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Stephan Duschek (Hrsg.): Organisationen regeln

Cover Stephan Duschek (Hrsg.): Organisationen regeln. Die Wirkmacht korporativer Akteure. Springer VS (Wiesbaden) 2012. 301 Seiten. ISBN 978-3-531-18039-7. 39,95 EUR.

Reihe: Organisation und Gesellschaft.
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Herausgeberteam, Autorinnen und Autoren

Prof. Dr. Stephan Duschek, Prof. Dr. Michael Gaitanides, Prof. Dr. Wenzel Matiaske und Prof. Dr. Günther Ortmann sind Inhaber von Professuren für Betriebswirtschaftslehre an der an der Helmut-Schmidt-Universität/Universität der Bundeswehr Hamburg. Auch weitere Beiträge sind von z.T. sehr renommierten OrganisationsforscherInnen verfasst, nämlich Renate Mayntz, Erhard Friedberg, Alfred Kieser , Hans Julius Schneider, Werner Patzelt, Thomas Klatetzki, Hartmut Kliemt, Peter Kappelhoff, Albert Martin.- Stephan Duschek, Dieter Sadowski, Kai Kühne.

Thema

Ausgangspunkt ist die Bemerkung von John R. Searle, es sei eine der großen Illusionen unserer Zeit, dass Macht aus dem Lauf der Gewehre komme. „In Wirklichkeit kommt Macht aus Organisationen …“ (1997, 127). Diese These wird zwar im Verlauf des Buches relativiert – ganz ohne Gewalt zumindest als Basis lässt sich auch organisationale Macht nicht ausüben – dennoch wird erläutert, dass und wie Organisationen regeln, was zählt und als was es zählt. Sie tun dies nach innen, in Bezug auf ihre eigenen Angelegenheiten, aber auch nach außen. Dieser Band geht aus soziologischer, ökonomischer und philosophischer Perspektive Fragen umfassend und vielfältig die Frage von Regeln und „ rule following“ nach, etwa: Wie regeln und steuern Organisationen?  Wie werden sie geregelt und gesteuert? Welche Evolution und pfadabhängige Entwicklung machen Regeln, Institutionen und Organisationen durch?

Aufbau und Inhalt

Das Buch besteht aus drei Teilen.

Voraussetzend wird das Themenfeld umrissen, wie auch die Frage: „Was ist eine Regel?“ Schneider beantwortet sie aus philosophischer Perspektive. Er meint, dass Regeln und deren Befolgen auf Gepflogenheiten und einem Können, bzw. Hintergrundverständnis beruhen. Regeln sind also nicht gleichsam gottgeschaffen schon da, sondern sie werden formuliert und müssen akzeptiert werden – was eine gewisse Angemessenheit und „Richtigkeit“ voraussetzt und in engem Zusammenhang mit Vorstellungen über ein „richtiges“ (soziales) Leben zusammen hängt.

Der erste Teil behandelt Regeln und deren Befolgen in Organisationen. Patzelt etwa beantwortet hier die Frage nach dem Wesen von Regeln noch einmal in ethnomethodologischer Tradition. Er beschreibt die organisierte Hervorbringung von Realität anhand von Interpretationsverfahren, Darstellungstechniken, Deutungen etc.Regeln sind also eine besonders drastische Form der sozialen Konstruktion von Wirklichkeit. Ortmann fragt nach den Konsequenzen für die Organisationstheorie. Interessant sind hier seine Ausführungen zu und Beispiele für Regelverletzungen – Organisationen funktionieren ja „nur auf Basis von Regelbefolgung und Regelverletzung“ 80Einen im organisationalen Alltag bedeutsamen Aspekt von Regelbefolgung, nämlich die Bedeutung von Respekt, Stolz und Scham, die wesentlich stärker als formale Regeln wirken, hebt Klatetzki hervor. Generell betonen alle Beiträge hier den über (zweck)rationales Handeln im engeren Sinn hinaus gehenden starken konstruktivistischen und emotionalen Anteil von Regeln und deren Befolgung.

Der zweite Teil beschäftigt sich mit der Evolution von Organisationen und der Funktion von Regeln. Eigenwillig ist der Text von Kappelhoff, der die Entwicklung von Organisationen zu Gebilden eigener Art als bedeutsamen evolutionären Übergang erklärt. Er befasst sich mit der Dialektik von Protestmoral und Funktionsmoral, sorgt sich, dass letztere durch Moralisierung bedroht werden, welche insbesondere durch soziale Bewegungen vorangetrieben werden. Der Text ist selbst allerdings moralisierend, wenn z.b. Nichtregierungsorganisationen mit Zelotentum – also Eiferern – in Verbindung gebracht werden, moralisierende Kommunikation durch Wirtschaftsorganisationen oder ihre Vertreter allerdings nicht thematisiert werden. Dass die „Dynamik der Moralisierung“ (131) zunimmt, ist vermutlich richtig, dass sie primär in wenig regulierten Kommunikationsformen, wie sozialen Netzwerken stattfindet, unterschätzt die moralische Kommunikation in sogenannten Qualitätsmedien oder von Seiten der Organisationen der Funktionssysteme. Duschek analysiert Regelpfade, also Wirkmächte des (Miss-)Erfolgs von Organisationen. Institutionelle Pfadabhängigkeiten ziehen Organisationen demnach in Eigendynamiken, die so stark wirken, dass sich die Organisationen ihnen aus eigener Kraft kaum entziehen können. Sie können „Spiralen des Niedergangs“ bewirken oder, häufiger, Resistenz gegenüber notwendigen Veränderungsversuchen.

Im dritten Teil geht es um die Steuerung von Organisationen: Wer steuert Organisationen, wie steuern diese wiederum und wie werden sie gesteuert? Hier werden zunächst allgemeine Zusammenhänge der Steuerung von Organisationen diskutiert, Kieser fragt spezifisch, wer denn Organisationen steuere. Er geht vom Konzept der institutionellen Logik aus, welche organisationale Ziele mit Werten und Praktiken in Verbindung bringt und die Richtung organisationalen Wandels bestimmt. Unerwünschte Effekte dieser Logik zeigen die Komplexität von Organisationen bzw. die Unwahrscheinlichkeit linearer Steuerung. „Reformen komplexerer Organisationen degenerieren demzufolge zu weitgehend rhetorischen Übungen.“228 In der Folge diskutiert er einschränkende und ermöglichende Effekte von Organisationen bzw. deren Regeln und zeigt paradoxe Effekte u.a. am Beispiel der Betriebswirtschaftslehre wie auch der Medizin. Seine Schlussfolgerungen sind – m.E. zu Recht – ernüchternd, Organisationen wirken demnach sehr mächtig, oft aber in die falsche Richtung. In der Folge geht es um spezifische Fragen von Steuerung, nämlich die Regulierung von Finanzmärkten durch internationale Organisationen im Artikel von Mayntz und um die Frage von Codes of Conduct als möglicher Quelle internationalen Arbeitsrecht im Artikel von Sadowsky und Kühne. Der Artikel über die Regulierung von Finanzmärkten ist hoch aktuell, ein interessanter und oft weniger beachteter Aspekt dabei ist die Unterscheidung von Regeln und Prinzipien, also Konditional- und Zweckprogramme, wobei Mayntz im konkreten Fall für Prinzipien argumentiert, v.a. da diese sehr unterschiedlichen Umsetzungskontexten gerecht werden müssen (273).

Diskussion

Das Buch geht von einer gesellschaftspolitisch aktuellen und sehr spannenden Frage aus, beantwortet diese aber in manchmal mühsamer Weise, trotz vielversprechender Titel machen einige der Artikel wenig Lust, weiter zu lesen. Die einzelnen Beiträge sind diesbezüglich sehr unterschiedlich, alle sind sie allerdings klug argumentiert und bieten im Einzelnen viele interessante Anregungen und soziologisch-philosophische Inhalte.

Fazit

Das Buch richtet sich an Studierende, Dozierende und Forschende der Soziologie, der Organisationsforschung und der Wirtschaftswissenschaften. Für jene davon, die sich sehr tief in die Materie einarbeiten wollen, oder dies schon getan haben, ist es sicher bereichernd.


Rezension von
Prof. Dr. Ruth Simsa
Wirtschaftsuniversität Wien
Institut für Soziologie, NOP Institut
Homepage www.ruthsimsa.at
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Zitiervorschlag
Ruth Simsa. Rezension vom 16.10.2012 zu: Stephan Duschek (Hrsg.): Organisationen regeln. Die Wirkmacht korporativer Akteure. Springer VS (Wiesbaden) 2012. ISBN 978-3-531-18039-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13942.php, Datum des Zugriffs 09.07.2020.


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