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François Höpflinger: Bevölkerungssoziologie

Cover François Höpflinger: Bevölkerungssoziologie. Eine Einführung in demographische Prozesse und bevölkerungssoziologische Ansätze. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. 2., überarbeitete Auflage. 220 Seiten. ISBN 978-3-7799-2604-7. D: 19,95 EUR, A: 20,60 EUR.

Reihe: Grundlagentexte Soziologie.
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Thema

„Bevölkerungssoziologie“ ist konzipiert als ein Lehrbuch, das als Basislektüre für Vorlesungen, Seminare etc. mit einführendem Charakter dienen soll. Es will somit Grundlagenwissen vermitteln. Der Autor beschreibt demographische Prozesse und schlägt dann einen Bogen zu soziologischen Theorien, die einen Erklärungsgehalt für den Bevölkerungsprozess besitzen. Insbesondere werden der soziale Wandel und der demographische Wandel in ihrer wechselseitigen Beziehung gezeigt.

Autor

François Höpflinger (geboren 1948), Professor Dr. phil., ist Titularprofessor für Soziologie an der Universität Zürich. Seine Arbeitsschwerpunkte liegen in der Familiensoziologie, betreffen u. a. gerontologische Fragen und den demographischen Alterungsprozess. Seine Publikationen decken ein weites Spektrum ab. Selbst Belletristik ist in seiner Literaturliste zu finden, wobei es ihm leicht fällt, Science Fiction und Satire mit demographischen Elementen anzureichern. Höpflinger präsentiert sich und seine Familienmitglieder auf einer eigenen Internet-Seite. Wer ihm auch zuhören will, findet hierzu bei youtube Gelegenheit.

Entstehungshintergrund

Bei der „Bevölkerunssoziologie“ handelt es sich um die zweite, überarbeitete Auflage eines erstmals 1997 erschienenen Lehrbuches. Der Autor hat die Überarbeitung sehr gründlich vollzogen. Gegenüber der Erstauflage wurde (1) die empirische Datenbasis demographischer Zeitreihen aktualisiert, wurde (2) der Textteil überarbeitet und erweitert um zusätzliche Kapitel, in denen neuere Trends eingefügt oder vertieft werden, wurde schließlich (3) die Literaturliste nicht nur um ca. ein Viertel erweitert (nunmehr rund 550 Nennungen), sondern auch auf den aktuellsten Stand gebracht. Annähernd zwei von drei der aufgeführten Literaturquellen waren in der Erstauflage noch nicht enthalten.

Aufbau

Zwei Leitideen prägen die Konzeption des Buches. Sie betreffen die räumliche und die zeitliche Dimension, stellen den globalen Charakter demographischer Prozesse und deren langfristige soziale Wirkungen heraus. Diese Basisbotschaften schlagen sich in Aufbau und Proportion der Arbeit nieder. Das Buch ist in sechs Kapitel aufgeteilt.

  • Kap. 1 wirft die Grundfragen des Buches auf, definiert den Bevölkerungsprozess und zeigt die Schnittmengen zwischen Demographie und Soziologie.
  • Kap. 2 konzentriert sich auf die Wechselwirkungen zwischen der Bevölkerungsentwicklung und dem gesellschaftlichen Wandel. Als Basisinformation werden ein historischer Abriss und ein Ausblick der Weltbevölkerung vorangestellt. Die sozialen, wirtschaftlichen und ökologischen Folgen der Bevölkerungsdynamik (Wachstum und Schrumpfung) werden an sozialen, kulturellen und politischen Verhältnissen relativiert.
  • Die nächsten drei Kapitel befassen sich mit den Determinanten des Bevölkerungsprozesses, den natürlichen Bewegungen (Geburten und Sterbefälle) und mit den räumlichen Bewegungen (Wanderungen).
  • Das letzte Kapitel blickt auf eine Resultante des Bevölkerungsprozesses, die innere Zusammensetzung der Bevölkerung und deren Veränderung im Zeitablauf sowie einige Aspekte der demographischen Alterung.
  • In einer Abschlussdiskussion werden noch einmal zentrale Botschaften des Buches zusammengefasst.

Der Aufbau der Arbeit orientiert sich weitgehend an der Systematik des demographischen Prozesses. Über die Beschreibung und demographische Erläuterungen hinaus werden jeweils soziale Konsequenzen und soziologische Erklärungsansätze für demographische Verhaltensmuster skizziert. Ausdrücklich nicht behandelt werden die Bevölkerungspolitik und der formale, methodische Teil der Bevölkerungswissenschaft.

Inhalte

Kapitel 2 nennt Grundprinzipen, die zu berücksichtigen sind, wenn Veränderungen der Bevölkerung (Zahl, innere Zusammensetzung, räumliche Verteilung) mit qualitativen Veränderungen der Gesellschaft in einen kausalen Zusammenhang gebracht werden sollen. Der häufig einseitigen Diskurstradition sozio-demographischer Fragestellungen mit kulturpessimistischen Vorstellungen möchte sich der Autor nicht anschließen. Als wichtigster Bestandteil des Kapitels wird das Modell des Demographischen Übergangs erläutert und bewertet. Insbesondere dessen theoretischer Gehalt und seine Allgemeingültigkeit (Übertragbarkeit auf andere zeitliche und räumliche Situationen) werden kritisch hinterfragt.

Kapitel 3 befasst sich mit den Geburten, mit dem Fertilitätsverhalten und mit Erklärungsversuchen des generativen Verhaltens. Nach einer definitorischen Einleitung folgt ein empirischer Teil, der die Geburtenentwicklung im Europa der letzten Jahrzehnte beschreibt - unter besonderer Berücksichtigung von sozialen Unterschieden im Fertilitätsverhalten. Es folgt eine Übersicht über theoretische Erklärungsansätze zum generativen Verhalten. Sie umfasst wohlstandstheoretische, familientheoretische und mikroanalytische Ansätze. Den letzteren wird besondere Aufmerksamkeit zuteil. Ausführlich werden mikro-ökonomische, sozioökonomische, sozialpsychologische und mikrosoziologische Theorien beschrieben. In all der Vielfalt neuerer Erklärungsversuche wird deutlich, dass es keinen paradigmatischen Konsens über die Erklärung des generativen Verhaltens gibt noch geben wird.

Kapitel 4 betrifft die räumlichen Bewegungen der Bevölkerung, in ganz enger Verbindung zu selektiven Auswirkungen auf die Sozialstruktur und die soziale Mobilität. Eine Typologie der Wanderungsbewegungen umfasst somit nicht nur die räumliche und die zeitliche Dimension, nicht nur die die demographischen Eigenschaften (Alter, Geschlecht etc.) der Wandernden, sondern auch soziale Kriterien und Wanderungsmotive. Der empirische Teil des Kapitels mit einem Abriss bisher bedeutsamer Wanderungsströme befasst sich mit vier Gruppen: überseeische Auswanderungen, vorwiegend in die Neue Welt; die Land-Stadt-Wanderung (Urbanisierung) im Zuge der Industrialisierung; Flucht und Vertreibung in der Folge von Kriegsereignissen und politischen Repressionen; ökonomisch induzierte Gastarbeiter-Wanderungen in Europa. Neuere Trends zeigen, dass sich die Gewichtungen zwischen den einzelnen Migrationsformen verschieben und sich dadurch die sozialen Folgen verändern. Der anschließende Überblick über Ansätze zur Erklärung von Migration (und Sesshaftigkeit) belegt deren Vielfalt – je nach Benutzung der Makroebene (Gravitationsmodelle, Push-Pull-Modelle) oder der Mikroebene (Werterwartungstheorie, Nutzenoptimierung, Biographietheorie). Konsequenzen von Migrationsentscheidungen betreffen nicht nur den Wandernden, in deren Herkunfts- und Zielregionen stellen sich auch demographische, wirtschaftliche und soziale Folgen ein, an denen vordergründig vermutete kulturelle Unterschiede relativiert werden.

Kapitel 5 befasst sich mit dem Sterben, mit der Lebenserwartung und der Überlebensordnung. Zunächst werden wiederum einige theoretische und definitorische Vormerkungen gemacht, ohne den Leser mit der Sterbetafel und deren Tafelfunktionen zu erschrecken. Danach folgt ein empirischer Abschnitt zum historischen Verlauf der Lebenserwartung in Europa – bis hin zu der in den nächsten Jahrzehnten erwarteten Entwicklung. Zwar ist die theoretische Aufarbeitung der Sterblichkeit durch die Demographen eher bescheiden, doch lassen sich durch die gute datenstatistische Lage hilfreiche Ausdifferenzierungen vornehmen, die zu wesentlichen Einsichten führen. Diskutiert wird die differenzielle Sterblichkeit nach dem Geschlecht, nach dem Familienstand, nach der Schichtzugehörigkeit. Ursachengruppen für solche soziale Unterschiede werden benannt. Abschließend werden gesellschaftliche Folgen einer hohen und sicheren Lebenserwartung diskutiert: soziale Planbarkeit des Lebenslaufs und dessen verstärkte Individualisierung. Aus ihnen folgen eine intensive und langfristige Sozialisation, eine Verlängerung der Jugendphase mit der Verschiebung der Familiengründung auf spätere Lebensjahre und schließlich eine spätere kulturelle Alterung.

In Kapitel 6 werden der individuellen Zunahme der Lebenserwartung die demographische Alterung und der sich wandelnde innere Aufbau einer Bevölkerung gegenüber gestellt. Die gesellschaftlichen und die sozialpolitischen Konsequenzen dieser Alterung bestehen in einem hohen Anpassungsdruck der Alterssicherungssysteme, des Gesundheitssystems, der Bildungseinrichtungen u. a. Horrorszenarien vom Krieg zwischen den Generationen verwirft der Autor, eine sozio-kulturelle Verjüngung des Alters ist sein positiver Ausblick auf die demographische Alterung.

Diskussion und Fazit

Dem Autor gelingt es besonders gut, die notorisch theoriearme Demographie und deren dort beschriebenen Verhaltensweisen mit Erklärungsansätzen aus dem soziologischen Bereich zu verbinden und plausibel zu machen. Dies gilt vor allem in den Bereichen Fertilität und Mobilität. Aber auch die nach sozialen Kriterien unternommenen Ausdifferenzierungen der Sterblichkeit, die gesellschaftlichen Folgen von steigender Lebenserwartung und demographischer Alterung vermitteln – trotz fehlender theoretischer Modelle – wesentliche Einsichten. Eine ausführliche Literatur ist souverän in den Text eingearbeitet. Erfreulich ist, dass der Autor als polyglotter Schweizer auch französische Literatur verwendet, die im deutschsprachigen Raum – trotz des hohen Entwicklungsstandes der frankophonen Demographie – eher ein Schattendasein fristet.

Bei aller Wertschätzung dieses Buches möchte ich doch zwei Kritikpunkte anführen, einen inhaltlichen und einen formalen.

Im Kapitel Migration wird die Suburbanisierung, einer der wesentlichen räumlichen Umverteilungsprozesse im Deutschland der letzten fünfzig Jahre, nach meinem Dafürhalten zu kurz abgehandelt. In diesen langen Jahrzehnten hat sich eine Siedlungsstruktur mit hohem Suburbanisierungsgrad aufgebaut, die sich auch durch eine Abschwächung des Prozesses nur sehr träge verändern wird. Diese räumliche Besonderheit ist nicht nur für Geographen, Stadtplaner oder Ökonomen, sondern auch für Soziologen von großer Bedeutung. Denn kleinräumige Wanderungen führten zu einer Entmischung der Bevölkerung auch nach sozialen Kriterien. Soziale Prozesse zeigen eine systematische räumliche Besonderheit. Auch die These, es zeichne sich ein Ende der Suburbanisierung als dominanter Stadtentwicklungsprozess ab, ist zwar in der Tendenz, nicht jedoch in der Größenordnung richtig. Nach wie vor sind in Deutschland die Familienhaushalte die weitaus größte Gruppe der Privathaushalte, und immer noch haben bei den jungen Familien die Städte Wanderungsverluste gegenüber ihrem Umland. Schwankungen des Gesamtwanderungssaldos der Städte sind großen Teils auf andere Ursachen als einen Wertewandel zurückzuführen.

Die Kraft der Empirie macht sich der Autor zunutze, indem er dem Text Materialien in Form von Tabellen und Abbildungen beifügt. Dies ist zu begrüßen, doch ist die Illustrationskraft dieser Materialien verbesserungswürdig. Gerade in der Demographie gibt es zahlreiche Graphiken, mit denen eindringlich funktionale Zusammenhänge zwischen Personengruppen und Verhaltensmustern, mit denen Zeitverläufe bedeutender Trends, mit denen räumliche Muster demographischer Zustände oder Prozesse dem Studenten näher gebracht werden können. Auch die Tabellen im Buch stellen mehrfach eher eine umfängliche Datenquelle denn eine prägnante Informationsquelle dar, deren Inhalt - analytisch zugespitzt – ja eine Botschaft akzentuieren und vermitteln sollte. Das sind aber schon Verbesserungsvorschläge für eine 3. Auflage, die ich dem Autor von Herzen wünsche.


Rezension von
Dr. rer. pol. Hansjörg Bucher
Jg. 1946, Diplom-Volkswirt (Universität Mannheim), Dr. rer. pol. (Westfälische Wilhelms-Universität Münster) war bis 2011 mehr als dreißig Jahre lang in der Politikberatung tätig als Mitarbeiter des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) bzw. dessen Vorgängerinstitutionen BfLR und BBR in Bonn-Bad Godesberg. Er war dort verantwortlich für den Aufbau des Prognosesystems ‚Raumordnungsprognose‘ zur Einschätzung von Eckwerten der künftigen räumlichen Entwicklung – als prospektiver Teil des räumlichen Beobachtungssystems ‚Laufende Raumbeobachtung‘. Seine inhaltlichen Schwerpunkte lagen im regionaldemographischen Bereich, betrafen aber auch die Wohnungsmärkte und die Arbeitsmärkte. Er war langjähriges Vorstandsmitglied in der Deutschen Gesellschaft für Demographie und auch deren Vorgängerin Deutsche Gesellschaft für Bevölkerungswissenschaft
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Zitiervorschlag
Hansjörg Bucher. Rezension vom 05.12.2012 zu: François Höpflinger: Bevölkerungssoziologie. Eine Einführung in demographische Prozesse und bevölkerungssoziologische Ansätze. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. 2., überarbeitete Auflage. ISBN 978-3-7799-2604-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13894.php, Datum des Zugriffs 11.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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