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Monika Krenner: Sexualbegleitung bei Menschen mit geistiger Behinderung

Rezensiert von Dipl.-Psych. Lothar Sandfort, 10.02.2004

Cover Monika Krenner: Sexualbegleitung bei Menschen mit geistiger Behinderung ISBN 978-3-8288-8541-7

Monika Krenner: Sexualbegleitung bei Menschen mit geistiger Behinderung. Tectum-Verlag (Marburg) 2003. 140 Seiten. ISBN 978-3-8288-8541-7. 25,90 EUR.
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Einführung in das Thema

Das "Recht auf Sexualität" für Behinderte ist eine gern geführte Redewendung der modernen Behindertenpädagogik. Die Rede wendet sich nochmals, wenn Behinderte sich in die eigene Tochter der Redenden verlieben oder den eigenen Sohn oder etwa in die Redenden selber. "Behinderung und Sexualität darf kein Tabu mehr sein", nur in der eigenen Einrichtung spricht dieses und jenes dagegen. Wohlgemeinte Forderungen und innerer Boykott. Nein, keine bösartige Unterdrückung von Behinderten durch Nichtbehinderte. Eher die Unterdrückung eigener Ängste. Es herrscht in den Einrichtungen der Behindertenarbeit ein Zustand kollektiven Stupors. Unterdessen bleibt den betroffenen Behinderten nichts übrig als ihre sexuellen Sehnsüchte in Aggressionen oder Depressionen zu inszenieren, was wiederum den Patienten "Behindertenpädagogik" zur Heilung drängt.

Wissende Erstarrung in der praktizierenden Behindertenpädagogik. Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind mittlerweile bereit, die sexuellen Sehnsüchte der Behinderten zu sehen. Das ist ein beachtlicher Fortschritt und bildet gleichzeitig das Dilemma. In Zeiten absoluter Verdrängung war alles viel einfacher. Noch vor dreißig Jahren war die Separierung von Behinderten in Heimen für Männer und solchen für Frauen Alltag. Mit der Liberalisierung der Heime begannen auch die Probleme mit dem Sex.

Behinderte in Einrichtungen sind sowieso fremdbestimmter als integriert lebende.

Sie haben die Interessen der Organisation zu akzeptieren, die ihren eigenen Bedürfnissen in der Regel vorgesetzt sind. Je größer die Institution ist, umso mächtiger ist die Hausordnung. Wer in einer Einrichtung lebt, ist bei der Durchsetzung seiner Wünsche auf andere Menschen angewiesen. Solche Behinderten denken und fühlen die Regungen derer mit, von denen sie abhängig sind. Sie denken systemisch, notgedrungen. Sie beachten zum Beispiel die kleinsten nonverbalen und verbalen Reaktionen, wenn sie sich wagen, die ersten Testfragen zur Sexualität zu stellen. Sind diese Regungen nicht souverän genug, wird ein offenes Gespräch nicht aufgenommen. Den Mitarbeitern soll es gut gehen, dann geht es den Behinderten besser.

Leider ist das Verstummen noch zu oft der Fall. Einige Mitarbeitende und Leitungen öffnen sich allerdings neuen Lösungsvorschlägen, die Sexualität zulassen wollen. Andere bringen die unsinnigsten Vorbehalte, wieder andere stimmen zu und ändern nichts. Den Verzagten stellen sich die Eltern zur Seite, die Aufsichtsbürokraten der jeweiligen Einrichtung und manchmal - wenn auch erstaunlich selten - die öffentliche Meinung.

Das Problemfeld ist also definiert. Es ist mit Sicherheit nicht die wissenschaftliche Erkenntnis. Moderne Pädagogik wagt es nicht mehr, die motivierende und gesunderhaltende Kraft einer auch nur halbwegs gelungenen sexuellen Entwicklung in Frage zu stellen. Es ist nicht die Politik. Weit genug entfernt vom konkreten Menschen in den Einrichtungen können Politikerinnen und Politiker ihre eigenen sexuellen Ängste zumeist auch unberührt lassen. Sie verkünden den Zeitgeist und der hat Behinderte als sexuelle Wesen akzeptiert. Problematisch ist, dass auch all die Menschen, auf die Behinderte angewiesen sind, als sexuelle Wesen leben. Damit sind deren Grenzen und Ängste auch die Grenzen für die behinderten Menschen. Die Lösung kann nur eine Lösung für das System Behinderteneinrichtung insgesamt sein. Aber welche? Von jedem neuen Sachbuch zum Thema Sexualität erwartet der Rezensent, wie wahrscheinliche viele Leserinnen und Leser, Lösungsvorschläge. So auch von dem neuen Buch "Sexualbegleitung bei Menschen mit geistiger Behinderung" von Monika Krenner.

Der Inhalt des Buches

Auch Monika Krenner definiert als Veränderungsbedürftige die Behinderteneinrichtung, die dort Arbeitenden, die Angehörigen und andere Bestimmende. Sie will Argumente sammeln, die es allen Beteiligten leichter machen können, Sexualität zu leben oder mindestens zuzulassen. Hiermit ist die zentrale Absicht des Buches genannt. Die Autorin nutzt dazu ein Thema, dass zur Zeit die Aufmerksamkeit von Öffentlichkeit und Wissenschaft gefunden hat: Sexualbegleitung. Doch beschreibt auch sie, dass Sexualbegleitung kein Allheilmittel ist. Sie stellt sehr schön heraus, dass über die momentane Diskussion vielleicht sogar der Normalisierungsprozess für behinderte Menschen insgesamt gefördert werden kann, Dezentralisierung und Deinstitutionalisierung. Das würde Freiräume schaffen, die behinderte Menschen selber ausfüllen müssen und können, eben auch erotische.

Mit Gründlichkeit unterscheidet sie passive und aktive Sexualbegleitung, wobei die passive Hilfe bedeutet "konkrete Voraussetzungen für Sexualität zu schaffen ... aufzuklären und zu beraten". Während die aktive Sexualbegleitung eben auch "Hand anlegt", von der sinnlichen Berührung, über Massage bis hin zum Koitus. Von den MitarbeiterInnen in den Einrichtungen erwartet Monika Krenner eine passive Sexualbegleitung und argumentiert für externe aktive Begleiterinnen und Begleiter.

Monika Brenner geht im Buch zunächst selbstverständlich allgemein auf Sexualität und Behinderung ein, beschreibt Sexualbegleitung, führt Thesen pro Sexualbegleitung an, baut Begründungsansätze auf, widerlegt die gängigen Gegenargumente und schildert die Organisationen, die Sexualbegleitung anbieten. Da das noch so wenige sind, nimmt sie in diese Schilderungen auch Organisationen auf, die es gar nicht mehr gibt oder noch nicht. Ein eigenes Kapitel bekommt das Thema "Fortbildung zur SexualbegleiterIn".

Besonderes Interesse werden und sollten die "Erfahrungsberichte" des Buchabschnittes 3 erhalten, in dem eine Sexualbegleiterin berichtet, eine Wohnheimbetreuerin, eine Mutter und ein behinderter Nutzer einer Sexualbegleitung.

Kritik

Die Autorin, Monika Krenner, wird im Buch nicht vorgestellt, aber schon aus dem Vorwort wird deutlich, dass es sich bei dem vorliegenden Werk um eine Arbeit innerhalb ihrer wissenschaftlichen Ausbildung handelt So haben Leserinnen und Leser in einigen Kapiteln die Aneinanderreihung von Zitaten irgendwelcher Wissenschaftsgrößen zu ertragen, deren Zitathinweise gleich auch noch mitgeliefert werden müssen (Sowieso zitiert nach Sowieso). So ist das nun mal im wissenschaftlichen Diskurs. Ideen bauen sich auf Ideen auf. Ist etwas zum ersten Mal gedacht und wird nicht sofort wieder vergessen, dann bleibt es "Geistiges Eigentum" und muss stets seine/n BesitzerIn dabei haben. Dem anvisierten Publikum (Akteure in Behinderteneinrichtungen oder in Bezug zu ihnen) macht das das Lesen eher schwer, ebenso die verschachtelten Sätze einer wissenschaftlichen Arbeit und die kleine Schrift, die der Verlag aus Kostengründen wählte.

All die zitierten Größen beschreiben leider nur immer wieder, wie gerade sie zum Beispiel Sexualität definieren und die unterschiedlichen Aspekte einordnen. Es fehlt an schlüssigen Erklärungen, warum denn Sexualität so ein schwierig zu lebendes Phänomen ist, warum Sexualität soviel Angst macht. Die vielen BoykottiererInnen sind ja nicht einfach böse Menschen, verklemmt und frigide. Die Ängste haben für sie eine konkrete Schutzfunktion. Solche seelischen Gegebenheiten müssen verstanden und berücksichtigt werden. So nutzt es nichts, wenn MitarbeiterInnen in der Behindertenpädagogik verpflichtet werden, Sexualbegleitung zu leisten, ob passive oder aktive. Die Durchsetzungskonzepte müssen berücksichtigen, dass viele einfach mit dem Thema Sexualität in Ruhe gelassen werden müssen. Es ist dann auch nicht jede Pädagogin und jeder Pädagoge geeignet, Fragen zur Sexualität gestellt zu bekommen. Sie müssen aber schon akzeptieren, dass einige der Mitarbeitenden sich zu spezialisierten Vertrauensleuten ausbilden lassen. Leider ist das nicht immer der Fall.

Auch Monika Krenner erklärt nicht, warum Sexualität denn ein so schwieriges Lebensthema ist. Sie schildert nicht, was sie selber denn zum Thema dieses Buches gebracht hat. Sie nähert sich rein aus dem wissenschaftlich Ausbildungsbetrieb, wozu einige Gespräche mit Betroffenen selbstverständlich auch gehören, die aber nicht wiedergegeben werden. Immerhin fällt ihr auf, dass auch in ihrem Buch (Geistig-)Behinderte nicht zu Wort kommen (s. 18).

So gibt das Buch neben all den Zitaten auch nur wieder eine Meinung kund, die von Monika Krenner. Diese Meinung ist allerdings klar und deutlich pro Sexualbegleitung und pro sexueller Befreiung geistig Behinderter.

Fazit

Monika Krenner legt mit diesem Buch eine Argumentationshilfe vor, die als wissenschaftliche Arbeit innerhalb ihrer Ausbildung verfasst wurde. Leserin und Leser spüren, dass sie dazu beitragen will, auch Geistigbehinderten in deren vielfältigen Abhängigkeiten eine individuell gewünschte sexuelle Entwicklung zu ermöglichen. Sie hält damit die wissenschaftsinterne und öffentliche Diskussion in Gang. Wer zeitnah die Argumente pro Sexualbegleitung zusammengefasst haben möchte, dem sei dieses Buch empfohlen.

Rezension von
Dipl.-Psych. Lothar Sandfort
Psychologischer Leiter des „Institutes zur Selbst-Bestimmung Behinderter“ (Trebel), seit 1971 querschnittgelähmt und so seit vielen Jahren als Peer-Counselor in Beratung und Psychotherapie tätig. Unter anderem Supervisor und Coach für Teams in Einrichtungen der Behindertenarbeit von körperlich, geistig bzw. psychisch behinderten Menschen.
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Es gibt 24 Rezensionen von Lothar Sandfort.

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Zitiervorschlag
Lothar Sandfort. Rezension vom 10.02.2004 zu: Monika Krenner: Sexualbegleitung bei Menschen mit geistiger Behinderung. Tectum-Verlag (Marburg) 2003. ISBN 978-3-8288-8541-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1397.php, Datum des Zugriffs 18.05.2022.


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