Hans Lenk, Dietmar Schulte (Hrsg.): Mythos Sport
Rezensiert von Prof. Dr. Klaus Hansen, 15.10.2012
Hans Lenk, Dietmar Schulte (Hrsg.):Mythos Sport. Wilhelm Fink Verlag (München) 2012. 168 Seiten. ISBN 978-3-7705-5325-9. D: 29,90 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 47,90 sFr.
Reihe: Heinz-Nixdorf-MuseumsForum
Entstehungshintergrund und Thema
Das Buch versammelt 10 Beiträge, die aus einer Vortragsreihe anlässlich der Ausstellung „Computer.Sport – Technik die bewegt“ hervorgegangen sind. Die Ausstellung war vom 18. Januar. bis 5. Juli 2009 im Nixdorf-Museum, Paderborn, zu sehen.
Die Kardinalfrage, die über allen Einzelaufsätzen steht, lautet: Worin besteht die Bedeutung und Funktion des Sports für unsere Gesellschaft und welche Rolle spielen neue technische Errungenschaften dabei?
Herausgeber
Von den Herausgebern tritt nur Hans Lenk mit zwei Beiträgen in Erscheinung. Hans Lenk war von 1969 bis 2003 Professor für Philosophie an der Universität Karlsruhe. Seit 2005 war er Präsident der Weltgesellschaft für Philosophie, deren Ehrenpräsident er noch heute ist. Eines aber zeichnet Hans Lenk aus, das alles überstrahlt: 1960 wurde er als Mitglied des „Deutschlandachters“ Olympiasieger im Rudern bei der Sommerolympiade in Rom.
Der zweite Herausgeber, Dietmar Schulte, hat die Drucklegung der Vorträge möglich gemacht. Schulte leitet den Bereich Wirtschaft und Gesellschaft im Heinz Nixdorf MuseumsForum, Paderborn.
Alte Mythen
Herausgeber Hans Lenk widmet sich im ersten seiner beiden Beiträge der „mythologischen Deutung der Zuschauerfaszination“. Mythen sind sinn- und bedeutungsstiftende Erzählungen. Die agonalen Wettkämpfe des modernen Leistungssports haben für den modernen Zuschauer die kathartische Bedeutung der Dramen des antiken Theaters und die kompensatorischen Wirkungen des römischen Gladiatorenzirkus. Es geht um Grundbedingungen des sozialen Zusammenlebens: um Gegnerschaft und Kampf, um die Eigenen und die Anderen, um Sieg und Niederlage und die spannende Ungewissheit des Ausgangs. Die heute dem Athleten zur Verfügung stehenden technischen Hilfsmittel gereichen ihm dann zu neuer Heldenhaftigkeit, wenn er auf sie verzichtet: Die Besteigung des Mount Everest ohne Sauerstoffgerät ist großartiger und anbetungswürdiger als mit einem solchen Risiko- und Grenzerfahrungen reduzierenden Gerät. – Leider finden wir kein Wort darüber, was es für Sport und Zuschauerfaszination bedeutet, wenn Mensch und Technik im Leistungssport derart verschmelzen, dass heute unterschenkelamputierte Prothesenläufer mit ihren nicht behinderten Konkurrenten gleichziehen oder sie sogar überbieten. Die beiden Olympiaden dieses Jahres in London haben uns eindrucksvolle Bilder dazu geliefert.
Der programmierte Erfolg
Kann man Siege berechnen, Goldmedaillen planen, ist also Erfolg im Sport programmierbar? Der Sportwissenschaftler Josef Wiemeyer widmet sich in seinem Beitrag der Rolle der computergestützten Sportinformatik im Leistungssport, vor allem im Training und bei der Wettkampfanalyse. Sportliche Höchstleistungen sind sehr störanfälig und von vielen Faktoren abhängig, auch vielen, die wir nicht kennen, so dass sich Siege keineswegs „programmieren“ lassen. Aber die Sportinformatik kann dazu beitragen, dass Trainings- und Wettkampfprozesse effektiver und effizienter geplant, durchgeführt und ausgewertet werden können. Dabei blendet der Autor auch Gefahren und Risiken nicht aus, die bestehen, wenn beispielsweise nicht mehr das sportmotorische Lernen, sondern die technische Anwendung in den Mittelpunkt des Trainings rückt. Ein Problem ist auch die „Übergenauigkeit“ technischer Messungen, durch die dem Athleten kleinste Fehler zurückgemeldet werden, die er aber gar nicht korrigieren kann, weil die Technik genauer ist als die menschliche Bewegungsregulation. Das kann mentale Verunsicherungen beim Sportler bewirken.
Welt im Spiegel
Was spiegelt sich im „Medaillenspiegel“ bei Olympischen Spielen? Die Leistungsfähigkeit einer Nation? Joachim Mester, langjähriger Rektor der Sporthochschule zu Köln, scheint dieser Meinung sein. Ihn besorgt der Leistungsabfall der Deutschen. Bei den Olympischen Spielen 1992 in Barcelona errang man noch 82 Medaillen; in Peking 2008 waren es halb so viele: 41. In seiner 2009 abgegebenen Prognose für London 2012 stehen 32 Medaillen. Inzwischen wissen wir es genau; es sind 42 geworden; man hat sich also auf dem Niveau von Peking stabilisiert. Jedenfalls möchte Mester es zu einer Gemeinschaftsaufgabe aller sportwissenschaftlichen Einrichtungen in Deutschland machen, die deutschen Sportler wieder an die Spitze der Nationenwertung zu führen, indem die neuesten Forschungsergebnisse der Institute schneller als bisher in die Trainingspraxis Eingang finden und dort umgesetzt werden. – Der Rezensent muss zugeben, der Bedeutung des Medaillenspiegels bislang wenig Aufmerksamkeit geschenkt zu haben. Vielleicht sollte man in Zukunft überhaupt dazu übergehen, die „Nationenwertung“ bei Olympiaden durch eine „Laborwertung“ zu ergänzen. Vielleicht wäre das ein Weg, um den vermeintlich „sauberen“ Deutschen im Vergleich mit den vermeintlich weniger sauberen Spitzenreitern China und USA Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Der Ball, der Held, die Fans
Der Philosoph und Sportsoziologe Gunter Gebauer frönt in seinem Beitrag dem Fußballspiel in all seiner Schönheit und in allen seinen Gemeinheiten. Die Spiele, die Menschen bewegen, meint er, zeichnen sich durch genau diese Mischung von anbetungswürdiger Erhabenheit und verabscheuenswerter Niedertracht aus. Das alltägliche Leben kehrt im Fußballspiel in gebündelter und dramatisierter Form wieder.
Der Akteur des Fußballspiels ist erstens – der Ball. Rund wie die Welt und behandelt wie sie: mit den Füßen getreten und geliebt wie nichts Zweites. Dass der Ball nicht mit den Händen gespielt werden darf, sondern dem Desaster ungelenker Füße ausgesetzt ist und dabei immer „frei“ bleiben muss, so will es die Regel, versetzt ihn in die Rolle eines gleichwertigen Mitspielers, der nicht selten macht, was er will, zum Beispiel ins Tor zu gehen. Daher bedanken sich Fußballer immer wieder beim Ball, indem sie ihn küssen oder mit nach Hause und sogar ins Bett nehmen. Das käme einem Handball-, Volleyball- oder Basketballspieler nicht in en Sinn.
Der Akteur des Fußballspiels ist zweitens – der Held. „Der Held ist wie der Seigneur des Rittertums von Vasallen umgeben. Sie laufen, schuften, foulen für ihren Herrn… Was sie leisten, wird ihrem Herrn gutgeschrieben.“ Beckenbauer war der Herr, der einen Knecht namens Katsche hatte. Netzer war der Herr, der sich auf Hacki verlassen konnte. – Ja, so glauben wir, dass es einmal war. Aber die Herren davor, zum Beispiel Matthias Sindelar, Fritz Szepan und Fritz Walter, hatten sie Knechte? Und die Herren danach, allen voran Messi, hat der einen Knecht? Es ist nicht nötig, feudale Hierarchien zu bemühen, um erfolgreichen Fußball zu erklären. In jeder Mannschaft braucht es Häuptlinge und Indianer, aber die wechseln heute wöchentlich. Von daher müssen wir bedauerlicherweise schlussfolgern: Welch mediokre, vielleicht nicht ganz austrainierte Herren müssen Beckenbauer und Netzer gewesen sein, dass sie Knechte nötig hatten!
Der Akteur des Fußballspiels ist drittens – das anarchische Genie, das ganz allein, ohne die Mannschaft, ein Spiel entscheiden kann. Garrincha, Libuda und George Best werden genannt.
Dass sie allesamt elend und viel zu früh das Zeitliche gesegnet haben, spricht für ihre tragische Unangepasstheit. Dafür werden sie vom Fußvolk des Fußballs auf ewig erinnert und verehrt.
Und viertens ist da noch der „Zwölfte Mann“: die Fans im Stadion. Sie, die sie auf den Rängen hüpfen, sind Akteure wie die Spieler auf dem Rasen. Fans stehen für die freiwillige Hingabe an Werte, die von der Politik heute so händeringend wie hilflos gefordert werden: Treue, Opferbereitschaft, Selbstlosigkeit, wenn es um das gemeinsame Ganze geht. Fußballfans, resümiert Gebauer, sind moderne Religionsstifter.
Zivilreligion Fußball
Elk Frank, Kulturwissenschaftler in Bremen, stellt in seinem Beitrag die Frage: Handelt es sich bei den Riten der Fans im Stadion und bei ihrer abgöttischen Verehrung der Sportler um ein religiöses Gebaren, oder wird der Begriff Religion im Zusammenhang des Verhaltens von Sportzuschauern nur als inhaltsleere Metapher verwendet?
Nicht aus theologischer, wohl aber aus religionssoziologischer Sicht, wie sie Emile Durkheim begründet hat, kann man den Fußball als „Zivilreligion“ bezeichnen. Er versteht es, Einzelne zu Gemeinden von Gleichgesinnten zu machen, die etwas Profanes verehren, was ihnen Zusammenhalt, Trost und Zuversicht spendet.
Dass die Objekte der Verehrung immer wieder einzelne Athleten sind, die durch besondere Leistungen hervorstechen und von den Medien in den Himmel gehoben werden, ist die eher schlichte Seite des zivilreligiösen Sports. Komplexer wird es, wenn wir darüber nachdenken, was den Menschen des 20. und 21. Jahrhunderts am Sport überhaupt, nicht nur am Fußball, fasziniert. Frank stellt fest: Charakteristisch für „Sport“ ist, dass es sich immer um ein agonales Messen bis zum äußersten beanspruchter Kräfte handelt, das in einer alltagsenthobenen „Sonderwelt“ (z. B. Stadion = Amphitheater) stattfindet und „Inhaltsfreiheit“ mit gleichzeitiger „Realitätsgarantie“ verbindet. Damit ist Folgendes gemeint: Sportliche Handlungen transportieren keine eigene, außer ihnen liegende Botschaft wie z. B. ein Theaterstück oder ein Gedicht. Zwar erfüllt der Sportwettkampf wesentliche Bedingungen des Dramas, aber er erhält seine Dramatik und Spannung nicht über einen spezifischen Inhalt, sondern über die Form der durch die Regeln geschaffenen Bedingungen, unter denen er stattfindet. Regeln, denen sich die Akteure freiwillig und ohne Unterschied unterwerfen und die allen Zuschauern bekannt sind. Dies meint die „Inhaltsfreiheit“ des Sports. Mit „Realitätsgarantie“ soll schließlich bedeutet werden: Im Unterschied zum Schurkenstück auf der Bühne, sind die Handlungen im sportlichen Wettkampf real und nicht fiktiv; sie werden nicht vorgetäuscht, sondern passieren wirklich, hier und jetzt. – Ist es vermessen zu prognostizieren, dass in einer virtuell werdenden und immer effizienter denkenden Welt die Attraktivität des Sports für die Zuschauer noch zunehmen wird?
Kann man fair und erfolgreich zugleich sein?
Das fragt sich Hans Lenk in seinem zweiten Beitrag zum Buch und betritt einen speziellen Zweig der angewandten Ethik, die Sportethik. Im Hochleistungssport, wo viel Geld im Spiel ist und der Erfolgszwang für viele Sportler exiztenziell wird, scheint ein anderes als das Fairnessgebot zu gelten, Lenk nennt es das „Elfte Gebot“: „Du sollst dich nicht erwischen lassen“ – beim Tricksen, Täuschen und Betrügen. Die Gefahr, dass der Faire im Hochleistungssport am Ende der Dumme ist, besteht durchaus. Lenk setzt auf schärfere staatliche und sportverbandliche Kontrollen, um die Wettkampf-Fairness wieder herzustellen. In einem größeren zivilisatorischen Zusammenhang betrachtet, plädiert er für die Weiterentwicklung der Konkurrenzgesellschaft zur „Fairnessgesellschaft“, die sich auf Maximen wie diese vereidigt: „Nicht gewinnen ist kein Scheitern.“
Ist Sport Mord oder gesund?
Auf die Dosis kommt es an, weiß der Sportmediziner Klaus Völker mit Paracelsus zu sagen. Und was ist die richtige Dosis, das richtige Maß? 30 Minuten moderate sportliche Bewegung an 5 Tagen in der Woche beugt nachweislich Herzkreislauf-Erkrankungen wirksam vor. Kombiniert mit speziellen Ernährungsprogrammen, ist Sport ein probates Mittel gegen eine Vielzahl von Erkrankungen, namentlich solcher, die für die sitzende Zivilisation typisch sind.
Dicke Kinder
Im Aufsatz des Sportpädagogen Wolf-Dietrich Brettschneider geht es um den Anteil von Bewegung, Spiel und Sport an der positiven körperlichen, emotionalen, sozialen und kognitiven Entwicklung im Kindes- und Jugendalter. Kinder zwischen 6 und 13 Jahren in Deutschland sehen ca. 90 Minuten am Tag fern, sind 40 Minuten im Internet und zählen Handys, CD-, DVD- und MP3-Player zu ihrer medialen Grundausstattung. „Screen time“ ist körperliche Inaktivität. Nachlassende Kondition und steigendes Gewicht sind die Folge. Übergewicht im Kindes- und Jugendalter ist ein großes Thema in Deutschland. Altersdiabetes tritt immer häufiger schon in der Kindheit auf. Hier ist mehr und intensivere körperliche Aktivität angezeigt. Aber Bewegung und Sport haben nicht nur positive körperliche Auswirkungen; auch das Selbstwertgefühl, die Lebenszufriedenheit und die psychosoziale Gesundheit insgesamt werden dadurch gestärkt.
„Laufen macht schlau“,
überschreibt der Biologe Ralf K. Reinhardt seinen Beitrag, in dem er ein eigenes Forschungsprojekt an der Universität Ulm referiert. Das Gehirn ist ein Organ, das wie ein Muskel trainiert werden kann. Durch körperliche Aktivität, zum Beispiel Joggen, wird eine stärkere Durchblutung des Gehirns erreicht, mehr noch: es wird nicht nur stärker, sondern auch besser durchblutet, weil in Reaktion auf körperliche Aktivität zusätzliche Blutgefäße wachsen und zusätzliche Transmitter ausgeschüttet werden. Der Aufsatz ist ein Plädoyer für ein „bewegtes Leben“. Goldene Regel: Drei Mal pro Woche eine Stunde körperliches Training – Laufen und Radfahren werden besonders empfohlen –, so dass man ins Schwitzen kommt, aber nicht außer Atem. Und das macht vieles, nicht nur schlank, auch schlau!
Frauen im Sport
An den 1. Olympischen Spielen der Neuzeit 1896 in Athen nahmen keine Frauen teil. Heute liegt der Anteil von Athletinnen bei Olympiaden bei ca. 40 Prozent. Heute sind Frauen in so gut wie allen Bereichen des Breiten- und Leistungssports vertreten. Aber es gibt immer noch zu erobernde Gebiete: Bei der Winterolympiade 2014 wird erstmals das Skispringen für Frauen auf dem Programm stehen. Auf der anderen Seite kennen wir heute einseitig weibliche dominierte Sportarten, so dass die Männer hier von Diskriminierung sprechen und nach Gleichberechtigung rufen, zum Beispiel beim Synchronschwimmen.
Für die Sportpädagogin und Sportfunktionärin Gudrun Doll-Trepper steht beim Thema „Frauen und Sport“ heute die Steigerung des Frauenanteils in den haupt- und ehrenamtlichen Führungspositionen der Sportverbände im Vordergrund. Aufklärung und Quotenregelungen sind anderswo (z. B. in Politik und Wissenschaft) erprobte Wege und darum nachzuahmen, um mehr Frauen in Führungspositionen zu etablieren.
Fazit
Die zehn Beiträge des Buches sind nicht auf einen Nenner zu bringen. Das Buch ist ein interessantes Mosaik unterschiedlichster Aspekte. Auf der einen Seite wird der moderne Sport als zivilreligiöse Produktionsstätte anbetungswürdiger Helden betrachtet. Auf der anderen Seite ist der Sport nichts weiter als Adipositas-Prävention. Eine reiche Fundgrube! Statt des anspruchsvollen Titels „Mythos Sport“ wäre die offene, freilich unscheinbarere Formulierung „Über Sport“ vielleicht zutreffender gewesen.
Rezension von
Prof. Dr. Klaus Hansen
Mailformular
Es gibt 102 Rezensionen von Klaus Hansen.





