socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Josef Schwickerath, Moritz Holz: Mobbing am Arbeitsplatz. Trainingsmanual

Cover Josef Schwickerath, Moritz Holz: Mobbing am Arbeitsplatz. Trainingsmanual für Psychotherapie und Beratung ; mit Online-Materialien. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2012. 155 Seiten. ISBN 978-3-621-27936-9. D: 32,95 EUR, A: 33,90 EUR, CH: 45,50 sFr.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Thema und Hintergrund

Die Autoren befassen sich mit den gesundheitlichen Folgen des Mobbingphänomens für die Betroffenen. Aufbauend auf den neusten Ergebnissen aus der Mobbingforschung und auf Basis ihrer Erfahrungen beschreiben sie therapeutische Strategien, Techniken und Materialien. Einige Vorgehensweisen sehen sie als unverzichtbar in der Behandlung mobbingbetroffener Menschen, andere eher als Ergänzung, gerade auch im individuellen Fall.

Autoren

Dr. Josef Schwickerath ist Dipl.-Psychologe, Dr. phil. Psychologischer Psychotherapeut, Kinder- und Jugendlichen-Psychotherapeut. Er hat Ausbildungen in Verhaltens- und Gesprächstherapie. Seit 1986 ist der Autor leitender Psychologe der AHG Klinik Berus, Zentrum für Psychosomatik und Verhaltensmedizin und seit März 2000 ist er 1. Vorsitzender des IVV (Institut für Fort- und Weiterbildung in klinischer Verhaltenstherapie und Verhaltensmedizin an der Klinik Berus e.V.). In seiner Tätigkeit als verhaltenstherapeutischer Supervisor und Dozent arbeitet er u.a. in der Einzel- und Gruppentherapie zum Thema Mobbing.

Moritz Holz ist Dipl.-Psych., Psychologischer Psychotherapeut und ebenfalls in der AHG Klinik Berus tätig. Arbeitsschwerpunkte sind: Einzel- und Gruppentherapie bei psychosomatischen Erkrankungen, Angststörungen, Depressionen, pathologischem Spielen und Mobbing.

Aufbau und Inhalt

Die therapeutische und rehabilitative Arbeit mit mobbingbetroffenen Menschen basiert auf der 15-jährigen Erfahrung der medizinischen Rehabilitation der AHG Klinik Berus – Europäisches Zentrum für Psychosomatik und Verhaltensmedizin.

Das 155 Seiten starke Buch startet mit einer Inhaltsübersicht (S.5-9), aufgeteilt in ein Vorwort (S.10-11) und eine Einleitung (S.12), um dann in Teil I des Buches das „Störungsbild“ mit zwei Untertitelbereichen

  1. das Phänomen Mobbing (S.13-31) und
  2. die Diagnostik und Indikation für die Therapie (S.32-40) zu erläutern.

Teil I.1. enthält eine knappe Zusammenfassung der Theorie mit zentralen Fakten wie Definition, Mobbingstrategien, Ursachen, Phasen von Mobbing, Prävention, gesundheitliche und rechtliche Aspekte von Mobbing, Hilfsangebote und verwandte Konzepte, wobei die Autoren aus der Perspektive der Akteure von Mobbing und der Mobbingbetroffenen Verhaltens- und Erlebensmerkmale schildern.

Teil I.2. beschreibt das Phänomen aus Sicht der Diagnostik, die sich auf diverse Anamneseverfahren stützt, um ein möglichst umfassendes Bild vom mobbingbetroffenen Menschen zu erhalten und um Probleme bei der Indikationsstellung. Neben der Diagnosestellung (ICD-10 oder DSM IV) weisen die Autoren bzgl. der Indikation auf die Wichtigkeit der „richtigen“ Einstellung und Kenntnisse des Arztes oder Therapeuten dem Betroffenen und dem Mobbingthema gegenüber hin. Im Kontext wird dabei auf zwei Mobbing-Fragebögen hingewiesen: dem Leymann Inventory of Psychological Terror (LIPT) und der Trierer Mobbing-Kurz-Skala (TMKS).

So wie es die richtige Klassifikationseinordnung bei Mobbing benötigt, so braucht es auch das richtige therapeutische Setting mit Blick auf die im Buch aufgezählten, besonderen Problembereiche bei Mobbingpatienten.

Teil II bildet das „Manual“, bestehend aus weiteren sechs Untertitelbereichen, die da sind:

  1. Grundlagen der Therapie (S.41-59)
  2. Bausteine der Therapie (S.60-125)
  3. Evaluation (S.126-128)
  4. Besondere Problembereiche (S.129-133)
  5. Falldarstellungen (S.134-140)
  6. Nachbetrachtungen (S.141-143).

Im II. Teil wird auf die Besonderheiten in der Vorgehensweise während der Therapie bei Mobbingpatienten eingegangen. Der Ablauf der Therapie orientiert sich am Erleben der Patienten. Zu Therapiebeginn steht das Verständnis für die Zusammenhänge des Mobbinggeschehens, um daraus Handlungskompetenzen abzuleiten. Die Darstellung des therapeutischen Vorgehens wird anhand von Beispielen und die Darstellung der Therapieevaluation verdeutlicht.

Das in II.3 dargestellte Therapiekonzept beruht auf einem wissenschaftlich fundierten und bewährten Verfahren der Verhaltensmedizin und Verhaltenstherapie. Ziele sind die mögliche Veränderung des Problemverhaltens der Mobbingbetroffenen und der Aufbau und die Stärkung der individuellen Ressourcen. Zentral bleiben ein ganzheitlicher Ansatz und die Hilfe zur Selbsthilfe.

Abschnitt II.4 bezieht sich auf die Einzelbausteine der Therapie, die da sind: Distanz, Verstehen, Entscheiden und Handeln. Bei allen Bausteinen werden unterschiedliche Methoden eingesetzt und dazu halten die Autoren ein vielfältiges Methodenrepertoire vor. Gleichzeitig gibt es auch klare Ablaufstrukturen bei der Vorgehensweise in den einzel- wie gruppentherapeutischen Sitzungen.

Die Evaluation in Abschnitt II.5 nimmt Bezug auf die Akzeptanz der Therapie bei den Betroffenen, die Verbesserung des Gesundheitszustandes und psychosomatischen Beschwerden, den weiteren Verlauf bei der Rückkehr aus der Reha, Perspektivenwechsel und Änderungen bei Werten und Zielen, bis hin zu Kosten-Nutzen-Analysen der stationären Therapie.

Abschnitt II.6 behandelt besondere Problembereiche von Mobbing in der Arbeitswelt. Dabei geht es um diejenigen Menschen, die sich in folgenden Arbeitsfeldern bewegen:

  • im Öffentlichen Dienst
  • in Lehrerzimmer und Schule
  • in Kirche
  • im Gesundheitswesen
  • im Bankwesen
  • bei Gewerkschaften und
  • in Grenzregionen wie Frankreich, Luxemburg und Belgien.

Hierbei wird auch darauf hingewiesen, dass die EU-Bestrebungen zum Thema mehr oder weniger auf der Empfehlungsebene stecken geblieben sind.

Die in Abschnitt II.7 aufgeführten fünf Fallbeispiele aus dem therapeutischen Alltag zeigen in charakteristischer Weise welche Therapien aus Sicht der Patienten erfolgreich oder weniger erfolgreich waren.

Kritische Aspekte aus therapeutischer Sicht folgen in II.8 – der Nachbetrachtung. Es geht um Spannungen im Behandlungsteam, finanzielle Fragen, die Arbeit als identitätsstiftender Lebensinhalt, die Grenzen von Hilfe, die kontroversen Positionen unter Fachleuten und den Umgang mit schwierigen Patienten.

Letztlich führen die in Grau hervorgehobenen Merkfelder mit Symbolhinweis am Buchrand, Grafiken, diverse Abbildungen, Tabellen und Aufzählungen das Auge durch das Buch, welches dann mit einem Literaturverzeichnis (S.144-152), Hinweisen zu Online-Materialien (S.153) – auf die auch symbolisch am Buchrand hingewiesen wird – und einem Sachwortverzeichnis (S.154-155) endet.

Diskussion

Im Buch wird beschrieben, wie sich die gesammelten Erfahrungen im therapeutischen und beratenden Setting und die Einflussnahme über die Behandlung jeweils auf das Individuum, den einzelnen Mobbingbetroffenen beziehen. Der Zugang zu den Arbeitsstätten oder den von den Patienten benannten „Mobbenden“ ist für die Therapeuten der Klink nur schwierig oder gar nicht möglich. Dies unterscheidet die Arbeit maßgeblich von der Beratungsstellenarbeit, wo BeraterInnen auch in den Unternehmen tätig werden können und Zugang finden und damit zusätzlich zur Individualbetreuung mit einem systemischen Blick und Ansatz begleitet werden kann. Im Therapieansatz geht es also maßgeblich um die Beachtung von Persönlichkeitsmerkmalen der Betroffenen und das zugeordnete therapeutische Konzept. Das kann bedeuten, dass die nicht immer einfachen Patienten mit Mobbingbiographie in ihrer Mobbingspirale hängen bleiben und Transferleistungen in das jeweilige Arbeitsumfeld nicht stattfinden können. Ergänzende Schnittstellen zur Therapie in der Klinik sollten also das Gesundheitsmanagement in den Betrieben, die Arbeits- und Organisationspsychologie, die Verhaltenstherapie und unabhängige, externe Beratungen mit systemischem Ansatz mit Blick auf Strukturen und Organisation liefern. Umgekehrt bietet der aufgezeigte Therapieansatz nützliche Impulse für BeraterInnen von Mobbingberatungsstellen oder anderen klärenden Organisationen, die Betroffene vor oder nach Reha-Aufenthalten oder auch ohne Klinik-Aufenthalt begleiten.

Die von Schwickerath und Holz aufgeführten Ergebnisse beziehen sich in erster Linie auf die therapeutischen Erfahrungen aus der Berus Klink. Gleichzeitig verweisen die Autoren jedoch in ihrem Manual auf genügend andere vergleichende Quellen, auch mit unterschiedlichen Resultaten z.B. in Bezug darauf, welche Arbeitsfelder am meisten betroffen sind, welche Stressoren vorwiegend gegeben sind, auch ob es eine Willkommens- und Anerkennungskultur oder Karrieremöglichkeiten gibt oder nicht.

Das Herz eines jeden Beraters schlägt sicher stark für den Mittelteil des Buches, die vielen Seiten, die der Methodendarstellung gewidmet sind. Hier spiegelt sich auch die Parallele im Angebot und der Vorgehensweise zwischen Beratung und Therapie wieder. Obwohl mir über meine Beratungs- und Schulungstätigkeit zum Mobbingthema die meisten der aufgeführten Methoden bekannt waren, war ich doch überrascht, wie parallel die Vorgehensweise in zwei unterschiedlichen Disziplinen verlaufen kann.

Wichtig empfinde ich den Hinweis der Autoren auf die therapeutische Arbeit mit den Betroffenen zur Bewusstwerdung von Eigenanteilen. Diese werden häufig von Mobbingbetroffenen nicht oder nur teilweise gesehen und deren Verdrängung kann in Rachephantasien, verstärkten Schuldzuweisungen im Außen, einseitigen Deutungen bei der Selbst- und Fremdwahrnehmung ausufern. Da im therapeutischen Setting auf der Ebene der Opfer begleitet wird, kommt es nicht zur Gegenüberstellungen von Betroffenen mit Mobbingakteuren oder den zur Handlung verantwortlich Bestimmten vor Ort, was bestimmte Interventionsmöglichkeiten ausschließt. Wenn sich am Ende der Therapie dann herausstellt, dass Betroffene therapeutische Unterstützungsmaßnahmen nicht wirklich annehmen und/oder umsetzen, dann braucht es eine professionelle Selbstreflexion, ein reflektiertes Selbstbewusstsein des Therapeuten und den Austausch im Kollegenteam, um diese Erfahrung auch evt. so stehen lassen zu können. Da eines der Ziele der Therapie die Wiedererlangung von Handlungskompetenz beim Betroffenen ist, unter Klärung der individuell notwendigen Perspektive auf die Situationen und Menschen, ist dies nicht immer einfach. Gut gefallen hat mir deshalb hier der realistische Blick auf Betroffene, die Bewusstheit über die benannt notwendige und klare Haltung von Therapeuten dem Mobbingthema, Patienten und sich anschließenden Therapieprozess gegenüber, der nach gründlicher Anamnese, Lage der Fakten und Haltung des Betroffenen eben auch scheitern oder nicht mehr begleitet werden kann und an seine Grenzen stößt. Das Gleiche gilt übrigens genauso für den Beratungsprozess.

Fazit

Mit dem Untertitel „Trainingsmanual für Psychotherapie und Beratung“ ist Dr. Josef Schwickerath und Moritz Holz ein wissenschaftlich fundiertes, theoretisch reflektiertes und in der Praxis erprobtes Manual gelungen, mit dessen Hilfe BeraterInnen, Coaches und TherapeutInnen verständliche Hinweise und gut anwendbare Methoden an die Hand gegeben werden. Die Seiten lesen sich lebendig, sind inhaltlich und optisch gut strukturiert, das Wesentliche ist in überschaubaren Kapiteln aufbereitet, die Verbindung zwischen Theorie und Praxis gut gelungen. Auf alle Fälle also empfehlenswert!

Enden möchte ich mit dem wesentlichen und letzten Zitat aus dem Buch (Abschnitt 8: Nachbetrachtung, S.142):

„Ich denke von dir, wie ich wünsche, dass du über mich denkst.
Ich spreche von dir, wie ich möchte, dass du über mich sprichst.
Ich handle dir gegenüber so, wie ich es wünsche, dass du es mir gegenüber tust.“


Rezensentin
Dipl. Sozialpädagogin Monika Hirsch-Sprätz
Supervisorin, Mediatorin und Leiterin der Mobbingberatung Berlin-Brandenburg. Arbeitsschwerpunkte: Information, Beratung, Training, Moderation, Konfliktmanagement, Mediation, Kooperation mit interdisziplinärem Experten-Netzwerk. Face-to-Face- und Online-Beratung. Bereiche: Schule, Ausbildung und Arbeitswelt.
E-Mail Mailformular


Alle 24 Rezensionen von Monika Hirsch-Sprätz anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Monika Hirsch-Sprätz. Rezension vom 29.11.2013 zu: Josef Schwickerath, Moritz Holz: Mobbing am Arbeitsplatz. Trainingsmanual für Psychotherapie und Beratung ; mit Online-Materialien. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2012. ISBN 978-3-621-27936-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13925.php, Datum des Zugriffs 23.01.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung