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Tobias Esch: Die Neurobiologie des Glücks

Rezensiert von Dr. phil. Stephanie Flintrop, 30.01.2013

Cover Tobias Esch: Die Neurobiologie des Glücks ISBN 978-3-13-166111-1

Tobias Esch: Die Neurobiologie des Glücks. Wie die positive Psychologie die Medizin verändert ; 4 Tabellen. Georg Thieme Verlag (Stuttgart) 2012. 216 Seiten. ISBN 978-3-13-166111-1. 34,99 EUR.
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Thema

Glück – bereits Aristoteles beschäftigte sich damit. Heute wird die wissenschaftliche Betrachtung vom Glück der angewandte Forschung zugeordnet und hat einen eigenen Namen bekommen: Glücksforschung. Sie untersucht die Entstehung und Förderung von Glück und zeichnet sich durch eine ausgeprägte Interdisziplinarität mit philosophischer, physiologischer, psychologischer, sozialwissenschaftlicher und ökonomischer Betrachtung aus.

Tobias Esch erweitert dies mit seinem hier vorgestellten Werk um die medizinische Glücksforschung. Er vertritt die These, dass Glück heilsame Kräfte besitzt. In diesem Buch erweitert er die physiologischen Aspekte des Glücks um die Frage, wie sich Glück auf die Gesundheit auswirkt und von Ärzten und Psychologen gewinnbringend genutzt werden kann.

Autor

Tobias Esch ist Professor für Integrative Gesundheitsförderung an der Hochschule Coburg, assoziierter Wissenschaftler an der State University of New York und Institutsleiter in Potsdam. Nach seinem Studium der Humanwissenschaften forschte er u.a. an der Harvard Universität im Bereich der „Mind-Body-Medizin“. Sein Forschungsschwerpunkt liegt in der Gesundheitsprävention.

Entstehungshintergrund

Anders als der Titel erst einmal vermuten lässt, liegt der Entstehungshintergrund nicht in der Behandlung von Krankheiten sondern darin, das medizinische Personal – der Autor bezieht sich insbesondere auf Ärzte, Psychologen und Therapeuten (der einfacheren Lesbarkeit halber wird nur die männliche Form genutzt) – positiv zu stärken. Denn ausgerechnet die Menschen, die es sich zur Lebensaufgabe gemacht haben anderen zu helfen, erleiden statistisch gesehen überdurchschnittlich oft Depressionen, Erschöpfungszustände und Burn-Out. Hier kann die Glücksforschung helfen. Mit Hilfe der Mind-Body-Medizin und der Positiven Psychologie will der Autor dieser Berufsgruppe Möglichkeiten vorstellen, wie sie mehr Glück und Zufriedenheit erlangen können.

Aufbau

Das Buch ist in drei Teile gliedert:

  1. Was ist Glück? Schwerpunkt bildet die neurobiologische Betrachtung, insbesondere die Hirnforschung.
  2. „Was schafft Glück? Was macht Ärzte, Psychologen und Therapeuten glücklich?“ (S. 11). Der Autor stellt Bezug zur medizinisch-psychologischen Glücksdebatte her.
  3. Praxisteil mit zahlreichen Werkzeugen aus der Positiven Psychologie.

Inhalt

Nach den kurz gehaltenen Kapiteln 1-4 („1.Einleitung, 2. Warum dieses Buch?, 3. Um ganz ehrlich zu sein, 4. Zwischenfazit und Bedienungsanleitung“) die im Wesentlichen erläutern, warum es wichtig ist, dass sich Ärzte, Psychologen und Therapeuten mit (ihrem) „Glück“ beschäftigen sollten, beginnt Kapitel 5 „Warum es das Glück in der Medizin so schwer hat(te)“ (S. 12-22). Nach einem kurzen Geschichtsrückblick zur Bedeutung des Glücks in der Medizin, kommt der Autor zu dem Fazit, dass in der jüngsten Vergangenheit Glück in der Medizin eine „Stör- bzw. Restgröße oder eben Zufall, genauer ein Fehler“ war (S. 17). Im Bereich der klinischen oder pharmazeutischen Forschung daher „Plazeboeffekt“ genannt. Dass genau dieser Plazeboeffekt den Bezug zum Glück in der Medizin herstellt, erläutert Esch im Folgenden. Die seiner Meinung nach daraus resultieren Forschungsrichtungen sind die Positive Psychologie und die Body-Mind-Medizin.

6. Kapitel „Sind Medizin und Psychologie Wissenschaften? Und was hat diese Frage mit dem Glück zu tun?“ (S. 23-26). Seine Antwort: da Glück im Kopf entsteht und die Hirnforschung Teil der allgemeinen Medizin ist, ist die Hirnforschung und somit die Medizin eine Brückendisziplin für die Glücksforschung.

7. Kapitel „Am Ort des Geschehens: Eine kleine Hirnkunde“ (S. 27-59). Auf 32 Seiten werden die Gehirnstrukturen und -funktionen dargestellt. Sieben grafische Darstellungen veranschaulichen einzelne Bestandteile und Prozesse.

8. Kapitel „Neurobiologie des Glücks: Motivation und endogene Belohnung“ (S. 60-99). Das Prinzip des Motivations-Belohnungskreislaufs wird ebenso wie verschiedene Motivationssysteme unter Neurobiologischen Aspekten vorgestellt. Auch wird auf das Flow-Erlebnis, als ein besonders beglückender Zustand, eingegangen. Abschließend wird das zuvor vorgestellte in Zusammenhang mit der Stressreduktion im Sinne der Achtsamkeitspraxis gesetzt.

9. Kapitel „Was ist Glück? Eine medizinisch-praktische Annäherung“ (S. 100-113). Hier wird Glück definiert und eine Liste mit Glücksbegriffen (englisch/deutsch) aufgelistet. Ausführlich wird erörtert was glückliche Personen („Happy People“, S. 104) kennzeichnet. Zudem wird die „Happiness Theorie“ sowie die „Well-being-Theorie“ nach Martin Seligman vorgestellt. Anschließend geht er auf die Nutzung dieser Kenntnisse für die Führungskräfte im 21. Jahrhundert nach William George ein. Sein Resümee für dieses Kapitel: „Glück, Zufriedenheit und Happiness können grundsätzlich trainiert, erzeugt und auch gemessen und dargestellt werden“ (S. 112).

10. Kapitel „Warum Drogen auch Therapeuten nicht glücklich machen“ (S. 114-129). Drogen erzeugen künstliche Glücksgefühle. Darin liegt ihr Suchtpotential. Wie diese Prozesse ablaufen und was sie langfristig bedingen, wird hier kurz dargestellt. Eine Grafik veranschaulicht „Suchtpotential und motivationale Toxizität bei exogener Zufuhr von Drogen und Überforderung der endogenen Feedbackschleife“ (S. 116). Anschließend geht Esch auf die Drogenabhängigkeit bei Ärzten ein. Seiner Meinung nach kann der stressbedingte Griff zu Suchtmitteln dadurch minimiert werden, dass jeder seine Selbstwahrnehmung schult sowie mit Hilfe von Achtsamkeits- und Stressmanagementtrainings etwas für seine eigene Gesundheit tut.

11. Kapitel „Was macht Ärzte und Therapeuten glücklich?“ (S. 130-150). Nach einer kurzen Sammlung von individuellen Antworten, was Ärzte glücklich macht, werden die Glücksmodelle von Martin Seligman und Christopher Peterson vorgestellt. Zudem geht der Autor auf die Sautogenese- und Kohärenzforschung ein. Darauf baut er seine Bedeutung für die „Achtsamkeit“ von Ärzten auf. Er erklärt, wie der Arzt dieses Wissen in seine berufliche Praxis integrieren kann und damit positiv auf seine Patienten einwirkt. Zur Unterstützung führt er eine Liste mit „Tipps von Kollegen, wie die Empathiefähigkeit trainiert werden kann“ (S. 144ff.) auf. Sein Fazit lautet: wir müssen „lernen, mit Nähe und Empathie professionell umzugehen und dennoch allzeit bei uns selbst zu bleiben“ (S. 149).

12. Positive Psychologie und Glück in der eigenen Praxis“ (S. 151-171). Hier findet sich eine Auswahl an Beispielen praktischer Übungen. Sie stammen überwiegend aus der positiven Psychologie: Dankbarkeit ausdrücken, vergeben können, Tugenden stärken, Optimismus kultivieren, Hilflosigkeit vermeiden, Ziele haben, usw.

13. „Anwendungsbeispiele für ausgewählte Indikationen“ (S. 172-181). Als Beispiel wird die Indikation von Depressionen und Burn-Out aufgegriffen. Wie kann die positive Psychologie hier eingesetzt werden? Anschließend werden in Tabellenform „ausgewählte Indikationen und Techniken der Positiven Psychologie“ (S. 175ff.) dargestellt. Bei welchen Indikationen eignen sich welche Übungen aus diesem Buch. Dabei geht es nicht nur um psychische Erkrankungen.

14. „Anhang“ (S. 182-192). Hier werden eine kurze „praktische Meditationsanleitung“ sowie Literatur, Adressen und Links zu dem Thema aufgeführt.

Diskussion

Den Menschen nicht nur physiologisch, sondern auch psychologisch zu betrachten, ist nichts Neues. Dennoch fällt es der Medizin immer noch schwer, interdisziplinär zu arbeiten. Tobias Esch hat mit diesem Buch eine wichtige Brücke zwischen Psychologie und Medizin geschlagen, indem er den Nutzen der Positiven Psychologie für die Medizin beschreibt. Weitere interdisziplinäre Betrachtungen wären ein zusätzlicher Gewinn: Eine sicherlich sinnvolle Ergänzung wäre der Pädagogische Blickwinkel. Schließlich geht es hier darum zu Lernen glücklicher zu werden. Leider jedoch streift er die Lerntheorien nur. Werkzeuge zum glücklich werden stellt er vor. Jedoch reicht es nicht, das Werkzeug zu haben, wenn nicht die Handhabung gelernt wird.

Ebenso kommen soziologische Fragestellungen zu kurz. Zwar werden am Rande ein paar Theorien über die Zusammenhänge von Glück und z.B. Verdienst oder Arbeitszeiten erwähnt, aber eine umfangreiche Auflistung oder zumindest Verweis auf den heutigen Forschungsstand fehlt.

Auch stellt Esch von der Positiven Psychologie nur ausgewählte Ansätze vor. Weshalb ausgerechnet diese und warum er die anderen weglässt erschließt sich dem Leser nicht.

Fazit

Thematisch wird sehr viel angerissen ohne in die Tiefe zu gehen. Wenn wenigstens die in der Geisteswissenschaft üblichen Zitierregeln immer eingehalten wären, hätte der Leser zumindest die Möglichkeit leichter an nähere Informationen heranzukommen. So besteht das Buch aus einer großen Fülle an wesentlichen, aber an der Oberfläche bleibenden Informationen. Es ist ein Buch für die Praxis, nicht für die Wissenschaft. Dabei ist sein medizinischer Ansatz der Glücksforschung wissenschaftlich sehr interessant und sollte näher untersucht werden.

Das Buch ist eine gelungene Anregung für diejenigen, die wortwörtlich ihr Glück selber in die Hand nehmen wollen. Dies betrifft nach Absicht des Autors in erster Linie Ärzte. Das Buch eignet sich aber auch für alle anderen Menschen, die sich mit den Theorien und Werkzeugen zum Glücklichwerden auf anspruchsvollem Niveau beschäftigen wollen. Das Buch setzt keinerlei Vorkenntnisse voraus – Ausnahme Kapitel 7, da hier viele Fachbegriffe aus der Medizin und Neurobiologie vorkommen. Es bietet daher denjenigen, die sich überhaupt noch nicht mit der positiven Psychologie beschäftigt haben, einen guten Einstieg in das Thema.

Rezension von
Dr. phil. Stephanie Flintrop

Es gibt 6 Rezensionen von Stephanie Flintrop.

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Zitiervorschlag
Stephanie Flintrop. Rezension vom 30.01.2013 zu: Tobias Esch: Die Neurobiologie des Glücks. Wie die positive Psychologie die Medizin verändert ; 4 Tabellen. Georg Thieme Verlag (Stuttgart) 2012. ISBN 978-3-13-166111-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13989.php, Datum des Zugriffs 17.08.2022.


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