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Janina Karolewki, Nadja Miczek u.a. (Hrsg.): Ritualdesign [...] (Analyse "neuer" Rituale

Rezensiert von Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer, 10.10.2012

Cover Janina Karolewki, Nadja Miczek u.a. (Hrsg.): Ritualdesign [...] (Analyse "neuer" Rituale ISBN 978-3-8376-1739-9

Janina Karolewki, Nadja Miczek, Christof Zotter (Hrsg.): Ritualdesign. Zur kultur- und ritualwissenschaftlichen Analyse "neuer" Rituale. transcript (Bielefeld) 2012. 356 Seiten. ISBN 978-3-8376-1739-9. 32,80 EUR. CH: 43,90 sFr.
Reihe: Kultur- und Medientheorie
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„Gleichsam ein s.“

Die vom Rezensenten gewählte Überschrift bedarf einer Erklärung: Das griechische „symbolon“, das sich von „symballein“ = zusammenfügen, oder auch von symballesthai = vereinbaren ableitet, wird in der griechischen Mythologie benutzt, um, wie Platon dies in seinem Symposion tut, zu verdeutlichen, dass jeder Mensch das s. (saphes = klar, deutlich, bestimmt), das Gegenstück und Symbol eines anderen Menschen ist (R. Geiger und H. Weidemann, in: Otfried Höffe, Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005, S. 519f und 551ff). So lässt sich die (vielleicht gewagte?) Parallele ziehen: Wenn wir von Symbolen und Ritualen sprechen, meinen wir etwas, was in und mit uns, beeinflussbar und gestaltbar ist!

Damit sind wir bei einem Begriff, der sich mittlerweile in der Fach- und Alltagssprache als „Design“ in vielfältigen Bedeutungen und Zusammensetzungen etabliert hat: als technische Bezeichnung für einen Gestaltungsprozess, in der wissenschaftlichen Systematik als Theorie-Praxis-Modell, als formal-ästhetische Funktion, als ökonomische Charakterisierung, als Werbestrategie, als ökologische Herausforderung, als Beruf, als Corporate Design, als symbolische Funktion, um nur einige der zahlreichen theoretischen und praktischen Ausprägungen zu nennen. Ohne Design, so scheint es, gibt es keine Gestaltung.

Ein Ritual dient dazu, eine Verhaltensweise oder eine Handlung eines Menschen mit einem allgemein anerkanntem und erkennbarem Symbol zu verdeutlichen, als Geste, als Akt oder Kommunikation. Rituale tragen dazu bei, ein kollektives Zusammenleben der Menschen zu ordnen und gewissermaßen mit individuellen, kulturellen und sozialen Interaktionsmustern zu kennzeichnen, wie sie freilich auch Abgrenzungen, Bestrafungen (wie z. B. der Ritualmord) bewirken und Ideologien erzeugen können.

Entstehungshintergrund und Herausgeberteam

Im Rahmen des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft geförderten Sonderforschungsprojektes „Ritualdynamik -Soziokulturelle Prozesse in historischer und kulturvergleichender Perspektive“ (SFB 619) an der Universität Heidelberg , legt das Forschungsteam (Teil-)Ergebnisse zur kultur- und ritualwissenschaftlichen Analyse von „neuen Ritualen“ vor. Es werden sowohl zeitgenössische als auch historische Beispiele aus unterschiedlichen kulturellen und religiösen Kontexten thematisiert. Dabei wird deutlich, dass Rituale in ihrem zeitlichen und kulturellen Bezug Menschen verbinden oder trennen, scheinbar Unvereinbares miteinander verknüpfen, festgelegte Formen und Spontaneität praktizieren, Traditionen bewahren und Veränderungen bewirken, Sakrales und Profanes darstellen können, und nicht zuletzt Individuen in die Gemeinschaft einzubinden vermögen. Rituale sind, so formuliert es der belgische Autor Werner Lambersy, „Sprache von Körper und Seele“ (UNESCO-Kurier 1/1996). In Ritualen werden Rhythmen und Harmonien erzeugt.

Die Islamwissenschaftlerin und Politikwissenschaftlerin Janina Karolewski hat von 2007 bis 2011 beim Sonderforschungsbereich 619 an der Universität Heidelberg mitgearbeitet, ebenso die Religionswissenschaftlerin und seit 2010 am Religionswissenschaftlichen Seminar der Universität Luzern tätige Nadja Miczek und der Indologe und Ethnologe Christof Zotter. Sie geben den Band „Ritualdesign“ heraus, der sowohl den Vortrags- und Diskussionsprozess einer 2008 veranstalteten Tagung wiedergibt, als auch die bisher beim Forschungsprojekt vorliegenden Ergebnisse präsentiert; gewissermaßen als Bestandsaufnahme der zur Forschungsperspektive der Analyse von ritualdynamischen Phänomenen bisher vorliegenden Diskurse. Dabei wird bereits deutlich, dass (derzeit) „ein einheitliches Verständnis von ‚Ritualdesign‘ ( ) nicht erkennbar ()ist)“. Auch deshalb wird man die Beiträge der Autorinnen und Autoren (erst einmal) als Zwischenergebnisse eines ohne Zweifel interessanten, theorie- und praxisrelevanten Aspektes des sozialwissenschaftlichen (ökonomischen, medial-ästhetischen, identitätstheoretischen…) Diskurses betrachten können.

Aufbau und Inhalt

Der Heidelberger Religionswissenschaftler, Teilprojektleiter und Vorstandsmitglied des Sonderforschungsbereichs 619, Gregor Ahn, führt mit seiner Fragestellung „Ritualdesign – ein neuer Topos der Ritualtheorie?“ in die Thematik ein, indem er die Grundlinien der Ritualforschung darlegt, eine Definition vorschlägt: „Unter ‚Ritualdesign‘ soll der an intentionale Handlungsakte gebundene und von Ritualakteuren artikulierte Modus der Modifikationen von Ritualen verstanden werden, der sowohl an Ritualtransformationen wie auch an Ritualinnovationen und Ritualinterventionen beobachtbar ist“, und danach fragt, in welcher Form sich ein neuer Beruf – des Ritualdesigners – etablieren könnte.

Der Historiker Paul Töbelmann stellt „Ritualdesign als heuristisches Werkzeug zur Beschreibung von rituellen Wandlungsprozessen“ vor, indem er am Beispiel der Krönungsordines des Hinkmar von Reims historische Rituale thematisiert. Er versteht „Ritualdesign“ als eine Unterkategorie von Ritualdynamik und, kommt er zu systematisierten (didaktischen) Zuordnungen, die es ihm ermöglichen, am Beispiel die historische und aktuelle Bedeutsamkeit des Forschungsdesigns zu beschreiben.

Der wissenschaftliche Mitarbeiter Marco Mattheis und der Historiker Christian Witschel informieren aus dem Teilforschungsbereich des Projektes über „die Transformation städtischer Rituale in der Spätantike“. Sie thematisieren Bestattungsrituale der Kaiser und zeigen die verschiedenen Ritualveränderungen auf. Dabei wird deutlich, dass es weniger die Machtsphären der jeweiligen Kaiser waren, die die Wandlungsprozesse bewirkten, sondern die notwendigen Aushandlungsprozesse zu den Transformationen beitrugen: „In der Spätantike gab es zahlreiche Akteure, die den Anspruch hatten, als Ritualdesigner aufzutreten“.

Der Anglist und Musikwissenschaftler Jan Rupp, die Religionswissenschaftlerin Carina Brankovic und der Ethnologe Antony George Pattathu bringen heoretisch-methodische Überlegungen und Anwendungsperspektiven zur „Medienästhetik von Ritualdesign in narrativ-fiktionalen Darstellungen“. Sie arbeiten realweltliche Zusammenhänge beim Ritualdesign in Medienangeboten, wie Romanen, Dramentexten und Filmen heraus. „Insbesondere neuere Ansätze der transgenerischen und transmedialen Narratologie bieten ein vielfältiges Instrumentarium, mit dessen Hilfe die Medienästhetik von Ritualen noch genauer erfasst werden kann“.

Antony George Pattathu stellt weiterhin am Beispiel von „christlichen“ Hochzeitsritualen rhetorische Perspektivierungen beim „Ritualdesign im zeitgenössischen Hollywoodfilm“ dar. Er führt damit eine Perspektive ein, die ein grundlegendes intentionales Verständnis von Ritualdesign ermöglicht.

Die Musik- und Tanzwissenschaftlerin Hanna Walsdorf äußert sich mit ihrem Text „Dreimal Sacre“ zum Ritualdesign in der Choreographie. Sie schildert die verschiedenen Designs der Tanzchoreographien von „Sacre du Printemps“, nach der Musik von Igor Strawinsky im Zeitraum von 1913 bis zu Pina Bauschs Tanztheater von 1975 und der ostdeutschen Version von 1981. Sie zeigt damit eine im Stück grundgelegte eigene, rituelle Dynamik auf.

Die Ethnologin Karin Polit verdeutlicht, wie sich Rituale als Kulturerbe darstellen können, indem sie über Konstruktion und Ästhetik kulturellen Erbes in Uttarakhand in Nordindien berichtet. Mit der mehrtägigen Aufführung des Theater- und Tanzstücks Chakravyuha gelingt es den Designern, das Epos sowohl historischen, als auch aktuell-modernen Ansprüchen gerecht zu werden.

Der Sprach- und Kommunikationswissenschaftler Udo Simon zeigt am Beispiel eines christlich-islamischen Weihnachtsgottesdienstes „Ritualdesign bei Konvergenzritualen“ mit Schülern einer Mannheimer Hauptschule im Gebetssaal einer Moschee auf. Das unter Migrations- und Integrationsaspekten inszenierte Vorhaben wurde gefilmt und den christlichen (evangelischen) und muslimischen Gläubigen als Video gezeigt, mit dem Ziel, Annäherungs- und Verständigungssignale auszusenden, mit der Geste, dass die Minderheit die Mehrheit empfängt.

Janina Karolewski stellt ebenfalls Konvergenzrituale vor, indem sie über rituelle Speisungen im Frühislam zwischen Aleviten und Sunniten im Monat Muharrem berichtet: „Vor Euch wird die Tafel des Hizir Pa?a gerichtet“. Sie verweist dabei auf die historischen Wurzeln eines Rituals, das neuerdings zwar noch zögerlich und außergewöhnlich, aber in einigen Gemeinden der zerstrittenen islamischen Glaubensgemeinschaften versucht, aber von die Hierarchien noch nicht akzeptiert wird. Die verschiedenen Rituale, etwa des Fastenbrechens, könnten jedoch längerfristig dazu beitragen, den interreligösen, rituellen Dialog zu befördern.

Nadja Miczek begibt sich mit ihrem Beitrag „Ritualdesign®“ auf ein Gebiet, in dem sich „Positionierungs- und Vermarktungsprozesse gegenwärtiger spiritueller Heilrituale“ vollziehen. Die Zunahme der neuen (esoterischen und New-Age-) Aktivitäten wird am Beispiel der derzeit wohl bekanntesten, spirituellen Heilsysteme „Reiki“ diskutiert, und es werden die verschiedenen Werbe- und Verwirtschaftungspraktiken kritisch beleuchtet.

Christof Zotter setzt sich in seiner Analyse „Von Linien und schwarzen Schlangen“ mit brahmanischen Ritualen am Beispiel des Hindu-Rituals auseinander. Die in den Ritualen vorgegebenen Muster (Linien) und Symbole (Schlangen) dienen dazu, sie im Sinne der Zeremonie zu transformieren und umzugestalten und sie für Gläubige, Rat- und Hilfesuchende „nutzbar“ und „wirksam“ werden zu lassen.

Zum Abschluss reflektiert die an der Universität Toronto lehrende Religionswissenschaftlerin Pamela E. Klassen „Ritual, Tradition, and the Force of Design“. In ihrem, in englischer Sprache verfassten Beitrag, bringt sie ihre eigenen Forschungsergebnisse zur Anthropologie und Geschichte des Christentums, Ritualwissenschaft, Religion und Medialisierung ein: „Ritual design is most helpful … it brings together ritual and commodity, and wider questions of tradition, historicity, and the retrieval and creation of desire through materialized practices“.

Fazit

Die neue wissenschaftliche Türöffnung hin zur Analyse und Erforschung von Fragen der Ritualisierung des individuellem, alltäglichem wie gesellschaftlichem, institutionalisiertem Leben der Menschen, kulturell und interkulturell, verspricht neue Einsichten in Verhaltens- und Handlungsprozesse. Weil „Ritualdesign“ als Forschungsgegenstand nur interdisziplinär und kooperativ wirksam werden kann, stellen sich für wissenschaftliches Arbeiten erhöhte Anforderungen; es bieten sich jedoch auch größere Chancen und Möglichkeiten, den Blick hin in die menschliche Psyche, in Verhaltensweisen, Mentalitäten, Werte und Normen zu tun.

Die Ergebnisse der Forschungsansätze zum Ritualdesign, wie sie beim SFB-Forschungsprojekt „Ritualdynamik“ an der Universität Heidelberg bearbeitet und in dem Buch „Ritualdesign“ vorgestellt werden, können dazu beitragen, presenting rituals und modelling rituals als Diskussions- und Forschungsaufgaben klarer zu definieren und handhabbar zu machen.

Rezension von
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Es gibt 1555 Rezensionen von Jos Schnurer.

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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 10.10.2012 zu: Janina Karolewki, Nadja Miczek, Christof Zotter (Hrsg.): Ritualdesign. Zur kultur- und ritualwissenschaftlichen Analyse "neuer" Rituale. transcript (Bielefeld) 2012. ISBN 978-3-8376-1739-9. Reihe: Kultur- und Medientheorie. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13966.php, Datum des Zugriffs 03.10.2022.


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