Reiner Deussen: Jahresabschluss und Lagebericht
Rezensiert von Prof. Dr. Mathias Graumann, 30.11.2012
Reiner Deussen: Jahresabschluss und Lagebericht. [Bilanzerstellung, Gewinn- und Verlustrechnung, Anhang und Lagebericht, BilMoG-Änderungen, Steuerbilanz und Steuerbilanzpolitik]. HDS-Verlag (Weil im Schönbuch) 2012. 3. Auflage. 238 Seiten. ISBN 978-3-941480-26-1. 39,90 EUR.
Thema und Ziel
Die Erstellung des Jahresabschlusses und die damit verbundenen internen und externen Informationspflichten sind unentziehbare Aufgabe des Leitungsorgans der Unternehmen.
Alle Gesellschafter eines Unternehmens haben Anspruch auf die Vorlage des Jahresabschlusses des Unternehmens (interne Informationspflicht). Die externen Informationspflichten sind vielfältig. Der Jahresabschluss bildet nach wie vor die Grundlage für die Ermittlung des steuerlichen Ergebnisses; bei Inanspruchnahme von Krediten haben die Kreditinstitute Anspruch auf Vorlage des Jahresabschlusses. Für Kapitalgesellschaften besteht darüber hinaus die Verpflichtung, den Jahresabschluss gegenüber einer anonymen Öffentlichkeit publik zu machen.
Ziel des vorliegenden Werkes ist es, eine Übersicht über die gesetzlichen Leitungspflichten zu geben und den Leser bei der Erstellung des Jahresabschlusses durch ausführliche Erläuterungen und umfassende Checklisten zu unterstützen. Besondere Bedeutung soll der Erstellung des Lageberichts beigemessen werden, welcher bei mittelständischen Unternehmen bislang oftmals nur eine Nebenrolle zukam.
Die Darlegungen der Neuauflage sind auf dem Stand des Bilanzrechtsmodernisierungsgesetzes (BilMoG). Dieses eröffnet für die Handelsbilanz und die Steuerbilanz neue bilanzpolitische Maßnahmen, die in den Bilanzen unterschiedlich ausgeübt werden können und deshalb ausführlich erörtert werden. Im Ergebnis soll das Werk fundierte praktische Hilfe bei der Erstellung des Jahresabschlusses und des Lageberichts leisten.
Autor
Dr. rer. pol. Reiner Deussen, Wirtschaftsprüfer, Steuerberater, Fachberater für Internationales Steuerrecht, Diplom-Kaufmann, ist Gründungspartner der DHE REVISION, Dr. Deussen & Ewerdwalbesloh Partnerschaftsgesellschaft. Seine Arbeitsschwerpunkte sind die Jahresabschlussprüfung, Unternehmensnachfolgeberatung, Unternehmensberatung, Steuerberatung mit internationalen Sachverhalten, Durchführung der Qualitätskontrolle gemäß § 57a WPO, Schiedsrichter und Schiedsgutachter in wirtschaftlichen Streitigkeiten. Der Autor wird durch ein Team von Mitarbeitern der DHE REVISION unterstützt.
Aufbau
Nach einem einleitenden Überblick (Kapitel 1) wird eine Synopse der gesetzlichen Systematik des Jahresabschlusses auf zwei inhaltlichen Ebenen dargeboten (Kapitel 2),
- den allgemeinen Aufstellungs-, Ansatz- und Bewertungsgrundsätzen und
- der Gesetzeshistorie im Handelsrecht, ausgehend vom Bilanzrichtliniengesetz (BiRiLiG) aus dem Jahre 1985.
In Kapitel 3 werden die mit dem Jahresabschluss verbundenen Arbeiten – von der Vorbereitung bis zur Offenlegung – prozessbezogen dargestellt. Kapitel 4 widmet sich dann den Einzelvorschriften zum Jahresabschluss der Unternehmen, und zwar an dieser Stelle zunächst den neuen Ansatz- und Bewertungsvorschriften nach BilMoG. Die für Kapitalgesellschaften geltenden besonderen Vorschriften werden in Kapitel 5 erörtert. Hierzu zählt insbesondere auch die Erstellung und Offenlegung eines Lageberichts, der nicht Bestandteil des Jahresabschlusses ist.
Ansatz und Bewertung der einzelnen Positionen der Bilanz werden in Kapitel 6 in der Reihenfolge der Bilanzgliederung synoptisch abgehandelt. Gleichermaßen wird für die Positionen der Gewinn- und Verlustrechnung in Kapitel 7 verfahren. Das gesamte Repertoire der Angaben im Anhang nach Maßgabe der §§ 284 ff. HGB wird in Kapitel 8 dargestellt. Den Aufstellungsgrundsätzen, Teilen und Elementen des Lageberichts ist Kapitel 9 gewidmet.
Kapitel 10 enthält zahlreiche instruktive und praxisnahe Übersichten und Checklisten in Zusammenhang mit den üblichen Arbeiten rund um die Erstellung des Jahresabschlusses.
Inhalt
Die Inhalte der 3. Auflage sind auf dem Stand von 2011 und enthalten zusätzlich zum Gesetzestext des BilMoG auch die aktuellen berufsständischen Verlautbarungen und Kommentierungen zum BilMoG.
Den Ausgangspunkt des vorliegenden Werkes bilden die mit dem BilMoG verfolgten Ziele,
- Annäherung an die IAS/IFRS,
- Ausschüttungsorientierung,
- Harmonisierung der Rechtsvorschriften innerhalb der EU und
- Deregulierung,
welche sich gleichsam als roter Faden durch die Kapitel ziehen. In diesem Lichte werden zunächst die allgemeinen Grundsätze der Jahresabschlusserstellung als Regelgerüst erörtert. Der Autor stellt hierbei das Maßgeblichkeitsprinzip der Handels- für die Steuerbilanz in den Vordergrund, da dieses durch den Wegfall der traditionellen umgekehrten Maßgeblichkeit nunmehr stark eingeschränkt worden ist, so dass die Aufstellung einer „Einheitsbilanz“ künftig der Ausnahmefall sein dürfte.
Nachfolgend wird die Gesamtheit der Aufstellungs-, Ansatz- und Bewertungsgrundsätze erörtert und auf die grundlegenden Wertbegriffe sowie die Aufbewahrungspflichten eingegangen. Weiter wird die historische Entwicklung des Bilanzrechts ausgehend vom BiRiLiG dargelegt.
Vor dem Hintergrund des Ziels eines reibungslosen Ablaufs der nachfolgenden Abschlussprüfung wird der gesamte Erstellungsprozess des Jahresabschlusses praxistauglich beleuchtet, von den Abschlussbuchungen über die Ermittlung der Kontenendsalden bis zur Beachtung der einschlägigen Fristenregelungen.
Im Anschluss werden die Neuregelungen des BilMoG hervorgehoben. Hierzu zählen insbesondere
- die wirtschaftliche Zurechnung von Vermögensgegenständen,
- das Aktivierungswahlrecht für Entwicklungskosten,
- der Wegfall des Ansatzwahlrechts für steuerrechtliche Sonderposten,
- die Bildung von Rückstellungen und deren Bewertung
- die Bilanzierung der latenten Steuern,
- die Ausschüttungssperrung bestimmter Positionen.
Die z.T. mit hergebrachten Grundsätzen in krassem Gegensatz stehenden Neuregelungen werden fundiert, abgewogen und unter Zuhilfenahme zahlreicher praxisnaher Fallbeispiele diskutiert.
Im Rahmen der Bewertungsgrundsätze widmet sich der Autor insbesondere den Fragen der Währungsumrechnung sowie der Bildung von Bewertungseinheiten.
Separat werden die für alle bilanzierungspflichtigen Kaufleute geltenden Vorschriften (§§ 238 – 263 HGB) und jene für Kapitalgesellschaften (§§ 264 – 278 HGB) erörtert. Bei letzteren wird fokussiert auf
- die erweiterten Gliederungsvorschriften der Bilanz und der Gewinn- und Verlustrechnung,
- die Strukturierung des Anlagespiegels,
- die Anhangangaben nach § 284 f. HGB,
- die größenabhängigen Erleichterungen für kleine und mittelgroße Kapitalgesellschaften i.S. des § 267 HGB,
wobei letzteren Darlegungen im Hinblick auf die mittelständische Ziel-Klientel besonderer Raum eingeräumt wird.
Eine Darstellung der Bilanzierung und Bewertung der Aktiv- und Passivpositionen schließt sich an. Die positionsweise Gliederung ist enorm leserfreundlich, denn sie fasst zahlreiche Gesetzesfundstellen zusammen. Somit hat der Abschnitt den Charakter eines überschaubaren Handkommentars, der die wesentlichen Bilanzierungsfragen fundiert abhandelt. Für die Lösung von Spezialproblemen wird der Leser einen der großen Handkommentare hinzuziehen müssen. Eine derartige Tiefe ist hier allein aus Gründen der Sicherstellung eines vertretbaren Umfangs wohl auch nicht beabsichtigt.
Gleichwohl beeindruckt, dass auf einer Länge von nur rd. 50 Seiten der Mainstream der Bilanzierungsentscheidungen sehr fundiert und praxistauglich zugleich erfasst und abgearbeitet wird. Zudem werden zahlreiche Fallbeispiele präsentiert. Schließlich ist zu bemerken, dass – wiederum als Ausdruck der mittelständischen Fokussierung – ausdrücklich die Vorschriften der §§ 264a HGB ff. zu den sog. Kapitalgesellschaften und Co. Erwähnung finden, welche von anderen Autoren häufig übergangen werden.
Die Positionen der Gewinn- und Verlustrechnung werden im Anschluss diskutiert. Hervorzuheben ist die – an Fallbeispielen verdeutlichte – Darstellung der Abgrenzung zwischen den Positionen und entsprechender Ermessensspielräume. Die Darlegungen umfassen alle nur denkbaren Positionen, somit auch jene des Finanz- und des außerordentlichen Ergebnisses.
Die im Einzelfall zu tätigenden Anhangangaben werden – gegliedert nach den Größenklassen gemäß § 267 HGB – checklistenartig aufgeführt. Auch in diesem Abschnitt informieren Fallbeispiele über die gebotenen Inhalte und geforderte Tiefe der einzelnen Angaben. Die Abhandlung umfasst auch in diesem Bereich alle möglichen Vorschriften, insbesondere den ausufernden Katalog des § 285 HGB. Es gelingt sehr anschaulich, praxistaugliche Mindestanforderungen der jeweiligen Angaben zu formulieren.
Die abschließende Besprechung des Lageberichts umfasst die sog. Grundsätze ordnungsmäßiger Lageberichterstattung und geht im Anschluss auf die einzelnen Berichtsteile nach § 289 HGB ein.
Im Anlagenteil werden die Gliederungssystematiken der Jahresabschlüsse großer, mittelgroßer und kleiner Kapitalgesellschaften sowie eine Reihe von Checklisten zur Vorbereitung und Prüfung des Jahresabschlusses dargeboten.
Zielgruppe
Das vorliegende Buch richtet sich in erster Linie an Entscheidungsträger und Interessierte, die sich in ihrer beruflichen Praxis mit dem Thema Jahresabschluss und Lagebericht befassen müssen. Zu diesem Kreis gehören primär Unternehmer, Geschäftsführer, Mitglieder von Aufsichtsgremien, Steuerberater, Unternehmensberater und Rechtsanwälte. Das Buch soll zugleich für alle Mitarbeiter des Rechnungswesens wie Controller und Bilanzbuchhalter eine Unterstützung bieten, da von ihnen zunehmend erwartet wird, einen Jahresabschluss aus der Buchführung prüfungsfertig vorzubereiten.
Diskussion und Fazit
Es wird eine sowohl theoretisch fundierte als auch überaus praxisnahe Gesamtdarstellung der Inhalte von Jahresabschluss und Lagebericht auf dem Stand des BilMoG dargeboten. Die Darlegungen sind klar und stringent aus der Perspektive eines Abschlusserstellers formuliert, an ihn richten sich zahlreiche Checklisten, Bilanzierungs- und Abgrenzungschecklisten sowie nützliche Hinweise und Tipps. Diese sollen die Erstellung eines prüfungssicheren Jahresabschlusses erleichtern und stellen den besonderen Mehrwert des vorliegenden Werkes dar.
Es sind zahlreiche Abbildungen und Tabellen in den Text integriert, die die komplexe Materie visualisieren. Leserfreundlich ist der zweifarbige Druck, mit dem die Beispiele unterlegt werden.
Auch erweist sich der Aufbau in der Weise, dass die Gliederung nach Abschlusspositionen und nicht nach der Regelungsabfolge der der Gesetze vorgenommen wird, als vorteilhaft für das Verständnis. Somit wird eine prüffeldbezogene Perspektive ermöglicht.
Die besonderen Elemente des Jahresabschlusses nach § 264 Abs. 1 Satz 2 HGB i.V. mit § 264d HGB,
- Kapitalflussrechnung,
- Eigenkapitalspiegel und
- Segmentberichterstattung
sind nicht Inhalte des Werkes, ebenso wie Belange des Konzernabschlusses nach Maßgabe der §§ 290 ff. HGB. Dies wird allerdings stringent mit dem Ziel einer Konzentration auf Belange mittelständischer Unternehmen begründet. Es soll ausdrücklich nicht bezweckt sein, das Wissen ausgewiesener Experten (Wirtschaftsprüfer oder Finanzvorstände von Aktiengesellschaften) anzureichern.
Im Ergebnis stellt das Buch eine zielgruppengerechte, sehr verständliche und nützliche, vor allem aber auch vollständige Handreichung zur Erstellung von Jahresabschluss und Lagebericht dar; seine Lektüre kann uneingeschränkt empfohlen werden.
Rezension von
Prof. Dr. Mathias Graumann
Professor für Rechnungslegung, insbesondere Controlling, Kosten- und Leistungsrechnung, Steuer- und Wirtschaftsprüfung, Hochschule Koblenz, RheinAhrCampus Remagen, Fachbereich Wirtschafts- und Sozialwissenschaften
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