socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Christiane Gérard: Kein Anschluss unter dieser Nummer!

Cover Christiane Gérard: Kein Anschluss unter dieser Nummer! Hirngeschädigte "erreichen" und verstehen. Hippocampus Verlag e.K. (Bad Honnef) 2011. 75 Seiten. ISBN 978-3-936817-74-4. 19,80 EUR.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Christine Gérard wurde in ihrer therapeutischen Arbeit mit dem Personenkreis mit erworbener Hirnschädigung konfrontiert und stellte fest, dass herkömmliche therapeutischen Denk- und Handlungsweisen nicht ausreichen. In ihrem Buch stellt sie Wege vor, die sie auf Grundlage systemischer Denkweise entwickelte. Es ist nicht der Widerstand des Betroffenen, der die Arbeit zur Herausforderung macht, sondern es sind Missverständnisse, die aufgrund unterschiedlicher Sichtweisen entstehen. Diese Erkenntnisse werden in klinischen und therapeutischen Arbeitsfeldern bisher zu wenig berücksichtigt.

Autorin

Die Autorin schrieb das Buch aus den Erfahrungen ihrer 25jährigen neuropsychologischen Tätigkeit. Sie erlebte, wie sie an ihre professionellen Grenzen kam und suchte nach passenden Alternativen in der Behandlung mit hirngeschädigten Menschen, die sie in der systemischen Metatheorie fand.

Aufbau

Das Thema wird in sieben Kapiteln beleuchtet. Bilder, Diagramme und vor allem Fallbeispiele konkretisieren die Inhalte. Am Ende findet der Leser Fragen-Checklisten zu den Themen Diagnose, Umfeldgestaltung, Behinderungsverarbeitung, Rolle der Angehörigen und Rolle der Professionellen.

  1. Warum dieses Buch?
  2. Die Welt der Hirngeschädigten
  3. Die Suche nach der neuen Stimmigkeit
  4. Diagnostik
  5. Arbeit mit Angehörigen
  6. Veränderungen des Verhaltens und Erlebens nach einer Hirnschädigung- Fallgeschichten
  7. Checkliste

Inhalt

In der Arbeit mit Menschen mit erworbenen Hirnschädigungen stellt man ein ‚eigenartiges Ungleichgewichtt fest (Kap. 1):

  • Das Finden neuer Krankheitsbilder nach einer Hirnschädigung nimmt zu, aber es fehlt an therapeutischen Ansätzen, die für Betroffene passend sind
  • Vorhandene Diagnoseinstrumente (aus denen Prognosen abgeleitet werden) passen nicht, weil sie von Logiken einer Normalverteilung ausgehen. Bedingungen Betroffener werden nicht ausreichend berücksichtigt, weil sich die Erkenntnis, dass Betroffene nach der Schädigung anders denken und die Welt anders wahrnehmen als gesunde Menschen, noch keinen Eingang gefunden haben
  • Professionelle handeln und schlussfolgern nicht objektiv, sondern immer aus einer subjektiv gefärbten Außensicht. Demgegenüber steht die Innensicht des Betroffenen. Wird diese Dynamik nicht wahrgenommen können Missverständnisse entstehen, die einen nicht unerheblichen Einfluss auf den Rehabilitationsverlauf haben können
  • Herkömmliche Methoden in der Rehabilitation sind für Betroffene mit Hirnschädigungen nicht geeignet, sodass Alternativen entwickelt werden müssen. Es reicht nicht aus, intensiv zu trainieren, um handicaps zu beseitigen, vielmehr geht es um das Finden neuer Stimmigkeiten für ein Leben mit der Schädigung.

In Kap 2 beschreibt Christiane Gérard mögliche Veränderungen nach einem Schädel-Hirn-Trauma (SHT) und erarbeitet Einblicke in die Welt der Hirngeschädigten. In Unterkapiteln werden die systemische Sicht einer Hirnschädigung (Theorie), Nutzen und Konsequenzen, Unterstützung und Anwendung vertieft.

In Kap 3 widmet sich die Autorin der Suche nach einer neuen Stimmigkeit, die die Betroffenen entwickeln müssen, um in ein Leben nach der Schädigung einzutreten.

Kap 4 befasst sich mit der neuropsychologischen und herkömmlichen Diagnose sowie der „soziale Diagnose“ – also einer Diagnose, die die sozialen Wirkfaktoren beim Umgang mit auffälligen Verhaltensweisen (die aus systemischer Sicht immer eine Zuschreibung aus einer Außensicht sind, die die Innensicht der Betroffenen außer Acht lassen) einbezieht. Systemisch betrachtet handeln Betroffene individuell sinnvoll, sodass vermeintliche Verhaltensausfälligkeiten sinnvolle Verhaltensalternativen im Sinne von Lösungsstrategien der Person darstellen.

Kap 5 befasst sich ausführlich mit der Begleitung von Angehörigen, die durch das Ereignis ebenfalls stark herausgefordert sind. Unterkapitel vertiefen die Begegnung der Welten mit dem Ziel, Brücken zu schlagen. Angehörigen muss die Diagnose vermittelt werden, die schmerzhaft ist. Angehörige und Professionelle können an Grenzen kommen und benötigen Unterstützung beim Umgang damit.

Kap 6 beschreibt aus systemischer Perspektive fünf Fallgeschichten unter besonderer Berücksichtigung der Themen Leistung, Frontalhirnschädigung und Umgang mit destruktiven Familienmustern. Diese konkretisieren vorherige Ausführungen systemischer Denkweisen.

Diskussion

Der Titel „Kein Anschluss unter dieser Nummer!“ drückt pointiert aus, was in der Arbeit mit Hirngeschädigten Alltag ist: beide Seiten (Professionelle und Betroffene) haben das Gefühl nicht zusammen zu kommen, sich nicht zu erreichen und zu verstehen. Die Kommunikation ist geprägt von Missverständnissen. Ausgehend von der systemischen Sichtweise kam Frau Gerard in ihrer klinischen Arbeit zunehmend zu der Erkenntnis, dass ein neuer Weg von Nöten ist. Es reicht nicht aus, Diagnosen und daraus abgeleitete Prognosen zu stellen, die sich einseitig mit schädigungsspezifischen Defiziten Betroffener befassen, zumal diese aus einer Außensicht getroffen werden. Kommunikation braucht den Dialog beider Seiten. Die Autorin zeigt anhand von Fallbeispielen Wege auf, Missverständnisse zu erkennen und zu vermeiden. Hilfreich ist eine Offenheit für individuell stimmige Wege der Krankheitsverarbeitung. Aus der einseitigen Einschätzung eines gesunden Menschen erscheinen Patienten mit schwerem Neclet-Syndrom als „chaotisch inkohärent und unrealistisch“…für die Patienten selbst ist das nicht der Fall, sie haben ein anderes Bezugssystem“ (S. 2).

Fazit

Das Buch gibt Ansatzpunkte für die Begleitung Betroffener und deren Angehörigen. Die Arbeit mit Schädel-Hirnverletzten Patienten stellt eine große Herausforderung dar. Es ist zu wenig bekannt, dass sich die Wahrnehmung der Welt, die Art des Denkens und der Informationsverarbeitung nach dem Ereignis verändern können. Durch die systemische Perspektive gelang es der Autorin, das Verhalten jedes Menschen als subjektiv sinnvoll zu respektieren, auch wenn dieser Sinn nicht auf Anhieb entschlüsselt werden kann. Der Blick durch die Schädel-Hirn-Trauma (SHT) Brille ermöglicht Einblicke in die Innenwelt Betroffener und eröffnet damit neue Perspektiven des Verstehens. Frau Gerald bemängelt, dass es im klinischen Alltag an passenden Konzepten für diesen Personenkreis fehle. Dieser Mangel setzt sich in die Zeit nach der medizinischen Rehabilitation außerhalb der Klinik fort. Es fehlen Ansätze, die auf die Teilhabe am Leben in der Gesellschaft und am Arbeitsleben Betroffener zugeschnitten sind. In meiner Arbeit mit Hirngeschädigten adaptiere ich Methoden der Strukturierung und Visualisierung aus dem TEACCH-Ansatz. Dieser wurde in den 70er Jahren in den USA für Menschen mit Kommunikationsstörungen entwickelt. Er wurde vornehmlich in der Arbeit mit Menschen aus dem autistischen Spektrum bekannt. Ziel ist, die Umwelt individuell anzupassen, um weitest mögliche Selbstständigkeit und Unabhängigkeit zu erreichen. Anders als bei herkömmlichen Methoden in der Arbeit mit Hirngeschädigten, die davon ausgehen, dass ein intensives Training zur Verbesserung der Symptomatik führt, geht es bei TEACCH um das Erlernen von Schlüsselqualifikationen z.B. im Zeitmanagement, in der Handlungsplanung und durch Routinen, um Brücken zur Bewältigung des Alltags zu bauen und geeignete Übersetzungshilfen zu entwickeln.


Rezensentin
Dipl.-Päd. Petra Steinborn
Heilpraktikerin für Psychotherapie. Einrichtungsleitung in einer großen Ev. Stiftung in Hamburg-Horn und freiberuflich in eigener Praxis ABC Autismus tätig. Schwerpunkte: Herausforderndes Verhalten, Strategien der Deeskalation, Autismus, TEACCH, Erworbene Hirnschädigungen
Homepage www.abc-autismus.de
E-Mail Mailformular


Alle 212 Rezensionen von Petra Steinborn anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Petra Steinborn. Rezension vom 29.11.2012 zu: Christiane Gérard: Kein Anschluss unter dieser Nummer! Hirngeschädigte "erreichen" und verstehen. Hippocampus Verlag e.K. (Bad Honnef) 2011. ISBN 978-3-936817-74-4. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13982.php, Datum des Zugriffs 16.02.2019.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung