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Martin Grigo, Julia Ihrke u.a.: Fallmanagement im Krankenhaus

Cover Martin Grigo, Julia Ihrke, Bernhard Langer: Fallmanagement im Krankenhaus. Eine empirische Bedarfsanalyse am Beispiel einer süddeutschen Klinik. Logos Verlag (Berlin) 2012. 313 Seiten. ISBN 978-3-8325-3120-1. D: 49,00 EUR, A: 50,40 EUR, CH: 87,20 sFr.

+ 77 Seiten Anhang.
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Thema

Seit gut 10 Jahren, mit der Einführung der DRGs, ist Prozessanalyse und Fallmanagement ein wichtiges Thema im Krankenhaus, um durch kürzere Verweildauern effizienter zu arbeiten und die Versorgung nach dem Krankenhausaufenthalt zu sichern. Gleichzeitig verbessert ein gutes Fallmanagement die Situation des Patienten, weil es eine Stelle gibt, die den Gesamtüberblick über seine individuelle Situation hat und entsprechend dieser individuellen Notwendigkeiten die Steuerung, im Idealfall in Absprache mit Patient und ggf. Angehörigen, erfolgt. Auch für alle am Versorgungsprozess Beteiligten, inklusive vor und nach dem Krankenhausaufenthalt, gibt es einen Ansprechpartner, der Bescheid weiß. Dies verbessert die Versorgung, spart Ressourcen und führt zu erhöhter Zufriedenheit bei allen Beteiligten. Trotzdem wird in den wenigsten Krankenhäusern Fallmanagement konsequent umgesetzt. Deshalb haben die Autoren ein noch immer hoch aktuelles und relevantes Thema bearbeitet.

Autorin und Autoren

Martin Grigo studierte den Bachelorstudiengang „Pflegewissenschaft/Pflegemanagement“ und den Masterstudiengang „Management im Sozial- und Gesundheitswesen“, beide an der Hochschule Neubrandenburg. Seine Master-Thesis ist Teil dieses Buches.

Julia Ihrke studierte den Bachelorstudiengang „Public Health/Gesundheitswissenschaften“ an der Universität Bremen und anschließend den Masterstudiengang „Management im Sozial- und Gesundheitswesen“ an der Hochschule Neubrandenburg. Ihre Master-Thesis ist Teil dieses Buches.

Bernhard Langer studierte und promovierte im Bereich Gesundheitsökonomie an der Universität Augsburg. Bevor er die Professur für Management im Gesundheits- und Sozialwesen an der Hochschule Neubrandenburg übernommen hat, war er in verschiedenen Funktionen im Bereich der Krankenkassen tätig. Er betreute die beiden Master-Thesis, die in diese Arbeit eingeflossen sind.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich nach der Einleitung in fünf inhaltliche Teile. Die ersten zwei Teile beinhalten den aktuellen und theoretischen Rahmen (aktuelle Herausforderungen für Krankenhäuser in Deutschland, theoretische Grundlagen des Fallmanagements (als deutsche Übersetzung des Case Managements)). Die letzten drei Kapitel beschäftigen sich mit einer Prozessanalyse eines beispielhaften Klinikums.

Zunächst wird die Planung und Durchführung des Projektes, inkl. der fünf aufgestellten Hypothesen, beschrieben. Kernstück des Buches ist eine empirische Prozessanalyse, die neben den Beteiligten des Krankenhauses Einweiser und Nachsorger einbezieht. Untersucht wird die Patientenaufnahme inkl. eines hierfür erstellten initialen Risikoscreeningassessmentinstruments, die Patientenentlassung und die wirtschaftlichen Konsequenzen. Die Ergebnisse werden im letzten inhaltlichen Teil hypothesengeleitet interpretiert und Lösungsansätze hieraus abgeleitet. Im abschließenden Fazit werden die Ergebnisse komprimiert und ein Ausblick gegeben.

Herausforderungen für die Krankenhäuser in Deutschland. Die Rahmenbedingungen des Umfeldes, in dem sich Krankenhäuser zur Zeit bewegen, und die typische interne Situation vieler Krankenhäuser werden kurz und prägnant beschrieben. Sie umfassen die gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und strukturellen Herausforderungen.

Fallmanagement als möglicher Lösungsansatz. Fallmanagement wird als Übersetzung des Begriffes Case Management definiert. Die theoretischen Grundlagen (Definition, Zieldimensionen, historische Entwicklungen, Funktionen, Regelkreis, Handlungsebenen) werden umfassend und kompakt dargestellt. Anschließend wird die konkrete Umsetzung des inhaltlichen Konzeptes im Universitätsklinikum Köln und Dietrich-Bonhoeffer-Klinikum Neubrandenburg vorgestellt und das Fallmanagement als Lösungskonzept für aktuelle Herausforderungen kritisch bewertet.

Prozessanalyse in einem Klinikum in Süddeutschland. Nach einer komprimierten Darlegung der Grundlagen des Projektmanagements, wird die konkrete Durchführung sowohl bzgl. Projektaufbau und -durchführung als auch inhaltlich beschrieben. Den inhaltlichen Kern bilden die folgenden fünf Hypothesen und der daraus abgeleitete Nutzen für das Krankenhaus.

  1. „Die Überleitung der Patienten in das Krankenhaus verläuft aufgrund von Kommunikations- und Informationsdefiziten suboptimal und erschwert eine individuelle prozess- und patientenorientierten Versorgung von Beginn an.“
  2. „Aufgrund einer fehlenden bzw. zu modifizierenden standardisierten stationären Patientenaufnahme, welche Patienten mit einem erhöhten Steuerungsbedarf identifiziert, können die potentiellen Risiken der Patienten nicht ermittelt und somit im Rahmen der Patientenversorgung nicht berücksichtigt werden.“
  3. „Die Kommunikation und Kooperation aller am Versorgungsprozess beteiligten Berufsgruppen ist im Sinne einer patientenorientierten, qualitativen sowie wirtschaftlichen Versorgung unzureichend und beeinträchtigt eine kontinuierliche und prozessorientierte Behandlung und Betreuung der Patienten.“
  4. „Eine unzureichende Organisation und Planung der Entlassung sowie ein unzureichendes DRG-Wissen der Ärzte führen zu primären und sekundären Fehlbelegungen und somit zu finanziellen Verlusten.“
  5. „Die Überleitung der Patienten vom stationären in den poststationären Sektor verläuft aufgrund unzureichender Organisation des Entlassungsmanagements suboptimal und führt zu Kommunikations- und Informationsdefiziten, welche eine individuelle und lückenlose Weiterversorgung der Patienten erschweren.“

Abschließend werden Problempunkte in der Kooperation mit dem Krankhaus während der Durchführung des Projektes benannt.

Methodisches Vorgehen und generierte Ergebnisse. Neben der Überprüfung der Hypothesen hat dieses Kapitel das Ziel, durch eine individuelle Prozessanalyse die konkreten Ansatzpunkte für die Einführung eines individuellen Fallmanagements im untersuchten Klinikum herauszuarbeiten. Gegliedert ist das Kapitel nach den angewandten Instrumenten:

  • Leitfadeninterviews,
  • Einweiser- und Nachsorgerbefragung,
  • Formular Patientenaufnahme,
  • Initiales Risikoscreeningassessmentinstrument (IRAI),
  • Formular Patientenentlassung,
  • Mitarbeiterbefragung und
  • Dokumentenanalyse.

Für jedes Instrument wird die Entwicklung des Datenerhebungsinstrumentes, die Vorgehensweise der Datenerhebung, die Ergebnisse und eine Fehleranalyse dargestellt. Das Kapitel Initiales Risikoscreeningassessmentinstrument unterschiedet sich insofern von den anderen Kapiteln, als das entwickelte Instrument IRAI nicht nur der Evaluation der Situation dient, sondern auch als Instrument im Krankenhausalltag (nach Weiterentwicklung auf Grund der Evaluationsergebnisse) anwendbar ist.

Hypothesengeleitete Interpretation. Die hypothesengeleitete Interpretation erfolgt in Anlehnung an die aufgestellten Hypothesen für den Prozess der Patientenaufnahme (Hypothese I und II), die Kommunikation und Kooperation (Hypothese III), die Wirtschaftlichkeit (Hypothese IV) und den Prozess der Patientenentlassung (Hypothese V). Auf Grund der verschiedenen Bereiche in denen Kommunikation und Kooperation stattfindet, erfolgt die Interpretation getrennt für allgemeine Kommunikation und Kooperation, Kommunikation und Kooperation auf der Station, mit anderen Abteilungen, mit internen Diensten, mit Patienten/Angehörigen und mit externen Einrichtungen. Die Patientenentlassung wird in die Prozessbestandteile Entlassungsplanung, Beratung und Schulung von Patienten und/oder Angehörigen, Weitergabe des Entlassungstermins, Entlassungsuhrzeit und erhaltene Informationen von der untersuchten Einrichtung unterteilt. Für jeden Punkt bzw. Unterpunkt werden zunächst die wichtigsten Ergebnisse der dazugehörigen empirischen Untersuchungen zusammengefasst. Aus diesen Ergebnissen werden Konsequenzen für den jeweiligen Bereich abgeleitet und anschließend für die weitere Vorgehensweise Vorschläge benannt. Abschließend werden Möglichkeiten aufgezeigt, wie dies konkret im Fallmanagement umgesetzt werden könnte.

Fazit. Im Fazit werden die wesentlichen Ergebnisse zusammengefasst, indem auf den Grad der Zielerreichung der Master-Thesis eingegangen wird, die Ergebnisse der Prozessanalyse über alle empirischen Untersuchungen umfassend und komprimiert dargestellt werden und die möglichen Aufgaben eines Fallmanagements zusammengefasst werden. Schlussbemerkungen bzgl. der konkreten Situation im betrachteten Krankenhaus und ein Ausblick auf die Bedeutung der Thematik in der Zukunft der Krankenhäuser allgemein beschließen die Arbeit.

Zielgruppen

Zielgruppe dieses Buches sind Praktiker im Krankenhaus, besonders im ärztlichen und pflegerischen Dienst und in Querschnittsfunktionen wie Organisation und Qualitätsmanagement, außerdem Wissenschaftler und Studierende, die sich mit dem Thema Fallmanagement im Krankenhaus beschäftigen.

Diskussion

Die aktuellen Entwicklungen und die Einführung ins Fallmanagement bilden eine gute Basis für die empirische Untersuchung. Die Bedeutung der Konkretisierung des Konzeptes in zwei Krankenhäusern für die Arbeit wird nicht deutlich. Schön wäre gewesen, wenn Gemeinsamkeiten und Unterschiede bzgl. der Umsetzungen herausgearbeitet worden wären. In die kritische Bewertung fließt nur eines der vorgestellten Konzepte ein, dafür die Ergebnisse anderer Krankenhäuser. Dies ist irritierend und nicht nachvollziehbar.

Die Grundlagen des Projektmanagements, die der Prozessanalyse in einem Klinikum in Süddeutschland vorangestellt werden, irritieren im Rahmen dieser Arbeit. Wird die Arbeit als Handlungsleitfaden für die Durchführung in anderen Krankenhäusern verstanden, erspart es Unerfahrenen weitergehende Literatur. Insgesamt könnte dieses Kapitel durch einen klaren roten Faden, der Wiederholungen überflüssig macht, knapper auf den Punkt gebracht werden.

Die angewandten Instrumente sind für das Ziel der Arbeit sehr gut ausgewählt und umgesetzt. Dies ermöglicht den Lesern ein vergleichbares Vorgehen für eine andere Einrichtung durchzuführen, indem die vorgestellten Instrumente angepasst werden. Durch solch eine individuelle Datenerhebung kann ein, auf die speziellen Bedürfnisse und Strukturen der individuellen Einrichtung abgestimmtes, Fallmanagement entwickelt werden. Alternativ könnten Ergebnisse übernommen und auf Besonderheiten der Einrichtung angepasst werden, um den Entwicklungsaufwand zu reduzieren, auch wenn die Stärken und Schwächen individuell unterschiedlich sind.

Die immer wiederkehrende stereotype Wiederholung von übergreifenden Aspekten im Kapitel „Methodisches Vorgehen und generierte Ergebnisse im Rahmen der Prozessanalyse“ und der bereits grafisch dargestellten Ergebnisse macht das Lesen anstrengend und verleitet zum Überspringen. Leichter und interessanter zu lesen wäre eine auf wesentliche Ergebnisse fokussierte Darstellung, die übergreifende Aspekte auch übergreifend darstellt und damit Wiederholungen vermeidet, mit einer ausführlichen Ergebnisdarstellung im Anhang, auf die an entsprechenden Stellen zur Vertiefung verwiesen wird.

In der hypothesengeleiteten Interpretation sind als Ausgangspunkt die Ergebnisse sehr gut und knapp zusammengefasst. Der systematische Aufbau ist für jeden Bereich gleich. Dies macht die Interpretation der Untersuchungsergebnisse gut nachvollziehbar und die Ergebnisse eines Teilbereiches sind leicht zu finden. Gleichzeitig führt diese strikte Trennung der Unterpunkte zu Wiederholungen, die beim Lesen stören. Die Hypothese wird durchweg pauschal bestätigt, auch wenn die Ergebnisse der empirischen Untersuchung zu differenzierten Ergebnissen kommen.

Die Zusammenfassung der Ergebnisse im Fazit ist sehr gut und knapp, genauso wie das mögliche Gesamtaufgabenprofil eines Fallmanagements. Hier wäre eine Verbindung zur Anfangs dargestellten Theorie des Fallmanagements schön gewesen, mindestens zum Regelkreis.

Fazit

Detaillierte, qualifizierte empirische Untersuchungen bzgl. der vielfältigen Aspekte des Fallmanagements eines Klinikums mit seinen Wechselbeziehungen zu Einweisern und Nachsorgern, die zum Ziel haben, Defizite aufzuzeigen und dadurch zahlreiche Anhaltspunkte für Verbesserungsbedarf und eigene empirische Untersuchungen für alle enthält, die sich mit dem Fallmanagement eines Krankenhauses beschäftigen. Die sehr klare Struktur ermöglicht ein Lesen von Teilbereichen ohne Informationsverlust und führt gleichzeitig zu Wiederholungen, die beim Lesen des Buches im Ganzen stören.


Rezension von
Prof. Dr. Christine Güse
Professorin an der Fakultät für Gesundheit und Pflege der Evangelischen Hochschule Nürnberg, verantwortliche für den Studienschwerpunkt Krankenhausmanagement
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Zitiervorschlag
Christine Güse. Rezension vom 15.12.2014 zu: Martin Grigo, Julia Ihrke, Bernhard Langer: Fallmanagement im Krankenhaus. Eine empirische Bedarfsanalyse am Beispiel einer süddeutschen Klinik. Logos Verlag (Berlin) 2012. ISBN 978-3-8325-3120-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13949.php, Datum des Zugriffs 02.07.2020.


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ISSN 2190-9245

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