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Reinhard Markowetz, Jürgen Schwab (Hrsg.): Die Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule

Cover Reinhard Markowetz, Jürgen Schwab (Hrsg.): Die Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule. Inklusion und Chancengerechtigkeit zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2012. 304 Seiten. ISBN 978-3-7815-1873-5. D: 21,90 EUR, A: 22,60 EUR.
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Thema

„Kinder und Jugendliche wachsen in einer sich dynamisch verändernden Welt auf. Was brauchen sie und welche Chancen bieten ihnen Schule und Jugendhilfe, um zu selbsttätigen und kreativen Entwicklern ihrer Zukunft werden zu können?“ Und „Die politischen Signale stehen seit geraumer Zeit auf mehr Zusammenarbeit zwischen den ungleichen Geschwistern, um dies besser zu erreichen.“ Mit diesen Worten wirbt der Klinkhardt-Verlag für die vorliegende Veröffentlichung, und die Verlagswerbung trifft ins Zentrum: Seit bald 20 Jahren wird in der Jugendhilfe – und hier vor allem in der Kinder- und Jugendarbeit – eine intensive Diskussion darüber geführt, in welcher Art und Weise und vor allem zu welchen Konditionen eine (vom Gesetzgeber im Übrigen geforderte) Kooperation der Kinder- und Jugendhilfe mit Schule möglich ist. Zugespitzt wird das Erfordernis, sich unter Wahrung eines eigenen (jugendhilfespezifischen) Profils in Kooperationen zu begeben, durch die im Zuge der PISA-Debatte einerseits neu angefachte Notwendigkeit von Schule, sich anders zu organisieren, und andererseits die von Politik meist mit dem Etikett der „Zusammenarbeit von Schule und Jugendarbeit“ verklausulierte Inpflichtnahme für Zwecke der Schule. Erfahrungen, die in diesem Zeitraum mit der Kooperation von Jugendhilfe und Schule gesammelt werden konnten, können dabei dienlich sein, diese Zusammenarbeit gegebenenfalls gelingender und niveauvoller zu gestalten. Einen weiteren Beitrag hierzu will die vorliegende Sammlung „Die Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule. Inklusion und Chancengerechtigkeit zwischen Anspruch und Wirklichkeit“ leisten, die sich einpasst in eine Reihe ähnlicher Veröffentlichungen, z. B. Fuchs: „Jugendarbeit und Schule in Kooperation. Von der Ganztagsbetreuung zur Ganztagsbildung“, Konstanz 2005 (vgl. www.socialnet.de/rezensionen/3670.php), Deinet und Icking: „Jugendhilfe und Schule. Felder – Themen – Strukturen, Opladen 2006“ (vgl. www.socialnet.de/rezensionen/4019.php), Spies und Pötter: „Soziale Arbeit in Schulen. Eine Einführung“, Wiesbaden 2011 (vgl. www.socialnet.de/rezensionen/8183.php), Braun und Wetzel: „Soziale Arbeit in der Schule“, München 2006 (vgl. www.socialnet.de/rezensionen/4327.php) oder Deinet und andere: „Jugendarbeit zeigt Profil in der Kooperation mit Schule, Opladen 2009 (vgl. www.socialnet.de/rezensionen/8086.php).

Herausgeber

Dr. Reinhard Markowetz ist Real- und Sonderschullehrer sowie Diplompädagoge und als Professor für Sozialpädagogik Ordinarius für Pädagogik bei geistiger Behinderung und Pädagogik bei Verhaltenstörungen an der Ludwig-Maximilians-Universität München.

Dr. Jürgen E. Schwab ist Sozial- und Diplompädagoge und als Professor für Bildung und Sozialisation an der Katholischen Hochschule Freiburg tätig; er leitet dort auch das Zentrum für Bildung und Sozialisation (ZeBuS).

Aufbau und Inhalt

In der Sammlung werden 16 Beiträge vereint, die (auf Wunsch des Verlages) um vier weitere Veröffentlichungen ergänzt werden, die online abgerufen werden können. Mit einem systematisierenden Blick auf den Band lassen sich vier Perspektiven identifizieren, die dem Band Struktur verleihen:

  1. Grundsätzlicherer Natur sind die Beiträge von Clemens Dannenbeck (Professor für Soziologie und Soziwlwissenschaftliche Methoden in der Sozialen Arbeit an der Hochschule Landshut), der „Jugendhilfe und Schule auf dem Weg zu inklusiven Verhältnissen“ reflektiert (S. 16 – 27), Clemens Hillenbrand (Professor für Pädagogik und Didaktik an der Universität Oldenburg) mit Überlegungen zu „fachwissenschaftlichen Aspekte(n) und Brennpunkte(n)“ in der Kooperation, die im Lichte auch internationaler Erfahrungen reflektiert werden (S. 114 – 126), Christoph Steinebach (Professor für Angewandte Entwicklungspsychologie an der Hochschule Zürich) und Ursula Steinebach (Dozentin der an der Fachschule für Sozialpädagogik in Hegne/Baden-Württemberg), die das Thema der Kooperation in die Debatte zur Resilienzförderung einordnen (S. 241 – 254), sowie Reinhard Markowetz, der Freizeiterziehung und -bildung in den Kontext zu Überlegungen lebenslangen „Lernen des Lebens“ stellt (S. 255 – 274).
  2. Der Kooperation von Kinder- und Jugendarbeit bzw. Schulsozialarbeit mit Schule kommt auch in diesem Band ein Schwerpunkt zu. Sechs Beiträge befassen sich mit Perspektiven und Stellschrauben dieser Zusammenarbeit, die – rein zeitlich gesehen – als durch de intensivsten Erfahrungen im Umgang miteinander ausgezeichnet ist: Ulrich Deinet (Professor für Didaktik und Methoden der Sozialpädagogik an der Fachhochschule Düsseldorf) und Richard Krisch (Referent für Pädagogische Grundlagenarbeit im Verein Wiener Jugendzentren) gehen der sozialräumlichen Öffnung von Schule nach S. 181 – 201), Jürgen E. Schwab identifiziert Bedarfe, Herausforderungen und konzeptionelle Entwicklungsprozesse in der Kooperation von Kinder- und Jugendarbeit und Schule (S. 28 – 56), Ralf Göppel (Professor für Allgemeine Pädagogik an der Pädagogischen Hochschule Freiburg) setzt sich mit den „Bildungsambitionen der Jugendarbeit“ im Verhältnis zum „traditionelle(n) Bildungsmonopol der Schule“ auseinander (S. 57 – 89), Wolf-Rüdiger Wilms (bis 2006 Professor für Sozialpädagogik an der Pädagogischen Hochschule Heidelberg) wirft einen „kritische Blicke“ auf die Konzepte von Ganztagsschule und Schulsozialarbeit (S. 202 – 211), Eva Lang (Schulleiterin an der Freien Dualen Fachschule für Pädagogik, Stuttgart) fragt danach, welche Perspektiven Jugendbildungsansätze im Konzept von Ganztagsbildung haben können (S. 212 – 221) und Anke Spies (Professorin für Erziehungswissenschaft an der Universität Oldenburg) schließlich beleuchtet Kooperationsbeziehungen aus dem Blickwinkel eines konkreten Projekts, der Schüler/innen-Firma „Girls Work“ (S. 222 – 240).
  3. Im weitesten Sinne bildungspolitische Implikationen beleuchten die Beiträge von Heinz­-Jürgen Stolz (wissenschaftlicher Referent bei Deutschen Jugendinstitut/DJI), der Kinder- und Jugendhilfe und Schule im Konzeptrahmen lokaler Bildungslandschaft einordnet (S. 90 – 113), Stefan Maykus (Professor für Soziale Arbeit an der Hochschule Osnabrück), der den Versuch unternimmt, Bildungsansprüche und -realitäten in der Kinder- und Jugendhilfe im Lichte des 20 Jahre alten Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG) einzuordnen (S. 144 – 162), und Peter Marquardt (Leiter des Amtes für Soziale Dienste der Hansestadt Bremen), der (durchaus im Lichte seiner auch praktischen Erfahrungen) mit einigen Überlegungen „zu Inhalten, Handlungsfeldern und Strukturen einer effektiven Kooperation“ zwischen Schule und Kinder- und Jugendhilfe aufwartet (S. 162 – 180).
  4. Interessante und über den gewohnten Rahmen hinausgehende Beobachtungen speisen darüber hinaus drei weitere Beiträge ein: Hiltrud Loeken (Professorin für Soziale Arbeit an der Evangelischen Hochschule Freiburg) spürt der Kooperation von Allgemein-, Sonder- und Sozialpädagogik im Umgang mit schulischen Verhaltensproblemen nach (S. 127 – 144) und thematisiert damit eine von Praktikerinnen und Praktikern als zentral benannte „Baustelle“ auch der Kooperation: „Geht man davon aus“, schreibt die Autorin, „dass die Problemlagen von Kindern und Jugendlichen mit schwerwiegenden Verhaltensproblemen und ihrer Familien meist sehr komplex sind und oft schon verschiedene Helfersysteme auf den Plan gerufen haben, deren Bemühungen aber teilweise ins Leere laufen, abbrechen oder sich gegenseitig behindern, kann die Antwort nur im beständigen Bemühen um konstruktive Kooperation liegen“. Loeken appelliert, „eine Kultur der Vielfalt von Kompetenzen verschiedener Professionen zu entwickeln“ (S. 140). Im Lichte einer Studie beleuchten Christoph Käppler (Professor für emotionale und soziale Entwicklung an der TU Dortmund) und Ramona Thümmler (wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Pädagogischen Hochschule Ludwigsburg) den Umgang mit Problemen in der sozialen und emotionalen Entwicklung von Schülerinnen und Schülern, wobei sie als Bezugspunkt zwar die Lehrkräfte und ihre Strategien des Umgangs wählen, dabei aber deren Erfahrungen mit anderen Fachkräften, und insoweit mit Kinder- und Jugendhilfe, diskutieren (S. 275 – 287). Der Umgang mit so genannten „schwierigen Kindern“ und die Unterstützung deren Eltern steht auch im Fokus des Beitrages von Werner Baur (Leiter der Janusz-Korczak-Schule und der Sonderberufsfachschule in Kirchheim/Teck), der Erfahrungen aus einem Praxisentwicklungsprojekt hierzu reflektiert.

Wie bereits erwähnt ergänzen vier online-Beiträge – von Clemens Dannenbeck und Georg Staudacher (Geschäftsführer des Vereins Spielratz e. V., München): „Dabei sein ist alles? – Inklusion im Jugendalter. Mit einem Praxisbeispiel für inklusive Qualitätsentwicklung“; Stefanie Sosa y Fink (wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Katholischen Hochschule Freiburg): „Wie wirkt sozialpädagogische Begleitung von Schülerinnen und Schülern am Übergang von der Schule in den Beruf? Ergebnisse der Wissenschaftlichen Begleitung des Projekts PUSH“; Thomas Heckner (Schulleiter und Geschäftsführer der Flex Schulen): „Die Flex Fernschule“; sowie Carmen Dorrance (wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Katholischen Universität Eichstädt-Ingolstadt) und Clemens Dannebeck: „Auf Herz und Rampen geprüft – Kinder- und Jugendarbeit mit inklusiven Anspruch“ – den Band.

Zielgruppen

Anzunehmen ist, dass sich die Sammlung sowohl an Fachkräfte im Kooperationsalltag als auch an Leitungskräfte aus Jugendhilfe und Schulbehörden wendet. Diese Zielgruppen erhalten Material, das Positionen reflektieren (und ggfs. relativieren) helfen kann.

Diskussion und Fazit

Vorweg: Auch die vorliegende Sammlung ist ein wichtiger Schritt, Relationen zwischen Schule und Kinder- und Jugendhilfe abzubilden und realistisch einzuschätzen. Die Darlegung ist überwiegend angemessen, reflektiert die Zugänge der unterschiedlichen Akteure und Akteurinnen und ermöglicht eine differenzierte Einschätzung gegebener Problemstellungen.

Deshalb: Auch die vorliegenden Beiträge verdeutlichen, dass sich die Kooperation von Kinder- und Jugendhilfe und Schule auf die in der Regel bildungspolitisch herangetragenen Ansprüche, kooperieren zu sollen, ja, zu müssen, verengt. Die in ihrer Gesamtheit aufschlussreichen Überlegungen der Autorinnen und Autoren helfen zu verstehen, dass Sozialer Arbeit im Gewande der Kinder- und Jugendhilfe die eine Funktion zukommt, kompensatorisch bzw. assistierend in den Prozesslogiken von Schule zu agieren. Bildungstheoretisch und sozialpädagogisch begründete Träume einer eigenständigen Position im Bildungsgarten sind als „ausgeträumt“ zu bezeichnen. Deutlich wird auch, dass Kooperation vor allem „Kooperation“ zwischen Schule und Kinder- und Jugendarbeit darstellt und insoweit – kritisch gelesen – eine instrumentelle Verfügbarkeit des durch Offenheit, Freiwilligkeit und Teilhabe gekennzeichneten Handlungsfeldes betont. Kinder- und Jugendarbeit, ansonsten im Geflecht der Kinder- und Jugendhilfe selbst eher fünftes Rad am Wagen, kommt hier, wie auch die entsprechenden Beiträge andeuten, insbesondere eine kompensatorische Funktion an den Bruchstellen zu, wenn es um Integration als „auffällig“ gelabelter Schülerinnen und Schüler geht.

Die Beiträge weisen auch darauf hin, dass es im Diskurs um Kooperation „auf Augenhöhe“ in der Kinder- und Jugendhilfe genuin ein Zu-Wenig an theoretischer Rahmung gibt (siehe z. B. die zitierte Einschätzung Hiltrud Loekens) – gäbe es sie, so würde die Vergeblichkeit so mancher Bemühung offenbar werden, mit Schule etwas Neues aufbauen zu wollen, zum Beispiel eine Platzierung von Schule in Gemeinwesen zu ermöglichen: die Traditionen, Rituale und Praxen von Schule als eingerichtetem System kommen (auch empirisch) viel zu kurz, um niveauvoll eine Theorie und (lokale) Praxis der Integration beider (Bildungs- und Sozial-) Systeme zu ermöglichen.

An dieser (Soll-) Bruchstelle endet die Argumentation. Interessant sind die Facetten, die die Autorinnen und Autoren zur Diskussion über Kooperation beisteuern, aufschlussreich sind Nuancen (z. B. das Beziehungsdreieck „Familie, Schule und Jugendhilfe schaff[t] Kompetenzen“, S. 251f), an der „Sprachlosigkeit“ in der Kommunikation ungleicher „Partner/innen“ kann es nichts ändern. Insoweit handelt es sich bei der vorliegenden Sammlung um hilfreiches Material, die „Arbeit der Zuspitzung“ an einer Theorie der Kooperation, die erst noch zu leisten ist, zu unterstützen. Dafür ist der von Reinhard Markowetz und Jürgen E. Schwab vorgelegte Band hilfreich.


Rezensent
Prof. Dr. Peter-Ulrich Wendt
Hochschule Magdeburg/Stendal
Homepage www.PUWendt.de
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Zitiervorschlag
Peter-Ulrich Wendt. Rezension vom 13.03.2013 zu: Reinhard Markowetz, Jürgen Schwab (Hrsg.): Die Zusammenarbeit von Jugendhilfe und Schule. Inklusion und Chancengerechtigkeit zwischen Anspruch und Wirklichkeit. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2012. ISBN 978-3-7815-1873-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13917.php, Datum des Zugriffs 21.07.2017.


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