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Walter Wüllenweber: Die Asozialen

Cover Walter Wüllenweber: Die Asozialen. Wie Ober- und Unterschicht unser Land ruinieren - und wer davon profitiert. DVA Deutsche Verlags-Anstalt (München) 2012. 255 Seiten. ISBN 978-3-421-04571-3. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Thema

Die soziale Ungleichheit in Deutschland ist ein populäres Thema. Unzählige Berichte – mehr aus den Medien als aus der Politik – widmen sich der Schere zwischen Arm und Reich. Besonders en vogue sind Diskussionen um Hartz IV-Empfänger und Spitzenverdiener. Hier kann auch das rezensierte Buch verortet werden. Es widmet sich Deutschlands Ober- und Unterschicht sowie der Hilfs- und Geldindustrie. Die Deutsche Gesellschaft wird unter folgender Fragestellung betrachtet: Wer leistet welchen Beitrag zur Erhaltung unseres Gesellschaftssystems? Walter Wüllenweber betrachtet die Beiträge der „Armen“ sowie der „Reichen“ und stellt fest, dass „an den gegenüberliegenden Enden der Gesellschaft (…) teils identische Entwicklungen“ zu beobachten sind (Klappentext).

Autor

Walter Wüllenweber studierte Politikwissenschaft bevor er die Journalistenschule besuchte. Er arbeitet seit 1995 beim stern und hat diverse Auszeichnungen für seine Reportagen erhalten.

Aufbau

Das Werk ist zweigeteilt.

Der erste Teil widmet sich den beiden sozialen Gruppen, die er als der „Ober- und Unterschicht“ bezeichnet; der zweite Teil deren „mächtigen Verbündeten“, präziser die von diesen Randgruppen profitierenden Wirtschaftszweige: „Finanz- und Hilfsindustrie“.

Inhalt

In der Einleitung definiert Wüllenweber die Begriffe „Unterschicht“, „Oberschicht“, „arm“ und „reich“. Er erläutert, warum er gerade diese diametralen Gruppen sozialkritisch vergleicht: Da sich beide in ihre Parallelgesellschaften zurückziehen und auf Kosten der Mittelschicht leben (vgl. S. 7ff.).

Der Autor widmet das erste Kapitel der „Oberschicht“. Er erklärt, warum sich diese Schicht und deren Habitus in den letzten 50 Jahren auffallend verändert hat. Dabei bezieht er sich hauptsächlich auf die 924.000 „High Net Worth Individuals“ in Deutschland, sprich den Personen mit einem frei verfügbaren Kapital von mehr als einer Million Dollar (vgl. S. 18). Er skizziert diese Gruppe als „riskante Geldspekulanten“, die selber nicht arbeiten sondern ihr Geld für sich arbeiten lassen. Diese Gewinne werden dann im Vergleich zum Verdienst geringer versteuert, wodurch ein geringerer Beitrag zum Sozialstaat geleistet wird (vgl. S. 28). Wüllenweber resümiert, dass die heutige Oberschicht keine Funktion mehr für die Gesellschaft hat (vgl. S. 36ff.).

Das zweite Kapitel thematisiert die „Unterschicht“. Auch diese soziale Randgruppe hat nach Wüllenweber einen auffallenden Wandel in den letzten 20 Jahren vollzogen. Er beschreibt diese Gruppe als Menschen, denen es weniger an Geld fehlt sondern mehr an Bildung und gesellschaftlicher Teilhabe. Mitschuld trägt der Staat:„Wohnen, Essen, Kleidung, Geld – Deutschland hat stets die Folgen der Benachteiligung bekämpft. Aber nicht die Ursachen“ (S. 85). Arbeit lohnt sich für viele nicht mehr, der finanzielle Bedarf um eine Familie zu ernähren liegt über den meisten Mindestlöhnen (vgl. S. 87).

Der Autor pauschalisiert nicht alle Hartz-IV-Empfänger und ordnet sie dieser Gruppe zu sondern differenziert „Unterschicht“ indem er folgende „Unterschichtsmerkmale“ herausarbeitet:

  • unfähig disziplinierter Arbeit nachzugehen (S. 91),
  • schlechterer Gesundheitszustand im Vergleich zur allgemeinen deutschen Bevölkerung (vgl. S. 92ff.),
  • fehlendes (soziales) Engagement (vgl. S. 94ff.),
  • veränderte Geschlechtsrollen (vgl. S. 105),
  • mangelhafte Kindererziehung aufgrund von Vernachlässigung oder Bildungslücken (vgl. S. 105ff.),
  • intensive Mediennutzung (zu Unterhaltungszwecken) (vgl. S. 110ff.),
  • Mangel an Bildung und beruflicher Qualifizierung (S. 113ff.).

Das 3. Kapitel „In the Ghettos“ ist eine politisch- und sozialkritische Betrachtung. Er bemängelt, dass die Politiker die Existenz der beiden Parallelgesellschaften fördern, was seiner Meinung nach dazu beiträgt, dass Ober- und Unterschicht:

  • einen Verlust an Werte- und Moralvorstellungen erleiden (vgl. S. 133),
  • erfolgreich auf Kosten der Mittelschicht „tricksen“ (die Oberschicht trickst bei den Steuern, die Unterschicht bei den Sozialleistungen) (S. 134),
  • finanziell Leben können ohne Einkommen aufgrund getaner Arbeit vorweisen zu müssen (S. 137).

Dazu trägt der Staat bei, indem er:

  • äußerst komplizierte Sozial- und Steuergesetze verabschiedet (vgl. S. 134),
  • bei den eigenen Angestellten spart (in Form quantitativer Personalausstattung), die in diesen Bereichen tätig sind, sprich Finanzangestellte, Angestellte der Jobcenter/Bundesagentur für Arbeit und der Judikative (z.B. gehen dem Fiskus dadurch jährlich geschätzte 30 Milliarden Euro verloren) (vgl. S. 152),
  • nicht die großen Gemeinschaftsinteressen sondern nur noch Interessen Einzelner organisiert (vgl. S. 153).

„Die Hilfsindustrie“ (4. Kapitel) widmet sich der Industrie, die von der Hilfebedürftigkeit der „Armen“ lebt, bzw. es sich zur Aufgabe gemacht hat den „Armen“ zu helfen. Eine Industrie die mit enormen Wirtschaftswachstums, dem sie der „neuen Unterschicht“ verdankt (vgl. S. 167).

Die „Hilfsindustrie“ betrachtet Wüllenweber sozialkritisch und kommt zu dem Fazit, dass übliche Gesetze und Regeln für diesen Industriezweig nicht gelten: „So wurde die Branche der Barmherzigkeit zu einer Hochburg der Arbeitnehmerausbeutung. In weiten Teilen der Sozialbranche werden den Beschäftigten soziale Grundrechte verweigert. So gibt es bei Diakonie und Caritas kein Streikrecht“ (S. 182).

Die Hilfsindustrie wird nicht nur als Arbeitgeber kritisiert sondern auch in seinen Angeboten. Während medizinische Ausgaben nur von den Krankenkassen bezahlt werden, „wenn ihre Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit in einem wissenschaftlichen Verfahren nachgewiesen wurde“(S. 185), bietet die Hilfsindustrie Maßnahmen an deren Wirksamkeit und Wirtschaftlichkeit nicht nachgewiesen ist, bezahlt überwiegend mit Steuergeldern. Sein Fazit lautet: „mehr Transparenz und Kontrolle der Hilfsunternehmen. Eine Deckelung der Ausgaben, wie sie im Gesundheitswesen seit Jahren selbstverständlich ist. Die Finanzierung nur von wissenschaftlich überprüften Hilfsmethoden“ (S. 196).

Während die Hilfsindustrie von der „Unterschicht“ lebt„ profitiert „die Geldindustrie“ (5. Kapitel) von der „Oberschicht“. Dank dem Geld, der risikobereitschaft und der Habgier der „Reichen“, hat sich ebenso wie die Hilfsindustrie auch die Finanzindustrie in den letzten 20 Jahren erstaunlich gewandelt. Der Autor resümiert: die Branche hat sich „so vollkommen in ihr Gegenteil verkehrt: Aus langsam wurde turboschnell. Aus sicher wurde brandgefährlich“ (S. 201). „Brandgefährlich“ bezeichnet er vor allem die Spekulationsblasen, bzw. „synthetische Finanzprodukte“, die von 2 Billionen im Jahre 1990 auf 600 Billionen im Jahr 2010 stiegen (zum Vergleich: das weltweite Bruttoinlandsprodukt stieg im selben Zeitraum von 22 Billionen auf 63 Billionen) (vgl. S. 207).

Das Gefährliche an diesen Spekulationsblasen ist, dass große Geldverluste meistens nicht die Banken sondern die Steuerzahler begleichen. Denn die meisten Banken dürfen nicht Pleite gehen: die Gefahr, dass dies eine Weltwirtschaftskrise auslöst ist zu groß und deshalb springt der Staat ein um die Schulden zu begleichen (S. 214). Gerettet wird nicht jede Bank sondern nur die Großen, deren Pleite eine Wirtschaftskrise auslösen könnte; diese Banken werden als „Too Big to Fail“ bezeichnet (vgl. S. 217f.)

Auch hier zeigt Wüllenweber die „Fehler“ der Politik auf:

  • der bis 2004 verbotene Handel mit Hedgefonds wurde legalisiert (vgl. S. 215),
  • Banken dürfen mit dem Geld ihrer Anleger „zocken“ (vgl. S. 216),
  • mangelnde Sicherheiten damit Banken nicht „pleitegehen“ können (S. 217ff.),
  • Versteuerung von Spekulationsgewinnen, die weit unter der Einkommenssteuer liegen (vgl. S. 221).

Das 6. Kapitel „Giganten“ vergleicht „Helfer und Banker, die Guten und die Gierigen“ (S. 222), bzw. die Sozial- und die Finanzbranche. Als Gemeinsamkeiten arbeitet der Autor heraus:

  • Intransparenz (vgl. S. 223),
  • „teuerste Kostgänger des Staates“ (S. 224),
  • von der Mittelschicht subventioniert (vgl. S. 224),
  • verfügen über Steuerliche Vorteile (vgl. S. 224f.),
  • sind Industrien, die von den Parallelgesellschaften leben und daher daran gelegen ist deren Existenz zu fördern (vgl. S. 226).

Das Buch endet mit einer „Schlussbemerkung“: „Die meisten anderen Länder orientieren sich am ¸Statuserwerb`. Deutschland hingegen ist die Hochburg der ¸Statussicherung`. Sicherheit ist der Fixstern der deutschen Politik. Mit Sozialstaat ist in Deutschland das ¸soziale SICHERungssystem` gemeint“ (S. 125).

Diskussion

Über soziale (Rand)Gruppen zu „schimpfen“ hat lange Tradition in unserer Gesellschaft. Die populäre Diskussion um die hier genannte Randgruppe der „Armen“, wurde 2008 durch Thilo Sarrazins öffentliche Äußerungen zu Sparmöglichkeiten bei Hartz-IV-Empfängern entzündet. Wüllenweber geht weiter, vergleicht diese mit einer weiteren und zwar komplett konträren Randgruppe. der „Reichen“.

Besonders interessant sind im Folgenden Wüllenwebers Überlegungen zu den Industrien, die von den Armen und Reichen profitieren: der Hilfs- und Finanzindustrie. Ein außerordentlicher Blickwechsel von den Randgruppen zu den profitierenden Wirtschaftszweigen. Menschen lassen sich nicht einfach ändern, auch die Politik hat hier nur begrenzten Handlungsspielraum. Anders ist dies mit der Wirtschaft, hier kann der Staat regulierend eingreifen. Diskussionen über diese Industrien können daher eher zu Optimierungen führen als Randgruppendebatten. Damit, wie Wüllenweber es nennt, die „Ober- und Unterschicht nicht unser Land ruinieren“, muss nicht bei diesen Randgruppen sondern bei Finanz- und Hilfsindustrie angesetzt werden.

Einige staatliche Instrumentarien, die dies begünstigen könnten, führt der Autor auf, bewegt sich aber stets im Rahmen des Populären. Zudem skizziert er diese Industrien nicht vollständig, sondern nur oberflächlich. Insbesondere die „Hilfsindustrie“ ist schwach definiert und abgegrenzt. Wichtige Ansatzpunkte fehlen, z.B. das Fehlen einer Kammer (Berufsständische Körperschaft) für die sozialen Berufe. Sein Buch kann daher nur als Anregung verstanden werden, diese Wirtschaftszweige genauer zu untersuchen.

Fazit

Eine Gesellschaftskritik, die über populäre Randgruppenbetrachtungen hinausgeht. Das Buch ist aufgrund umfangreicher Recherchearbeiten (u.a. eigene Fallstudien und Experteninterviews) sehr vielschichtig und interessant geschrieben. Dem erstklassigen Sprachstil (rhetorische Hauptfigur: Metapher) ist es zu verdanken, dass trotzt des ernsten Themas der Leser ums Lachen nicht herumkommt. Daher kann das Buch jedem weiterempfohlen werden, der sich mit unserer heutigen Gesellschaft auseinandersetzen möchte.


Rezension von
Dr. phil. Stephanie Flintrop


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Zitiervorschlag
Stephanie Flintrop. Rezension vom 15.03.2013 zu: Walter Wüllenweber: Die Asozialen. Wie Ober- und Unterschicht unser Land ruinieren - und wer davon profitiert. DVA Deutsche Verlags-Anstalt (München) 2012. ISBN 978-3-421-04571-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13990.php, Datum des Zugriffs 07.07.2020.


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