socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Urs Gasser, Sandra Cortesi u.a.: Kinder und Jugendliche im Internet

Cover Urs Gasser, Sandra Cortesi, Jan Gerlach: Kinder und Jugendliche im Internet. Risiken und Interventionsmöglichkeiten. h.e.p.-verlag (Bern) 2012. 144 Seiten. ISBN 978-3-03905-840-2.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema und Autoren

Die rasant gestiegene Mediennutzung, das Leitmedium ist mittlerweile nicht mehr das Fernsehen sondern das Internet, führt zu einer Spannung zwischen Risiken und Gefahren einerseits und persönlichem Nutzen und Chancen andererseits. In weiterer Perspektive ist der „homo digitaliensis“ keine Überzeichnung mehr. Obwohl sich die vorliegende Studie auf Risiken und Gefahren bezieht, machen die Autoren nachdrücklich auf die genannte Spannung aufmerksam und diskutieren gegenläufige Positionierungen und beabsichtigen über sogenannte Internetmythen aufzuklären.

Diese Aufklärung übernimmt vor allem der Einleitungsabschnitt zu einer digitalen Didaktik von Peter Gasser, dem Vater des Erstautoren. Urs Gasser und Sandra C. Cortesi leiten an der Universität Havard thematisch einschlägige Forschungsbereiche.

Aufbau

  1. Das 1. Kapitel erörtert Grundlagen.
  2. Das 2. Kapitel stellt die umfangreiche empirische Faktenlage dar.
  3. Das Folgekapitel analysiert die Risikolagen und
  4. das letzte Kapitel beschreibt zukünftige Risikoentwicklungen.

Inhalt

Im ersten Kapitel wird die Ausgangslage skizziert sowie die erkenntnisleitenden Fragen formuliert:

  • Welche Risiken und Gefahren können für Kinder und Jugendliche bei Nutzung des Internets auftreten (z.B. Mobbing, Datenspuren)?
  • Welche Präventionsmöglichkeiten gibt es?
  • Gibt es zukünftige bis jetzt noch nicht bekannte Risiken?

Unter Aspekten der methodischen Aufbereitung und Analyse werden die umfangreich zugrunde gelegten Studien aus der Schweiz und Deutschland vorgestellt. Allein aus Deutschland die JIM-Studien von 2009, 2010, 2011 (Jugend, Information, Multimedia). Internetzugang, Internetnutzung, Ort des Zugangs, Bildungsstand, Medium, Online-Tätigkeiten sind die dort u.a. gemessenen Kriterien, die im 2. Kapitel erörtert werden.

Das zentrale 3. Kapitel geht dann auf Risiken und Gefahren ein. Der erste Abschnitt erörtert „Sicherheitsrisiken“. Wert wird darauf gelegt, populäre Annahmen und forschungsbasierte Fakten sorgfältig zu trennen. So scheint das Vorurteil widerlegt, ältere Männer seien bevorzugte Täter bei internetbasierten Sexualverbrechen, auch ist der sexuelle Missbrauch Minderjähriger nicht durch das Internet gestiegen. Jedenfalls stehe empirische Belege dafür aus. Die Stadtpolizei in Zürich spricht von 80 Prozent der Kinder und Jugendlichen, die in Chatrooms sexuell belästigt werden. Für Deutschland liegen die Zahlen weitaus niedriger. Trotz deutlicher Unterschiede im Datenmaterial verweisen die Zahlen auf das sehr ernst zu nehmende Risiko sexueller Belästigung von Kindern und Jugendlichen.
Des weiteren werden in diesem Abschnitt der Zugang zu pornografischen Material untersucht wie auch Cyberbullying und Sexting (Zusammensetzung aus den Worten „Sex“ und „Texting“ – schreiben und versenden sexuell eindeutiger Nachrichten). Da in Deutschland das Internetmobbing (Cyberbullying) auch durch Suizidfälle hochaktuell sind, sollen einige Ergebnisse aus der vorliegenden Studie zitiert werden:

  • 25 Prozent der Internetnutzer (12 -19 J.) kennen eine Person, die im Internet „fertig gemacht wurde“.
  • Eine Züricher Studie besagt, dass 6,5 Prozent der Jungen und 6 Prozent der Mädchen jemanden in den letzten 12 Monaten im Internet bedroht haben. Europaweit liegen die Zahlen niedriger.
  • Insgesamt gilt, dass die Datenlage und damit auch zusammenhängend die begriffliche Definitionslage schwierig und z.T. (noch) unklar ist. Eine deutsche Studie spricht allerdings bei einem stabilen Wert seit 2009 davon, dass 14 Prozent der Kinder und Jugendlichen angeben, das Falsches oder Beleidigendes über sie im Internet verbreitet wurde. „Opfer von Cyberbullying weisen häufiger depressive Symptome, Einsamkeit, Angst oder Scham auf, meiden öfters alle Aspekte rund ums Internet, bleiben öfter dem Schulunterricht fern und haben schlechtere Schulnoten als ihre Vergleichsgruppe, die vom Cyberbullying nicht betroffen ist. Eine neuere Studie kommt überdies zu dem Ergebnis, dass Cyberbullying-Opfer öfters Suizidgedanken haben und auch umsetzen“ (S.66).

Dieses Kapitel geht sodann im Folgeabschnitt auf „Gewalt und körperliche Aggression“ ein und thematisiert dort violente Computerspiele wie auch das Happy Slapping. In den weitern Abschnitten werden die „Bedrohung der Privatsphäre“ sowie „Urheberrechtsverletzungen“ thematisiert.
Jeder der vier Abschnitte geht auf Interventionsmöglichkeiten ein, die, weil Überschneidungen auftreten, zusammenfassend angedeutet werden sollen: Technische Kontrollen wie z.B. Filtertechnologien, Aufklärung und Erziehung, Entwicklung von Medienkompetenz bei Kindern, Jugendlichen, ihren Eltern und Lehrern, ggf. angemessene Kontrolle vor allem aber Vorleben eines konstruktiven online-Lebens, rechtliche Rahmen- und Kontrollbedingungen (z.B. Indizierung, Datenschutzgesetze), Kontrolle und Selbstkontrolle der Produktvertreiber, Rechtsaufklärung über Straftaten im Internet (z.B. bei Urheberrechtsverletzungen). Trotz der umfänglichen Interventionsstrategien lassen sich Gefahren und Risiken nicht ausschließen, dieser Schatten fällt eben auf die digitale Welt.

Das letzte Kapitel sieht zwei in die Zukunft weisende Risiken. Zum einen ein Suchtpotenzial welches im exzessiven Nutzen u.a. von Chatrooms, Online-Spielen und Netzgemeinschaften seinen Ausdruck finden kann Diese Potenzial mit seinen negativen Suchtfolgen ist von Medizinern und Psychologen bereits klassifiziert und stellt eine hohe Gefährdung für Kinder und Jugendliche dar. Zum anderen stellt die überschiessende Informationswelt des Internets die Herausforderung dar, diese Informationen nach Qualitätsmaßstäben zu bewerten; und dies gilt bei selbstbestimmten Umgang seitens der Kinder und Jugendlichen mit diesem Medium. Die notwendige Informationskompetenz stellt also das Problem dar. Die Autoren verweisen darauf, dass amerikanische Untersuchungen belegen, dass diese Kompetenz im Umfeld des Internets während der Kindheit erlernt werden muss, da falsche Verhaltensmuster später nur schwer zu korrigieren sind.

Diskussion

Aufgrund der breiten Datenlage kann die Studie Aussagekraft für den deutschsprachigen Raum beanspruchen. Die Autoren sprechen von einem „Umfeldmonitoring“ bezüglich der angesprochenen Internetrisiken. D.h. auch, dass weitere Beobachtungen bzw. Messungen folgen müssen. Vorteilhaft wäre es, die Daten zur Herkunftsfamilie, zum sozialen Status, zur sozialen Integration, zum Bildungsniveau und zu weiteren Freizeitaktivitäten zu erweitern und deutlicher herauszustellen. Dass der deutsche Jugendmedienschutz nicht erwähnt wird ist eine Lücke. Wie dem auch sei: Es liegt eine aufklärende und aufschlussreiche Problemstudie zu Internetrisiken vor, die auch zeigt, dass Mediensozialisation eine neue Problemdimension bekommen hat.

Fazit

Die Studie ist allen Personen, die sich mit Erziehung, Bildung, Medien und Sozialisation beschäftigen unbedingt zur Kenntnisnahme empfohlen.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
E-Mail Mailformular


Alle 89 Rezensionen von Erich Hollenstein anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 04.01.2013 zu: Urs Gasser, Sandra Cortesi, Jan Gerlach: Kinder und Jugendliche im Internet. Risiken und Interventionsmöglichkeiten. h.e.p.-verlag (Bern) 2012. ISBN 978-3-03905-840-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13951.php, Datum des Zugriffs 01.12.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung