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Regine Strätling (Hrsg.): Spielformen des Selbst

Cover Regine Strätling (Hrsg.): Spielformen des Selbst. Das Spiel zwischen Subjektivität, Kunst und Alltagspraxis. transcript (Bielefeld) 2012. 307 Seiten. ISBN 978-3-8376-1416-9. 29,80 EUR, CH: 49,90 sFr.

Reihe: Edition Kulturwissenschaft - Band 2.
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Spiel ist Lebenshunger

Über Bedeutung (und Bedeutungs- und Sinnlosigkeit) des Spielens wird formuliert, diskutiert, ideologisiert und lamentiert, seit Menschen als vernunft- und sprachbegabte, ein gutes Dasein anstrebende Lebewesen existieren. Die griechischen Philosophen machen bereits darauf aufmerksam, dass Spielen Lernen und Erholung und notwendig für die menschliche Entwicklung ist. In einer seiner Briefe „Über die ästhetische Erziehung des Menschen“ stellt Friedrich von Schiller fest: „Der Mensch ist nur da ganz Mensch, wo er spielt“. Nach Einschätzung von Kulturanthropologen und Philosophen hätte sich die Menschheit ohne den Spieltrieb nicht zu dem entwickelt, was sie heute ist. Nehmen wir diese Auffassung evolutionär und nicht kassandrisch, wird deutlich, welche Chancen und existentielle Möglichkeiten im Spielen vorhanden sind. Wenn das Spiel, wie der Philosoph Eugen Fink (1905 – 1975) es ausdrückte, bei der Daseinsbestimmung und -bewältigung zwischen Himmel und Erde eine „Oase der Glückseligkeit“ darstellt und der Mensch beim Spielen „einen Augenblick lang vom Leben nur das fordert, was es ist, und ihm auch keine andere Zweckbestimmung abverlangt als sich selbst“ (nach: Martine Mauriras- Bousquet, Die Bedeutung des Spiels für den Menschen, in: UNESCO-Kurier 5/1991, S. 8), dann ist spielen zweckfrei und öffnet die Türen hin zur Kreativität und Ästhetik. Ein weiterer Aspekt in diesem utopischen Verlangen ist die Erkenntnis, dass jedes Spiel auf Regeln beruht, die von den Beteiligten gekannt und anerkannt werden müssen, soll nicht Chaos daraus entstehen. Immerhin: Im Spiel vermag sich der Mensch Dinge vorzustellen, die er entweder niemals erleben wird, oder wenn er sie erlebt, nicht vorherzusehen vermag. Wir sind bei einer wichtigen Komponente, nämlich der Phantasie, die menschliches Leben antreiben, steuern und entwickeln wie abzugrenzen vermag von nicht vorstellbaren Wirklichkeiten. Damit berühren wir jedoch gleichzeitig einen Bereich, der zu unterschiedlichen Betrachtungen über die Sinnhaftigkeit, Nützlichkeit und/oder Gefährlichkeit des Spielens Anlass gibt und sich in verschiedenen wissenschaftlichen Theorien darstellt. Der „Ordnung des Spiels“ wird das „Chaos der Leere“ gegenübergestellt, dem Spaß die Manipulation, dem Zeitvertreib die Nutzlosigkeit und den Regeln die Zügellosigkeit.

Der griechische Philosoph Herakleitos (um 550 – 480 v. Chr.) kam bei seinem Nachdenken über die Entstehung der Welt zu der Erkenntnis: „Geburt und Entwicklung des Universums sind Spiel eines Kindes, das seine Steine auf dem Schachbrett herumschiebt. Das Schicksal liegt in den Händen eines spielenden Kindes“; dies hat dem Philosophen Martin Heidegger zu der Interpretation veranlasst: “Warum spielt das Kind, dem Herakleitos das Weltspiel zuschreibt? Es spielt, weil es spielt. Das ‚Warum‘ verschwindet im Spiel. Das Spiel kennt kein ‚Warum‘. Spielend spielt es“. Michel Eyquem Montaigne (1533 – 1592) findet: „Es gilt festzuhalten, dass Kinderspiele keine Spiele sind, sondern als eine ihrer ernstesten Handlungen angesehen werden sollten“. In seinem Erziehungsroman „Emile“ sagt Jean-Jacques Rousseau (1712 – 1778): „Ob er sich damit beschäftigt oder sich unterhält, ist für ihn das gleiche; seine Spiele sind seine Beschäftigung, er sieht keinen Unterschied zwischen ihnen“. Der Schweizer Kinderpsychologe Edouard Claparède (1873 – 1940) lässt eine ganze Kanonade auf diejenigen herab, die die Bedeutsamkeit des Spiels leugnen: „Einen Hauptfehler begeht man, wenn man will, dass ein Kind eine Anstrengung allein aus Pflichtbewusstsein, nur aus Achtung vor der reinen Disziplin leiste. Weil man vergisst, dass das Kind kein erwachsener Mensch ist und dass für das Kind andere Werte als für die Großen zählen… Für das Kind bedeutet Spielen Arbeit, das Gute, die Pflicht und das Lebensideal… Wer von einem Kind eine Arbeitsanstrengung verlangt, die auf etwas anderem als auf dem Spiel gründet, handelt wie ein Narr, der im Frühling einen Apfelbaum schüttelt, um Äpfel zu ernten. Statt Äpfel zu bekommen, fallen die Blüten ab, die im Herbst Früchte tragen sollten“. Und Bezug nehmend auf die Spieltheorie erläutert der französische Soziologe, Literaturkritiker und Philosoph Roger Caillois (1913 – 1978): „Jede Institution funktioniert teilweise wie ein Spiel, weshalb man es auch als Spiel sehen kann, das auf neuen Normen und Regeln gründet und das ein altes Spiel vertreiben müsste. Dieses neue Spiel entspricht anderen Bedürfnissen, kennt andere Spielregeln, ruft nach anderen Tugenden und anderen Fähigkeiten. Von diesem Gesichtspunkt her erscheint eine Revolution als ein Wechsel der Spielregeln“.

Entstehungshintergrund und Herausgeberin

Die Frage nach dem Selbst wird im philosophischen, anthropologischen, pädagogischen, psychologischen, soziologischen und theologischen Diskurs jeweils differenziert gestellt (vgl. dazu: Jürgen Straub, Hg., Der sich selbst verwirklichende Mensch. Über den Humanismus der Humanistischen Psychologie, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13888.php).Es ist das Rätsel der Erkenntnis, das die Bewusstheit des Selbst immer wieder neu auf den Prüfstand stellt (Lawrence LeShan, Das Rätsel der Erkenntnis. Wie Realität entsteht, Heidelberg 2012, 175 S.) Die Frage nach dem Ich stellt sich ebenso im literarischen, ästhetischen und künstlerischen Schaffen, und im alltäglichen Tun. Hier haben wir die Spannweite der Fragestellung: Wenn Spiel Grenzüberschreitung und Brücke bei der Findung und Entwicklung des Subjekts ist, kann der „Begriff des Spiels zur Bestimmung der Medialität im Zusammenhang von Subjektivierungsprozessen operativ (eingesetzt) sowie ausgehend von konkreten Spielen bzw. als Spiel zu begreifenden Praktiken deren Rolle in solchen Prozessen auch medienphilosophisch… reflektieren“? Die mediale Qualität des Spiels ermöglicht demnach sowohl die „Verwischung der Grenze zwischen ästhetischem und ethischem Selbstentwurf“, als auch einer „Reflexion, die es erlaubt, zwischen unvereinbar erscheinenden oder gemeinhin als getrennt empfundenen Bereichen zu vermitteln“. Spiel wird dadurch nicht mehr nur als „diffuses Modell für Prozesse mit offenem Ausgang (verstanden, sondern… JS) Selbstverhältnisse im Bezug auf spezifische Formen des Spiels und die damit verbundenen Spieleigenschaften und Spielerfahrungen sowie mithilfe definierter Ergebnisse, Termini und Konzepte der Spielforschung zu beschreiben“.

Die Literaturwissenschaftlerin beim Internationalen Graduiertenkolleg „InterArt“ an der Freien Universität in Berlin, Regine Strätling gibt den Band „Spielformen des Selbst“ als Ergebnis eines 2008 in Zusammenarbeit mit der Copenhagen Doctoral School in Cultural Studies, Literature, and the Arts durchgeführten Symposiums heraus.

Aufbau und Inhalt

Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Philosophie der Johann Wolfgang Goethe-Universität in Frankfurt/M., Stefan Deines, vermittelt mit seinem Beitrag „Formen und Funktionen des Spielbegriffs in der Philosophie“ einen Überblick über die Verwendung des Phänomens im wissenschaftlichen Diskurs. Dabei stellt er fest, dass „die verschiedenen Verwendungsweisen des Spielbegriffs mit sehr verschiedenen Menschenbildern und Subjektmodellen einhergehen“.

Der wissenschaftliche Mitarbeiter am Institut für Religionswissenschaft der FU Berlin, Mario Bührmann, weist auf „riskante Zwischenräume“ hin, indem er Überlegungen zum Konzept des Spiels bei Johan Huizinga und Victor Turner untersucht. Der Homo Ludens stellt sich in den Theorien der beiden Spieltheoretiker entweder als ordnungsorientierte Chance oder als risikobehaftetes Spannungsverhältnis dar.

Die Medien- und Kulturwissenschaftlerin der Universität Freiburg, Natascha Adamowsky, referiert über die „Kunst des Findens und (dem) Spiel des Zeigens“ als Übungsformen der Subjektivität. Dabei stellt sie der weitverbreiteten Vorstellung, Spielphänomene ließen sich über Begrifflichkeiten wie Grenze und Regel erklären, die Auffassung entgegen, dass „Spiel ein Modus des Intermediären ist“. Es sind die Gesten des Findens und Zeigens, die die Zwitterstellung des Subjekts erkennen lässt: „Der Findende ist zugleich ein Gefundener, seine Gesten des Zeigens sind sowohl von seiner Virtuosität bestimmt wie von der Widerständigkeit des Gezeigten“.

Die Literaturwissenschaftlerin Sandra Markewitz zeigt mit ihrem Beitrag „Spiele des Wissens“ ethische und ästhetische Wissenszuschreibungen am Beispiel des Werks von Ludwig Wittgenstein auf. Die Wittgensteinsche Metapher vom „Sprachspiel“. Die Zusammenhänge von Ethik und Ästhetik machen zwangsläufig aus, dass „kontextuell gerahmte Spiele ( ) Tests (sind) auf ein Selbstgefühl, das sich in der Grammatik gehalten weiß“.

Die wissenschaftliche Mitarbeiterin am Institut für Philosophie der Frankfurter Wolfgang Goethe-Universität, Julia Christ, reflektiert über die „Möglichkeit des Anderen“, indem sie bei Kant und Winnicott nachschaut, wie sich die Dezentralisierung des Subjekts im Spiel gestaltet. Weil Spielen zur Selbstvergewisserung führen kann, bedarf es der Bewusstheit, dass „eine Praxis, die das Spiel als ihr absolut Anderes aus sich ausschließt, (nicht nur sich selbst) zur absoluten Immanenz automatisch sich vollziehender Vorgänge (verurteilt), sondern ( ) auch die Subjekte zu Lebensformen (zwingt), die genau jene Selbstvergewisserung des Subjekts ausschließen“.

Der an der Universität Osnabrück lehrende und als Gastwissenschaftler am Center for Subjectivity Research in Kopenhagen tätige Philosoph Varga Somogy setzt sich mit der philosophischen Kategorie „Als ob“ auseinander und fragt nach deren geteilter Intentionalität. Der Zusammenhang zwischen der Fähigkeit, „Als-ob-Spiele“ zu spielen und der Kompetenz, die Gedanken anderer zu verstehen, wird als „Beeinträchtigungstriade“ bezeichnet, wie sie sich z. B. beim Autismus zeigt. Den Erklärungsmustern der Theory-of-Mind Module (ToMM) setzt er erst einmal vermutete alternative Zuschreibungsformen entgegen.

Der Kölner Soziologe Bernd Ternes gibt einen kurzen Aufriss „zur Genesis und zur Bedeutungsverschiebung des Spiels und der Spielsucht in der Gegenwart aus kultursoziologischer Perspektive“. Es sind die Werte- und Identitätsverschiebungen, die sozial- und psychopathologische Formen wie Spielsucht aufkommen lassen. Die Defizite bei der psychosozialen Integration des Individuums in die Gesellschaft zeigen sich in der Infragestellung von traditionellen Arbeits- und Lebensführungsethiken, den Irritationen, wie sie sich durch die auswuchernden neoliberalen und kapitalistischen Verwertungsmächte ergeben und der Unwahrscheinlichkeit, dass Existenz durch Arbeits- und Bildungsleistungen zu erreichen sei. Suchtverhalten erscheint so als Ausweg aus dem Dilemma von Unsicherheiten und Verunsicherungen: „Das Spiel wird zum ‚Nächsten‘, die Sucht zum Band, das beide, Süchtigen und Spiel, bindet“.

Die Bonner Literatur-, Kulturwissenschaftlerin und Theaterpädagogin Céline Kaiser erkundet in ihrem Beitrag „Spiel und Rahmen in der Theatrotherapie um 1800“. Am Beispiel von Goethes Singspiel „Lila“ und anderer therapeutischen Methoden jener Zeit diskutiert die Autorin die szenischen Versuche, zeigt Irrtümer auf und verweist auf Denk- und Handlungsstrukturen, die sich auch in heutigen Therapietheorien und -praktiken wieder finden, nämlich „die Wiederherstellung des Subjekts in Form eines reflektierten Selbstverhältnisses, das ohne die Wahrnehmung der Rahmung des Spiels nicht zustande kommen kann“.

Der an der TU in Berlin lehrende Literaturwissenschaftler Hans-Christian von Herrmann greift mit seinem Beitrag „Spiel und Maske“ die Formen und Entwicklungen auf, wie sie sich in der Theatralität der digitalen Medien zeigen. Es ist das „Second Life“, das scheinbar und scheinbar unausweichlich zum Premium, zum eigentlichen Leben geriert, zur Maske wird und ununterscheidbar (Lebens-)Maske ist. „Es ist die der Maske eigene Paradoxie, dass in ihr die unsichtbare Innenseite und die sichtbare Außenseite zugleich getrennt und verbunden sind“.

Regina Strätling diskutiert „autobiographische Spielregeln und Spielräume“, indem sie über den Zusammenhang von autobiographischem Schreiben und Spiel nachdenkt. An mehreren Beispielen von Autobiographien arbeitet die Autorin und Herausgeberin Spielregeln heraus, die sich als Medien der Selbstreflexion und Präsentation darstellen.

Der Politik- und Medienwissenschaftler Michael Liebe ist Referent für Neue Medien beim Medienboard Berlin-Brandenburg GmbH. Er fragt in seinem Beitrag „Der Computerspiel-Avatar als Spielform des Selbst?“. Bei der Inszenierung des populären Computerspiels zeigen sich mythologische, fiktive, imaginäre, simulative und regulative Settings und Regelwerke, die das Handeln (und Denken?) des Spielers kontrollieren und bestimmen und virtuelle Identitäten und Identifikationen erzeugen (können); aus unverbindlichem Spiel wird „Avatartum“.

Der Berliner Philosoph und Medientheoretiker Markus Rautzenberg formuliert in seinem Beitrag „Ludische Medialität“ ästhetische Erfahrungen im Computerspiel. Dabei geht es ihm weder darum, Computerspiele zu verteufeln, noch sie als Ausdrucksmittel in unserer medialisierten und digitalisierten Welt zu stilisieren (vgl. dazu: Bernhard Pörksen / Hanne Detel, Der entfesselte Skandal. Das Ende der Kontrolle im digitalen Zeitalter, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13302.php); vielmehr geht es ihm darum, an Beispielen von Computerspielen wie „300“ und „God of War 3“, die gängigen Zuschreibungen und Implikationen zum Begriff „ästhetische Erfahrung“ (und Bildung) durch die Aktionen und Darstellungsformen von Phantasmen, Zufälligkeiten, Gleichzeitigkeiten und Grenzüberschreitungen „zwischen somatischem Leib und virtuellem Raum“ zu erweitern.

Der Bayreuther Juniorprofessor und Fellow am Humanities Center der Harward University, Kyung-Ho Cha, untersucht mit seinem Beitrag „Die Hand des Spielers“ Interpretationen zum Glücksspiel in Walter Benjamins Werk. Das Interesse Benjamins an der Art der Beziehung, die der Mensch zu materiellen Dingen hat, stellt die Grundlage der Auseinandersetzung mit dem Glücksspiel dar. Die Parallelen, die sich zur Spielleidenschaft Benjamins und zur Wortbedeutung „rechte Hand“ (Benjamin bedeutet im Hebräischen: „Sohn meiner rechten Hand“) ergeben, führen zu überraschenden Interpretationen und Schlussfolgerungen, bei denen Begriffe wie „Glück“, „Telepathie“, „Traum“, „Reiz“, „Prophezeiung“ eine neue, ludische Bedeutung erlangen.

Christian Moser, Literaturwissenschaftler an der Universität in Bonn stellt in seinem Beitrag „Profanisierungen des Erinnerns“ Überlegungen zum Zusammenhang von Sammlung, Spiel und Selbstdarstellung an. Das eigenwillige und faszinierende Unternehmen der in den 1920er Jahren berühmten Hollywood-Berühmtheit Colleen Moore, sich von Kunsthandwerkern ein rund zehn Quadratmeter großes, wertvolles Puppenhaus aus Gold, Silber, Perlmutt, Marmor, Alabaster, Seide und Brokat bauen zu lassen, nicht nur, um es zu besitzen, sondern es „zu behausen“, dient dem Autor dazu, den Zusammenhang von Sammlung und (Lebens-)Spiel herauszuarbeiten. Auch Walter Benjamin, wie wir im vorherigen Text schon gesehen haben, sieht im Umgang mit angeeigneten Gegenständen „eine archaische Form des Umgangs mit der Dingwelt“; und der französische Schriftsteller und Ethnologe Michel Leiris beschreibt seine Sammelleidenschaft als Drang zwischen Verlangen und Ordnung, Besitzen und Chaos, mit dem Ziel, „ein Netzwerk von Beziehungen“ zwischen den Sammelobjekten und sich selbst herzustellen.

Der Berliner Literaturwissenschaftler Volker Woltersdorff informiert in seinem Text „Let's Play Master and Servant“ über Spielformen des paradoxen Selbst in sadomasochistischen Subkulturen. Die differenzierten, sagbaren und unsagbaren Zusammenhänge von Sexualität und Spiel werden spätestens seit dem Diskurs über den Wandel der traditionellen Sexualmoral zur „Verhandlungsmoral“ (Gunter Schmidt) diskutierbar, vor allem wenn es um SM-Sexualität geht. Der Autor interpretiert, dass sich die „subkulturellen Selbsttechnologien“ als eine Reaktion auf prekarisierte Existenz, denn „Prekarisierung zwingt zu einem paradoxen Selbstverhältnis, das über die Form des Spiels bewältigbar wird, das aber zugleich eine Grenzsituation des Spiels und des Selbst darstellt“ (vgl. auch: Rolf-Dieter Hepp, Hrsg., Prekarisierung und Flexibilisierung – Precarity and Flexibilisation, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13527.php).

Fazit

„Die Schwierigkeit beim Spiel kommt davon, dass wir unter demselben Namen ganz verschiedenes verstehen… Dieser Zeitvertreib, das Golfen, das Rasenspielen und dieser Gruppentourismus, diese seichte Literatur und die blutarmen Philosophien sind das Maß einer ungeheuren Entsagung, Spiegelbild dieser traurigen Menschheit, die die Arbeit dem Tod vorgezogen hat… Zuerst muss der Grundsatz der neuen Welt bestätigt werden: das Nützliche allein herrscht vor, und das Spiel wird nur geduldet, wenn es nützlich ist“. Die Klage stammt vom französischen Schriftsteller George Bataille (1897 – 1962), die er in der von ihm gegründeten Zeitschrift „Critique“ (Nr. 51/52, August/September 1951) formuliert. Die von Regine Strätling herausgegebene Nachfrage zu „Spielformen des Selbst“ greifen die vielfältigen Aspekte und Fragen nach der Bedeutung des Spiels für die Menschen auf. In der Spannweite von Subjektivität, künstlerischem, ästhetischem Schaffen und Alltagspraxis werden konkrete Spieleigenschaften, -leidenschaften und -erfahrungen auf den wissenschaftlichen Prüfstand gestellt und vorfindbare Forschungsansätze und -ergebnisse präsentiert. Wenn es stimmt, dass der (angeborene?) Spieltrieb gleichbedeutend mit Neugier- und Forschungstrieb ist, hat es Sinn, über theoretische und praktische Phänomene des Spielens nachzudenken, vor allem dann, wie dies Jean-Paul Sartre benannt hat: „Fühlt sich einmal ein Mensch frei und will seine Freiheit gebrauchen, wird seine Tätigkeit vom Spiel gefärbt“ (L'être et le néant, 1948).


Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 23.10.2012 zu: Regine Strätling (Hrsg.): Spielformen des Selbst. Das Spiel zwischen Subjektivität, Kunst und Alltagspraxis. transcript (Bielefeld) 2012. ISBN 978-3-8376-1416-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13887.php, Datum des Zugriffs 08.05.2021.


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