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Anna Sieben (Hrsg.): Menschen machen

Cover Anna Sieben (Hrsg.): Menschen machen. Die hellen und die dunklen Seiten humanwissenschaftlicher Optimierungsprogramme. transcript (Bielefeld) 2012. 495 Seiten. ISBN 978-3-8376-1700-9. 36,80 EUR, CH: 43,90 sFr.

Reihe: Der Mensch im Netz der Kulturen - Band 13.
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Thema

Dass der Mensch nach Meliorisierung strebt, ist eine kulturgeschichtliche Binsenweisheit. Im Grunde ist jeder Bildungsprozess der Versuch, die Begabungen jedes Einzelnen bestmöglich zur Entfaltung zu bringen. Was früher allein durch pädagogische oder mnemotechnische Methoden geschah, wird heute mit zunehmendem gesellschaftlichem Druck oft vorschnell pharmakologisch unterstützt: Ritalin ist derzeit in aller Munde, über Beta-Blocker wird hingegen kaum diskutiert. Die modernen „Lebenswissenschaften“ bieten darüber hinaus eine Bandbreite an neuen Möglichkeiten des (Neuro-) Enhancement, die die Grenzen des bislang Machbaren zu sprengen vermögen. Angesichts dessen erscheint ein breit angelegter wissenschaftlicher – ebenso wie ein gesellschaftlicher – Diskurs längst überfällig.

Entstehungshintergrund

Der vorliegende Sammelband stellt die erste Publikation eines Forschungsprogramms dar, das sich an mehreren Fakultäten der Ruhr-Universität Bochum gerade formiert.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in vier Teile.

Nach einleitenden Bemerkungen zur aktuellen Optimierungsdebatte und einigen terminologischen Vorüberlegungen sowie Systematisierungen wird im ersten Teil der physische Bereich der Optimierung und Normierung des menschlichen Körpers beleuchtet. Am Beispiel der ästhetischen (im Gegensatz zur rekonstruktiven) Chirurgie zeigt die Psychologin Nora Ruck Verschiebungen im Konzept der Normalität. Körperästhetische Optimierung wird zu einem erreichbaren Normalzustand, vielleicht sogar zur Pflicht, weshalb Frauen von diesen Eingriffen vornehmlich ein höheres Maß an Normalität (und damit verbunden einen Verlust eines Stigmas) erwarten (79-105).

Angesichts der drohenden Reduktion des Menschen zum verwertbaren, manipulierbaren und (re-)produzierbaren Rohstoff beklagt der Inhaber des Lehrstuhls für Sozialtheorie und Sozialpsychologie an der Ruhr-Universität Bochum, Jürgen Straub, einen Mangel an empirischer Forschung zu den psychosozialen Voraussetzungen und Folgen des Einsatzes biotechnologischer Verfahren. Dass dies gerade auch für bioethische Fragen enorm wichtig wäre, macht der Autor in einer Analyse der Schrift „Die Zukunft der menschlichen Natur“ von Jürgen Habermas deutlich (107-142).

Anhand der Impfkampagne für den umstrittenen „Humanen Papilloma Virus“ (HPV) zeigt die Gender-Forscherin Katja Sabisch-Fechtelpeter, wie die Körper von Mädchen in einer wichtigen Umbruchphase ihres Lebens unter Zuhilfenahme von Mitteln der Popkultur gezielt als gefährdet und behandlungsbedürftig entworfen werden, um die Impfrate und damit den Gewinn der Pharmaindustie zu steigern (143-165). Die Autorin synthetisiert dazu den Begriff der Biomacht Foucaults mit jenem der Popkultur zu dem neuen Begriff des „Biopop“, unter dem sie „absichtsvolles popkulturelles Handeln [versteht], welches die Optimierung des Humanen durch massenmediales Vergnügen zu verwirklichen sucht“ (146). Letztendlich werde dies zu einer „Machtform, mit der sich lukrative Körpermärkte erschließen lassen“ (163 f.).

Im zweiten Teil des Sammelbandes steht die Optimierung der Psyche im Mittelpunkt. Coaching, Beratung und verschiedene Formen von Therapie sind heute fester Bestandteil unseres Alltags. Jens Elberfeld zeichnet in seinem Beitrag nach, wie sich die Familientherapie von der auf die Behandlung individueller Krankheiten konzentrierten Psychiatrie ab den 1940er Jahren emanzipierte, das soziale System Familie als Ganzes in den Mittelpunkt rückte und ab den 1970er Jahren auf einem expandierenden Therapiemarkt für eine immer breiter werdende Adressatengruppe angeboten wurde. Ab den 1980er Jahren löste sich das Systemische Coaching vom therapeutischen Krankheitsbegriff, drang in die Ökonomie ein und entwickelte sich, von deren Eigengesetzlichkeiten (sc. Wettbewerb und Leistungssteigerung) durchdrungen, zu einer an die gesamte Gesellschaft gerichteten Technologie der Optimierung des Selbst, bei der auch Themen eines optimierten Gesundheitsbegriffs wieder zurück kommen, die nunmehr Fragen von Prävention, Ernährung und Lebenssinn umfassen und in sehr normativem Gewand auftreten (169-210).

Anorexia nervosa gilt gemeinhin als Krankheit mit hoher Letalitätsrate, von der immer jüngere Frauen betroffen sind. Gala Rebane wagt einen differenzierten Blick auf das Phänomen im Spannungsfeld von psychischer Erkrankung und Selbstoptimierung – ohne die gefährlichen Auswirkungen verharmlosen zu wollen. Anorexie einfach nur als heteronome Übernahme eines Modeideals zu interpretieren, scheint in der Tat zu kurz zu greifen. Vielmehr werde Anorexie von Einigen durchaus als (bisweilen parareligiös angehauchter) Ausdruck von Freiheit und Autonomie von Frauen sowie als Protest gegen (patriarchale) Fremdbestimmung und die herrschende Marktideologie gesehen. Zugleich sei sie selbstverständlich eine Krankheit und Artikulation eines Leib-Geist-Dualismus. Die Selbstgefährdung als letztlich inadäquater Mitteleinsatz fordere allerdings auch Rückfragen an die Gesellschaft und ihre Erwartungshaltung insbesondere gegenüber Frauen aber auch an Grenzen der Toleranz gegenüber Entscheidungen von Einzelnen heraus (211-233).

Sowohl im Behaviorismus als auch in der Humanistischen Psychologie wird die Optimierung des Menschen für möglich und nötig erachtet. Anna Sieben lotet durch einen Vergleich beider Richtungen das Feld künftiger Optimierungsdiskurse zwischen den Extremen der Konditionierung und autonomistischer Selbstoptimierung aus und positioniert darin Geschlechtlichkeit und Sexualität (235-267).

Im Gegensatz zur technischen Optimierung ist die Selbstformung des Menschen (beispielsweise durch Gedächtnistraining oder das Bemühen um eine Veränderung sozialen Verhaltens) zwar für eine Reihe philosophischer Fragen höchst bedeutsam, werde jedoch in der einschlägigen Literatur ignoriert, für unmöglich erachtet oder in praktischer Hinsicht abgelehnt. Unter „Selbstformung“ versteht der Philosoph Roland Kipke „die absichtliche, nicht-therapeutische Gestaltung eigener mentaler Dispositionen, die von einzelnen Gewohnheiten über kognitive und kommunikative Fähigkeiten bis hin zu tief verankerten Charakterzügen reichen“ (270). In Auseinandersetzung mit ausgewählten Autoren der jeweils kritisierten Positionen weist der Verfasser nach, dass Selbstformung theoretisch wichtig, praktisch möglich und in ethischer Hinsicht besonders auch für die Fragen guten und gelingenden Lebens wichtig sei (269-303).

Den Optimierungstendenzen der Gegenwart stellt der Pädagoge Roland Reichenbach den fehlbaren, imperfekten, mithin „dilettantischen“ Menschen gegenüber, der in seinen „vielfältigen Weltbezügen und -interessen sozusagen konstitutiv auf Versagen angelegt“ (306) sei und deshalb immer nur mit moralischer, aber niemals mit absoluter Gewissheit handeln kann, oft hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt und auf Kompromisse angewiesen ist. Gerade deswegen erweise sich der Dilettant aber letztlich als frei und sei deshalb auch vor Optimierungsversuchen zu schützen (305-328)

Der unvollkommene, sündhafte Mensch kann auch als wesentlicher Bestandteil jeden christlichen Menschenbildes bezeichnet werden, welches das Handeln orientiert und motiviert. Welche Selbst- und Fremdoptimierungsprozesse auf dieser Basis in der christlichen Missionsarbeit ebenso wie generell in der interkulturellen Verständigung entstehen, stellt Maik Arnold auf der Basis einer Analyse autobiographischer Erzählungen protestantischer Missionare dar (329-350).

Der dritte Teil des vorliegenden Buches wendet sich Möglichkeiten der Optimierung des Menschen in Orientierung an Informationstechnologien und Statistiken zu. Der Literaturwissenschaftler Jürgen Link stellt dabei sein Konzept des Normalismus als „ein Regime der Regulierung moderner Dynamiken auf der Basis statistischer Verdatung“ (354) in „verdateten Gesellschaften“ vor, die dadurch gekennzeichnet seien, dass in ihnen „ein ‚Wille‘ zur möglichst totalen statistischen Selbsttransparenz herrscht“ (354). Humanoptimierung tendiere hier zur „Supernormalität“, d. h. zur Austestung der oberen Normalitätsgrenze, was dazu führe, dass sich die Normalverteilung ständig weiter nach oben schiebe (353-364).

In der Datenverarbeitung wird zur Vermeidung des Flaschenhals-Syndroms die serielle durch die parallele Verarbeitung optimiert. Dass „Multitasking“ im menschlichen Arbeitsverhalten aber eher eine Vergeudung von Ressourcen und letztlich Ineffizienz bedeute, zeigt der Medienwissenschaftler Stefan Rieger auf (365-379).

Gegenstand des vierten Teils ist das optimierbare Humane in der Belletristik. Die Romanistin Marie Guthmüller geht dabei der Frage der Authentizität durch einen Vergleich zweier autobiographischer Erzählungen nach: Während die Amerikanerin Lauren Slater in ihrem „Prozac Diary“ 1998 ihre letztlich erfolgreiche Therapie mit dem gleichnamigen Medikament erzählt, beschreibt die Französin Marie Cardinal in ihrem Roman „Les mots pour le dire“ 1975 ihre Lebensgeschichte nach einer erfolgreichen Psychotherapie; Authentizität im Sinne Rousseaus komme im erstgenannten Werk mit seinen Brüchen sowie der stets präsenten und von der Autorin explizit thematisierten Gefahr der Unwirksamkeit des Medikaments deutlicher zum Ausdruck als im letztgenannten, das sich als linearer Selbstfindungsprozess mit abgeschlossener Vergangenheit darstelle (383-408).

Optimierung des Selbst und Authentizität spielen auch eine zentrale Rolle in der Tagebuchliteratur. Ausgewählte Werke von der Frühen Neuzeit bis zur Gegenwart interpretiert der Germanist Ralph Köhnen als „Selbstpoetik des guten Lebens“ (409-444).

Im dritten Beitrag dieses Teils zeigen Agnieszka Komorowska und der Romanist Jörn Steigerwald wie in dem Roman „Les particules élémentaires“ von Michel Houellebecq eine Reflexion über die gentechnische Optimierbarkeit des Menschen und die damit zusammenhängenden Menschenbilder angeregt wird (445-469).

In seinem „Nachwort“ geht Jürgen Straub unter dem Titel „Optimierungstypen“ auch auf einige ethische Fragestellungen ein, was in dem sehr vielschichtigen und erhellenden Sammelband vielleicht etwas zu kurz kam und in künftigen Veröffentlichungen verstärkt aufgegriffen werden sollte. Diesen darf man mit Spannung entgegensehen.

Fazit

(bitte noch ein kurzes Fazit nachreichen)


Rezensent
Prof. Dr. Markus Babo
Katholische Stiftungshochschule München
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Zitiervorschlag
Markus Babo. Rezension vom 20.03.2013 zu: Anna Sieben (Hrsg.): Menschen machen. Die hellen und die dunklen Seiten humanwissenschaftlicher Optimierungsprogramme. transcript (Bielefeld) 2012. ISBN 978-3-8376-1700-9. Reihe: Der Mensch im Netz der Kulturen - Band 13. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13930.php, Datum des Zugriffs 19.12.2018.


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