbesserungsvorschlägen auf andere Einrichtungen übertragbar. So wird der Fort- und Weiterbildung sowie der Nutzerbefragung ein höherer Stellenwert zugeschrieben, und ein Workshopangebot zum Transfer der Ergebnisse in die Organisation angeboten. Die Gruppendiskussion erzielte nicht nur einen Evaluations- sondern auch einen direkten Projektnutzen, so dass sich empfiehlt, diese auch als Lernfeld und zum regelmäßigen Austausch der Stakeholder zu nutzen.

Die Evaluation der Qualitätszirkel hat gezeigt, dass eine Moderation, die Zusammensetzung der Gruppe und genügend Zeit wesentliche Erfolgsfaktoren sind. Die Qualität des Ergebnisses hing zwar nicht von der Qualität des Prozesses ab, möglicherweise aber die Nachhaltigkeit der Arbeitsergebnisse. Bezüglich der Wirksamkeit und Nachhaltigkeit der unterschiedlichen Methoden ergab sich weiterer Evaluationsbedarf. Auch die Frage, warum sich sozialpädagogische Fachkräfte überraschend schwer taten, Ziele für ihr berufliches Handeln zu formulieren und wie diese Lücke in der Ausbildung besser berücksichtigt werden könne, bedarf weiterer Forschung.

Auf die Literaturliste folgt ein 70-seitiger Anhang mit Beispielen aus der Dokumentation eines Worshopangebots, der Analysearbeit zweier Interviews und der Gruppendiskussion sowie eine Auflistung der Ziele, Maßnahmen und strukturellen Veränderungen der untersuchten Einrichtungen und der angebotenen Ressourcen.

Diskussion

Als zweiter Band einer Dissertation ist dieses Buch in erster Linie ein wissenschaftliches Werk, das methodisch und inhaltlich die Evaluation eines Projektkonzeptes beschreibt. Wie im Rückseitentext angedeutet kann das Buch aufgrund der ausführlichen Darstellung von Methoden und Beispielen einzelner Untersuchungsschritte eine Praxishilfe, Anregung und Beispiele für Studierende bei der Planung eigener Forschungsvorhaben liefern. Daneben beschreibt Handschuck erste Erfahrungen mit Methoden und Maßnahmen der interkulturellen Öffnung, die für Projektverantwortliche interessant sein können, die bereit sind, sich die für sie relevanten Schlussfolgerungen aus diesem längeren wissenschaftlichen Text herauszuziehen. Die aufgrund der Evaluation verbesserten Methoden und Aktivitäten mit Ablaufanweisungen werden im neuen Buch von Sabine Handschuck und Hubertus Schröer2 (siehe Rezension) genauer dargestellt.

Es ist etwas schwierig, den zweiten Band ohne den ersten zu lesen, da sich die wesentlichen theoretischen Überlegungen und Bausteine des Konzepts nur indirekt aus der Beschreibung des Ablaufs und der Ergebnisse der Evaluation erschließen lassen. Eine kurze Zusammenfassung zu Beginn wäre hilfreich gewesen.

Während die Ergebnisse der Evaluation am Schluss reflektiert werden und Verbesserungsmöglichkeiten daraus abgeleitet werden, kommt die kritische Reflexion der Evaluationsmethoden selbst meines Erachtens zu kurz. So wird beispielsweise die Probleme des sozialen Gruppendrucks und der „sozialen Erwünschtheit“ von Antworten und Äußerungen in den Befragungen und vor allem in der Gruppendiskussion, die „betont höflich“ (S. 171), mit “hoher Kooperationsbereitschaft“ (S. 195) ablief, wenig kritisch diskutiert, ebenso wie die Erkenntnis, dass einige Teilnehmer der Diskussion nur „einen geringen Kenntnisstand“ über das Projekt hatten (S. 181) oder dass Projektleiter/Wissenschaftler anwesend waren. So hätte beispielsweise hinterfragt werden können, ob die Zustimmung der Stakeholder zum Projekt tatsächlich so groß ist, und das Projektziel tatsächlich als sinnvolle zusätzliche Anstrengung gesehen wird (S.197).

Fazit

Das Buch stellt die Evaluationsstudie ausführlich mit Beispielen verschiedener qualitativer Untersuchungsmethoden dar und kann für Studierende als Modell hilfreich sein. Für theoretisch aufgeschlossene Anwender aus der Praxis bietet es eine kritische Bewertung eines Projektkonzeptes zur interkulturellen Öffnung von sozialen Einrichtungen. Es ist jedoch ein wissenschaftliches Werk und nicht primär an den Anwender gerichtet. Die für die Praxis empfohlenen Aktivitäten zur Umsetzung hat die Autorin in einem neuen Band2 zusammengestellt.

1 Sabine Handschuck: Interkulturelle Qualitätsentwicklung im Sozialraum. Bd. 1: Konzeption eines Modellprojektes zur interkulturellen Orientierung und Öffnung von sozialen Einrichtungen. ZIEL Verlag (Augsburg) 2008.

2 Sabine Handschuck, Hubertus Schröer: Interkulturelle Orientierung und Öffnung. Theoretische Grundlagen und 50 Aktivitäten zur Umsetzung. ZIEL Verlag (Augsburg) 2012.


Rezensentin
Dipl.-Kfm. Tatjana van de Kamp
MA (Arbeits- und Organisationspsychologie)
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Zitiervorschlag
Tatjana van de Kamp. Rezension vom 10.09.2012 zu: Sabine Handschuck: Interkulturelle Qualitätsentwicklung im Sozialraum. Bd. 2. Konzeptevaluation eines Modellprojektes zur interkulturellen Orientierung und Öffnung von sozialen Einrichtungen. ZIEL Verlag (Augsburg) 2008. ISBN 978-3-940562-22-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13833.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


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