socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Dagmar Danko: Kunstsoziologie

Cover Dagmar Danko: Kunstsoziologie. transcript (Bielefeld) 2012. 146 Seiten. ISBN 978-3-8376-1487-9. 12,80 EUR, CH: 19,90 sFr.

Reihe: Einsichten.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Das Buch „Kunstsoziologie“ ist in der Reihe „Einsichten. Themen der Soziologie“ beim transcript Verlag erschienen. Die Motivation der Autorin besteht nicht nur in der Absicht eine Einführung in die sogenannte Kunstsoziologie zu geben, sondern auch auf das Verhältnis von Kunst und Soziologie bzw. Kunst und Gesellschaft aufmerksam zu machen. Dazu betont sie die ménage von Kunst und Soziologie und möchte damit Antworten auf das Verhältnis von Kunst und Gesellschaft nachspüren. „Einerseits wird in die Kunstsoziologie als Forschungseinrichtung eingeführt, andererseits wird auf Ergebnisse innerhalb dieser Forschungsrichtung eingegangen, das heißt, es werden soziologische Antworten auf die Frage nach dem Verhältnis von Kunst und Gesellschaft präsentiert“ (S 8).

Autorin und Entstehungshintergrund

Dagmar Danko lehrt zur Zeit an der Universität Freiburg. Ihre Forschungsschwerpunkte sind neben Kunst- auch Kultursoziologie und französische Theorie sowie Soziologie. In diesem Bereich verfasste sie auch die Monografie mit dem Titel „Zur Überhöhung und Kritik. Wie Kulturtheoretiker zeitgenössische Kunst interpretieren“. Im VS Verlag ist ein Buch zur Aktualität Howard S. Beckers angekündigt.

Aufbau und Inhalt

In ihrem Einführungstext zur Kunstsoziologie geht Danko, im Gegensatz zu den meisten Kunstsoziologiebüchern, chronologisch vor, sodass man auch die Entwicklung der Disziplin verfolgen kann. „In Zusammenschau mit den kunstsoziologischen Analysen und Betrachtungen, die vor und nach ihnen unternommen wurden und werden, bietet die Einführung in diese spezielle Soziologie letztlich auch eine Einführung in die Geschichte und Grundlagen der Soziologie – denn so „speziell“ der Blick auf die Künste ist, so sehr umfasst er alle Bereiche des menschlichen Zusammenlebens“ (S 10f). Das Buch führt also in das Forschungsfeld und den damit verbundenen Fragen ein und erläutert eine Genese der Kunstsoziologie. Ihr Schwerpunkt liegt jedoch auf dem Zeitraum von der Mitte des 20. Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Dabei geht die Autorin insbesondere auch auf die Entwicklung in Frankreich ein. Darüber hinaus ist ihr Fokus auf die wesentlichsten Termini zu diesem Thema von Pierre Bourdieu (Kunstfeld), Howard S. Becker (Kunstwelt) und Niklas Luhmann (Kunstsystem) ausgerichtet. Sie betont dabei, dass Kunstsoziologie sich vorrangig mit den Bedingungen der künstlerischen Produktion, den Distributionswegen und der Rezeption von Kunstwerken beschäftigt. Dabei ist das Thema der Kunstsoziologie, wie zB durch die Literatur, nicht eingegrenzt. Sie schreibt: „Kunstsoziologie meint seit ihren Anfängen immer auch eine Soziologie der Literatur und nicht selten vor allem eine Soziologie der Literatur“ (S 12). Dass Kunst jedoch immer schon mit Soziologie verbunden war, zeigt Danko, indem sie an die Gründung der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) erinnert, nach der ein Jahr danach, am Begrüßungsabend des ersten Soziologentages Georg Simmel in seinem Vortrag „Soziologie der Geselligkeit“ auf den Kunsttrieb hinwies. Später bildeten sich immer wieder Untergruppen, die sich mit der Soziologie der Kunst auseinandergesetzt haben. Davon ausgehend zeichnet Danko die deutschsprachige Kunstsoziologie in der Tradition der Frankfurter Schule und darüber hinaus die Historie einer Kunstsoziologie in Frankreich nach.

Sie betont mit dem Hinweis auf Benjamin, dass es wichtig ist Kunstsoziologie auch immer reflexiv zu verstehen, da eine solche Soziologie auch eine bestimmte Sphäre der Kunst stützt und legitimiert. Während Benjamin im Verlust der Aura ein demokratisches Potential der Kunst sieht und darauf hofft, dass die Massen die Kunst aneignen und sich nicht von der Ästhetik der Politik vereinnahmen lassen, beschreiben Horkheimer und Adorno Kultur als Warenprodukt, das industriell und kommerziell produziert wird und deshalb sein Wert rein ökonomisch zu bewerten sei. In „Ästhetische Theorie“ versucht Adorno sieben Thesen zur Kunstsoziologie aufzubauen und damit die Institution der Kunstsoziologie zu definieren.

Der Glaube, dass es sich bei der Rezeption von Kunstwerken um einen reinen bzw. angeborenen Geschmack handelt, zeigt, dass sich die Verhältnisse bzw. die Hegemonie der oberen und unteren Klassen im Wesen der Kunst aufrecht erhalten haben. Während die Institutionen und ihre Kuratoren entscheiden was ausgestellt wird oder besser ausgestellt werden darf, stellen nicht so bekannte Künstler, weniger Akzeptierte, diese Ausstellung in Frage. Dabei zeigt sich das Spannungsfeld zwischen den Ordnern und den Aufrührern. Nur durch den Kampf ist kultureller Wandel möglich. „Die Dichotomie von Herrschern (Etablierten) und Beherrschten (Neuen) prägt dementsprechend nicht nur das Verhältnis der einzelnen Kunst- und Kultursparten untereinander, sondern auch das Verhältnis der sozialen Akteure innerhalb jeder Kunst- und Kultursparte“ (S. 50). Bourdieu hat sich den Künsten in verschiedenen Texten gewidmet. In „Die feinen Unterschiede“ unterscheidet er das ökonomische, das kulturelle, das soziale und das symbolische Kapital. In „Die Regeln der Kunst“ interessiert ihn der historischer Geschmack der Kunstsoziologie und ist dabei den Überlegungen Benjamins recht nahe. In älteren Studien wurden Bourdieus Untersuchungen oft vernachlässigt. Jedoch kommen gerade seine Überlegungen zum „Feld“ immer mehr in gegenwärtigen Studien zur Verwendung.

Im Werk von Becker betont Danko die mikrosoziologische Ebene der Kunst. So befasst er sich mit den Handlungen der betreffenden Personen und kommt in seinen Untersuchungen zu Tanzmusikern zum Schluss, dass die Künste ein Feld sind, das untersucht werden muss, wie jedes andere. In seinem Buch „Außenseiter“ gebraucht er noch den Begriff Subkultur, den er später durch den neutraleren Begriff der Kunstwelt austauscht. „Artworlds“ übernimmt er von Arthur Danto und deutet dabei nicht auf eine Behelfsebene an, sondern auch auf die grundsätzliche Möglichkeit der Kunstproduktion. So führt Becker zum Beispiel den Film „Hurricane“ an, in dessen Abspann nicht nur der Name des Regisseurs zu sehen ist, sondern eine Vielzahl von angeführten Personen, die allesamt sich für das Kunstprodukt verantwortlich zeichnen. Das Kunstwerk ist nie ein Endprodukt, sondern als ein Prozess bzw. vorläufiger Prozess kollektiven Handelns zu verstehen. Für Becker ist also immer das Kollektive im Vordergrund, so ist auch Soziologie wie Kunst eine „Gemeinschaftsarbeit“.

Mit Luhmann führt Danko in die Kunst als System ein. Dabei ist für Luhmann die Kommunikation am wichtigsten. Wichtig dabei ist, dass das Kunstsystem unabhängig von anderen Systemen funktioniert. Innerhalb davon betont Luhmann die Trias Information, Mitteilung, Verstehen. Jedoch ist es nicht so bedeutend, ob etwas richtig verstanden wird. Wichtiger ist vielmehr der Akt, dass Kommunikation Kommunikation provoziert. Das klingt zwar tautologisch, soll aber bedeuten, dass ein Kommunikationsprozess entsteht, der nicht mehr aufhört. Ausgangspunkt dieser Provokation ist das Kunstwerk. Somit sind diese auch am wichtigsten und nicht „etwa die Künstler oder die Betrachter, Leser oder Hörer“ (S. 79).

Im Anschluss an die einzelnen Vorstellungen der drei verschiedenen Denker aus dem französischen, angloamerikanischen und deutschen Raum, vergleicht Danko alle drei Autoren, nicht um einen hervorzuheben oder eine richtigen vierten Ansatz vorzustellen, sondern im direkten Vergleich Parallelen und Differenzen aufzuzeigen. Dabei betont sie, dass sich die drei so gut wie nie aufeinander bezogen, da sie auch durch ihre geographische Ferne und Tradition auf andere Theorien zurückgegriffen haben. Bourdieu bildete seine Kunsttheorie in der Nähe des Strukturalismus, Becker baute auf dem interaktionistischen Paradigma auf und Luhmann verfolgte die systemtheoretischen Überlegungen. Trotz dieser Unterschiede sprechen alle drei von einer selbständigen Sphäre der Kunst und beschreiben Kunst mehr oder weniger als sozial konstruiert.

Jedoch darf eine Kunstsoziologie nicht auf eine ausschließende Trias (Bourdieu, Becker, Luhmann) beruhen. So erwähnt sie in einem weiteren Kapitel den „production of culture“ Ansatz, der zwar wie der Name schon vermuten lässt, nicht gezielt die Kunst oder Künste umfasst, jedoch damit stark verbunden ist. Hinter diesem Ansatz steht kein einzelner Name, sondern birgt eine Vielzahl von WissenschaftlerInnen. So unter anderem Richard A. Peterson, der sich auch, ähnlich wie Becker, mit der Frage beschäftigt, wie Kunst bzw. Kultur von wem hergestellt und nicht was darunter verstanden wird, was es ist oder bedeutet. Aus diesem Ansatz kommend, beschäftigt sich Tia DeNora (Musiksoziologin) damit, wie man diesen erweitern könne, da dabei die Rezeption von der Musik bzw. Kunst außer Acht gelassen wird. Dabei verweist Danko auf die Kritik Latours alle Objekte ausschließlich sozial analysieren zu wollen. Das Soziale kann letztendlich nicht selbst als Erklärung fungieren. Dazu passt die Überlegung eine „Soziologie der Mediation“ einzuführen, wie es Antoine Hennion zB mit seiner Monografie „La passion musicale“gemacht hat. Darin führt er nämlich in diese Soziologie ein, indem er zeigt, dass der Vorgang der Vermittlung keine bloße Zwischenstufe von Produktion und Rezeption ist. Danko plädiert hier für eine postkritische Soziologie. Das bedeutet jedoch nicht Bourdieu zu verwerfen und dass postkritische Soziologie kritische Soziologie ablöst. Der Geschmack, zum Beispiel, ist nach wie vor etwas ganz essentielles, doch ist dieser nicht allein durch Klasse bedingt, sondern auch durch die Individuen. Die Dualismen von Dingen und Aktanden sollte zu Gunsten einer Kunst der Mediation aufgegeben werden, bei der weder die Produktion, noch die Rezeption alleine betrachtet werden soll, sondern der Fokus auf das komplexe Beziehungsgeflecht gelegt werden muss. „Wenn es der Soziologie jedoch darum geht, die Machtverhältnisse offenzulegen, so muss sie selbstkritisch ihr eigenes Streben nach Macht hinterfragen, durch das sie Kritik an der soziologischen Kritik als naiv, ignorant und als Ausdruck der von ihr analysierten Machtstrukturen abtut. Dieses ,Dogma‘, so Inglis, stellt nicht nur für eine Soziologie der Künste ein Problem und eine Herausforderung dar, sondern für die Soziologie als Disziplin“ (S. 104). Des weiteren ist auch die Genderperspektive für die Kunstsoziologie von Bedeutung, jedoch nicht darauf reduziert den Kanon der Kunstgeschichte richtig zu stellen. Sie sollte vielmehr darauf konzentriert sein, die Prinzipien ästhetischer Bewertung in Frage zu stellen, wie es zum Beispiel Janet Wolff in ihren Arbeiten vorzeigt.

Abschließend gibt Danko einen Überblick über gegenwärtige Kunstforschungen und den damit verbundenen Forschungsschwerpunkten. Dazu schreibt sie, wie aktuelle Debatten sich mit der Rolle des Kunstwerkes beschäftigen und wie man in der Forschung damit umgehen soll. Hier kritisiert sie nochmals mit Hennion und Latour den antifetischistischen Reflex, der Objekte auf menschengemachten Projektionen reduziert und nicht beachtet, was die Objekte machen. Neben einer Soziologie der Ästhetik (Wolff) muss also auch eine Objektesoziologie (Aida Bosch) oder eine Soziologie der Dinge angedacht werden, damit sowohl der ästhetische als auch der soziale Charakter berücksichtigt werden.

Diskussion

In den drei Begriffen Kunstfeld, Kunstwelt und Kunstsystem fasst Danko übersichtlich nicht wegzudenkende Begriffe der Kunstsoziologie zusammen. Darüber hinaus zollt sie Anerkennung, meist kaum zitierter bzw. angenommener Literatur. So kommt Becker nicht nur als Soziologe in der Kunstsoziologie ein bedeutender Raum zu, sondern auch dem Terminus der Kunstwelt. Diesem Begriff widmete Becker das Buch „Art Worlds“, das 2008 in einer 25jährigen Jubiläumsaufgabe erschien, jedoch in deutschsprachigen Büchern zur Kunst und Soziologie kaum Bedeutung findet. So erschien nur im Sammelband von Jürgen Gerhards ein übersetzter Aufsatz von Becker. Selbst in jüngeren Einführungen, die sich mit Kunst und Soziologie beschäftigen, wird der Name nur erwähnt, jedoch das Konzept nicht ausgeführt, wie in Walter Müller-Jentschs „Die Kunst in der Gesellschaft“.

Fazit

„Kunstsoziologie“ hält was es verspricht. In einer kurzweiligen Lektüre werden die Lesenden zu den Anfängen der Kunstsoziologie geführt, mit wesentlichen Schwerpunkten bekannt gemacht und darüber hinaus mit gegenwärtigen Forschungsfragen konfrontiert. Dabei zählt Danko nicht verschiedene Kunstprojekte der Kunstgeschichte, sondern zeigt mit den drei Soziologen Schwerpunkte der Kunstsoziologie auf. Abschließend diskutiert sie diese Begriffe kontrastierend und endet mit dem Ausblick, dass eine zukünftige Kunstsoziologie sich nicht nur mit den Ästhetiken, sondern auch mit den Artefakten beschäftigen muss.


Rezension von
Andreas Hudelist
Schwerpunkte: Ästhetik, Cultural Studies, Film- und Fernsehforschung, Kunst sowie kulturwissenschaftliche Gedächtnisforschung
E-Mail Mailformular


Alle 16 Rezensionen von Andreas Hudelist anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Andreas Hudelist. Rezension vom 18.12.2012 zu: Dagmar Danko: Kunstsoziologie. transcript (Bielefeld) 2012. ISBN 978-3-8376-1487-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13929.php, Datum des Zugriffs 01.03.2021.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht