socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Heinrich Ricking, Gisela C. Schulze (Hrsg.): Schulabbruch

Cover Heinrich Ricking, Gisela C. Schulze (Hrsg.): Schulabbruch. Ohne Ticket in die Zukunft. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2012. 272 Seiten. ISBN 978-3-7815-1874-2. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Obwohl die Schulabbrecherquote in den letzten Jahren nach innerdeutschen Berechnungen von einer früheren Prozentzahl von 9,6 (2001) noch einmal von 8 Prozent (2006) auf 7,5 Prozent (2008) leicht gesunken ist, stellt sich die Problematik sowohl für die betroffenen Jugendlichen als auch für die gesamte Gesellschaft aufgrund der offensichtlich werdenden Gefahr sozialer Desintegration mit aller Schärfe. Folgen dieser Desintegration sind Devianz, soziale Randständigkeit und prekäre Beschäftigungsverhältnisse mit drohender Daueralimentation. Das lange Zeit wenig beachtete Thema des Schulabbruchs (Dropout) und des Schulabsentismus findet erst in den letzten zehn Jahren bildungspolitische, wissenschaftliche wie auch schulpraktische Aufmerksamkeit.

Aufbau

Die Bearbeitung der genannten Problematik nehmen die Herausgeber so vor, dass der Sammelband in drei Abschnitte gegliedert wird.

  1. „Grundlegung und Gegenstand“,
  2. „Ursachen und Folgen“, sowie
  3. „Prävention und Intervention“.

Dieser letzte umfangreiche Abschnitt nimmt nahezu die Hälfte des Buches ein. Die 17 Fachbeiträge behandeln den schwierigen Komplex vielfach auf der Basis empirischer Untersuchungen oder evaluierter Handlungskonzepte mit internationaler und interdisziplinärer Ausrichtung. Das Spektrum der Fachdisziplinen ist erheblich: Erziehungswissenschaft, Sonderpädagogik, Jugendhilfe/Schulsozialarbeit, Rehabilitationspädagogik, Kriminologie sowie Kinder- und Jugendpsychiatrie. Diese interdisziplinäre Ausrichtung ist eine deutliche Akzentsetzung bei der Auswahl der Aufsätze. Allerdings sind deshalb gelegentliche thematische Überschneidungen kaum zu verhindern. Im Folgenden wird auf ausgewählte Beiträge näher eingegangen.

Inhalt

Der erste Beitrag von Heinrich Ricking und Gisela Schulze gibt einen Überblick und erörtert die Problembreite und Problemtiefe des Schulabbruchs. Verwiesen wird auf das Wechselspiel zwischen persönlichen Eigenschaften der abbrechenden Schülerinnen und Schüler (z.B. Lernbeeinträchtigung) mit Umweltbedingungen (z.B. Armut, belastende Familienverhältnisse). Sodann werden schulische Handlungsmöglichkeiten dargestellt, die im Rahmen eines Absentismusmanagements ergriffen werden können: u.a. Aufbau eines Kooperationsnetzes seitens der Schule, Schulmentoren, alternative Bildungszugänge und individualisierte Unterstützung.

Der Folgeaufsatz von Clemens Hillenbrand, Marie-Christine Vierbuchen und Tobias Hagen beschäftigt sich mit Definitionsfragen der Grundbegriffe im internationalen Kontext. Definitionen haben unmittelbar Einfluss auf statistische Berechnungen. Ein Beispiel: Der deutsche Nationale Bildungsbericht ermittelt eine Abbrecherquote von 7,5 Prozent (2008). Nach Messungen der Europäischen Union (EU) liegt dieser Wert für Deutschland aufgrund anderer Definitionen bei 11,1 Prozent. Der europäische Durchschnittswert liegt danach bei 14,4 Prozent, Portugal und Spanien haben eine Quote von über 30 Prozent und die Türkei kommt auf unglaubliche 44,3 Prozent (S. 31). Die EU fordert indessen eine Quote von unter zehn Prozent.

Der Abschnitt „Ursachen und Folgen“ beginnt mit einem Beitrag von Dirk Baier, der insofern interessant ist, als er sehr umfangreiches Datenmaterial des Kriminologischen Instituts Niedersachsen an der Universität Hannover präsentiert. Befragt wurden in einer Querschnittsstudie ca. 44.000 Schülerinnen und Schüler. Schulabbruchfördernd sind auf diesem Hintergrund u.a. schwache Schulleistungen, geringe Kontrolle des Schwänzerverhaltens durch die Schule, negative Erziehungserfahrungen, negatives Lehrerverhalten, und schwänzende Freunde und Freundinnen.

Zwei amerikanische Wissenschaftler von der University of Georgia, Arthur M. Horne und Pamela Orpinas, erörtern Mobbing (Bullying) im Zusammenhang mit Schulabsentismus und Dropout. Eine ihrer zentralen Fragestellung ist: „What are teachers, parents and councelors to do?“. Menno Baumann beschreibt anhand von Studien aus Hannover und Oldenburg den Zusammenhang von prekären Wohngebieten, den Bildungschancen der dort lebenden Kinder und Jugendlichen, den Besuch des Schultyps (Förder-, Haupt- und Realschule, Gymnasium) und der Delinquenz innerhalb von Jugendgruppen aus den jeweiligen Stadtteilen.

Eine Langzeitstudie aus der Schweiz von Margrit Stamm zeigt eine Typologie der Schulabbrecher: Schulmüde, Gemobbte, familiär Belastete, Delinquente und Hänger. Neu ist u.a. an dieser Studie die Erfassung des Wiedereinstiegs in das Schulsystem. So zeigt sich in der Schweiz, dass 43 Prozent der Abbrecher innerhalb von drei Jahren ihren Schulabschluss nachholen.

Im letzten Abschnitt „Prävention und Intervention“ gehen Thomas Hennemann, Clemens Hillenbrand und Tobias Hagen auf die Suche nach abgesicherten Risikofaktoren, die zum Abbruch führen. Sie stellen u.a. fest, dass ca. die Hälfte der Personen ohne Schulabschluss eine Förderschule besuchten. Auch Jugendliche mit ausländischer Herkunft verlassen die Schule ohne Abschluss deutlich höher als deutsche Jugendliche. Risikofaktoren sind im individuellen Bereich z.B. Lern- und Verhaltensbeeinträchtigung, Zugehörigkeit zu einer Hoch-Risiko Peergruppe, geringe Bildungserwartung. Im Bereich der Familie treten als Risiko auf: Niedriger sozioökonomischer Status, zerrüttete Familienverhältnisse und geringe soziale Kontrolle in der Familie. Risikofaktoren im Schulbereich sind mangelnde Unterstützung durch Lehrkräfte, schlechtes Schulklima, inadäquate Lernmethoden sowie häufige Schulverweise. Maßnahmen gegen Schulabbruch sind individuelle Förderprogramme. Hier findet dann eine regelmäßige schriftlich dokumentierte Beobachtung der Schülerin oder des Schülers statt deren Ergebnisse mit den Beobachtenden, ihren Eltern und Lehrkräften besprochen werden. Je nach dem sich ergebenden Risiko wird die notwendige Intervention eingestellt. In ökologischen Ansätzen stehen Maßnahmen des Classroom Managements im Mittelpunkt und Transitions-Programme fördern den Übergang in eine andere Schule oder eine berufliche Ausbildung.

Karsten Speck und Thomas Olk erörtern Schulabsentismus auf dem Hintergrund des Landes Sachsen-Anhalt und des Bundesprogramms „Schulverweigerung – Die 2. Chance“. Eine umfangreiche Faktorenanalyse untersucht dort u.a. Schultyp, Familienmerkmale, Freizeitmerkmale, Schulleistung und soziale Auffälligkeiten als Absentismus- und Abbruchrisiken. Schulsozialarbeit kann Absentismus vermindern durch Förderung eines prosozialen Verhaltens, Stärkung der Selbstwirksamkeit der Schülerinnen und Schüler sowie durch die Schaffung einer schülerfreundlichen Lernumgebung.

Das erwähnte Programm „Schulverweigerung – Die 2. Chance“ wird auch in dem Aufsatz von Martin Amberger, Jan Gregerson und Julia Pietrasik umfassend dargestellt.

Heinrich Ricking geht in seinem Beitrag auf alternative Beschulungseinrichtungen ein, die er als intensivpädagogische Kleinstschulen bezeichnet; oftmals die letzte Möglichkeit für die etwa 100.00 „Totalaussteiger“ in Deutschland. Notwendig ist in diesen Einrichtungen ein emotional „warmes“ Milieu mit klarer Regelstruktur. Die Schul-, Sonderschul- und Sozialpädagogen wie auch weitere Fachkräfte müssen imstande sein, eine Beziehungsstruktur aufzubauen und Vertrauen zu geben. Vier Praxisbeispiele geben den Ausführungen eine Anschaulichkeit, die das Buch häufig vermissen lässt.

Der letzte Aufsatz von Holger Koppe und Elisabeth Ranke beschreibt psychische Störungen in deren Begleitung Schulschwänzen auftreten kann. Dazu gehören u.a. depressive Störungen, Angst, soziale Phobie und Persönlichkeitsstörungen. Das diagnostische und therapeutische Vorgehen wird dargestellt und an einem Fallbeispiel verdeutlicht.

Diskussion

Der vorliegende Band zeichnet sich aus durch den gewählten interdisziplinären Zugang zum Problem des Schulschwänzens und des Schulabbruchs. Auch internationale Forschungsergebnisse und Handlungskonzepte werden berücksichtigt. Allerdings unterscheiden sich die Beiträge durch ihre jeweilige Qualität. Weiterhin ist die Evidenzbasierung der jeweiligen Ausführungen hervorzuheben. Dies ist auch deshalb notwendig, weil in den letzten Jahren deutliche Forschungsanstrengungen unternommen wurden, die in der empirischen Wissenschaftsorientierung der vorliegenden Veröffentlichung ihren Niederschlag finden. So kommt es aber dann dazu, dass die erforschten und analysierten Jugendlichen abgehoben von ihrer authentischen Lebenswirklichkeit dargestellt werden. Sie sind lediglich Forschungsgegenstände!

Fazit

Ein lesenswertes und neue Forschungsergebnisse berücksichtigendes sowie interdisziplinär ausgerichtetes Fachbuch. Der Band hat eher einen weiterführenden als einen einführenden Charakter bezüglich des verhandelten Problemkomplexes.


Rezension von
Prof. Dr. Erich Hollenstein
E-Mail Mailformular


Alle 89 Rezensionen von Erich Hollenstein anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Erich Hollenstein. Rezension vom 04.03.2013 zu: Heinrich Ricking, Gisela C. Schulze (Hrsg.): Schulabbruch. Ohne Ticket in die Zukunft. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2012. ISBN 978-3-7815-1874-2. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13977.php, Datum des Zugriffs 03.12.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung