socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Angela Plass, Silke Wiegand-Grefe: Kinder psychisch kranker Eltern

Cover Angela Plass, Silke Wiegand-Grefe: Kinder psychisch kranker Eltern. Entwicklungsrisiken erkennen und behandeln. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2012. 217 Seiten. ISBN 978-3-621-27914-7. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 47,90 sFr.

Reihe: Risikofaktoren der Entwicklung im Kindes- und Jugendalter.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema

Die epidemiologische Tragweite der Thematik „Kinder und ihre psychisch kranken Eltern“ lässt sich auch aus den bisher gemachten Erkenntnissen wissenschaftlicher Studien ableiten: In Fachkreisen wird davon ausgegangen, dass im Verlauf eines Jahres mindestens 4,5 Millionen der in Deutschland lebenden Erwachsenen an einer behandlungsrelevanten psychischen Störung erkranken. Die Autorinnen der hier vorgestellten Publikation nennen eine Zahl von etwa 3 Millionen Kindern, die ihrerseits wiederum einen psychisch erkrankten Elternteil haben.

Bekanntermaßen stellt eine psychische Erkrankung in der Regel eine große Belastung dar – sowohl für den Betroffenen selbst als auch für seine Familienangehörigen. Die Kinder tragen ein erheblich erhöhtes Erkrankungsrisiko; Experten weisen darauf hin, dass etwa 2/3 der Kinder ihrerseits eine psychische Störung entwickeln. Seit einigen Jahren werden die Kinder psychisch erkrankter Eltern als Angehörige mit eigenen Belastungen aufgrund der Erkrankung ihrer Eltern mit in den Fokus genommen. So gibt es bundesweit mittlerweile eine Vielzahl verschiedener zielgruppenspezifischer psychosozialer Angebote, die intervenierend oder präventiv konzeptionelle Hilfen für diese Kinder bereitstellen. Auch die Wissenschaft hat die o.g. Zielgruppe in den letzten Jahren verstärkt zum Gegenstand ihrer Untersuchungen gemacht. Belastungs- und Resilienzfaktoren wurden beispielsweise anhand verschiedener Studien genauer eruiert. Nun geht es weiterführend u.a. darum, die bisher installierten Angebote weiterzuentwickeln, ein differenzierteres Verständnis von den Belastungen und Ressourcen innerhalb dieser Familien zu gewinnen, um so passgenaue und nachhaltig wirkende (Präventions-) Angebote anbieten zu können. Hier können Wissenschaft und Praxis sich durch eine Verzahnung miteinander gegenseitig wertvolle „Verständnisquellen“ sein.

Autorinnen

Dr. Silke Wiegand-Grefe ist Psychologin mit psychoanalytischer Ausbildung sowie Paar- und Familientherapeutin. Seit 2004 ist sie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf tätig und leitet das seit 2005 laufende Forschungs- und Präventionsprojekt CHIMPs (Children of mentally ill parents).

Dr. med. Angela Plass ist seit 1998 am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf tätig und arbeitet als Fachärztin für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie, u.a. auch im CHIMPs-Projekt.

Beide Autorinnen gelten aus ausgewiesene Expertinnen auf dem Gebiet der klinischen Arbeit mit Kindern und ihren psychisch erkrankten Eltern. Sie haben beide langjährige Erfahrungen gesammelt, insbesondere durch ihre wissenschaftliche Forschungstätigkeit am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf, wo sie an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, -psychotherapie und -psychomotorik neben zahlreichen Patientenkontakten eine Vielzahl an Studien zum Thema bearbeitet haben. Ihre Expertise liest sich an den zahlreichen Publikationen, die Wiegand-Grefe und Plass zum Themenkreis „Kinder und ihre psychisch erkrankten Eltern“ veröffentlicht haben.

Entstehungshintergrund

Die beiden Herausgeber des Buches, Prof. Dr. med. Michael Schulte-Markwort (Uniklinikum Hamburg-Eppendorf) und Prof. Dr. med. Franz Resch (Universitätsklinikum Heidelberg) möchten nach eigenem Bekunden mit diesem Buch, für das sie die auf dem Gebiet geltenden Expertinnen Wiegand-Grefe und Plass gewinnen konnten, eine Befähigung der Leser erreichen, „nicht nur genau über die Besonderheiten dieser Krankheitsgruppe aufgeklärt zu sein, sondern darüber hinaus einen Überblick über alle diagnostischen und therapeutischen Strategien“.

Aufbau

Die Publikation umfasst insgesamt 217 Seiten, die nach einem kurzen Vorwort der beiden Herausgeber in fünf Kapitel unterteilt ist. Abschließend folgt eine dem Vorwort im Umfang ähnelnde Danksagung der beiden Autorinnen und ein gut 18-seitiges Literaturverzeichnis sowie ein 2-seitiges Stichwortregister.

Inhalt

Im Kapitel 1, mit der Überschrift“Einführung“ werden auf knapp 5 Seiten eine thematische Einführung geboten, der Aufbau des Buches und jeweils ein kurzer Erfahrungsbericht der Tochter einer psychisch kranken Mutter sowie einer psychisch kranken Mutter selbst skizziert.

Kapitel 2 widmet sich der Dokumentation der wichtigsten wissenschaftlichen Erkenntnisse zum Thema und trägt die Kapitelbezeichnung “Empirische Grundlagen“. Auf etwa 70 Seiten behandeln die Autorinnen nach einer knappen Darstellung der bereits durch Studien gewonnenen Erkenntnisse zur Krankheitshäufigkeit v.a. recht ausführlich die subjektiv empfundenen Belastungen der Kinder sowie die Risiko- und Resilienzfaktoren aller betroffenen Familienmitglieder. Es handelt sich hierbei um eine Zusammenfassung verschiedenster wissenschaftlich fundierter Erkenntnisse und klinischer Praxiserfahrungen. Das Modell der psychischen Gesundheit bei Kindern psychisch kranker Eltern, welches im Rahmen des CHIMPs-Projektes entwickelt wurde (vgl. andere Publikationen von Wiegand-Grefe, et al.) wird in dieser Publikation repetierend erläutert. Abschließend endet das Kapitel mit einer knappen Reflexion darüber, welche Relevanz die zusammengetragenen Erkenntnisse letztlich für Praxis und Therapie haben.

In Kapitel 3 steht die “Diagnostik„als Gegenstand der Bearbeitung im Vordergrund. Auf insgesamt gut 20 Seiten werden neben einer Gliederung der Diagnostik-Ebenen und der Darlegung des Diagnostik-Prozesses ausführlich verschiedene diagnostische Verfahren vorgestellt, wie beispielsweise das Diagnostische Interview anhand von SKID und Kiddie-SADS, mit dem die Autorinnen n.e.A. bereits im o.a. CHIMPs-Projekt gute Erfahrungen gesammelt haben. Desweiteren werden u.a. verschiedene Testverfahren für Eltern und Kinder, Familienfragebögen, Leistungs- und Persönlichkeitstests als mögliche Diagnostik-Instrumente erläuternd dargelegt.

Kapitel 4 widmet sich den Möglichkeiten der “Intervention“. Schwerpunkt in diesem Kapitel ist die klinische Praxis: Für dieses Setting werden entsprechende Interventionen für die Behandlung der PatientInnen präsentiert. Eingangs werden von den Autorinnen auch präventive Maßnahmen und Konzepte ansatzweise vorgestellt, die ihren Bezug eher im ambulanten psychosozialen Kontext haben. Ausführlicher wird daran anschließend der psychoanalytisch basierende CHIMPs-Ansatz mit vielen praktischen Beispielen aus der klinischen Praxis vorgestellt.

Im Kapitel 5 wird eine “Klinische und kulturtheoretische Einordnung“ vorgenommen. Konkret haben die Autorinnen auf 16 Seiten die Lebenssituation der Kinder und ihrer psychisch kranker Eltern in Deutschland, v.a. die Versorgungssituation der Familien hinsichtlich ambulanter, teil- und vollstationärer Versorgung und Rehabilitation sowie psychotherapeutischer Angebote, dokumentiert. Abschließend endet das Kapitel mit einer kurzen Reflexion gesundheitsökonomischer Aspekte.

Diskussion

Der gebundene Einband ist in einem sehr ansprechenden Layout gestaltet. Die Gliederung des Buches ist klar strukturiert. Insbesondere das Kapitel 4 gibt einen sehr guten Einblick in die klinische Arbeit und stellt verschiedene Interventionsmöglichkeiten vor. In Verbindung mit den von den Autorinnen zusammengestellten Fallbeispielen und fachlichen Ausführungen wird hieraus eine praxisnahe und gut nachvollziehbare Publikation, die Grundlagenwissen im klinischen Beratungssetting vermittelt. So gibt dieses Buch insgesamt für alle, die in der klinischen Praxis tätig sind – sei es kinder- und jugendtherapeutisch, psychotherapeutisch sowie sozialpädagogisch mit Kindern psychisch kranker Eltern arbeiten – einen allumfassenden Überblick über den Stand der Wissenschaft und detaillierte Informationen über adäquate Diagnose- und Interventionsmöglichkeiten. Plass und Wiegand-Grefe haben mit dieser Veröffentlichung m.E. einen großen Beitrag geleistet, die zweifelsohne notwendigen Unterstützung für Kinder und ihre psychisch erkrankter Eltern weiter voranzutreiben. Wenngleich das Buch schwerpunktmäßig auf Erkenntnisse im klinischen Kontext basiert und somit eng an die stationäre Psychiatrie angebunden ist, ist die Publikation nicht nur für professionell Tätige in psychiatrischen Kliniken interessant sondern auch für alle, die in der gemeindenahen psychiatrischen Versorgung, in Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe sowie der komplementären psychiatrischen Versorgungslandschaft tätig sind. Denn das Buch liefert eine umfassende Übersicht über für die Praxis relevante Forschungsergebnisse. Rekurrierend auf bereits vorliegende Forschungsergebnisse können notwendigen Hilfen immer besser erkannt und angeboten werden; so verfügen wir mittlerweile z.B. über differenzierte Erkenntnisse zu individuellen und subjektiv empfundenen Belastungen und darüber hinaus über Anhaltspunkte zu etwaigen Ressourcen innerhalb der betroffenen Familien. Auch für Entscheidungsträger in Politik, Gesundheitswesen und Jugendhilfe, die über die Installation bzw. (Weiter-)Finanzierung von präventiven Hilfen zu entscheiden haben, kann das Buch forschungsbegründete Argumente bereitstellen. Wünschenswert wäre auch, dass die von den Autorinnen postulierte Zielsetzung, „…einen Beitrag dazu [zu] leisten, die transgenerationale Weitergabe von psychischen Erkrankungen zu verringern“, durch ihre Tätigkeit in Praxis und Wissenschaft sowie die Weitergabe dieses gewonnenen Wissens durch ihre zahlreichen Publikationen dann auch – im Sinne der Klient/PatientInnen – Früchte trägt.

Fazit

Insgesamt wurde ein gut verständliches kinder- und jugendpsychiatrisches Lehrbuch publiziert, das jedoch durch das von den Autorinnen breit angelegte Spektrum der Diagnose-und Interventionsmöglichkeiten und den eingebrachten Fallbeispielen aus dem klinischen Alltag sowie der Übersicht „zum wissenschaftlichen Stand der Dinge“ darüber hinaus eben mehr ist.

Mehr in folgender Hinsicht: Aspekte rund um den Themenkreis „Familien mit psychisch erkrankten Eltern“ werden in den letzten Jahren verstärkt sowohl dem wissenschaftlichen Fachdiskurs zugeführt als auch durch vielfältige Angebote in der psychiatrischen und psychosozialen Praxis bearbeitet. Daran sind die beiden Autorinnen „nicht ganz unschuldig“. Die beiden Autorinnen speisen ihre Erkenntnisse u.a. sowohl aus der Forschungstätigkeit als auch aus den gesammelten Erfahrungen in der direkten Arbeit mit ihren PatientInnen in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Durch ihre engagierte Arbeit am und im CHIMPs-Projekt und die daraus resultierten Publikationen ist die einst wenig beachtete Gruppe der Kinder psychisch kranker Eltern verstärkt in den Mittelpunkt der psychiatrischen und psychosozialen Wissenschaft und Praxis.

Plass und Wiegand-Grefe haben in der vorliegenden Publikation eine Zusammenstellung ihrer intensiven klinischen und wissenschaftlichen Beschäftigung mit dem Themenkreis „Kinder und ihre psychisch kranken Eltern“ dokumentiert. Ihre eigene Zielsetzung, „… Grundlagenwissen als auch therapeutische Möglichkeiten für Familien mit psychisch kranken Eltern“ zu vermitteln kann als sehr gelungen attestiert werden.


Rezensentin
Dipl. Sozialpädagogin Christina K. Göttgens
Promoviert zurzeit zum Thema „Evaluation von präventiven Hilfen für Kinder psychisch kranker Eltern: Grundpositionen, Diskurse und Konzepte. Eine sozialpädagogische Analyse.“ Diese Dissertation wird an der Fakultät für Bildungswissenschaften der Universität Duisburg-Essen bearbeitet und betreut.
Homepage www.goettgens.bplaced.net


Lesen Sie weitere Rezensionen zum gleichen Titel: Nr.14409


Alle 13 Rezensionen von Christina K. Göttgens anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Christina K. Göttgens. Rezension vom 06.05.2013 zu: Angela Plass, Silke Wiegand-Grefe: Kinder psychisch kranker Eltern. Entwicklungsrisiken erkennen und behandeln. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2012. ISBN 978-3-621-27914-7. Reihe: Risikofaktoren der Entwicklung im Kindes- und Jugendalter. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13923.php, Datum des Zugriffs 22.11.2017.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13 000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!