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Martin Korte: Jung im Kopf

Cover Martin Korte: Jung im Kopf. Erstaunliche Einsichten der Gehirnforschung in das Älterwerden. Deutsche Verlagsanstalt (München) 2012. 327 Seiten. ISBN 978-3-421-04434-1. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Joggende und auf gesunde Ernährung erpichte Senioren begegnen uns im Alltag zur Genüge. Wer sich als alter Mensch jedoch geistig fit halten möchte, tut dies eher im stillen Kämmerlein mit Buch, Schreibwerkzeug und Internet. Und doch wirken körperliche und geistige Übungen zum kognitiven Kompetenzerhalt am besten zusammen. Denn sie spielen in ihrer hirnphysiologischen Wirkung ineinander, ja, sie bedingen sich sogar gegenseitig zu einem beschwerdefreien Durchlauf der Altersphase, folgt man dem neuen, bei DVA heraus gekommenen, 336seitigen Buch „Jung im Kopf. Erstaunliche Einsichten der Gehirnforschung in das Älterwerden“ von Martin Korte.

Autor

Professor Dr. Martin Korte lehrt das Gebiet Neurobiologie an der Technischen Universität Braunschweig. Seine Forschungsschwerpunkte sind die zellulären Grundlagen von Lernen und Erinnern ebenso wie die Vorgänge des Vergessens.

Überblick

Der als Hirnforscher und Lernexperte bekannte Wissenschaftler Martin Korte räumt gründlich mit dem Vorurteil auf, das geistige Leistungsmaximum habe der Mensch in jungen Jahren erreicht. Der Autor zeigt, dass die Plastizität und Gestaltbarkeit des Gehirns bis ins hohe Alter erhalten bleibt. Auch alte Menschen vermögen noch zu lernen und hohe kognitive Leistungen zu erbringen. Sie zeigen ihre Intelligenz und ihr Problemlöseverhalten nur in anderer Weise als junge Menschen. Entscheidend ist für Korte das Zusammenspiel von körperbezogenen und psychischen Verhaltenskomponenten. Seine Hirnphysiologie ist daher stark psychosomatisch ausgerichtet. Es nimmt daher nicht Wunder, dass seine Empfehlungen zur Aufrechterhaltung von geistiger Leistungsfähigkeit im Alter und zur Abwehr von Demenz im Vierer-Quartett lauten: Laufen, lernen, leicht nähren und lachen.

Aufbau und Inhalt

Das Plädoyer für die Lernfähigkeit im Alter „Jung im Kopf“ gliedert sich in neun Kapitel.

Das Gehirn des Älteren sieht Korte als Zwitter zwischen enormer Leistungsfähigkeit aber auch Vergesslichkeit. Er erklärt dies mit dem reichhaltigen Auswahlrepertoire an gespeicherten Problemlösungsmustern, aber auch aus dem in seiner Kapazität sich reduzierenden Arbeitsspeicher des Gehirns.

Das menschliche Gehirn macht im Lebensverlauf mehrmals Entwicklungsprozesse durch (kindliches, erwachsenes, mittel alterndes und hoch alterndes Gehirn) und erfährt auch im Alter noch durch geistige Betätigung eine Ausweitung seiner aktivierbaren Areale.

Durch Atrophie und Ventrikel (das sind mit Wasser gefüllte Hohlräume) kommt es zwar zu Substanzabbau aktiv nutzbarer Gehirnmasse, doch können sich auch im Alter noch durch Lernen und körperliche Bewegung wieder vermehrt Hirnzellen bilden.

Mit ihren Routinen und mit der Neuroplastizität ihres Gehirns können alte Menschen noch hohe geistige Leistungen vollbringen. Abrufreize (wie Fotos, Filme, Musik) können schwindender Erinnerung assoziativ aufhelfen.

Im Alter gleichen sich Ratio und Emotion zunehmend aus. Die emotionale Intelligenz erreicht im Alter einen Höhepunkt, weil sie viel an Lebenserfahrung benötigt.

Der alte Mensch wird dadurch, dass er viele Handlungsvarianten zu berücksichtigen weiß, in besonderer Art weise.

Kognitiven Defiziten wie Demenz und Apoplex sollte schon in jungen Jahren mit körperlicher und geistiger Aktivität begegnet werden.

Im zentralen achten Kapitel Frischekur fürs Gehirn gibt Korte entscheidende Hinweise zur kognitiven Leistungssteigerung im Alter. Regelmäßige körperliche Betätigung setzt den Nervenwachstumsfaktor BDNF (Brain-Derived Neurotrophic Factor) frei. Ernährung und Flüssigkeitszufuhr sind kontrolliert zu beachten; wichtig sind Vollkornkost, Obst, Gemüse und Eiweiß. Strukturiertes Lernen (durch Sprachen, Musizieren, soziale Aktivitäten) regt Nervenzellen zu neuer Synapsenbildung an. Geistige Aktivität halbiert das Alzheimer-Risiko. Vermiedener Stress mindert die die Nervenzellen blockierende Cortisol-Bildung; dagegen befördern Lockerheit, Zuversicht, Entspannung und Glücksgefühle die Dopamin-Ausschüttung, was Stress-Hormone abtötet. Zufriedene Menschen leben sieben bis zehn Jahre länger als gestresste Menschen.

Mit positiven Altersbildern wird die Gesellschaft des langen Lebens befördert, weil alte Menschen dann von sich selbst auch etwas erwarten und auch die Gesellschaft von ihnen noch einiges erwartet.

Diskussion

Das Buch „Jung im Kopf“ trägt von hirnphysiologischer Seite her zu einem positiven Altersbild und zu einem beschwerdefreien Alter bei. Auf neuromedizinischer Grundlage erfährt man die Förderlichkeit der allgemein propagierten Empfehlungen für lebenslanges Lernen, gesunde Ernährung, körperliche Betätigung und positive Stimmungslage. Die komplexen zellbiologischen und hormonellen Zusammenhänge zwischen Verhalten und kognitiven Effekten sind verständlich erklärt, wenn die Darstellung der biochemischen Zusammenhänge auch etwas vom Fachvokabular überfrachtet erscheint.

Auch werden für den sich informierenden neurologischen Laien sehr viele Einzeluntersuchungen referiert, bei denen mitunter die biomolekulare Grundlage in Richtung bloßer Verhaltenspsychologie verlassen wird. Der Autor bemüht sich indes immer wieder um eingängige Vergleiche; so beziffert er den möglichen Umfang synaptischer Schaltmöglichkeiten eines einzelnen Gehirns auf die Zahl der Blätter der Bäume im Amazonas-Regenwald (Seite 59). Im Ganzen streift und rekurriert das Buch neben seinen zentralen neurowissenschaftlichen Gebieten, nämlich der cerebralen Molekularbiologie und der Hirnphysiologie, auch Felder von Psychosomatik, Verhaltens- und Lernpsychologie, Psychiatrie, Alterssoziologie und Moralphilosophie.

Einige Darlegungen wiederholen sich; so wurden die Abhandlungen zur Funktion der Lateralität (Gehirnhälften) und zur emotionalen Intelligenz in Kapitel sechs zuvor schon in den Kapiteln drei und fünf expliziert. Ein Stichwortverzeichnis muss man leider vermissen.

Positiv zu vermerken ist das Schließen eines jeden Kapitels mit einer illustrativen Kurzgeschichte unter dem Motto „Postkarte aus dem Leben“. Stets gelingt es dem Autor, den Bezug zwischen biochemischen somatischen Vorgängen und dem Verhalten des Menschen herzustellen. Das Buch eignet sich dazu, vielen einfachen Alters-Ratgebern eine wissenschaftliche Grundlage und da und dort auch eine Korrektur zu geben.

Fazit

Es hilft nichts: Wer lange leben und beschwerdefrei alt werden möchte, muss etwas dafür tun. Von nichts kommt nichts! Diese Einsicht verbreitet und begründet Martin Kortes neues Buch zum Intelligenzerhalt im Alter „Jung im Kopf“. Die neurowissenschaftlich untermauerten Rezepte, die gegeben werden, lauten: Beizeiten laufen, lernen, leicht essen und lachen. Also auf denn!


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 17.09.2012 zu: Martin Korte: Jung im Kopf. Erstaunliche Einsichten der Gehirnforschung in das Älterwerden. Deutsche Verlagsanstalt (München) 2012. ISBN 978-3-421-04434-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13850.php, Datum des Zugriffs 17.10.2019.


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