socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Alexander Bogner: Gesellschafts­diagnosen

Cover Alexander Bogner: Gesellschaftsdiagnosen. Ein Überblick. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. 204 Seiten. ISBN 978-3-7799-2821-8. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.

Seit Erstellung der Rezension ist eine neuere Auflage mit der ISBN 978-3-7799-3258-1 erschienen, auf die sich unsere Bestellmöglichkeiten beziehen.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

„Technik – Fluch oder Segen“ lautete in der Jugend von uns heute alten Menschen in den 1950er Jahren oftmals ein Besinnungsaufsatz-Thema. Man konnte sich über Bergbäche, Winterschnee und Wanderwege auslassen und Düsenflugzeuge, Fabrikschlote sowie ratternde Motorräder dagegen setzen. Ein solcher Aufsatz gerät heute nach Tschernobyl und Fukushima zum Horrortrip. Ob eine Gesellschaftsdiagnose mit Etiketten wie Technik-Superstruktur oder Risikogesellschaft sinnvoll ist, untersucht Alexander Bogner in seiner bei Beltz-Juventa erschienenen Schrift „Gesellschaftsdiagnosen“.

Autor

Privatdozent Dr. rer. pol. oec. Alexander Bogner ist Senior Researcher an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften, Institut für Technologiefolgen-Abschätzung. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Umweltsoziologie, der Wissenschafts- und Technikforschung sowie in den Qualitativen Methoden.

Aufbau und Inhalt

In seiner Schrift „Gesellschaftsdiagnosen“ unterscheidet Alexander Bogner einleitend die exaktere soziologische Gesellschaftstheorie von den eher feuilletonistischen Zeitdiagnosen. Er warnt, sich dabei auf eine einzige Bindestrich-Soziologie zu beschränken. Eher sollten solche charakteristischen Benennungen und Kennzeichnungen in der Mehrzahl erfolgen. Folglich handelt Alexander Bogner in den neun weiteren Kapiteln seiner Schrift jeweils einzelne Festlegungen von Gesellschaftsepochen ab.

Aus der Kulturkritik des 19. Jahrhunderts hat sich eine Relativierung aufklärerischer und technologischer Fortschrittsgläubigkeit ergeben. Es braucht einerseits apriorische Wahrheiten jenseits des empirisch Vorfindbaren. Sodann schlagen Egalitarismus, Krisen und Sittenverfall Alarm.

In ihrer Dialektik der Aufklärung führt für die Kritische Theorie der Frankfurter Schule die zu ausschließliche instrumentelle Vernunft in die Katastrophe. Die technische Herrschaft des Menschen über die Natur erweiterte und verdinglichte sich in die zu hinterfragende Herrschaft von Menschen über Menschen.

In der technologischen Gesellschaft überlagert die technische Rationalität alle weiteren Bereiche. Technische Sachzwänge sind das Beherrschende. Ethische Fragen stören da nur. Diese Unterwerfung der Natur durch die Technik wurde bereits in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts kritisiert (u. a. von Friedrich Georg Jünger und von Martin Heidegger).

Die von Ulrich Beck beschriebene Risikogesellschaft leidet unter Groß-Katastrophen und stößt zunehmend auf ihre Ressourcen-Begrenzung. Eine reflexive Moderne mag erträgliche Gestaltungsauswege zeitigen.

In der Sicherheitsgesellschaft gewinnen punitive Repressionen gegen Abweichler zunehmend wieder die Oberhand gegen ambitionierte Resozialisierungsbemühungen. Verurteilt wird nicht mehr die Armut, bestraft werden vielmehr die Armen.

Die auf Gemeinsinn setzende Bürgergesellschaft ist doppelbödig: Sie kontrolliert staatliche Allmacht und befördert somit Freiheit; auf der anderen Seite fungiert sie als Lückenbüßer in einer zurück gefahrenen sozialen Infrastruktur.

Weltweit verbreitet hat sich die effiziente, störungsfrei durchrationalisierte Gesellschaft. Zu schwach sind die Gegenkräfte Spontaneität, Kleinfamilie und Regionalisierung.

Die die Wachstumspostulate hinterfragende ökologische Gesellschaft hat Züge einer zweiten Aufklärung. Ihre Gefahr besteht in ihrer zunehmenden Heterogenität und Kleinteiligkeit.

In der Wissensgesellschaft wird anwendungsbezogenes Wissen zum wichtigsten Produktionsfaktor. Die von Instituten generierten Wissensergebnisse entstehen in netzwerkartiger Kooperation, nicht mehr mittels Forschungshierarchien.

Diskussion

Die „Gesellschaftsdiagnosen“ Alexander Bogners enthalten spannend zu lesende makrosoziologische Aperçus im Grenzgebiet zwischen Soziologie und Sozialphilosophie. Die Erörterungen fußen somit mehr auf einer geistesgeschichtlich orientierten denn auf einer empirischen Soziologie. Zahlenwerke vermeidet das gut lesbare Buch folglich.

Der Autor spinnt trotz seiner sozialphilosophischen und geistesgeschichtlichen Herleitungen als roten Faden das Thema technische Umwälzungen und ihre Wirkungen für die Gesellschaft aus. Im Fokus stehen immer wieder Technikfolgen und ethische Imperative. In diesem Aufeinandertreffen von philosophischen, wertbesetzten Positionen und technologischen Implikationen ergeben sich einsichtsvolle Erkenntnisse zur gesellschaftlichen Steuerung wie mögliche zivilgesellschaftliche Korrekturen an technologischen Sachzwängen und stärkeren partizipativen Möglichkeiten der Bürgerinnen und Bürger im politischen Bereich.

In seiner kategorialen Darstellung geht der Autor bewusst nicht chronologisch vor, sondern arbeitet, wie er es nennt, „diachron“ (Seite 21). Gleichwohl stellt sich die Frage, ob die Kapitel 8 und 10 (Durchrationalisierte Gesellschaft und Wissens-Gesellschaft) nicht doch besser in den Zusammenhang mit Kapitel 4 zur Technologischen Gesellschaft gerückt gehört hätten.

Das Buch referiert in allen Kapiteln Lehrgebäude und Kernaussagen bedeutender soziologischer und sozialphilosophischer Autoren (von Johann Gottlieb Fichte und Friedrich Nietzsche über Martin Heidegger, Max Weber, Arnold Gehlen, Jean Fourastié, Helmut Schelsky, Ralf Dahrendorf, Niklas Luhmann bis zu Ulrich Beck, David Garland und George Ritzer). Wenn diese Rekurse nicht im Fokus der Technikkritik stünden, wäre die Schrift ein soziologisches Einführungs-Lehrbuch.

Einiges verbleibt wohl unklar: Alexander Bogner bleibt mehrfach doch eher in Zeitdiagnosen verhaftet, als dass er zu exakter Gesellschaftstheorie vorstößt, geschweige denn, eine solche aufstellt. Er behilft sich im Niemandsland zwischen Zeitdiagnose und Gesellschaftstheorie mit dem Zwischenbegriff Gesellschaftsdiagnose. Auch werden die Grenzen und Unterschiede zwischen der ersten und der zweiten Moderne nicht exakt vermessen. Das hängt nicht nur mit Bogners bewusst diachronem Aufbau zusammen, sondern ist auch Folge der unterbelichteten politökonomischen Sichtweise.

Die Auswahl der Bindestrich-Soziologien kann man so, wie geschehen, aber sicher auch anders treffen. So kann man sich in einer Abhandlung über „Gesellschaftsdiagnosen“ gewiss auch Erörterungen zur Globalisierung und zum Geldmachtapparat (Hans Jürgen Krysmanski), zu generativen Auseinandersetzungen in alternden Gesellschaften (Martin Kohli) und zur Postdemokratie (Colin Crouch) vorstellen, zu denen Alexander Bogner nichts beigesteuert hat.

Fazit

„Gesellschaftsdiagnosen“ fokussieren ethische Imperative im Hinblick auf die technologischen Errungenschaften auf sozialphilosophischen und soziologischen Grundlagen. Die Schrift macht zugleich mit Lehrgebäuden wichtiger soziologischer Autoren bekannt.


Rezensent
Prof. Kurt Witterstätter
Dipl.-Sozialwirt, lehrte bis zur Emeritierung 2004 Soziologie, Sozialpolitik und Gerontologie an der Evangelischen Fachhochschule Ludwigshafen - Hochschule für Sozial- und Gesundheitswesen; er betreute zwischenzeitlich den Master-Weiterbildungsstudiengang Sozialgerontologie der EFH Ludwigshafen
E-Mail Mailformular


Alle 89 Rezensionen von Kurt Witterstätter anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Kurt Witterstätter. Rezension vom 02.11.2012 zu: Alexander Bogner: Gesellschaftsdiagnosen. Ein Überblick. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. ISBN 978-3-7799-2821-8. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13889.php, Datum des Zugriffs 14.10.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung