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Sabine Seichter: Erziehung und Ernährung

Cover Sabine Seichter: Erziehung und Ernährung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. 286 Seiten. ISBN 978-3-7799-2807-2. 34,95 EUR.
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Thema

In den philosophischen Abhandlungen „logistorici“ des römischen Universalgelehrten Markus Terentius Varro (116-27) findet sich der aus pädagogischer Perspektive berühmt gewordene und von Seichter zitierte Satz „educit … obstetrix, educat nutrix, instituit paedagogus, docet magister“: Die Hebamme zieht heraus, die Amme zieht auf, der Knabenführer führt ein, der Lehrer lehrt. Damit werden vier kindbezogene und mehr oder minder beruflich erbrachte Tätigkeiten benannt, von denen Geburtshilfe und Ernährung in weiblicher, (Jungen-) Erziehung und Unterricht in männlicher Hand liegen und der Unterricht außer Haus erfolgt. Heute wird auch die Geburtshilfe meist außer Haus geleistet, längst auch schon von Männern, und liegen Ernährung und Erziehung vornehmlich in der Hand der Eltern.

Thema des Buches ist die Ernährung als eine dieser vier grundlegenden Tätigkeiten und ihr Zusammenhang mit der Erziehung (und dem Unterricht). Die Autorin will damit einen „elementaren Beitrag zur Allgemeinen Pädagogik (und nicht … den Grundlegungsversuch einer ‚Alimentarpädagogik‘)“ vorlegen und „ernährungswissenschaftliche und ernährungsgeschichtliche Aspekte ebenso … wie die Frage nach Essstörungen und mögliche Therapierungen“, die „Geschichte der Nahrungsmittelproduktion und -versorgung“ (24) und das Kochen aussparen.

Damit nimmt sich Sabine Seichter eines Themas an, das, wie Micha Brumlik zu Recht im Vorwort schreibt, „im Zuge der Verwissenschaftlichung der Pädagogik auf das Niveau von Ratgeberliteratur herabgesunken, d.h. systematisch vernachlässigt worden ist“ (5).

Autor

Dr. Sabine Seichter vertritt z.Zt. als Privatdozentin einen Lehrstuhl am Institut für Allgemeine Erziehungswissenschaft der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt. Sie hat an der Universität Würzburg studiert und ist 2007 mit der Dissertation „Pädagogische Liebe. Erfindung, Blütezeit, Verschwinden eines pädagogischen Deutungsmusters“ durch Winfried Böhm promoviert worden. Zusammen mit ihrem Doktorvater u.a. hat sie ein Fachbuch (Die Person als Maß von Politik und Pädagogik. 2006), ein Lehrbuch (Projekt Erziehung. Ein Lehr- und Lernbuch. 2008) und ein Handbuch der Pädagogik (Hauptwerke der Pädagogik. 2009) verfasst bzw. herausgegeben. Ihre Habilitation erfolgte 2011 an der Universität Frankfurt.

Entstehungshintergrund

Das vorliegende Buch ist die Veröffentlichung der Habilitationsschrift Seichters. Gutachter waren Micha Brumlik, Frank-Olaf Radtke (beide Universität Frankfurt) und Christoph Wulf (Freie Universität Berlin).

Aufbau

Das Buch besteht aus vier Kapiteln. Die ersten drei, die jeweils durch einen Exkurs beschlossen werden, sind dem Thema in problemgeschichtlicher, das letzte ist ihm in systematischer Weise gewidmet.

Inhalt

Kap. 1: Erziehung als Ernährung – eine Annäherung. Dass Erziehung durchaus als Ernährung verstanden werden kann, belegt Seichter in dreierlei Weise. Sie weist erstens auf, dass und wie Erziehung in der alltäglichen wie der wissenschaftlichen Rede immer wieder metaphorisch als Ernährung verstanden wird. Erziehung ist demnach ein der Ernährung vergleichbarer Vorgang. Zweitens verfolgt die Autorin Wörter für Erziehung in verschiedenen alten und gegenwärtigen Sprachen in ihre etymologischen Anfänge zurück und entdeckt, dass Erziehung sprachlich auf Ernährung zurückzuführen ist. Dass diese Rückführung auch in sachlicher Hinsicht gelingen kann, belegt sie an den Auffassungen verschiedenster Klassiker der Pädagogik längs durch die Zeiten und quer durch die Kulturen. Das Kapitel gipfelt in einem Exkurs „Über die Rolle der Mutter in der Antike“.

Kap. 2: Erziehung und Ernährung – im Prozess der Zivilisation. Das zweite Kapitel ist mehr der Erziehung als der Ernährung gewidmet. Seichter begründet hier, warum die Erziehung und erst recht die Erziehungswissenschaft ein Kinder der Aufklärung ist. „Die Erfindung des Pädagogischen“ (Alfred Schäfer) hat demnach im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert stattgefunden und verdankt sich dem „Prozess der Zivilisation“, den der Soziologe Norbert Elias identifiziert und beschrieben hat und der in und mit der Aufklärung den modernen Menschen hervorbringt bzw. die „Machbarkeit“ und „Kontrollierbarkeit“ des Menschen entdeckt. Diesem Prozess war und ist auch die Ernährung unterworfen, was sich nicht zuletzt an der Zivilisierung der Ess- und Tischsitten zeigt. Es schließt sich ein Exkurs „‚Gattin, Hausfrau und Mutter‘: Erziehen und Ernähren“ an.

Kap. 3: Erziehung durch Ernährung – eine (empirische) Konkretisierung. Im dritten Kapitel knüpft Seichter an den vier Modi der Erziehung an, die Immanuel Kant in seiner Vorlesung über Pädagogik als Disziplinieren, Zivilisieren, Kultivieren und Moralisieren unterschieden hat. Anders als Kant und im Anschluss an Elias versteht sie das Zivilisieren als übergeordneten und nicht gleichrangigen Begriff. Sie zeigt quasi empirisch, dass und wie die Ernährung im Prozess der Zivilisation diszipliniert, kultiviert und moralisiert wurde bzw. Erziehung auch über die Zivilisierung der Ernährung erfolgte. Wieder endet das Kapitel in einem Exkurs: „Erziehungstheorie ‚essbar‘“.

Kap. 4: Die „Dialektik“ von Erziehung und Ernährung oder: Das Kind als Person. Das vierte und letzte Kapitel gilt verschiedenen Folgerungen, die Seichter aus den ersten drei Kapiteln gewinnt. Dabei verknüpft sie die Dialektik von „Autonomiepädagogik“ und „Kontrollpädagogik“ (Anton Hügli), die der Philantrop Peter Villaume als eine von „Vollkommenheit“ und „Brauchbarkeit“ gedacht hatte, mit der schon philosophischen Dialektik von „Person und Sache“ (William Stern) und schließlich der von Erziehung und Ernährung. Das Kapitel endet diesmal nicht in einem Exkurs, dafür aber in einer Art von Plädoyer für den Personalismus im Anschluss an den französischen Philosophen Emmanuel Mounier und den von dem italienischen Erziehungswissenschaftler Giuseppe Flores d'Arcais angestoßenen pädagogischen Personalismus.

Diskussion

Seichter kann ihre zentrale „Einsicht …, dass die Erziehung – historisch ebenso wie ‚systematisch‘, d.h. sachlich – ihren Ursprung und Grund in der Ernährung hat“ (269), eindrucksvoll entwickeln und bestätigen. Das geschieht insbesondere im ersten und dritten Kapitel. Das zweite Kapitel kann, wiewohl es die Ernährung nur am Rande streift, noch als Einführung zum dritten Kapitel gelesen werden. Das letzte Kapitel wirkt in gewisser Weise angehängt. Es ist nicht ohne weiteres nachvollziehbar, dass und wie es mit den ersten drei Kapiteln zusammenhängt.

Fazit

Sabine Seichter kann mit Recht beanspruchen, mit ihrem Buch „Erziehung und Ernährung“ ein bedeutsames Thema erstmals seit Jahrzehnten, wenn nicht seit der Aufklärung, wieder vom Rand in das Zentrum des allgemeinpädagogischen Diskurses geholt zu haben.


Rezension von
Prof. Dr. Ulrich Papenkort
Professur für Pädagogik an der Katholischen Hochschule Mainz
Homepage www.kh-mz.de/hochschule/ansprechpartner-innen/lehre ...
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Zitiervorschlag
Ulrich Papenkort. Rezension vom 10.12.2012 zu: Sabine Seichter: Erziehung und Ernährung. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. ISBN 978-3-7799-2807-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13847.php, Datum des Zugriffs 18.01.2021.


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