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Nancy J. Patrick: Soziale Kompetenz für Teenager und Erwachsene mit Asperger-Syndrom

Rezensiert von Dipl.-Päd. Petra Steinborn, 16.05.2014

Cover Nancy J. Patrick: Soziale Kompetenz für Teenager und Erwachsene mit Asperger-Syndrom ISBN 978-3-87159-256-0

Nancy J. Patrick: Soziale Kompetenz für Teenager und Erwachsene mit Asperger-Syndrom. Ein praktischer Ratgeber für den Alltag. dgvt-Verlag (Tübingen) 2012. 192 Seiten. ISBN 978-3-87159-256-0. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR.
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Thema

Alltägliche Begebenheiten können zur Herausforderung werden, wenn man unter den Bedingungen von Autismus lebt. Dieses Buch bietet Vorschläge, Lösungswege und nützliche Tipps, um alltägliche Probleme wie Arzt- oder Zahnarztbesuche, die Suche nach einem Job oder das Benutzen öffentlicher Verkehrsmittel zu bewältigen. Aber auch intimere Themen wie Verabredungen und das Aufbauen und Aufrechterhalten von Freundschaften werden angesprochen.

Autorin

Nancy J. Patrick ist Psychologin und Lehrerin. Sie lehrt im Fachbereich Sonderpädagogik in Pennsylvania. Zusammen mit ihrem Ehemann und drei Kindern lebt sie in Pennsylvania, USA. Eines von ihren Kindern hat eine Autismus-Spektrum-Störung.

Aufbau und Inhalt

Auf 192 Seiten befinden sich sieben anschaulich gegliederte Kapitel. Aufzählungen und Textboxen strukturieren den Textfluss. Die Kapitel beginnen einführend mit dem jeweiligen Thema, dann folgt die Beschreibung der „Herausforderung“, die exemplarisch von realen Erfahrungen von Menschen mit Autismus handelt. Diese sind in Textboxen hervorgehoben. Es folgt die „Erklärung“ und dann die „Lösung“. In dem Abschnitt „Lösung“ werden immer mehrere durchnummerierte Schritte vorgeschlagen, was die Auswahl einer individuell passenden Intervention leichter macht.

Das Buch beginnt einleitend mit Erfahrungen von Teenagern und Erwachsenen mit dem Asperger-Syndrom und einer Erklärung, was das eigentlich ist.

Das erste Kapitel trägt den Titel die Welt sozialer Beziehungen. Die Autorin erklärt, was man unter sozialen und kommunikativen Kompetenzen versteht und was beide Kompetenzen verbindet. Das Kapitel endet mit einer Vielzahl an Schritten zur Verbesserung der sozialen Kompetenz.

Im 2. Kapitel geht es um Freunde und Familie. Menschen mit Autismus haben Probleme mit dem Verstehen abstrakter Begriffe, die in unterschiedlichen Kontexten verschieden definiert werden. Deshalb erläutert die Autorin Begriffe wie Bekannte, Familie, Freunde und erklärt exemplarisch, was man z. B. unter einer romantischen Verabredung versteht. Sie führt darüber hinaus aus, was es bedeutet eine Ehe/Partnerschaft einzugehen, was Elternschaft ist und was Fremde sind.

Das 3. Kapitel ist den Themen Gesundheit und medizinische Versorgung gewidmet und dabei speziell den Themen Ernährung, Fitness und Schlaf, psychische Gesundheit und Gesundheitsfürsorge.

Das 4. Kapitel betrachtet Formen des Wohnens wie das Wohnen im Elternhaus, betreutes Wohnen und selbstständiges Wohnen. Wer alleine lebt hat Fürsorge für sich selbst und den Haushalt zu tragen. Das schließt auch die Kostenplanung ein.

Das 5. Kapitel ist dem Studium, berufliche Ausbildung und Erwerbstätigkeit gewidmet. Betrachtet werden auch die Berufsberatung und -planung, die Hochschule und mögliche Ausbildungsplätze. Dabei geht es, um Strategien, um eine Erwerbsarbeit zu finden und darum, die Stelle zu behalten.

Das letzte 6. Kapitel enthält Hilfsmittel/-maßnahmen. Man kann viele technische Hilfsmittel nutzen. Es gibt einfache Hilfsmittel, komplexe Geräte und hochkomplexe Hilfsmittel. Es folgt die Erklärung, wie direkte Instruktion, das aufmerksame Zuhören sowie der modifizierte Blickkontakt gezielt eingesetzt werden können. Erfahrungsgemäß kommt es nicht selten zu Mißverständnissen, die aus dem Weg geräumt werden müssen (durch sog. Änderungsstrategien). Dabei haben sich Listen, Notizen, Rollenspiele und Skripte/Drehbücher bewährt. Den Abschluss bilden die Themen Selbsteinschätzung, Selbstbestimmung und Selbstoffenbarung. In diesem Kapitel findet der Leser verschiedene Arbeitsbögen, die zur Selbstreflexion einladen.

Das Buch endet mit einem Glossar, einem Literaturverzeichnis, Adressen und einem Register.

Diskussion

Nancy J. Patrick hat den Anspruch, dass das Buch von Professionellen, Angehörigen und Betroffenen gleichermaßen genutzt werden kann. Sie schreibt konkret und lebensnah. Das ist deutlich spürbar und macht die Qualität des Buches aus. Mittlerweile gibt es viele Publikationen, die sich mit der Begleitung von Kindern aus dem autistischen Spektrum beschäftigen, aber nicht alle Strategien, die im Kindesalter ihren Nutzen haben haben ihn auch noch im Teenager- bzw. Erwachsenenalter. Die Praxisnähe wird u.a. dadurch unterstrichen, dass in jedes Kapitel Beispiele eingeflochten sind. Das Buch beginnt mit der Frage was es bedeutet, ein Teenager zu sein und wann man zum Erwachsenen wird. Jugendlichen mit Autismus fehlt meist die Einbindung in eine Peergruppe. Das hat zur Folge, dass alterstypische Erfahrungen mit Gleichaltrigen ausblieben und nicht miteinander besprochen und ausprobiert werden können. Der Übergang ins Erwachsenenleben geht mit einer Vielzahl von Veränderungen einher, so steht es an, sich aus dem Elternhaus zu lösen, einen eigenen Freundeskreis aufzubauen, einen Beruf zu wählen. Daraus ergeben sich zahlreiche Fragestellungen, die nicht selten unbeantwortet bleiben. In diesem Buch geht es nicht vornehmlich um therapeutische Strategien und Interventionen, sondern um alltagsnahe lebenspraktische Lösungsvorschläge und Hilfen, um diese Übergänge zu erleichtern. Für Begleitpersonen und Angehörige ist es sehr wichtig, sich deutlich zu machen, welche Fragen und Probleme relevant sind, um adäquat und zielgerichtet Unterstützung geben zu können.

Fazit

Es ist dem Buch anzumerken, dass es von einer Expertin geschrieben ist, die sich sehr gut in die Denkweise und Erfahrungswelt von Menschen mit Autismus hineinversetzen kann. Jedes Kapitel beginnt mit einem konkreten Beispiel. Eine Stärke des Buches ist, dass die Autorin allgemein gebräuchliche Begriffe wie „Teenager“ oder „Freundschaft“, die für sich genommen sehr abstrakt sind, erläutert. Menschen, die unter den Bedingungen von Autismus leben, haben nicht selten Probleme, diese abstrakten Begrifflichkeiten zu verstehen. Erschwerend kommt hinzu, dass Handlungskonzepte, die hinter den Begriffen stehen, von dem jeweiligen Kontext beeinflusst sind, in dem man sich befindet. Peter Vermeulen bezeichnet Autismus zutreffend als eine Kontextblindheit, weil es vielen Menschen aus dem autistischen Spektrum schwer fällt, relevante Informationen zu einem nachvollziehbaren Kontext-„konzept“ zusammen zu bringen. Aus diesem Grund sind alltagsferne Skilltrainings in sog. Kompetenzgruppen in die Kritik geraten. Dort werden Verhaltensweisen zwar erlernt, können dann in der Praxis aber nicht kontextadäquat angewandt werden, weil es eben nicht ausreicht, nur Reaktionsweisen zu kennen, man muss sie auch passend zur jeweiligen Situation anwenden können. Das ist eine komplexe Aufgabe, denn Kontextfaktoren müssen in Sekundenschnelle erfasst werden, um adäquat zu handeln.

Das Buch ist sehr zu empfehlen, weil es gelingt, theoretische Hintergründe und praktische Strategien verständlich und alltagstauglich aufzuzeigen. Der Leser findet im Anhang Arbeitsbögen, die der Reflexion dienen. Die Kapitel sind so aufgebaut, dass man das Buch wie ein Nachschlagewerk nutzen kann. In den letzten Jahren wurde eine Fülle von Therapiemanualen veröffentlicht wie z.B. das verhaltenstherapeutische Gruppenmanual aus Köln (vgl. www.socialnet.de/rezensionen/13799.php) oder KOMPASS aus Zürich (vgl. www.socialnet.de/rezensionen/14737.php).

Gefehlt hat ein Buch dieser Art, das alltagspraktische Lösungsstrategien bereithält, die nicht allein aus Therapeutenhand kommen. Das Buch von Nancy J. Patrick füllt diese Lücke. Sie zeigt auf, dass sowohl der Mensch mit Autismus als auch das Umfeld viel dazu beitragen können, dass Wege jenseits therapeutischer Kontexte gefunden werden. Das Cover zeigt es eindeutig: oft reicht es schon aus, dem Gegenüber die Hand zu reichen und ihn dabei zu unterstützen Zusammenhänge und Erwartungen zu verstehen. Es unterstreicht, dass es oft schon allein ausreicht Vorgehensweisen an die Hand zu bekommen, die sich als praktikabel erwiesen haben. Mein Fazit: das Buch ist ein guter Lebensbegleiter auf dem Weg ins Erwachsenwerden.

Rezension von
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Tätig im Personal- und Qualitätsmanagement in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn. Freiberuflich in eigener Praxis (Heilpraktikerin für Psychotherapie). Leitung von ABC Autismus (Akademie-Beratung-Coaching), Schwerpunkte: Autismus, TEACCH, herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation (systemisch), erworbene Hirnschädigungen
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Es gibt 272 Rezensionen von Petra Steinborn.

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Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 16.05.2014 zu: Nancy J. Patrick: Soziale Kompetenz für Teenager und Erwachsene mit Asperger-Syndrom. Ein praktischer Ratgeber für den Alltag. dgvt-Verlag (Tübingen) 2012. ISBN 978-3-87159-256-0. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13953.php, Datum des Zugriffs 28.05.2022.


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