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Wilhelm Klüsche: Aspekte Sozialer Arbeit im Medium Briefmarke

Wilhelm Klüsche: Aspekte Sozialer Arbeit im Medium Briefmarke. Edition Ostalb (Aalen) 2012. 32 Seiten. ISBN 978-3-942364-02-7. 9,90 EUR.
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Thema

Einmal ehrlich: Als Briefmarken-Kundigen sind vielen sozial Engagierten die großen Helfer der Menschheit womöglich zeitlich früher bekannt geworden als aus ihrer Beschäftigung mit der Geschichte der sozialen Bewegungen. Die Fülle der Wohlfahrts-, Jugend- und Sozialverbands-Marken hat der Sozialarbeits-Lehrende Wilhelm Klüsche daher zum Anlass seiner mit über 200 Briefmarken illustrierten 32seitigen Betrachtung „Aspekte Sozialer Arbeit im Medium Briefmarke“ genommen.

Autor

Professor Dr. phil. Wilhelm Klüsche lehrte bis zu seiner Emeritierung 2005 Klinische Psychologie und Theorie der Sozialen Arbeit im Fachbereich Sozialwesen der Fachhochschule Niederrhein in Mönchengladbach und versteht sich als unsystematischer und nur periodischer Briefmarkensammler.

Aufbau und Inhalte

Klüsche sieht eingangs seiner Beobachtungen über die Briefmarken mit Themen aus dem sozialen Bereich für die von ihm betrachteten 60 Jahre zwischen 1949 und 2009 in Deutschland eine Dominanz des Sozialen im Verhältnis zu den sonstigen Gebieten der Sondermarken wie Politik, Geschichte, Wirtschaft und Technik, Sport, Kunst und Religion. Wobei er gerade für die vielen Sozialorganisationen zugute kommenden Zuschlagswerte wie die Wohlfahrts-, Jugend-, Sport- und Weihnachtsmarken auch Überschneidungen zu Motivthemen aus Sport und Kirchen einräumt. Folglich legt Klüsche für seine Betrachtungen auch einen weiten, gesellschaftlichen Begriff Sozialer Arbeit im Makrobereich gegenüber dem individuellen Mikrobereich zwischen HelferInnen und KlientInnen zugrunde.

Entsprechend diesem weiten sozialarbeitlichen Ansatz gliedert der Autor seine Übersichten in

  • die Pionier-Persönlichkeiten Sozialer Arbeit,
  • das Aufkommen der Arbeiterbewegung,
  • die Kriegsoperhilfe,
  • die Armenfürsorge,
  • Obdachlosenhilfe,
  • Gefängnisarbeit,
  • Waisenhaus- und Behindertenarbeit,
  • Kinder- und Jugendhilfe,
  • Familienstützung,
  • Altenarbeit,
  • Gesundheitsfürsorge und Suchtbekämpfung,
  • Migration,
  • Frauenbewegung,
  • Wohlfahrtsverbände und
  • Wandel im sozialen Berufsbild.

Diskussion

Man spürt in der mit viel Umsicht und Fleiß zusammen getragenen und kommentierten Briefmarkenschau die zwei Seelen des engagierten Soziallehrers und Sammlers Klüsche, der aus seinen beiden Herzen keine Mördergrube macht. Da kommen natürlich auch Lieblingsgebiete des Autoren zum Tragen wie die kirchliche Soziallehre und die Frauenbewegung, für die besonders viele Exemplare der kleinen Viereckchen eingedruckt und erläutert sind. Erstaunlich ist, wie Klüsche mit den Pionierinnen der sozialen Frauenschulen anhand der Portoträger sogar etwas zum sozialen Berufsbild auszusagen versteht. Verdienstlich ist auch, dass der Autor der Migration und der interkulturellen Öffnung eine eigene Abteilung gewidmet hat. Die über 200 abgebildeten Serien- und Sondermarken sind im Druck der in der Edition Ostalb erschienenen Abhandlung farblich prägnant und gestochen genau eingedruckt.

Natürlich kann man eine Auswahl, wie sie Klüsche vorlegt, so und auch anders gestalten. Wenn schon kirchliche soziale Arbeit so wie von Klüsche in den Vordergrund gerückt wird, hätten auch die Marken zu den evangelischen und katholischen Kirchentagen stärker herausgestellt werden können. So gibt es zum denkwürdigen Deutschen Evangelischen Kirchentag 1961 in Berlin kurz vor dem Mauerbau eine Marke der Deutschen Post Berlin.

Bei der Fortführung der Entstehung der Arbeiterbewegung (mit den fälschlich mit „d“ im Vornamen geschriebenen Schilderungen Gerhart Hauptmanns auf Seite 7, wobei die Marke der „Weber“ selbst den Vornamen richtig mit „t“ wiedergibt) verlegt sich der Autor zu einseitig auf die kirchlichen Soziallehrer und driftet dann in die Sozialversicherung und das Genossenschaftswesen ab. Dabei unterläuft im Falle Hermann Schulze-Delitzschs auf Seite 9 ein weiterer Namens-Schreibfehler mit Auslassen des zweiten „z“ im Autorentext (mit wieder richtiger Wiedergabe auf den Marken selbst). Die Gewerkschaftsbewegung wird aber leider völlig ausgespart, obwohl es von Arbeiter- sowie Gewerkschaftsführern und -jubiläen Marken gab (wie die für Wilhelm Leuschner, Julius Leber, Carlo Schmid, Kurt Schumacher, Hans Böckler, Willi Richter und 100 Jahre IG Bergbau und Energie).

Diese Unterbelichtung der gewerkschaftlichen und sozialistischen Bestrebungen hängt auch damit zusammen, dass Klüsche die Marken der DDR und der Deutschen Post Berlin nicht einbezogen hat (lediglich eine einzige DDR-Marke zur Volkssolidarität ist auf Seite 29 abgebildet). Hier hätte die Abhandlung außer mit Karl Marx und Friedrich Engels auch mit Käthe Kollwitz, August Bebel, Ernst Thälmann und Rosa Luxemburg fündig werden können. Immerhin widmeten sich DDR-Marken neben viel Jubel für die deutsch-sowjetische Freundschaft, neben Friedenspathos und Jugendfestspielen auch der Bodenreform und sozialgeschichtlichen Persönlichkeiten wie Ulrich von Hutten und Thomas Müntzer und verkündeten auf einem Exemplarchen sogar einmal „Apartheid No“.

Fazit

Wenn man von der Unterbelichtung des Gewerkschaftsthemas absieht, ist die Zusammenstellung „Aspekte Sozialer Arbeit im Medium Briefmarke“ lehrreich, optisch reizvoll und anregend. Schließlich erfährt die Soziale Arbeit auf der Briefmarke eine willkommene Dauerpräsenz.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
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Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 25.09.2012 zu: Wilhelm Klüsche: Aspekte Sozialer Arbeit im Medium Briefmarke. Edition Ostalb (Aalen) 2012. ISBN 978-3-942364-02-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13877.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


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