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Alexander Noyon, Thomas Heidenreich: Existenzielle Perspektiven in Psychotherapie und Beratung

Cover Alexander Noyon, Thomas Heidenreich: Existenzielle Perspektiven in Psychotherapie und Beratung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2012. 217 Seiten. ISBN 978-3-621-27931-4. D: 34,95 EUR, A: 35,90 EUR, CH: 47,90 sFr.
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Thema

Die vorliegende Neuerscheinung beschäftigt sich mit einem oft vernachlässigten und kaum im Zusammenhang thematisierten Aspekt psychotherapeutischer Therapie und Beratung: den existentiellen Fragen des Menschen, wie sie zwangsläufig im Kontext von Krisen mehr oder weniger vordergründig auftauchen, die aber bei sich wissenschaftlich verstehenden Behandlungsansätzen zumindest in der Literatur oft vernachlässigt werden. Themen wie Sinnleere, Schuld, Tod und Sterben, Isolation u.a. werden auf dem Hintergrund existentiell-philosophischer Ansätze diskutiert und Möglichkeiten ihrer praktischen Handhabung in der Therapie vorgestellt.

Autoren

Prof. Dr. Alexander Noyon lehrt im Fachbereich Sozialwesen an der Hochschule Mannheim, Prof. Dr. Thomas Heidenreich am Fachbereich Soziale Arbeit, Gesundheit und Pflege der Hochschule Esslingen. Beide Autoren sind neben ihrer Lehrtätigkeit psychologische Psychotherapeuten.

Entstehungshintergrund

Die Autoren haben in verschiedenen Zeitschriftenveröffentlichungen sich mit der Thematik existentieller Fragen auseinandergesetzt und sich letztlich aufgrund der Rückmeldungen entschlossen, diese Ansätze in dem vorliegenden Buch zu vertiefen. Sie erfüllen damit auch ein Bedürfnis sich öffnender Therapieschulen hin zu einer Integration auch schwieriger, wissenschaftlich kaum fassbarer, gleichwohl in der Therapiepraxis wichtiger Fragen.

Aufbau

Das Buch ist grob aufgeteilt in die Bereiche „Grundlagen“ und Anwendungen“.

In den Grundlagen wird in 3 Kapiteln der Gedankengang von der „Existenzphilosophie“ hin zu sich existentiell verstehenden Ansätzen in der Psychotherapie und schließlich zu der Rezeption in der Psychotherapie und Beratung allgemein genommen.

Im 2. Teil (Anwendungen) werden in 7 Kapiteln wesentliche existentielle Fragen und Krisen dargestellt

  1. Sinnlosigkeit,
  2. Schuldgefühle,
  3. Ablehnung von Verantwortung,
  4. Tod und Sterben,
  5. Unveränderbare Leidenszustände,
  6. Isolation-Einsamkeit und Liebe,
  7. Suizidalität.

Hierbei beginnen die Kapitel mit einer knappen Falldarstellung, stellen wesentliche Ansätze der (philosophischen) Theorie hierzu dar und vermitteln dann Hinweise und Überlegungen zum therapeutischen Umgang hiermit. Ergänzt und abgeschlossen wird diese Darstellung durch eine knappe Zusammenfassung sogenannter „Dos“ und „Don`ts“. Im Anhang finden sich Hinweise zur Bibliotherapie und ein „Notfallplan“ bei Suizidalität.

Inhalt

Die Autoren sind sich der Schwierigkeit bei der Themenstellung des Buches bewusst- schließlich sei die gesamte Menschheitsgeschichte und die der Philosophie (aber auch der Religion) immer mit der Thematik existentieller Fragen befasst gewesen – eine vollständige Darstellung kann deshalb nicht ihr Ziel sein. Vielmehr wählen sie solche Denker aus, die ihnen im Kontext der Psychotherapie bedeutsam erscheinen ( z.B. Kierkegaard, Nietzsche, Jaspers, Camus, Heidegger …). So fundiert wenden sie sich dann der Psychotherapie und solchen Autoren zu, die sich selbst als existentielle Therapeuten verstanden haben: Binswanger und Boss-Daseinsanalyse; Frankl-Logotherapie; van Deurzen-Existenzanalyse; May und Yalom: existentiell-humanistischer Ansatz. Eine Systematik zum Abschluss des 2. Kapitel versucht die Variabilität der Ansätze in einer Übersicht zu fassen. Weil die Autoren die existentielle Perspektive als Bereicherung und Erweiterung bestehender Ansätze verstehen wollen, stellen sie die Bedeutung dieser Fragen in den traditionellen Therapierichtungen dar (z.B. thematisieren sie Ziel- und Werteklärung im Kontext der Akzteptanz-Commitment-Therapie als Weiterentwicklung der Kognitiven Verhaltenstherapie).

Die Darstellung im zweiten Teil widmet sich einzelnen Themen wie oben dargestellt. Hierbei setzen sich die Autoren nach einer Falldarstellung mit den theoretischen Aspekten auseinander und gehen dann auf mögliche Interventionen ein. Sie sind dabei in der Darstellung vorsichtig- wohlwissend, wie wesentlich die Passung zwischen Therapeut- und Klient ist. Dringend empfehlen sie immer wieder die Selbstreflexion und Supervision und ein nichtbedrängendes Vorgehen im empathischen Klientenkontakt. Die Vermittlung, bzw. die Anregung hierzu, eine bestimmte Grundhaltung dem Menschen und dem Leben insgesamt gegenüber zu entwickeln, erscheint ihnen wesentliches Ziel der Auseinandersetzung mit existentiellen Fragen beim Therapeuten. Genau hierfür ist die Darstellung hilfreich- sie zieht den Leser in eine dialogische Situation, regt zu Reflexion an und ist dabei wohltuend vorläufig-bescheiden in den Empfehlungen.

Diskussion

Das vorliegende Buch erreicht das Ziel einer den Leser anregenden und ermutigenden Darstellung gut. Dabei ist es bewusst nicht belehrend und suggeriert keine Vollständigkeit: vielmehr wird der Leser motiviert, sich in Original- oder guter Sekundärliteratur tiefer und weitergehend mit den Philosophen auseinanderzusetzen, die die Autoren auswählen und selbst lediglich knapp darstellen. Dies gilt auch für die vorgestellten Ansätze einer existentiellen Psychotherapie.

In solcher Auseinandersetzung kann das eigene handlungsleitende Menschenbild geprüft und geschärft werden, die eigene therapeutische Kompetenz erweitert werden. Dankenswert ist dieser Versuch auch deshalb, weil in Therapie-Ausbildungen um die schwierigen und nur begrenzt beantwortbaren existentiellen Fragen oft ein Bogen gemacht wird – hier wird ein wesentlicher Anstoß gegeben. Dass er in den „Dos und Don`ts“ zu platt-praxeologisch wird, sei nachgesehen.

Fazit

Das Buch sei als Anregung zum reflektierten Nachdenken und als „Mutmacher“ empfohlen, sich in der Psychotherapie auch „tiefgründigen“ Themen menschlicher Existenz zu stellen und sich von hierdurch betroffenen Klienten nicht wegzuducken. Gerade als Ergänzung in Ausbildungskursen kann es einen Diskurs zur Entwicklung des eigenen Menschenbild begleiten, das dann auch in der Behandlung leitend sein kann.


Rezensent
Prof. Dr. Christian Schulte-Cloos
Hochschullehrer Hochschule Fulda, Fachbereich Sozialwesen, seit 31.8.2011 pensioniert
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Zitiervorschlag
Christian Schulte-Cloos. Rezension vom 13.11.2012 zu: Alexander Noyon, Thomas Heidenreich: Existenzielle Perspektiven in Psychotherapie und Beratung. Beltz Verlag (Weinheim, Basel) 2012. ISBN 978-3-621-27931-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13958.php, Datum des Zugriffs 19.09.2019.


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