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Magda von Garrel: Instandsetzungspädagogik

Cover Magda von Garrel: Instandsetzungspädagogik. Integrationsansätze für lernentwöhnte Kinder. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2012. 143 Seiten. ISBN 978-3-525-70144-7. 19,99 EUR.
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Wider die Entseelung des Lernens und der Erziehung

Nicht erst seit den Ergebnissen der nationalen und internationalen Schul- und Lernvergleichsuntersuchungen kommt Bewegung in die scheinbar unantastbare und kaum hinterfragbare Bildungslandschaft in unserem Land. Das Prinzip (Aus-)Sortieren statt Integrieren, wie es sich im gegliederten Schulsystem in der Bundesrepublik darstellt, gerät ins Visier derjenigen, die davon überzeugt sind, dass es Alternativen zum (zementierten) Schulsystem und zu den (eingemauerten) Bildungs- und Lernvorstellungen gibt. Die Ansprüche und Vorschläge für eine humane Schulgestaltung (Wilfried Baur, Ansprüche an eine humane Schulgestaltung. Dialogische Maßstäbe schülerzentrierten offenen Arbeitens, Paulo Freire Verlag, Oldenburg 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13481.php) laufen parallel zu den Bestandsaufnahmen und Anklagen über die Defizite und Fehlentwicklungen im Bildungssystem (Stefan Wellgraf, Hauptschüler. Zur gesellschaftlichen Produktion von Verachtung, transcript Verlag, Bielefeld 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13484.php). Es sind insbesondere in zunehmendem Maße die Verlierer in der kapitalisierten und neoliberal fixierten Gesellschaft, denen eine neue Aufmerksamkeit zukommt (Jörg Dräger: Dichter, Denker, Schulversager. Gute Schulen sind machbar – Wege aus der Bildungskrise, Deutsche Verlagsanstalt, München 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12102.php). Es sind die Folge-Analysen für soziale Gerechtigkeit, die darauf aufmerksam machen, dass in der Familie und Schule produzierten Chancenungerechtigkeiten zu gesamtgesellschaftlichen Defiziten führen (Rolf-Dieter Hepp, Hrsg., Prekarisierung und Flexibilisierung = Precarity and flexibilisation, Verlag Westfälisches Dampfboot, Münster 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13527.php). Es ist die Erkenntnis, dass ein humanes Zusammenleben der Menschen nur möglich ist, wenn deren Vielfalten anerkannt werden (Utta Isop / Viktorija Ratkovi?, Differenzen leben. Kulturwissenschaftliche und geschlechterkritische Perspektiven auf Inklusion und Exklusion, transcript Verlag, Bielefeld 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11666.php). Der notwendige Blick und sogar der Sprung über den (kulturellen) Gartenzaun stellen die Herausforderung an Bildung, Erziehung und Schule dar (Marianne Krüger-Potratz, Hrsg., Bei Vielfalt Chancengleichheit. Interkulturelle Pädagogik und durchgängige Sprachbildung, Waxmann Verlag, Münster/New York/Berlin/München 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10508.php).

Vom Quantensprung im pädagogischen und erziehungswissenschaftlichen Diskurs wird gesprochen seit dem Inkrafttreten der UN-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung und der sich daraus ergebenden Notwendigkeit, eine Schule zu schaffen, in der nicht die Selektion, sondern die Integration der Schülerinnen und Schüler im Zentrum steht und “in er es im Kern um eine Konzeption geht, die niemanden ausschließt, ja, einen Ausschluss gar nicht in Betracht ziehen kann, da sie sich an der Maxime orientiert, eine Schule zu gestalten, die inklusiv ist und nicht nach Möglichkeiten sucht, Kinder und Jugendliche in diese Schule zu inkludieren“ (vgl., dazu: Joachim Schwohl, Tanja Sturm, Hrsg., Inklusion als Herausforderung schulischer Entwicklung. Widersprüche und Perspektiven eines erziehungswissenschaftlichen Diskurses, Bielefeld 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10651.php). Die Anforderungen, die sich darauf für die deutsche Pädagogik ergeben, erfordern in der Tat für die theoretische und praktische Pädagogik in Deutschland einen Perspektivenwechsel (Peter Lienhard-Tuggener, Rezeptbuch Schulische Integration. Auf dem Weg zu einer inklusiven Schule, Haupt Verlag, Bern Stuttgart Wien 201, www.socialnet.de/rezensionen/11130.php).

Entstehungshintergrund und Autorin

Gegen die strukturelle Verantwortungslosigkeit im Bildungswesen wird vielfältig gewettert, etwa wenn der Frankfurter Sozialwissenschaftler Thomas von Freyberg Konfliktgeschichten nicht beschulbarer Jugendlicher analysiert (Thomas von Freyberg / Angelika Wolff, Hrsg., Störer und Gestörte, Bd. 1 und 2, Verlag Brandes & Apsel, Frankfurt/M., 2005 und 2006, www.socialnet.de/rezensionen/3921.php) und die Kärrnerarbeit als „Tantalos und Sisyphos in der Schule“ bezeichnet (Thomas von Freyberg, Tantalos und Sisyphos in der Schule. Zur strukturellen Verantwortung der Pädagogik, Verlag Brandes & Apsel, Frankfurt/M., 2009); oder die Berliner Lehrerin und Diplom-Politologin Magda von Garrel anlässlich des Bildungsgipfels, zu dem die Bundesregierung am 22. 10. 2008 die Ministerpräsidenten der Länder nach Dresden eingeladen hat, mit einer Denkschrift auf „praxisrelevante Fehler deutscher Bildungsförderung“ aufmerksam macht.

Magda von Garrel meldet sich mit dem Buch „Instandsetzungspädagogik“ erneut zu Wort. Die Begriffswahl intendiert zum einen, dass eine Reparatur der traditionellen und überkommenen Bildungs- und Erziehungsvorstellungen notwendig, zum anderen aber auch, entgegen von „Wegwerf“- und „Austausch“- Mentalitäten, eine Reparatur sinnvoll, effektiv und lohnenswert ist. Dabei richtet sich ihr Anliegen auf „lernentwöhnte“ Kinder, was wiederum bedeutet, dass Lernprobleme und -defizite weder angeboren oder in die Wiege gelegt werden, sondern als gesellschaftliche Prozesse entstehen. Um das Übel an der Wurzel zu fassen und nicht durch kosmetische Gebaren zu verdecken bedarf es eines Lern- und Unterrichtsverständnisses, das sich in der „Emotionalisierung der Lernprozesse, der Intensivierung schulischer Beziehungen, der Erhöhung der Erfolgserlebnisrate, der Einbeziehung der persönlichen Merkmale und Fähigkeiten der Schüler/innen und der Orientierung an der(en) realen Lebenswelt“

Aufbau und Inhalt

Neben der Skizzierung der Ausgangspositionen der pädagogischen Reflexionen und der Zusammenfassung und des Ausblicks zur Problemlage gliedert die Autorin ihre Arbeit in die Kapitel „Instandsetzungspädagogik“ und „Projektbereiche“ und versieht sie im Anhang mit der Darstellung von „Pantomimische(n) Übungen“.

Der neu formulierte Begriff „Instandsetzungspädagogik“ basiert auf dem soziologischen und gesellschaftlichen Verständnis, dass „Integration als Ganzheit des Lebens- und Erziehungszusammenhanges aufgefasst“ wird. Es ist die Idealvorstellung von einer „guten Schule“, die eine Zusammenführung der in der deutschen Schul- und Bildungsauffassung der Mehrgliedrigkeit üblichen Trennung von Erziehung und Unterricht notwendig macht und mit der diskriminierenden Aufteilung von Lernen als Vermittlung und Fördern als Defizitausgleich den Anspruch aller Schülerinnen und Schüler auf Bildung verhindert. Das Anliegen der Autorin, insbesondere eine adäquate, individual- und gesellschaftsrelevante Bildung und Erziehung von lernschwachen und/oder verhaltensgestörten IntegrationsschülerInnen zu ermöglichen, orientiert sich (auch) an den Herausforderungen, die sich durch die UN-Behindertenrechtskonvention ergeben und von der deutschen Bildungspolitik und -verwaltung bisher unzulänglich und allzu einseitig auf „Machbarkeits“-Prinzipien hin ausgerichtet sind.

Den Anspruch, hier einen grundsätzlichen Perspektivenwechsel in der Theorie und Praxis pädagogischen Denkens und Handelns zu vollziehen, skizziert die Autorin mit einem Säulenmodell, indem die pädagogischen Grundlagen der Instandsetzung und Instandhaltung des Lernens und Entwickelns des Menschen eingebunden sind in die Bereiche „Beziehungs-, Gemeinschafts-, Lernzugangs- und Beratungspädagogik“ (vgl. dazu auch:

Tobias Künkler, Lernen in Beziehung. Zum Verhältnis von Subjektivität und Relationalität in Lernprozessen, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12017.php; Byung-Chul Han, Transparenzgesellschaft, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12799.php; Elka Tschernokoshewa / Ines Keller, Hrsg., Dialogische Begegnungen. Minderheiten – Mehrheiten aus hybridologischer Sicht, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11502.php Richard Sennett, Respekt im Zeitalter der Ungleichheit, 2004, www.socialnet.de/rezensionen/1692.php; Thomas Fuchs, Bildung und Biographie. Eine Reformulierung der bildungstheoretisch orientierten Biographieforschung, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11821.php; Jörn Rüsen, Hrsg., Perspektiven der Humanität. Menschsein im Diskurs der Disziplinen, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10385.php; Jeremy Rifkin, Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9048.php; Herfried Münkler, Hrsg., Handeln unter Risiko. Gestaltungsansätze zwischen Wagnis und Vorsorge, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10384.php; Wilfried Baur, Ansprüche an eine humane Schulgestaltung. Dialogische Maßstäbe schülerzentrierten offenen Arbeitens, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13481.php; Annemarie Groeben, Wir wollen Schule machen. Eine pädagogische Streitschrift, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9413.php).

Tragende und zielbestimmende Grundlagen bilden dabei die Auffassungen vom ganzheitlichen Lernen als persönlichkeits- und gesellschaftsverändernde Prozesse. Die Autorin öffnet dabei die Praxis- und Erfahrungs-(schatz-)kiste, indem sie zahlreiche Projektbeispiele vorstellt, Aspekte des Verhaltenstrainings formuliert und damit deutlich macht, dass eine „Pädagogik vom Kinde aus“ (Maria Montessori) möglich ist, wenn die Gesellschaft das will; eine veränderte, „allen Kindern offenstehende, weitgehend repressionsfreie, inhaltlich umstrukturierte, großzügig ausgestattete und privatwirtschaftlich unabhängige Schule mit vielen Lehrern sowie einer Atmosphäre, in der sich die Schüler so entfalten können, dass sie in die Lage versetzt werden, einen anerkannten und zufriedenstellenden Platz im Leben zu finden“.

Mit einem von a) bis v) aufgelisteten Thesenpapier, das geeignet ist, eine neue, lebensweltliche Bestandsaufnahme und damit einen Perspektivenwechsel im Bildungs- und Erziehungssystem vorzunehmen (vgl. dazu auch: Matthias Horx, Das Buch des Wandels. Wie Menschen Zukunft gestalten, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/9735.php), beschließt die Autorin ihre notwendige Einmischung in die verqueren gesellschafts- und Bildungsstrukturen; sie sollten Bestandteil der pädagogischen Theorie und Praxis sein! Die im Anschluss an den Text ausgewiesenen pantomimischen, individuellen und kollektiven Übungen für Schülerinnen und Schüler sind geeignet, sie direkt in die Unterrichts- und Erziehungsarbeit in der Schule einzubringen und anzuwenden.

Fazit

Magda von Garrel packt mit ihrem Buch „Instandsetzungspädagogik“ ein heißes Eisen in der traditionellen bundesdeutschen Bildungs- und Erziehungslandschaft an. Ob sie damit Aufmerksamkeit findet und den notwendigen Diskussions- und Veränderungsprozess in Gang setzen kann, hängt von der Bereitschaft ab, dass Du und Ich, dass Lehrerinnen und Lehrer, dass die Institutionen der Lehreraus- und -fortbildung, dass die Schul- und Bildungspolitik und nicht zuletzt die Eltern und SchülerInnen selbst die Herausforderungen zum Umdenken und -handeln annehmen.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 18.09.2012 zu: Magda von Garrel: Instandsetzungspädagogik. Integrationsansätze für lernentwöhnte Kinder. Vandenhoeck & Ruprecht (Göttingen) 2012. ISBN 978-3-525-70144-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13837.php, Datum des Zugriffs 24.09.2017.


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