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Selbstbestimmt Leben Innsbruck – Wibs (Hrsg.): Das Mutbuch (Frauen und Männer mit Lernschwierigkeiten)

Cover Selbstbestimmt Leben Innsbruck – Wibs (Hrsg.): Das Mutbuch. Lebensgeschichten von Frauen und Männern mit Lernschwierigkeiten. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2012. 88 Seiten. ISBN 978-3-940865-42-7. D: 9,00 EUR, A: 9,00 EUR, CH: 11,00 sFr.
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Thema

Frauen und Männer mit Lernschwierigkeiten erzählen in dem zu besprechenden Mutbuch ihre Lebensgeschichten. Die zu besprechende Publikation soll Mut machen. Unter Berücksichtigung der geltenden Menschenrechte sollen Menschen mit Lernschwierigkeiten so leben können, wie sie leben wollen.

Herausgeber

Die zu besprechende Publikation wird vom Bundessozialamt Landesstelle Tirol aus Mitteln der Beschäftigungsoffensive der Österreichischen Bundesregierung finanziert. Die Herausgeberin ist Wibs und das heißt „Wir informieren, beraten und bestimmen selbst“. Bei Wibs handelt es sich um eine Beratungsstelle von und für Frauen und Männer mit Lernschwierigkeiten.

Aufbau

  • Rosalinde Scheider: Meine eigene Kapitänin sein
  • Johannes Georg: Irgendwann will ich bei meiner Freundin leben
  • Agatha Müller: Es gibt sehr viele Fotos von mir als Baby und als Kind
  • Martin B.: Meine Geschichte heißt Lebensgeschichte
  • Jessica Sonnenschein: Zahltag
  • Sebastian Siemaier: Dunkelhaft
  • Elfriede Brauner: Was ich schon erlebt habe und noch erleben werde
  • Kurt Halbeisen: Ich habe es geschafft!
  • Willibald Jodokus: 3 lange, spannende und abwechslungsreiche Jahre. Meine Lehre zum Bürokaufmann
  • Melanie Hupfauf: Sie sagen, Ordnung muss sein!
  • Marianne Schulze: Nachwort: Mut!

Inhalt

In der Einleitung, die den zehn Lebensgeschichten vorausgeht, lesen wir:

  • wer das Mutbuch geschrieben hat;
  • warum das Mutbuch geschrieben wurde;
  • was im Mutbuch geschrieben steht;
  • wie die Lebensgeschichten geschrieben wurden;
  • welche Ängste es beim Aufschreiben der Lebensgeschichten gab;
  • warum die Autorinnen und Autoren unter einem Pseudonym ihre Lebensgeschichten verfasst haben;
  • was ein Nachwort ist und
  • warum auf Bilder verzichtet wird.

Der nun folgende Blick in drei Lebensgeschichten soll einen Einblick in den Inhalt der Publikation bieten.

In der ersten Lebensgeschichte lernen wir die in den 70er Jahren geborene Rosalinde Scheider kennen.Sie bezeichnet sich fast schon als Oldtimer. Die Autorin hat als Kind das Sprechen und Laufen unter erschwerten Bedingungen erlernt. Ärztlicherseits wurde ihr gesagt, dass sie keine Harre bekommt. Alles hat sich nicht bewahrheitet. Mit drei Jahren konnte Scheider laufen, mit vier bzw. fünf Jahren sprechen und mittlerweile erfreut sie sich an schönen Haaren.

Nach Werkstattarbeit und Wohnen in einem Wohnheim, mit allen negativen Konsequenzen, lebt sie nun in einer eigenen Wohnung und ist auch auf der Arbeit ihre eigene Kapitänin.

Johannes Georg ist über 40 Jahre alt, hat vier jüngere Geschwister und seine Behinderung ist das Resultat einer Erkrankung an Keuchhusten im Alter von 6 Jahren. Der Autor strukturiert seine Lebensgeschichte in:

  • seine Kindheit;
  • seine Arbeit in der Werkstatt;
  • seine Wohnverhältnisse;
  • seinen Wunsch für die Zukunft.

Agatha Müller ist 31 Jahre alt. Ihre Behinderung rührt aus einem Sauerstoffmangel während des Geburtsvorganges her. Aufgewachsen ist sie mit zwei Brüdern auf dem Land. Mit vier Jahren ist sie in ein Behindertenheim gekommen. Hier ist alles all inclusive: Kindergarten, Schule, Therapie. Die heimeigene Sonderschule hat die Autorin besucht. Seit Herbst 2009 arbeitet die Verfasserin als Beraterin.

Diskussion

Warum konnten die Autorinnen und Autoren ihre Lebensgeschichten nicht unter ihrem Namen veröffentlichen? Johannes Georg schreibt auf Seite 12, warum er seinen richtigen Namen nicht nennen will: „Wenn ich meinen richtigen Namen sage, habe ich Angst, dass sich die BetreuerInnen aufregen.“ Die Angst vor behinderten- oder heilpädagogischen Sanktionen – wie sie gegenwärtig Behinderte erfahren, wenn sie sich nicht wie die Musterkrüppelchen (dankbar, lieb, ein bisschen blöd, aber leicht zu verwalten) verhalten – schwingt hier wohl leider mit! Typisch auch das Procedere in der Werkstatt: „Wenn jemand aufs Klo muss und die BetreuerInnen gerade keine Zeit haben, muss er oder sie warten. Damit wir nicht so oft während dem Arbeiten aufs Klo gehen müssen, gehen alle, die Unterstützung brauchen, aufs Klo bevor wir zu arbeiten beginnen.“ Vor der Arbeit muss also – und das ist sicher nicht der Gesundheit förderlich – herausgepresst werden, was zu diesem Zeitpunkt noch gar nicht richtig verdaut ist!

Bemerkenswert auch Georgs Unterscheidung zwischen AssistentInnen und BetreuerInnen. Erstgenannte sind feiner als Letztgenannte. „AssistentInnen tun das, was ich ihnen sage. BetreuerInnen tun nicht das, was ich ihnen sage. Bei den BetreuerInnen muss ich das tun, was die BetreuerInnen sagen.“ (S. 19)

Fazit

Biographien sind immer interessant und lohnenswert zu lesen. In diesem Sinne sind die in dem besprochenen Buch aufgeschriebenen Lebensgeschichten von Menschen mit Lernschwierigkeiten lesens- und interpretationswert. Dort ist viel drin, was die herkömmliche heil- und behindertenpädagogische Professionalität – und die Diskussion zeigt das ja auch – an manchen Stellen infrage stellt.


Rezensent
Dr. Carsten Rensinghoff
Dr. Carsten Rensinghoff Institut - Institut für Praxisforschung, Beratung und Training bei Hirnschädigung, Leitung: Dr. phil. Carsten Rensinghoff, Witten
Homepage www.rensinghoff.org
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Zitiervorschlag
Carsten Rensinghoff. Rezension vom 28.09.2012 zu: Selbstbestimmt Leben Innsbruck – Wibs (Hrsg.): Das Mutbuch. Lebensgeschichten von Frauen und Männern mit Lernschwierigkeiten. AG SPAK Bücher (Neu Ulm) 2012. ISBN 978-3-940865-42-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13906.php, Datum des Zugriffs 23.01.2018.


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