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Hannelore Faulstich-Wieland, Peter Faulstich: Lebenswege und Lernräume

Rezensiert von Prof. Dr. Christiane Vetter, 02.10.2012

Cover Hannelore Faulstich-Wieland, Peter Faulstich: Lebenswege und Lernräume ISBN 978-3-7799-2825-6

Hannelore Faulstich-Wieland, Peter Faulstich: Lebenswege und Lernräume. Martha Muchow: Leben, Werk und Weiterwirken. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. 178 Seiten. ISBN 978-3-7799-2825-6. 16,95 EUR.
Reihe: Juventa Paperback
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Autorin und Autor

Hannelore Faulstich-Wieland ist Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Hamburg mit dem Schwerpunkt Schulpädagogik und Sozialisationsforschung.

Peter Faulstich ist Professor für Erwachsenenbildung am erziehungswissenschaftlichen Institut der Universität Hamburg mit dem Schwerpunkt betriebliche und berufliche Weiterbildung, politische und kulturelle Erwachsenenbildung.

Entstehungshintergrund

Als Professoren der Erziehungs- und Bildungswissenschaft an der Universität Hamburg beschäftigen sich die Autoren in diesem Buch mit dem Werk von Martha Muchow. Muchow hatte als wissenschaftliche Mitarbeiterin von William Stern das Berufsverbot, welches die Nationalsozialisten verhängten, als so einschneidend in ihrem Leben erlebt, dass die 42 jährige begabte Psychologin sich 1933 das Leben nahm. Das Hamburger Institut war zu jener Zeit ein Zentrum für empirische Psychologie und Pädagogik, Kindheits-, Jugend- und Lebenslaufforschung. Die Erinnerung an Martha Muchow ist, so die Autoren, auch ein Anlass, sich mit der Verstrickung der Universität mit dem Nationalsozialismus auseinanderzusetzen (S.9). Martha Muchows Werk bietet ein Verständnis von Psychologie und Pädagogik, das bis heute Anregungen bietet. Muchow gilt als Vordenkerin einer lebensweltbezogenen Theorie menschlicher Entwicklung. Bereits in den 1920er Jahren entwarf sie eine kulturtypologische Entwicklungstheorie, die, so die Autoren, nicht in Vergessenheit geraten soll (S.9). Muchows Studie über die „Lebenswelt des Großstadtkindes 1926-1933“ wurde postum durch ihren Bruder veröffentlicht und von Jürgen Zinnicker 1978 neu herausgegeben. Michael Sebastian Honig und Imke Behnken nehmen 2012 die Spur auf und arbeiten Anregungen für Forschung in der Tradition von Martha Muchow heraus.

Das vorliegende Buch „Lebenswege und Lebensräume“ stellt die Arbeiten von Martha Muchow vor, die sie am psychologischen Institut in Hamburg-, als Empirikerin, als Theoretikerin und Lehrende-, sowie als Fortbildnerin von Fürsorgerinnen, Kindergärtnerinnen und Jugendleiterinnen geleistet hat. Die Autoren bieten Informationen über die Wirkungsgeschichte Muchows, über Quellen- und Sekundärliteratur sowie über pädagogische Forschung.

Aufbau

Das Buch umfasst 5 Kapitel.

  1. Kapitel 1 befasst sich mit ihrem Studium und den daran anschließenden beruflichen Tätigkeiten.
  2. Kapitel 2 fasst die Schwerpunkte ihrer insgesamt 71 erhaltenen Publikationen zusammen: Begabungsforschung, Fragen zur Gestaltung von Schule und entwicklungspsychologische Erkenntnisse für die Kindergartenpädagogik. Dazu setzte sie sich intensiv mit der Montessori- und Fröbelpädagogik auseinander. Im Kontext ihrer Dissertation beschäftigte sie sich mit den psychologischen Perspektiven des Erziehens und fundierte damit die pädagogische Psychologie. Mit der Studie über das Großstadtkind eröffnete sie Sichtweisen zur Bedeutung des Lebensraums für die Entwicklung des Kindes und seine Bildungsprozesse.
  3. In Kapitel 3 wird auf ihre Forschungsmethoden Bezug genommen.
  4. Kapitel 4 zeigt die Rezeption von Muchows Werk.
  5. Kapitel 5 enthält eine umfangreiche Bibliografie, die grundlegendes Quellenmaterial anbietet.

Inhalt

Die Kapitel geben Auskunft über das Leben Martha Muchows (1892-1933), das vom Ende des Kaiserreichs und der Weimarer Republik bestimmt war. Sie hatte das Glück, das Lyzeum zu besuchen und bestand 1913 ihre Lehramtsprüfung. Als Berufsanfängerin besuchte sie Veranstaltungen des „psychologischen Laboratoriums“ am Seminar für Philosophie in Hamburg. So kam sie mit experimenteller Pädagogik in Kontakt und lernte William Stern kennen. Unter Stern wurde die psychologische Fakultät 1919 Teil der neugegründeten Universität in Hamburg. Muchow promovierte bei Stern und erhielt Lehraufträge am Institut. Sie betreute auch das sozialpädagogische Praktikum für Lehramtsstudenten. Studierende beeindruckte sie mit ihrer Persönlichkeit und ihrem Fachwissen. Sie hatte mit ihrem Bruder Hans Heinrich Kontakt zur Jugendbewegung und schätzte die Settlement-Bewegung. Eine Freundin verschaffte ihr Zugang zum Fröbelverband, und ab 1927 unterrichtete sie Psychologie für angehende Jugendleiterinnen am Hamburger Fröbelseminar. Im Zuge eigener Fortbildungen lernte sie in der Schweiz Jean Piaget kennen. Ab 1930 erhielt sie internationale Anerkennung, verbunden mit einer Einladung zu einem Studium in den USA, um amerikanische Methoden psychologischer Forschung kennen zu lernen. Im psychologischen Laboratorium hatte sie Intelligenzforschung betrieben und publizierte Forschungsergebnisse zu Intelligenztests, denn die sogenannte Begabtenförderung war zu der Zeit ein wichtiges Thema. Muchow warnte vor dem Intelligenztest als diagnostischem Mittel, um Begabung festzustellen. Begabung sei mehr als eine übermäßige kognitive Leistung des Kindes und nicht allein mit einem Test zu erfassen. Sie warnte vor der Gefahr der Segregation, wenn Kinder ausgelesen werden. So beeinflusste sie schulpsychologische diagnostische Fragestellungen und Fragen zur Gestaltung von Schule, um jedes Kind zu fördern und die Schulanforderungen und Zeugnisse kritisch zu reflektieren. Des Weiteren publizierte sie über pädagogische Theoriebildung. Wissenschaft habe zu klären, welche gesellschaftliche und kulturelle Funktion Erziehung habe. In Bezug auf das kleine Kind vermittelte sie entwicklungspsychologische Kenntnisse an Erzieherinnen im Kindergarten. Muchow wies auf die Differenz hin, die das Kind und seine Bedürfnisse auf der einen Seite und die Frage nach dem Ziel von Erziehung auf der anderen Seite betraf. Die Eigentätigkeit des Kindes galt es zu erfassen und die kindliche Weltdeutung ernst zu nehmen. Mütter sollten durch Kindergärten und Krippen unterstützt werden, weil diese kompensatorische Aufgaben erfüllen.

1929 stellte Muchow Ergebnisse ihrer Großstadtstudie in einem Vortrag für Fürsorgerinnen vor. Zentrale Thesen waren, dass die Entwicklung des Kindes und Jugendlichen nicht nur intrapsychisch betrachtet werden sollte, sondern von der Lebensraumerfahrung geprägt sei. Die Lebenswelt des Kindes wirke sich aus, doch in welcher Weise, das könne nur vom Kind her bestimmt werden. Erlebte und gelebte Welterfahrung sei, so Muchow, Ergebnis eines Konstruktionsprozesses, bei dem die subjektive Wahrnehmung im Mittelpunkt stehe. Erstaunlich aktuell erscheint die von Martha Muchow entwickelte Kategorie des Raumes, die für erzieherische Prozesse von hoher Relevanz ist. Dabei hatte Muchow ihre Raumtheorie empirisch ermittelt und für jeden Aspekt eigene Forschungsmethoden entworfen. Sie unterschied in:

  1. den Raum, in dem das Kind lebt. Die Kinder trugen ihre Aufenthaltsorte in Stadtpläne ein, so dass Muchow erkannte, wo sich Kinder aufhalten. Sie erfragte auch das Alter und Geschlecht des Kindes.
  2. den Raum, den das Kind erlebt. Dazu führte sie Befragungen durch und bat Kinder Aufsätze zu schreiben, die davon erzählten, wie sie den Sonntag verbringen.
  3. entdeckte Muchow den Raum, den das Kind lebt. Dazu beobachtete sie die Kinder an bestimmten Orten und beschrieb, wie sie den Ort für Bildungsprozesse nutzen. Im Warenhaus probierten sie beispielsweise das Einkaufen, wie sie es bei Erwachsenen beobachten.

Diskussion

Den Autoren gelingt es, die Beschäftigung mit dem Werk Martha Muchows anregend und nachdenklich darzustellen. Sie lassen erkennen, wie sehr es Martha Muchows Anliegen gewesen sein muss, empirisch gewonnene und theoretisch aufbereitete Fragestellungen für pädagogische und sozialpädagogische Aufgaben fruchtbar zu machen. Das forschende Lernen bekommt, diese Ansicht teile ich, Konturen. Soziale Phänomene in ihrer Besonderheit und Geschichtlichkeit auf gesellschaftliche Verhältnisse zu beziehen, bietet einen angemessenen Interpretationsrahmen für erzieherische Problemstellungen. Passende Forschungsmethoden entwickeln und die Forschungsergebnisse in ihrer Relevanz für den Zweck zu reflektieren, erscheint mir ebenfalls wichtig. Lebenswirklichkeit kann im Alltag erforscht werden, wenn die Haltung der teilnehmenden Beobachtung mit hermeneutischer Reflexion verbunden ist. Die Autoren eröffnen den Blick für Problemstellungen, wie beispielsweise die Deutungskompetenz wissenschaftlicher Forschung und die Einflussfaktoren des Raumes (Umwelt, Wohn- und Lebenssituation, Handlungsräume) auf die subjektive Wahrnehmung der Wirklichkeit (S.164).

Fazit

Ich habe das Buch „Lebenswege und Lernräume“ mit großem Gewinn gelesen und bin neugierig geworden auf Martha Muchow. Die Autoren bieten einen interessanten Leitfaden, eine Wissenschaftstradition wiederzuentdecken und an eine Person zu erinnern, die für Soziale Arbeit von großer Bedeutung war. Das Buch empfiehlt sich allen, die im sozialpädagogischen Kontext als Studierende und Lehrende wirken. Es bietet Einsicht in die Notwendigkeit lebenswelttheoretischer Praxisforschung.

Rezension von
Prof. Dr. Christiane Vetter
Leiterin der Studienrichtung Soziale Arbeit in der Elementarpädagogik an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg Stuttgart
Website

Es gibt 63 Rezensionen von Christiane Vetter.

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Zitiervorschlag
Christiane Vetter. Rezension vom 02.10.2012 zu: Hannelore Faulstich-Wieland, Peter Faulstich: Lebenswege und Lernräume. Martha Muchow: Leben, Werk und Weiterwirken. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. ISBN 978-3-7799-2825-6. Reihe: Juventa Paperback. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13895.php, Datum des Zugriffs 28.06.2022.


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