socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Anke Lengning, Nadine Lüpschen: Bindung

Cover Anke Lengning, Nadine Lüpschen: Bindung. UTB (Stuttgart) 2012. 110 Seiten. ISBN 978-3-8252-3758-5. D: 14,99 EUR, A: 13,40 EUR, CH: 19,50 sFr.

Reihe: UTB - Band-Nr. 3758.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand

über Shop des Verlags


Autoren

Dipl.-Psych. Dr. Anke Lengning ist Vertretungsprofessorin für Entwicklungspsychologie an der Technischen Universität Dortmund.

Nadine Lüpschen ist Erzieherin und wissenschaftliche Mitarbeiterin ebenfalls an der TU Dortmund.

Entstehungshintergrund

Beim Aufbau und bei der Gestaltung zwischenmenschlicher Beziehungen in jedem und auch im jeweils unterschiedlichen Lebensalter in den verschiedenen Situationen (z. B. Mutter/Vater – Kind in der Familie, Chef – Mitarbeiter im Betrieb) soll das Erleben und Verhalten der Bezugspersonen wechselseitig eingeordnet und verstanden werden, um zuverlässige Beziehungen zu erreichen. Dazu hilft Wissen über die Bindungstheorie als „einer der am weitesten ausgearbeiteten Theorien der Entwicklungspsychologie (S. 8).

Die Autorinnen wollen daher über die primäre Zielgruppe – die Studierenden der Psychologie, Pädagogik, Sozialen Arbeit, Medizin sowie aller (!) Lehrämter – hinaus allen Personen, „die in ihrem Beruf oder auch in ihrem Privatleben engen Kontakt zu anderen Menschen“ haben (7), durch dieses Buch diese Hilfen geben und theoretische Grundlagen vermitteln. Vor allem Eltern von Kleinst- und Kleinkindern erhalten wichtige Anregungen für ihre Erziehungsaufgabe und ihr Bindungsverhalten: „klar – knapp – konkret“, wie es der Verlag formuliert.

Aufbau und Inhalt

In der Einführung (7 f.) werden neben der genannten primären Zielgruppe deren Interessenperspektiven angesprochen; es wird aber darauf hingewiesen, dass auch auf „noch ungeklärte Aspekte bzw. deutliche Kritikpunkte“ eingegangen wird.

Im Hauptteil wird im umfangreichsten 1. Kapitel (9 ff.) die Frage beantwortet „Was ist die Bindungstheorie?“ Auch unter Rückgriff auf die Anfänge der Bindungstheorie Anfang des 20. Jahrhunderts im Kontext der Analyse der kindlichen Entwicklung in der Familie werden die Bedeutung der primären Bezugspersonen in dieser Phase sowie die Wechselseitigkeit der Beziehungen im jeweiligen Bindungs- und Explorationsverhalten – auch in Kulturvergleichen – herausgearbeitet. Bindungsphasen und verschiedene Bindungsmuster werden ausführlich dargestellt. Es wird darauf verwiesen, „dass sich keine grundlegenden Unterschiede zwischen den Geschlechtern in Bezug auf die Bindungsentwicklung abzeichnen“ (24). Die Feinfühligkeit der Bezugsperson (kindliche Signale wahrzunehmen, richtig zu interpretieren sowie angemessen und prompt zu reagieren) und das Temperament des Kindes (das dessen Persönlichkeit kennzeichnet) sind weitere Einflussfaktoren auf die Bindungsqualität (neben dem Bindungsverhalten). Dies wird auch durch anschauliche Beispiele und Gedankenspiele entfaltet – z. B. zur Stabilität von Bindung (30 ff.). Situationsabhängige Unterschiede im Bindungsverhalten werden erläutert (33 ff.), auf Bindungsbeziehungen in der Tages-/Fremderziehung durch Erzieherinnen wird eingegangen (36 ff.).

Das 2. Kapitel (40 ff.) befasst sich mit der Frage: „Wie lassen sich individuelle Bindungsunterschiede feststellen?“ Es werden ausgewählte Verfahren vorgestellt, die im deutschsprachigen Raum eingesetzt werden und für (zukünftig) forschend Tätige einen kurzen Überblick bieten. Im Gegensatz zu den anderen Kapiteln heben keine Definitionen und Merksätze Einzuprägendes hervor. Bei einem Videobeobachtungsverfahren – dem CARE-Index (Child-Adult-Relationship-Experimental) – wird darauf verwiesen, dass es nicht nur auf Eltern angewandt werden kann, sondern auch auf Personen, die beruflich mit Kindern interagieren (44).

Das 3. Kapitel (57 ff.) – “Beeinflusst Bindung unseren Umgang mit Emotionen?“ - widmet sich dem Zusammenhang zwischen Bindung und Emotionen mit der wichtigen Erkenntnis des hohen Stellenwerts von Bindung im Rahmen der emotionalen Entwicklung. Nach einer kurzen Darstellung der Entwicklung der Emotionsregulation beim Kind in fünf Phasen von ca. einem Monat bis drei Monaten durch die Bezugsperson (1. Phase) über die 4. Phase der Selbstregulation unter Anleitung der Bezugsperson (ab ca. neun Monaten) zur 5. Entwicklungsphase (ab dem Schulalter) der eigenständigen Selbstregulation (61 ff.). Dabei hat die Feinfühligkeit der Bezugsperson eine zentrale Rolle. Anschaulich (auch durch gute Abbildungen und drucktechnische Hervorhegungen) werden die verschiedenen Bindungsmuster als spezifische Muster der sozialen Emotionsregulation“ (63) betrachtet und dargestellt.

Kann Bindung auch pathologisch sein?“ ist die leitende Frage des 4. Kapitels (70 ff.), in dem somit Bindungsstörungen bearbeitet werden. Als Ursachen „müssen soziale, psychologische und biologische Faktoren beachtet werden“ (78). Die Darstellung bestätigt die abschließend formulierte Feststellung (81), dass es noch weiterer wissenschaftlicher Forschung bedarf, „um z. B. die Diagnostik, die Prävalenz, die Prognose und die Interventionsmaßnahmen von Bindungsstörungen besser empirisch absichern zu können.“

Im 5. Kapitel (82 ff.) werden als Antwort auf die Frage „Wie lässt sich eine sichere Bindung fördern?“ einige der Präventions- und Interventionsprogramme vorgestellt. Zu letztgenannten gehört z. B. die STEEP-Intervention (Steps Toward Effective Enjoyable Parenting), durch die sich die Beziehung zwischen Mutter und Kind verbessert hat, was belegt werden konnte (92).

Ein Glossar (96 ff.), ein Literaturverzeichnis (97 ff.) und ein leider zu kurzes und damit wenig hilfreiches Register (111) runden das Buch ab.

Diskussion

Das in diesem Buch bearbeitete Thema spricht alle Menschen an, die engen Kontakt zu anderen Menschen haben. Somit trifft die oben zitierte Grundaussage der Autorinnen in der Einführung zu, dass „im Grunde“ alle diese Personen die Adressaten sind. Für die oben genannte primäre Zielgruppe der Studierenden ist dieses Buch eine gründliche und anregende Einführung in das Thema. Es entfaltet einen fundierten Einblick in die Theorie und die bisher erforschte Praxis der menschlichen Bindung in dyadischen Beziehungen – besonders zwischen dem Kind und seiner Bezugsperson.

Nachdenkenswert und diskussionsbedürftig erscheint es jedoch, ob dieses Buch über die primäre Zielgruppe hinaus geeignet ist, das notwendige Grundwissen „allen“ Personen zu vermitteln, die solche Lebens- und Berufssituationen bewältigen müssen, sollen und wollen. Auch sie benötigen dringend Wissen und Erkenntnisse, die in diesem Buch entfaltet werden. Oft hat der Rezensent bei der Lektüre gedacht: Das müssten Eltern wissen, die nur durch die Geburt ihres Kindes ihre Erziehungsqualifikation erworben und auch in der Schule davon nichts erfahren haben, sofern sie nicht das Fach Pädagogik hatten. Denn: Erziehung müssen alle lernen! Dazu müssten die Inhalte dieses Buches für pädagogische Laien didaktisch aufbereitet werden.

Fazit

Das Buch bietet Studierenden eines Lehramtes (aller Fachrichtungen) sowie Studierenden der Psychologie, der Pädagogik (aller Schwerpunkte), der Medizin und aller Studiengänge für Soziale Arbeit (auch nichtuniversitärer Ausbildungsträger) eine gründliche Einführung in die Entwicklung und in den gegenwärtigen Stand der Bindungstheorie und überblicksartig in die sie stützende und Impulse gebende, aber auch Fragen stellende Forschung. Es ist verständlich geschrieben und für diese Zielgruppe didaktisch gut strukturiert und reduziert. Kapiteleinführungen beschreiben präzise den jeweiligen Themenaspekt. Zwischenzusammenfassungen und Merksätze sowie anschauliche Abbildungen und Beispiele fördern den Lern- und Arbeitsprozess, der durch die bei jedem Kapitel angegebenen Internet- und Literaturhinweise vertieft werden kann. Ein umfangreicheres Sachregister wäre wünschenswert.


Rezension von
Dipl.-Hdl. Dr. phil. Klaus Halfpap
Ltd. Regierungsschuldirektor a. D.


Lesen Sie weitere Rezensionen zum gleichen Titel: Nr.13563


Alle 51 Rezensionen von Klaus Halfpap anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Klaus Halfpap. Rezension vom 26.09.2012 zu: Anke Lengning, Nadine Lüpschen: Bindung. UTB (Stuttgart) 2012. ISBN 978-3-8252-3758-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13970.php, Datum des Zugriffs 18.01.2022.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht