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Christian Stegbauer, Roger Häßling (Hrsg.): Handbuch Netzwerkforschung

Cover Christian Stegbauer, Roger Häßling (Hrsg.): Handbuch Netzwerkforschung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. 966 Seiten. ISBN 978-3-531-15808-2. 69,95 EUR.

Reihe: Netzwerkforschung - Band 4.
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Thema

Seit einigen Jahren erst scheint sich die Netzwerkanalyse, -forschung bzw. -theorie wirklich anzuschicken, sich in der deutschsprachigen Soziologie zu etablieren. Den wohl wichtigsten Beitrag zu dieser Entwicklung liefert die Reihe Netzwerkforschung, die im VS Verlag erscheint. Den Auftakt macht 2008 Band 1 «Netzwerkanalyse und Netzwerktheorie: Ein neues Paradigma in den Sozialwissenschaften» (hrsg. von Christian Stegbauer). Band 2 ist 2010 «Relationale Soziologie: Zur kulturellen Wende der Netzwerkforschung» (hrsg. von Jan Fuhse und Sophie Mützel). Band 3 heisst 2009 «Grenzen von Netzwerken» (hrsg. von Roger Häußling). In den dickleibigen Bänden ist es bisher gut gelungen, eine Vielzahl kompetenter Autorinnen und Autoren zu versammeln, die Einblicke in die vielfältigen methodischen und theoretischen Probleme gewähren, die dieser international betrachtet keineswegs neue Zweig soziologischer Forschung zu lösen sucht. Als Band 4 erscheint 2010 in der Folge das «Handbuch Netzwerkforschung». Das unglaubliche Publikationstempo weist auf ein gut funktionierendes wissenschaftliches Netzwerk sowie auf die grosse Ambition hin, ein neues Paradigma in der hiesigen Forschungslandschaft nun tatsächlich verankern zu wollen. Es sind noch weitere, nicht nummerierte Publikationen in der Reihe Netzwerkforschung erschienen.

Herausgeber

Christian Stegbauer ist Privatdozent für Soziologie an der Goethe-Universität Frankfurt am Main.

Roger Häußling ist Professor für Soziologie mit dem Schwerpunkt Technik- und Organisationssoziologie an der RWTH Aachen.

Aufbau

Das Handbuch beginnt mit einer kurzen Einleitung der beiden Herausgeber.

Es folgen sechs Kapitel:

  1. Das Kapitel «Geschichte der Netzwerkforschung» leitet von den Wurzeln der Netzwerkforschung über den «Harvard Breakthrough» zur deutschsprachigen Forschung über.
  2. Das Kapitel «Einführung in das Selbstverständnis der Netzwerkforschung» ist in die Unterkapitel «Beziehungen», «Positionen und Akteure» und «Gesamtnetzwerke» gegliedert. Hier werden in einzelnen Beiträgen viele Grundbegriffe erörtert wie zum Beispiel Beziehungen und Kanten, starke und schwache Beziehungen, Reziprozität, Knoten, Positionen, strukturelle Löcher, Sozialkapital, Small World usw. Darüber hinaus thematisieren die Beiträge wichtige theoretische Fragen, so zur relationalen Soziologie, zum Mikro-Makro-Link oder zur Bedeutung von Kultur.
  3. Bezüge zu anderen theoretischen Ausrichtungen der Soziologie stellt das Kapitel «Theorien und Theoreme der Netzwerkforschung» her, nämlich zur formalen Soziologie, Figurationssoziologie, Rational Choice-Theorie, Systemtheorie, Akteur-Netzwerk-Theorie sowie zum Strukturalismus älterer und neuerer Provenienz.
  4. Im Kapitel «Methoden der Netzwerkforschung» beziehen sich die vierzehn Beiträge auf eine Fülle grundlegender methodischer und statistischer Aspekte.
  5. Mit bloss zwei Artikeln bildet das Kapitel «Visualisierung von Netzwerken» das kürzeste. Sie behandeln Netzwerkkarten und generell die Netzwerkvisualisierung.
  6. Demgegenüber versammelt das letzte Kapitel über «Anwendungsfelder der Netzwerkforschung» knapp dreissig Beiträge und sichtet die Bereiche Wirtschaft und Organisation, Politik und Soziales, Wissenschaft, Technik und Innovation, soziale Räume und Zeiten sowie schliesslich Psyche und Kognition. Dabei werden die Perspektiven zahlreicher akademischer Disziplinen dargestellt.

Am Ende folgt ein Serviceteil. Er enthält tabellarische Übersichten zur Netzwerkliteratur, deren Inhalte nach verschiedenen Kriterien beurteilt werden, das Verzeichnis der Autorinnen und Autoren sowie ein Sachverzeichnis. Ein Personenregister fehlt leider.

Inhalt

Die Herausgeber glauben zwei «Verheissungen» der Netzwerkforschung erkennen zu können. Die eine ist, «soziologischer zu sein als andere Vorgehensweisen der empirischen Forschung. So nimmt die Umfrageforschung zunächst die sozialen Zusammenhänge auseinander – später kommen diese nach Analyse der erneuten Zusammensetzung über Merkmalsaggregate in der Interpretation häufig wieder zu Bedeutung. Dann sind die sozialen Zusammenhänge, um die es nach Netzwerksichtweise eigentlich geht, aber dahin. Auch die klassische qualitative Forschung nimmt die sozialen Zusammenhänge weniger Ernst – diese werden in Subjektivationen aufgelöst – zwar bilden sich die Relationen im Inneren der Akteure ab, die Beziehungen selbst unterliegen aber nicht der Betrachtung. Das Versprechen der Netzwerkforschung ist es nun, die Grundlage der Soziologie, nämlich die Beziehungen und das Beziehungsgefüge in Betracht zu nehmen» (S. 13). Die zweite Verheissung bestehe darin, «Theorien empiriegestützt weiterzuentwickeln und umgekehrt eine stärkere Anbindung der Methodenentwicklung an die Theorien voranzutreiben» (S. 14).

Die methodischen und theoretischen Bezüge, die das Handbuch auf fast tausend Seiten angesichts dieser Verheissungen herstellt, sind enorm vielfältig und lassen sich selbstverständlich nicht wiedergeben. Mit einem Blick in die Geschichte lässt sich indessen ein Eindruck davon vermitteln. Nie fehlt der Hinweis auf den klassischen Vordenker, Georg Simmel, und seine Darstellung der «Kreuzung sozialer Kreise». Dieser Grundstein formaler Soziologie wird von Leopold von Wiese beerbt, der in seinem Hauptwerk «System der Allgemeinen Soziologie» den Begriff der «Beziehungslehre» einführt. Soziale Prozesse, sozialer Abstand, sozialer Raum und soziale Gebilde bilden darin die tragenden Pfeiler. Bei sozialen Gruppen, so formuliert er verblüffend, handle es sich um ein «undurchdringliches Netz von Linien (…), die von Punkten (Menschen) ausgehen». Von Wiese steht einem Buch positiv gegenüber, wenngleich dessen psychologische Fundierung seiner soziologischen Orientierung fremd ist: «Who shall survive». Es stammt von Jacob L. Moreno, der, ursprünglich Arzt, nicht nur Stegreiftheater und Psychodrama erfindet, sondern mit seiner Soziometrie als Begründer der Netzwerkanalyse gilt. Zugleich erscheint damals neu die Zeitschrift «Sociometry». In dieser Zeit Ende der 1930er Jahre führt George Lundberg erstmals vollständig soziometrische Analysen einer Gemeinde durch und prüft – avant la lettre – Thesen zur Homophilie.

Eine weitere wichtige Wurzel ist die strukturfunktionale Anthropologie von Alfred R. Radcliffe-Brown. Er bezeichnet als Gegenstand der Ethnologie die soziale Struktur und fasst diese als «Netzwerk aktuell bestehender Beziehungen» auf. Bei einem Aufenthalt in Berkeley beim anderen bekannten Vertreter des Funktionalismus, Malinowski, lernt er W. Lloyd Warner kennen. Während um Moreno herum in New York das eine frühe Zentrum der Netzwerkanalyse entsteht, so um Warner herum in Harvard das andere. Letzteres beteiligt sich auch an den berühmten Hawthorne Studien, die in den Werken von General Electric untersuchen, wie sich unterschiedliche Einflüsse auf die Produktivität der Arbeiterinnen und Arbeiter auswirken. Nicht Umwelt, Dispositionen oder Organisation seien, so Warner, zentral, sondern die informellen Beziehungen. Neben dem amerikanischen Strang der strukturfunktionalistischen Anthropologie platziert sich der englische. Hier formiert sich die sogenannte «Manchester-Gruppe». Der Rechtsethnologe Max Gluckman nimmt im Anschluss an Simmel das Konzept der Multiplexität vorweg, wenn er anhand von Verwandtschaft und Nachbarschaft soziale Beziehungen klassifiziert. Siegfried Nadel entwickelt eine «Theorie der sozialen Struktur», eine generell viel zu wenig beachtete Schrift. Sie beruft sich u.a. auf Simmel und von Wiese, Parsons und Merton, Radcliffe-Brown und Gluckman, um ein rollentheoretisches Fundament zu erschaffen, das im Unterschied zu Parsons soziale Normen in den Hintergrund rückt. Zu diesem Forschungszusammenhang zählen im Weiteren John Barnes, Elizabeth Bott und J. Clyde Mitchell. Das Interesse aller gilt der «personalen Ordnung». In diesem Umfeld werden auch Gemeindestudien durchgeführt. Bott, eine ehemalige Studentin von Warner,liefert die ersten Konzepte zur Analyse ego-zentrierter Netzwerke.

In Harvard wirkt ab Mitte der 1960er Jahre Harrison C. White. Hier soll sich das Zentrum der «relationalen Wende» der Soziologie befinden und wird die Mathematisierung der Netzwerkanalyse vorangetrieben – White ist nicht nur Soziologe, sondern auch Physiker. Die hiesigen Arbeiten werden in der einschlägigen Literatur als «Harvard Breakthrough» bezeichnet. Einen frühen wesentlichen Einfluss auf White übt der französische Strukturalist Claude Lévi-Strauss mit seiner Darstellung von Verwandtschaftsverhältnissen aus. In der Auseinandersetzung damit entwickelt White abstrakte Modelle von Rollenstrukturen und Grundlagen für das Konzept der strukturellen Äquivalenz sowie für die Anwendung der Matrizenrechnung. Strukturell äquivalent sind Rollen bzw. Positionen, wenn sie mit Dritten in gleichem Masse verbunden sind. Ein Detail am Rande: Der erste von Lévi-Strauss ins Englische übersetzte Text wird als Anhang in Whites «An anatomy of kinship» abgedruckt. Die bahnbrechende Neuerung besteht darin, nicht mehr auf individuelle Knoten und entsprechende Indices zu fokussieren, sondern auf Netzwerke als Analyseeinheit. Das lässt verschiedene Netzwerke im Hinblick auf ihre Strukturmuster vergleichen. Auf diesem Weg entsteht eine formale Rollen- und Positionsanalyse. In methodischer Hinsicht führen die Überlegungen White mit Scott A. Boorman und Ronald L. Breiger zur oft verwendeten Blockmodellanalyse. Im beschriebenen Forschungskontext promoviert auch Mark S. Granovetter und schreibt seinen viel zitierten Artikel über «The strength of weak ties». White selber versucht in «Identity and Control» seine grundlegenden theoretischen Einsichten darzulegen. Dieses Buch, zuerst 1992 in nur schwer zugänglicher Form erschienen, wird vom Autor 2008 in einer angepassten Version erneut publiziert.

Neben Harvard befinden sich in den USA zur selben Zeit noch zwei andere Zentren: In Irvine in Kalifornien widmet sich Linton Freeman mit anderen der Entwicklung von Zentralitätsindices mit Blick auf die Netzwerkknoten. Und in Chicago forschen um Edward Laumann und James Coleman weitere wichtige Netzwerkanalytiker wie etwa David Knoke, Joseph Galaskiewicz und Ronald Burt. Laumann zum Beispiel richtet sein Augenmerk auf Machtstrukturen, Burt veröffentlicht ein viel beachtetes Buch über «strukturelle Löcher», das der sozialen Struktur des Wettbewerbs nachgeht. Diese drei Gruppen in Harvard, Irvine und Chicago sind allerdings erst nach der Gründung des «International Network for Social Network Analysis» im Jahre 1978 miteinander verbunden. In Harvard forschen andere in gewisser Konkurrenz zu White über Triadenstatistik und statistische Modellierung sozialer Netzwerke.

In Deutschland setzen die Aktivitäten in den späten 1970er Jahren ein. Die Diskussionen sind in den letzten Jahren intensiviert worden.

Diskussion

Das vorliegende Handbuch besticht durch den grossen Reichtum an Betrachtungen. Die geschickte, präzise Gliederung und die Kürze der Beiträge erlauben einen sehr effizienten Zugriff auf interessierende Themen. Die Beiträge sind kompetent verfasst, allerdings setzen sie meistens – und zum Teil beträchtliche – Vorkenntnisse voraus. Eine schmerzhafte Lücke ist das fehlende Personenverzeichnis. Es wird auch deutlich, dass die Netzwerkforschung noch recht viel handlungs- und gesellschaftstheoretische Arbeit zu leisten hat, um ihr Potenzial für die allgemeine soziologische Theorie fruchtbar zu machen. So heisst es im Handbuch, «dass viele der von den Vordenkern aufgeworfenen Fragen, wie etwa das Verhältnis von Mikro- und Makroebene und die Entstehung und Dynamik von sozialen Netzwerken, auch heute noch nicht gelöst sind» (S. 27). Das Handbuch zeigt hierzu indes viele Verknüpfungsmöglichkeiten auf.

Fazit

Das Handbuch dokumentiert den aktuellen Diskussionsstand vorzüglich. Den grössten Nutzen aus den Lektüren zieht wohl, wer sich bereits mit einer Einführung in die Netzwerkforschung, zum Beispiel jener von Dorothea Jansen (vgl. die Rezension), etwas kundig gemacht hat.


Rezensent
Prof. Dr. Gregor Husi
Professor an der Hochschule Luzern (Schweiz). Ko-Autor von „Der Geist des Demokratismus – Modernisierung als Verwirklichung von Freiheit, Gleichheit und Sicherheit“. Aktuelle Publikation (zusammen mit Simone Villiger): „Sozialarbeit, Sozialpädagogik, Soziokulturelle Animation“ (http://interact.hslu.ch)
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Zitiervorschlag
Gregor Husi. Rezension vom 08.04.2013 zu: Christian Stegbauer, Roger Häßling (Hrsg.): Handbuch Netzwerkforschung. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2010. ISBN 978-3-531-15808-2. Reihe: Netzwerkforschung - Band 4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13979.php, Datum des Zugriffs 21.07.2019.


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