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Sigrun-Heide Filipp, Irene Gerlach (Hrsg.): Generationenbeziehungen

Cover Sigrun-Heide Filipp, Irene Gerlach (Hrsg.): Generationenbeziehungen. Herausforderungen und Potenziale ; Gutachten für das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2012. 217 Seiten. ISBN 978-3-531-18510-1. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 43,50 sFr.

Reihe: Familie und Familienwissenschaft. Gutachten für das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.
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Thema und Entstehungshintergrund

Generationenbeziehungen gewinnen im demografischen Wandel zunehmend an Bedeutung – und an Brisanz. Abnehmende Stabilität familialer Beziehungen und Sorgen um den Erhalt des Gemeinwesens sind ebenso brisant wie die Verschiebung der Gewichte zwischen den Generationen, die Rentenfrage und die Notwendigkeit solidarischer Unterstützung über Generationsgrenzen hinweg. Der Wissenschaftliche Beirat für Familienfragen untersucht Herausforderungen und Potenziale der Generationenbeziehungen. In einem Gutachten für das Bundesfamilienministerium richtet der Beirat den Fokus insbesondere auf die Großeltern-Eltern-Beziehung. Damit setzt er andere Akzente als die klassischen Familienberichte der Bundesregierung. Es geht um demografische Trends, ökonomische Rahmenbedingungen, Leistungen der Generationen füreinander, die Beziehungen zwischen Großeltern und Enkelkindern in ihren Rückwirkungen auf das Wohlbefinden, um „Initiierung und Förderung von Generationenbeziehungen außerhalb der Familien“ (120) und um zeitpolitische Konzepte. Schließlich empfiehlt der Beirat für Familienfragen der Bundesregierung eine neue Generationenpolitik.

Herausgeberinnen

Prof. Dr. Irene Gerlach ist Vorsitzende des Wissenschaftlichen Beirats für Familienfragen und Professorin an der Evangelischen Fachhochschule Bochum.

Prof. Dr. Sigrun Heide Filipp war Professorin für Angewandte Entwicklungspsychologie an der Universität Trier und ist seit 2008 emeritiert.

Der Wissenschaftliche Beirat für Familienfragen berät das Ministerium unabhängig und ehrenamtlich in allen Fragen der Familienforschung und Familienpolitik. Er wurde in seiner jetzigen Form im Jahr 1970 gegründet und äußert sich regelmäßig in Gutachten und Stellungnahmen zu Schwerpunktfragen der Familienpolitik – wie beispielsweise zur Vereinbarkeit von Ausbildung und Familie oder zum Thema der Generationenbeziehungen.

Aufbau

Das Gutachten ist in sechs Kapitel gegliedert:

  1. Generation und Generativität als Perspektive für Familienpolitik
  2. Generation – Konzeptuelle Klärung
  3. Gesellschaftliche Rahmenbedingungen der Gestaltung von Generationenbeziehungen
  4. Familiäre Generationenbeziehungen am Beispiel von Großeltern und Enkelkindern
  5. Generationenbeziehungen außerhalb der Familie
  6. Für eine aktive Unterstützung von Generationenbeziehungen: Empfehlungen des Beirats

Inhalt

Kapitel 1: Generation und Generativität als Perspektive für Familienpolitik. Das einleitende erste Kapitel beschreibt die Veränderungen der Generationenbeziehungen in Zeiten des demografischen und gesellschaftlichen Wandels. Dazu gehört „eine zunehmende Individualisierung sowie eine abnehmende Selbstverständlichkeit und Zuverlässigkeit familialer Bindungen“ (11). Dem stellen die Autorinnen und Autoren die Prämisse entgegen, dass „Basis jeglicher Generationenbeziehungen […] die Bereitschaft und die Fähigkeit von Menschen [ist], Familien zu gründen, Kinder aufzuziehen und für sie zu sorgen.“ (11) So ist philosophisch und auf evolutionsbiologischer Grundlage vom „menschlichen Bedürfnis nach Generativität“ (11) die Rede. Verantwortung ist ein weiterer Schlüsselbegriff in einem im Wortsinn konservativen Generationsverständnis, das in eine „Generationenfolge“ (12) eingebettet ist. Es komme entscheidend darauf an, „sich mit den Leistungen der vorangegangenen Generationen für das eigene Dasein auseinander zu setzen wie auch (vielleicht in erster Linie) die Existenz das Wohlergehen der nachfolgenden Generation zu bedenken und danach zu handeln.“ (12) So entstehen evolutionsbiologisch und ethisch begründete Verantwortungsgemeinschaften über Generationen hinweg. Diese gelebten und gedachten Generationenbeziehungen können von der Politik gefördert werden. Diese hat ihr Augenmerk bisher vor allem auf die klassische Eltern-Kind-Relation in und außerhalb der Familie gelegt. Das Gutachten weitet den Blick angesichts deutlich gestiegener Lebenserwartungen auf die Beziehungen zwischen Großeltern und Enkelkindern, die bisher von der Wissenschaft vernachlässigt worden seien. Vor allem die „absolute zeitliche Dauer“ (13) der Großeltern-Enkel-Beziehungen habe sich deutlich verlängert. Dies sei angesichts der gestiegenen Lebenserwartung eine „historisch sehr junge Erscheinung“. (13) Das Gutachten des Wissenschaftlichen Beirats für Familienfragen plädiert für eine Aufwertung der Generationenpolitik. „Dabei wird insbesondere auch nach den wichtigen Funktionen dieses Generationenverhältnisses vor dem Hintergrund der Bedingungen heutigen Familien- und Arbeitslebens gefragt.“ (17) Auch mögliche Spannungen und Konflikte werden nicht ausgeblendet. Darüber hinaus wird dem „Wohlergehen der künftigen Generationen“ (15) im Sinne der Nachhaltigkeit und der Verantwortungsethik besondere Beachtung geschenkt.

Kapitel 2: Generation – Konzeptuelle Klärung. Kapitel zwei beschreibt knapp die Grundbegriffe einer interdisziplinären Generationenanalyse, analysiert die „Charakteristika von Generationenbeziehungen“ (24) inklusive der Schlüsselbegriffe Solidarität, Konflikt und Ambilvalenz, um schließlich auf „Generativität als zentrale Aufgabe“ (27), die allerdings nicht biologistisch verkürzt werden sollte, so die Autorinnen und Autoren. Ausgangsbasis ist das Konzept der „gelebten Beziehungen zwischen den Generationen“ (28), bei denen Wechselseitigkeit und Austausch im Vordergrund stehen. Es gilt, voneinander und miteinander zu lernen.

Kapitel 3: Gesellschaftliche Rahmenbedingungen der Gestaltung von Generationenbeziehungen. Im dritten Kapitel geht es um demografische Trends, „familienstrukturelle Entwicklungen“ (35), die „ökonomischen Rahmenbedingungen, unter denen Familien ihr Leben und die Generationenbeziehungen gestalten können (42), wobei der Arbeitsmarkt eine besondere Rolle spielt, um Mobilität, Telekommunikation und multilokale Verbindungen in Zeiten des Internets. Den Abschluss bilden rechtliche Rahmenbedingungen, „sozialstaatliche Strukturierungen“ (49) und „intergenerationelle Lastverschiebungen (52) etwa im Bereich der Altersversorgung aber auch der Verteilung finanzieller Mittel für politische Schwerpunktaufgaben.

Kapitel 4: Familiäre Generationenbeziehungen am Beispiel von Großeltern und Enkelkindern. Nach den theoretischen Ausführung der ersten drei Kapitel, die allerdings noch wenig zu Beziehungspotenzialen unter den Generationen aussagen, folgen im vierten Kapitel Empirie und Praxis. Es geht um Wohnortentfernungen, um Nähe und Bildungsniveau, die Erwerbstätigkeit von Großeltern, um Möglichkeiten der Kinderbetreuung, die mögliche Rolle von Großeltern als Mediatoren, falls die Eltern ihrer Enkel sich trennen, auch um die „Beziehungen zwischen Stiefgroßeltern und deren Stiefenkeln, d.h. jene Konstellationen, in denen soziale Großelternschaft gelebt wird.“ (77) Besonders im Fokus stehen die „sozio-emotionale Bedeutung, die Großeltern und Enkel füreinander besitzen“ (79), die „entwicklungsförderliche Rolle der Großeltern“ (79) sowie deren „Bedeutung als (auch zeitliche) ‚Ressource? im Alltagsleben“. (79) Darüber hinaus tragen Großeltern „zum Erhalt soziokultureller Traditionen bei“. (80) Sie geben Wissen und Werte weiter, helfen mit ihrer Erfahrung, Probleme zu lösen und haben unabhängig von den Eltern eine ganz „eigenständige Rolle in der Vermittlung religiöser Werte an die Enkelgeneration“. (81) Schließlich können Großeltern auch „als Freunde bzw. Spielkameraden fungieren, die mit den Enkeln den Alltag gestalten, gemeinsame Aktivitäten unternehmen und deren Phantasie anregen“. (83) Als „Geschichtenerzähler“ (83) sind Großeltern besonders gefragt. Diese Befunde sind keineswegs trivial. Gerade in Zeiten veränderter familialer Beziehungen sind dies stabilisierende Funktionen, die im Gegensatz zu früheren Zeiten nicht mehr selbstverständlich sind. „Großeltern tragen durch die Beziehung zu ihren Enkeln zu einer Stabilisierung familialer Hilfenetzwerke bei“ (85), schreibt der Beirat in seinem Gutachten. Auch „finanzielle und materielle Transfers“ (85) sind in diesem Zusammenhang von Interesse. Das Fazit des Beirats: „Großeltern-Enkel-Beziehungen beinhalten Chancen des wechselseitigen Lernens, sie können die Einsicht in die Bedeutung verlässlicher Beziehungen erzeugen und fördern, und sie können ein wichtige Quelle positiver Emotionen und hoher Lebenszufriedenheit sein.“ (101)

Kapitel 5: Generationenbeziehungen außerhalb der Familie. Weniger selbstverständlich und zudem seltener sind Generationenbeziehungen außerhalb von Familien. Dem widmet sich das fünfte Kapitel. Hintergrund sind „Veränderungen familialer Strukturen“ (105), die „Fragilität von Familienbeziehungen“ (106) sowie – ganz spannend – Gefährdungslagen für ältere Menschen, „die eine Neuausrichtung gewalt- und kriminalpräventiver Bemühungen erfordern. Dazu gehören unter anderem Formen der Vermögenskriminalität bei denen Hochaltrige gezielt als Opfer ausgewählt werden (Trickdiebstähle: ‚Enkeltrick?, etc.), aber auch Tötungsdelikte an älteren Menschen.“ (106-107) Auch andere Delikte sind in den letzten Jahren mit steigender Lebenserwartung zunehmend in den Fokus gerückt, etwa „Misshandlung und Vernachlässigung älterer Pflegebedürftiger in privaten wie professionellen Pflegebeziehungen, in den die potenziellen Opfer in besonderem Maße verwundbar sind.“ (107) Andererseits werden auch Delikte wie sexuelle Gewalt von Älteren an Kindern beleuchtet. Der Beirat schließt, „dass (sexuelle) Gewalt zwischen älteren Menschen und Kindern ein durchaus zu beachtendes, wenn auch stark tabuisiertes oder in Einzelfällen skandalisiertes Thema ist“. (108) Die Autorinnen und Autoren sehen aber grundsätzlich Chancen in außerfamilialen Generationenbeziehungen, insbesondere, wenn es um Kompensationen von Hilfen geht, die in Familien nicht mehr geleistet werden (können). „Die Suche nach den Potenzialen, die sich aus außerfamilialen Generationenbeziehungen schöpfen lassen, ist also in jedem Falle ein lohnendes Unterfangen, und zweifellos liegt darin eine wichtige Herausforderung an eine zukunftsorientierte, für die Generationenfrage sensible Familienpolitik.“ (109) Abgeschlossen wird das Kapitel mit Modellprojekten, Initiativen und Praxisbeispielen. Spannend sind in diesem Zusammenhang vor allem intergenerationelle Wohn- und Lebensformen sowie Zeitprojekte.

Kapitel 6: Für eine aktive Unterstützung von Generationenbeziehungen: Empfehlungen des Beirats. Das sechste Kapitel gibt Empfehlungen an die Politik, sowohl familiäre als auch außerfamiliäre Generationenbeziehungen zu stärken. Die höhere Lebenserwartung eröffne neue Chancen, um den Austausch zwischen den Generationen zu stärken. Denkbar sei es, „Inhalte der Familienbildung weiter zu entwickeln und zuweitern um Komponenten eines ‚Mehrgenerationenmanagements?. (162) Freiwilligenarbeit sowohl von Großeltern als auch von Enkeln solle gestärkt, Qualifizierungsmöglichkeiten verbessert werden. Außerdem müssten mehr „Begegnungs- und Erfahrungsräume geschaffen werden“ (163), auch um die Zivilgesellschaft zu stärken. Freiwilliges Engagement von jungen und alten Menschen solle darüber hinaus rechtlich abgesichert und anerkannt werden.

Diskussion und Fazit

Die Studie ist fundiert, aber wenig spektakulär. Sie richtet den Blick auf die bisher von der Wissenschaft eher vernachlässigten Großeltern-Enkel-Beziehungen. Dort liegen offenbar erhebliche Potenziale, um den Zusammenhalt der Generationen und die intergenerationelle Solidarität zu stärken. Gleichzeitig können so intergenerationelle Konfliktfelder entschärft werden. Die normativen Aussagen der Studie sind nachvollziehbar und begrüßenswert, die Frage der Finanzierbarkeit bleibt aber ebenso ausgeklammert wie die Rolle der ohnehin schon stark strapazierten Kommunen bei der Schaffung und Betreuung neuer, außerfamilialer Generationenbeziehungen. Die Lösungsvorschläge des Beirats bleiben konventionell. Fazit: Ein pflegeleichtes Gutachten für die Bundesfamilienministerin.


Rezensent
Dr. Armin König
Bürgermeister der Gemeinde Illingen, Verwaltungswissenschaftler. Dozent an der Fachhochschule für Verwaltung des Saarlandes (FHSV).
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Zitiervorschlag
Armin König. Rezension vom 04.02.2013 zu: Sigrun-Heide Filipp, Irene Gerlach (Hrsg.): Generationenbeziehungen. Herausforderungen und Potenziale ; Gutachten für das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Springer VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2012. ISBN 978-3-531-18510-1. Reihe: Familie und Familienwissenschaft. Gutachten für das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13950.php, Datum des Zugriffs 22.03.2019.


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