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Alex Aßmann: Erziehung als Zumutung und Emanzipationsvorhaben

Cover Alex Aßmann: Erziehung als Zumutung und Emanzipationsvorhaben. Eine kleine Einführung in die Pädagogik. Verlag Hans Jacobs (Lage) 2008. 166 Seiten. ISBN 978-3-89918-174-6. 19,90 EUR.
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Was soll Pädagogik erwirken?

In der Frage steckt sowohl eine tautologische, eher selbstverständliche und von daher kaum eindeutig beantwortbare Herausforderung, als auch mit der Vorsilbe „er…“ (und nicht „be…) eine Aufforderung, die „paideia“ als Erziehung und Bildung im Sinne der abendländischen, aristotelischen Betrachtung an drei Fragestellungen zu messen: Soll man für die paideia feste Anordnungen treffen? Soll man die Sorge um die paideia zu einer gemeinsamen Angelegenheit machen und sie dem Staat übertragen oder sie dem einzelnen Bürgern überlassen? Welche Art soll paideia sein? (R. Geiger, in: Ottfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, S. 420). Der philosophische, gesellschaftliche und nicht zuletzt der ideologische Diskurs über die Bedeutung von Pädagogik, Erziehung und Bildung wird historisch und aktuell von vielfältigen Aspekten, menschenbildlichen Auffassungen und Interessen bestimmt und kontrovers geführt. Lexikalische Antworten, monografische Darstellungen, systematische Forschungsergebnisse, erkenntnistheoretische Versuche und Erziehungslehren füllen Bibliotheken. Wozu also soll es gut sein, eine „kleine Einführung in die Pädagogik“ vorzulegen? Diese Frage ist berechtigt, wie auch der Einwand, dass zu „Pädagogik“ eigentlich alles gesagt sei. Trotzdem: Wenn die Erziehungswissenschaft selten eindeutige Antworten und Konzepte parat hat, sondern chargiert zwischen den Polen Anpassung und/oder Widerstand, ist es lohnenswert, sich immer wieder neu Gedanken über Sinn und Aufgabe von Bildung und Erziehung zu machen.

Entstehungshintergrund und Autor

Es sind die gesellschaftlichen und emanzipatorischen Entwicklungen, die Fragen nach Sinn und Zweck von Pädagogik notwendig machen und herausfordern, die „Differenzen und Gemeinsamkeiten, die sie gegenüber Erziehung, Sozialisation, Bildung, Kultur und Erziehungswissenschaft definieren“, herauszufinden. Wenn im Mittelpunkt des Diskurses das in der Pädagogik unbestimmte, niemals auf eine Position festzulegende, unumstößliche Verhältnis der Erziehungswissenschaft zur Theorie und Praxis von Erziehung steht, wird zum Problem, Daseinsbestimmung und Aufgabe von Pädagogik festzulegen. Ein Ausweg aus diesem Dilemma könnte sein, die Frage „Wozu Pädagogik?“ zu beantworten mit der Feststellung: Pädagogik ist eine Intergenerationsaufgabe! Und damit ist Pädagogik „Erziehung, Sozialisation, Kommunikation, Erziehungswissenschaft, pädagogische Professionalität“. Also alles? Weil derartige Positionsbestimmungen allzu leicht in die Gefahr geraten, aus dem „Alles“ ein „Nichts“ zu machen und damit den Unverbindlichkeiten oder den Ideologien den Weg zu bereiten, ist er ohne Zweifel sinnvoll und nützlich, vor allem in der pädagogischen Aus- und Fortbildung von PädagogInnen und ErzieherInnen, die Spannungsfelder von Erziehung zwischen Zumutung und Emanzipation auszuloten.

Der Sozialpädagoge von der Evangelischen Fachhochschule in Ludwigshafen, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Pädagogischen Institut der Johannes Gutenberg Universität in Mainz und Mitarbeiter des Stadtjugendamtes Mannheim, Alex Aßmann, legt mit dem Buch Überlegungen vor, die er in erziehungswissenschaftlichen Seminaren zur Lehrer- und Sozialpädagogen-Ausbildung thematisiert hat. In seiner „Einführung in die Pädagogik“ steht nicht die (sicherlich notwendige) historische Entwicklung von Bildung und Erziehung im Vordergrund, sondern die Erziehungswirklichkeit(en), wie sie sich in der immer interdependenter und entgrenzender entwickelnden (Einen?) Welt darstellen. Dass dabei die Frage, „wie wir wurden, was wir sind“ (Bernt Engelmann) nicht außen vor bleiben kann, bedarf keiner besonderen Erwähnung.

Aufbau und Inhalt

Der Autor gliedert das Buch in neun Kapitel.

Im Prolog setzt er sich mit „Pädagogik und Gegenwartsbezug“ auseinander, indem er die latente, originäre Konfliktstruktur von Pädagogik diskutiert. Im zweiten Teil stellt er etymologische und semantische Betrachtungen zum Begriff „Erziehung“ an. Dabei verweist er auf eine Reihe von Bedeutungsverschiebungen, wie sie sich historisch und gesellschaftlich ergeben haben; etwa mit der ursprünglichen, pädagogischen Bedeutung von „Zucht“ und den Entwicklungen zum „Menschenbild“.

Die Paradigmen „Anpassung und Widerstand“, oder „Führen oder Wachsen lassen“ (Theodor Litt) stellen sich als Scheinargumente heraus, wird der Erziehungsbegriff anthropologisch analysiert: „Weshalb ‚Erziehung‘ und ‚Anpassung‘ sich wechselseitig ausschließen“.

Im vierten Teil argumentiert der Autor mit den unterschiedlichen Begriffen und Vorstellungen von „Kind“ und „Erwachsensein“ und definiert die „Intergenerationsaufgabe als Emanzipationsvorhaben“. Er zeigt auf, dass Unterschiedlichkeiten und Unterscheidbarkeiten im Bildungs- und Erziehungsprozess nicht (allein) anthropologisch betrachtet werden können, sondern sich als „Generationendifferenz“ darstellen. Pädagogische Theorie (hat) ihren Ausgangspunkt in der Praxis, also im realen Vorgang der Erziehung, der gattungsgeschichtlich zugleich als der real sich vollziehende Prozess der Emanzipation des Individuums und der Gesellschaft anzusehen ist“.

„Der Umgang mit der Abweichung“ ist ein uralter, immer wieder aktuelles Erziehungsthema. Im fünften Kapitel werden anhand von zwei Fallbeispielen Erwartungshaltungen, Forderungen, Traditionen und Erfahrungen in Erziehungsprozessen diskutiert. Es sind Sozialisations-, Dominanz-, Hierarchie- und nicht zuletzt Emanzipationsaspekte, die Erziehung ge- oder misslingen lassen.

„Mündigkeit tritt ins Zentrum einer Denkform und bildet ihren Gegenstand“ – mit dem Verweis auf die „paideia“, der aristotelischen Bedeutung von Bildung und Erziehung, wie auch auf die Rezeption des Begriffs „Pädagogik“ im historischen und aktuellen Diskurs wird im sechsten Kapitel das Bildungs- und Erziehungsziel „Mündigkeit“ thematisiert und damit die Herausforderung zum intergenerationalen Denken und Handeln begründet.

In erziehungswissenschaftlichen Reflexionen wird immer wieder das Verhältnis von Pädagogik und Erziehungswissenschaft sowohl kohärent als auch kontrovers diskutiert und damit die unterschiedlichen wie verbindenden Elemente von Erziehung und Sozialisation thematisiert. Sind Educador und Educandus im Beziehungsgeflecht der Erziehung Gegensatzpaare und gewissermaßen naturwüchsige, hierarchische Verhältnisse, oder ist die Annahme gerechtfertigt, dass nur eine Gleichheit und Ebenbürdigkeit von Erzieher und Zögling Erziehung ermöglicht? Im siebten Kapitel wird diese spannende Frage ausgebreitet.

Die alltägliche Aufforderung der Mutter an das Kind – „Räume bitte dein Zimmer auf“ – drückt im Erziehungsprozess sowohl eine (kontrafaktische?) Höflichkeitsform, als auch einen (unbedingten und für das Kind nicht frei entscheidbaren?) Befehl aus. Die Durchsetzung der Erwartungshaltung des Erziehers gegenüber dem Educandus lässt sich also entweder als Macht- und Herrschaftsakt, oder als professionelles Handeln verwirklichen. Diesem Tanz auf dem Drahtseil widmet der Autor das achte Kapitel.

Fazit

„Das Ende der Kindheit“ (Neil Postman) – „Die Kapitulation der Autorität“ ( Heinz Bude, Bildungspanik. Was nsere Gesellschaft spaltet, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12103.php) – „Grenzüberschreitungen im Erziehungsprozess“ (Peter Dudek, "Liebevolle Züchtigung". Ein Missbrauch der Autorität im Namen der Reformpädagogik, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12807.php) – „Institutionelle Kritik“ (Karl-Josef Pazzini, Hrsg., Lehren bildet? Vom Rätsel unserer Lehranstalten, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/10560.php), oder die positiven Zugänge, wie sie als „Überwindung des Althergebrachten“ (Hermann Mückler / Gerald Faschingeder, Hrsg., Tradition und Traditionalismus. Zur Instrumentalisierung eines Identitätskonzepts, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12770.php), als „Wiedergewinnung des Vertrauensvollen“ (Martin Hartmann, Die Praxis des Vertrauens, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12878.php), als „Bewusstseinswandel“ (Antonio Damasio, Selbst ist der Mensch. Körper, Geist und die Entstehung des menschlichen Bewusstseins, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13124.php), als „Neubegründung einer humanen Ethik“ (Julian Nida-Rümelin, Philosophie einer humanen Bildung, 2013, www.socialnet.de/rezensionen/14556.php), gar als „Ausrufung des Zeitalters des Glücks“ propagiert werden ( Joachim Münch / Irit Wyrobnik, Pädagogik des Glücks. Wann, wo und wie wir das Glück lernen, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11625.php) – immer geht es darum, entstandene, bewährte wie ideologische Erziehungsideale entweder auf die heutige Erziehungswirklichkeit zu übertragen, oder gesellschaftliche und Bildungswirklichkeit zum Maßstab für ein zeitgemäßes, humanes Erziehungskonzepts zu nehmen. Die dabei unabdingbar notwendigen Veränderungsprozesse stellen sich als Zumutung in der Bedeutung von emanzipatorischer Haltung und Erwartung dar.

Die vom Autor auf dieser Grundlage herausgearbeiteten Herausforderungen erzieherischen Denkens und Handelns basieren auf der Überzeugung, dass „Erziehungswirklichkeit“ keinesfalls ein Laissez-faire bedeuten kann, sondern als ein intergenerationaler Emanzipationsprozess verstanden werden muss. Die „kleine Einführung in die Pädagogik“ von Alex Aßmann liefert für die erziehungs- und sozialwissenschaftliche Ausbildung und Seminararbeit Innovations- und Diskussionsmaterial.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 04.06.2013 zu: Alex Aßmann: Erziehung als Zumutung und Emanzipationsvorhaben. Eine kleine Einführung in die Pädagogik. Verlag Hans Jacobs (Lage) 2008. ISBN 978-3-89918-174-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13846.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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