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Erich Hollenstein, Frank Nieslony (Hrsg.): Handlungsfeld Schulsozialarbeit

Rezensiert von Prof. Dr. Uwe Rabe, 03.04.2013

Cover Erich Hollenstein, Frank Nieslony (Hrsg.): Handlungsfeld Schulsozialarbeit ISBN 978-3-8340-1109-1

Erich Hollenstein, Frank Nieslony (Hrsg.): Handlungsfeld Schulsozialarbeit. Profession und Qualität. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2012. 308 Seiten. ISBN 978-3-8340-1109-1. D: 19,80 EUR, A: 20,40 EUR, CH: 34,60 sFr.
Reihe: Grundlagen der Sozialen Arbeit - 29.

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Thema

Das Thema Schulsozialarbeit (SSA) rückt immer weiter in das Interesse der Öffentlichkeit: Das Bewusstsein wächst, dass die Herausforderungen an Schule, Schüler, Eltern und Lehrer nicht mehr von Lehrern allein gemeistert werden können, sondern eine multiprofessionelle Vernetzung erfordern, an der SSA mit zu beteiligen ist. Im Fokus der Fachdiskussion ist das Thema schon länger. Daran waren die Herausgeber des hier zur Rezension anstehenden Sammelbandes durch ihre zahlreichen einschlägigen Veröffentlichungen nicht unbeteiligt.

Trotz alledem – einschließlich der angemeldeten Bedarfe und der anhaltenden Diskussionen – ist das Thema immer noch nicht klar umrissen: Art, Qualität, Verfassung und Umfang einer schulbezogenen Sozialen Arbeit sind im föderalen Deutschland des dritten Jahrtausends noch lange nicht konsentiert. Immer noch nicht ist klar, was genau denn SSA eigentlich sei. In so weit ist jeder Beitrag, der über die Optionen und Zwänge weiter aufklärt, nicht nur willkommen, sondern eher bitter nötig: Die vielfach beschriebene individualisierte und pluralisierte Gesellschaft produziert Sozialisationsrisiken und -optionen für die gesamte heranwachsende Generation, die eine Begleitung und Unterstützung durch eine einvernehmlich operierende Schul- und Jugendhilfestruktur notwendig sein lassen.

Herausgeber

Erich Hollenstein ist Schulsozialarbeitstheoretiker nahezu der ersten Stunde und war bis zu seiner Emeritierung Professor für Sozialarbeit / Sozialpädagogik an der Fachhochschule in Hannover. Zusammen mit Jan Tillmann hat er bereits 1999 einen ersten Sammelband zum Thema herausgegeben, der damals so erfolgreich war, dass nach einem Jahr eine zweite erweiterte Auflage notwendig wurde.

Frank Nieslony lehrt an der Fachhochschule in Darmstadt und beschäftigt sich seit seiner Dissertation (SSA in den Niederlanden, 1999) ebenfalls mit dem Thema. Die Beiden sind durch diese Veröffentlichungen und durch zahlreiche weitere Schriften einschlägig ausgewiesen und profiliert.

Entstehungshintergrund

Die beiden Herausgeber blicken zum Ende ihrer hauptberuflichen Lehr- und Forschungstätigkeit gleichsam mit einem Janus-Kopf in zwei Richtungen auf das Arbeitsfeld SSA. Hollenstein ist emeritiert und Nieslony steht kurz davor: Beide können auf ein Feld mit seinen Verstrickungen und Entwicklungen zurückblicken, das sie in seiner Entstehung und Entwicklung beobachtet und begleitet haben und sie können vorausschauen, was an Tendenzen und neuen Herausforderungen an Schule, Schüler, Eltern, Lehrer, an Jugendhilfe und Soziale Arbeit sich abzeichnet.

Aufbau

Es gibt ein Vorwort des Schulforschers Klaus-Jürgen Tillmann. Daran schließt sich die Einleitung an, in der die Herausgeber den besonderen Zugriff und den sehr speziellen Aufbau ihres Sammelbandes erläutern. Das spitzen die Beiden in Ihrem Grundsatzbeitrag zu: Profession Schulsozialarbeit: Entwicklung und Standort, der programmatischen Anspruch hat: Ihr Anliegen ist die Schärfung des Profils von SSA.

Daran schließen sich Aufsätze an, die drei größeren Abschnitten zugeordnet sind: Organisation als Bedingung qualifizierter PraxisHandlungsfelder in wissenschaftlicher Orientierung - Perspektiven für eine offensive Schulsozialarbeit, die alle von einschlägig ausgebildeten und im Feld arbeitenden Fachleuten verantwortet werden.

Im ersten Abschnitt finden sich fünf Einzelbeiträge, die sich aus unterschiedlicher Perspektive mit der Situation und der Organisation von SSA heute beschäftigen. Im zweiten Teil sind es sieben, die sich mit vier zentralen Themen der SSA auseinandersetzen: Gewalt – Absentismus – Gender – Migration. Das dritte Kapitel hat drei und beleuchtet die Perspektiven von SSA im größeren Kontext von Schulentwicklung, Qualitätsdiskussion und Fachlichkeit.

Inhalt

Das kurze Vorwort von Klaus-Jürgen Tillmann verdient Beachtung, weil hier ein Schulforscher zu Wort kommt, der Universitätsprofessor ist. Aus der Perspektive von Schule und Universität - also von weiter außen – beschreibt er die Auseinandersetzung von (Schul-) Sozialarbeit und Schule der jüngeren und jüngsten Vergangenheit. Damit macht er gleichzeitig deutlich, dass eine Diskussion um die Funktion von SSA auch eine Diskussion um den Auftrag von Schule ist: Diese Auseinandersetzung darf nicht nur (theoretisch) im Umfeld von Fachhochschule und (fachlich) im Umfeld von Sozialer Arbeit und Jugendhilfe geführt werden.

Die sich anschließende Einleitung gibt eine erste Definition: SSA ist Handlungsfeld der Jugendhilfe in der Schule (S.3) und betont den Stellenwert von SSA im Umfeld eines erweiterten Bildungsverständnisses und der Sicht auf die unterschiedlichen Lernwelten von Schülerinnen und Schülern. Gleichzeitig wird in die Struktur des Handbuches eingeführt. Den Herausgebern ist es wichtig, bereits an dieser Stelle einen Beitrag für die Professionalisierungsdebatte der SSA zu liefern, indem sie auf die Notwendigkeit handlungsfeldbezogener Sichtweisen hinweisen, die sie durch eine enge Theorie-Praxisverschränkung um relevante Handlungsfelder herum realisieren wollen. Dabei fehlt der selbstkritische Hinweis nicht, dass das beabsichtigte Tandem-Verfahren der Parallelisierung von theoretischen Inputs zu zentralen Arbeitsbereichen und konkretisierenden Praxiserfahrungen nicht immer durchgeführt werden konnte.

Der Grundsatzbeitrag führt zunächst in die Struktur der Bildungslandschaft der Bundesrepublik ein, indem er ‚top down‘ ein dreistufiges Denkmodell zur Zuordnung von SSA beschreibt: Von den bildungspolitischen Vorstellungen des Bundes über die Kooperationsstrukturen der Länder zu den konkreten Formen von SSA in den einzelnen Schulbezirken. Daran schließt sich ein thematisch orientierter Überblick über die Geschichte und die Entwicklung von SSA an unter Betrachtung der landesspezifischen Schulgesetze, den daraus folgenden landesspezifischen arbeitsrechtlichen Grundlagen auf der einen Seite und den Entwicklungen der Profession und des Berufsprofils auf der anderen. Den Abschluss bildet eine Zusammenfassung von Forschungsergebnissen zur (erwiesenen!) Wirksamkeit von SSA: Hier wird die Notwendigkeit einer weiteren Professionalisierung aufgezeigt.

Am Diskurs im Rahmen des vorliegenden Sammelbandes sind vor allem Fachkräfte der Sozialen Arbeit und Hochschullehrerinnen und Hochschullehrer aus ganz Deutschland beteiligt. Die Herausgeber zentrieren die Beiträge an drei Leitlinien: Organisation – Handlungsfelder – Perspektiven.

Im ersten thematischen Block beschäftigen sich die Autoren nacheinander mit der Rolle und dem Auftrag der Jugendhilfeplanung bei der Professionalisierung von SSA sowohl auf der Handlungsfeldebene als auch auf der Systemebene (Emanuel), der Konkretisierung dieser Rolle am Beispiel der Stadt Jena (Schwabe), der Umsetzung einer solchen Konkretisierung durch sozialräumliche Vernetzung bei der SSA an zwei Schulen in Jena (Gerstner), der Beschreibung von Professionalisierung von SSA durch Strukturierungsgewinne im Rahmen einer multiprofessionellen Kooperation an einer Grundschule in Münster (Tölle/de L'Espine) und der Entwicklung der Selbstbeauftragung der Landesarbeitsgemeinschaften SSA (LAG SSA) am Beispiel Niedersachsens als Beitrag zur professionellen Haltung der Fachkräfte (Hollenstein/Reinecke-Terner).

Der zweite thematische Block folgt dem von den Herausgebern angesprochenen Tandem-Prinzip noch stärker, weil er exemplarisch Arbeitsfelder theoretisch umreißt und die Arbeit in diesen Feldern beispielhaft beschreibt: Zunächst geht es um Ursachen und Ausmaße von Gewalt an Schule (Oertel), dem als Praxisbeispiel die Gewaltpräventionsarbeit der SSA an einer niedersächsischen Gesamtschule folgt (Hopf/Mohfeld). Daran schließt sich die profunde Kurzbeschreibung der Ursachen von Schulabsentismus an: Das ist der Begriff, mit dem der Fachmann des Themas (Thimm) alle Formen des Fernbleibens bis zur Schulverweigerung umreißt. Auch dieser Beitrag wird von einem Praxisbeispiel gefolgt, in diesem Fall aus einer Großstadt Hessens: Beratung als Prävention (Bender). Als drittes Handlungsfeld wird Gender beschrieben, wobei der theoretische Blick den professionellen Blick auf ein ‚doing gender‘ vor allem bei der Mädchenarbeit einfordert (Spies). Das Praxisbeispiel aus der praxisorientierten Lebensweg- und Berufsplanung einer niedersächsischen Oberschule weist auf die Notwendigkeit weiterer genderbezogener Veränderungsnotwendigkeiten hin (Raudies). Der Beitrag zum vierten beschriebenen Handlungsfeld Migration umfasst eine grundsätzliche Einschätzung, die er selber an Fällen verdeutlicht (Stender/Reinecke-Terner): Zunächst nimmt er unter dem Stichwort ‚ethnische Segmentierung des deutschen Bildungswesens‘ die SSA in die Pflicht, mit migrationspädagogischer Kompetenz aktiv auch eine Antidiskriminierungsarbeit an Schulen zu leisten und konkretisiert selber an Hand von zwei Beispielen aus Niedersachsen, wie eine solche Kompetenz aussehen könnte.

Der dritte thematische Block nimmt in drei Anläufen die Zukunft von SSA in den Blick. Zunächst geht es um Erläuterungen zu einem neuen Verständnis von Jugendhilfe und Schule, das die Wege und Irrwege der föderalen Bildungslandschaft aus der Perspektive des Kooperationsverbundes Schulsozialarbeit nachzeichnet (Berger/Eibeck/Ludewig) und das am Beispiel des Umgang mit dem Bildungs- und Teilhabepaket knapp an fünf Beispielen skizziert.

Im Anschluss an die Beispiele stellen die Gründungsmitglieder den Kooperationsverbund selber vor und schalten sich hier fachlich in die Professionalisierungsdiskussion ein, indem sie u.a. den Qualifikationsrahmen SSA vorstellen, der die Ausbildung der Fachkräfte leiten müsste, weil er die Standards umreiße, die man erfüllen muss, wenn man professionell arbeiten können will. Im Anschluss wird unter der Überschrift Handlungskompetenzen, Qualitätsstandards, Professionalisierung der Frage nachgegangen, was denn eigentlich gute SSA ausmacht (Iser). Die Antworten bewegen sich um die Begriffe Kompetenzen und Kooperation herum.

Den Abschluss bildet ein Plädoyer für die offensive Professionalisierung von SSA, die flächendeckend an allen Schulen mit verlässlichen Ressourcen in einer gesicherten Kooperationsstruktur von Jugendhilfe und Schule installiert gehöre. Dieses Plädoyer hat den Charakter eines Leitfadens für die Schulentwicklungs- und die Jugendhilfeplanungen auf den Ebenen von Bund, Ländern und Gemeinden.

Diskussion

Der besondere Anspruch des Sammelbandes kommt in Titel und Untertitel zum Ausdruck: Es soll nicht um eine – mehr oder weniger – vollständige Darstellung des Sachverhaltes SSA in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft gehen; vielmehr wird SSA als großes Handlungsfeld charakterisiert, das durch eine breit geführte Debatte um Standards und Handlungsoptionen, um Strukturen und Rahmenbedingungen als Ort einer eigenen Professionalität mit einem eigenen entwickelten und sich entwickelnden Qualitätsstandard ausgebaut werden kann. Dazu müssen neue Kooperationsstrukturen zwischen Jugendhilfe und Schule entwickelt werden, die notwendigerweise einen eigenen rechtsverbindlichen Rahmen verlangen und mit einer gesicherten Finanzierung ausgestattet sind. Dabei gehen die Herausgeber davon aus, dass „die Praxis der SSA in ihrer jahrzehntelangen Entwicklung ihr Profil eigenständig und innovativ ausgebildet habe“ (S.4). Dieses Profil hätte man sich in einem einleitenden Aufsatz zusammen mit einer umfassenden Darstellung des Handlungsfeldes SSA noch weiter konkretisiert gewünscht. Die Auswahl der Handlungsfelder in der SSA orientiert sich folgerichtig an der Praxis, hätte aber noch weiter begründet werden können: Wahrscheinlich gibt es gute Gründe, warum z.B. die Handlungsfelder Beratung, individuelle Hilfen, Suchtmittelprävention, Ganztag keinen Platz gefunden haben, aber man hätte es diskutieren können.

Zentrales Thema nahezu aller Beiträge ist der Anspruch, SSA zu professionalisieren und sie in eine geeignete Kooperationsstruktur zwischen Jugendhilfe und Schule so einzubetten, dass eine „Verantwortungsgemeinschaft“ (Emanuel, S.39) entsteht. Das kann nicht ohne „den Um- und Neubau des Schulsystems“ gehen, der durch qualifizierte SSA einzurüsten sei (Hollenstein/Nieslony S.27). Immer wieder werden Sozialraumorientierung und Lebensweltbezug als Standards der Jugendhilfe als Veränderungsparameter benannt, diesen Umbau des Schulsystems zu strukturieren. Gleichzeitig werden diese Standards als originäre Leitlinien des Handlungsfeldes SSA erkannt, die das eigenständige professionelle Wirken der Fachkräfte ermöglichen (De L'Espine/Tölle).

Die Leitbegriffe Qualität und Professionalität ermöglichen eine SSA-orientierte Diskussion der Veränderung des Verhältnisses zwischen Jugendhilfe und Schule, an dem die Akteure und Ausbilder, die SSA-Lobbyisten, die Berufsverbände und die Jugendhilfeplaner sich als Netzwerker beteiligen müssen. Dabei sind die Standards bekannt, die z.B. in den Beschreibungen zum Berufsbild und Anforderungsprofil der SSA des Kooperationsverbundes SSA zusammengefasst sind. Der Qualifikationsrahmen, wie denn zu dieser Qualität und Professionalität ausgebildet werden kann, existiert ebenfalls. Jetzt geht es ums Umsetzen – und dem macht dieses Buch Beine.

Fazit

Der Sammelband versteht sich als Offensive zur Qualitäts- und Professionalisierungsdebatte innerhalb der SSA und zeigt eine selbstbewusst auftretende SSA, die die Verantwortung für ein erweitertes Bildungsverständnis übernehmen kann und für Ausbildung und Alltag, für Planung und Analyse hilfreiche Argumentationsmuster liefert, SSA in den Jugendhilfe- und Schulalltag zu integrieren. So schließt er eine Lücke in den einschlägigen Veröffentlichungen zum Thema.

Rezension von
Prof. Dr. Uwe Rabe
ehemaliger Professor für Erziehungswissenschaft an der FH Münster
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Es gibt 19 Rezensionen von Uwe Rabe.

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Zitiervorschlag
Uwe Rabe. Rezension vom 03.04.2013 zu: Erich Hollenstein, Frank Nieslony (Hrsg.): Handlungsfeld Schulsozialarbeit. Profession und Qualität. Schneider Verlag Hohengehren (Baltmannsweiler) 2012. ISBN 978-3-8340-1109-1. Reihe: Grundlagen der Sozialen Arbeit - 29. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13974.php, Datum des Zugriffs 29.02.2024.


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