socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Sarah Strauß: Peer Education und Gewaltprävention

Cover Sarah Strauß: Peer Education und Gewaltprävention. Theorie und Praxis dargestellt am Projekt Schlag.fertig. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2012. 360 Seiten. ISBN 978-3-86226-189-5. D: 25,80 EUR, A: 25,80 EUR, CH: 30,00 sFr.

Reihe: Pädagogik - 44.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Gewaltprävention ist seit mittlerweile drei Jahrzehnten ein Brennpunktthema der öffentlichen, aber auch der wissenschaftlichen Diskussion. Gerade Ansätze aus dem Kontext der Konfrontativen Pädagogik sind dabei zum einen bekannt geworden, zum anderen aber auch außerordentlich kontrovers diskutiert worden. In jüngerer Zeit treten im Hinblick auf die Reduzierung externalisierender Problematiken allgemein besonders peer-gestützte Ansätze in den Vordergrund, auch im Rahmen einer „positive peer culture“. In der Arbeit von Sarah Strauß werden beide Aspekte verbunden – begleitet und untersucht wird ein interessantes Kölner Projekt, peergestützt Gewalt an Schulen zu reduzieren.

Autorin

Sarah Strauß ist Diplom-Pädagogin und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin der Universität zu Köln in einem Projekt zur Bildungsplanung und -beratung (im Hinblick auf Inklusion). Im hier dargestellten Projekt Schlag.fertig sowie im Bereich Beratung hat sie mehrjährige Berufserfahrungen gesammelt.

Entstehungshintergrund

Die Arbeit hat sich aus dem konkreten Projekt Schlag.fertig ergeben, welches in Kölner Schulen durchgeführt wurde. Konzipiert und begleitet durch eine Gruppe von Wissenschaftlern, entstand der Bedarf einer differenzierten empirischen Evaluation. Dieser Aufgabe hat sich die Verfasserin mit ihrer Dissertationsschrift gestellt.

Aufbau und Inhalt

Das mit über 400 Seiten sehr umfangreiche Buch, identisch mit der Dissertationsschrift, stellt die wissenschaftliche Begleitung, insbesondere jedoch die Evaluation des Projekts Schlag.fertig vor.

Im Rahmen des Kölner Projekts Schlag.fertig werden männliche gewaltauffällige Jugendliche mit einem Programm zu Peers geschult. Abgezielt wird auf Wissen um Gewalt und ihre Folgen, die Änderung gewaltbezogener Einstellungen sowie die Änderung entsprechender Verhaltensweisen. In der Folge werden diese Peers im Rahmen von präventiven Angeboten für Schülerinnen und Schüler im Alter von 11-16 Jahren eingesetzt. Themen der Präventionsmaßnahmen sind verbale Gewalt, körperliche Gewalt, Mobbing sowie „Abziehen“.

Die Arbeit ist in neun Hauptkapitel gegliedert:

  1. Einleitung
  2. Fragestellungen
  3. Stand der Forschung – dabei Betrachtung des Verhältnisses zwischen Jugend und Gewalt, Erörterung von Ansatzpunkten und Möglichkeiten der Gewaltprävention, eine differenzierte Darstellung des Peer-Ansatzes und seiner möglichen Realisierungsformen, geschichtlicher Aspekte, der Beteiligten, der Ziele und der Theorie (als wesentliche Grundlage für die spätere Analyse des realisierten Gewaltpräventionskonzepts)
  4. eine Darstellung des Projekts „Schlag.fertig“, dabei auch der Wissenschaftlichen Begleitung und Evaluation
  5. Hypothesen zu sechs Bereichen
  6. die Untersuchungsmethodik (Design, Instrumente, Stichprobe, Planung und Auswertung)
  7. der Untersuchungsverlauf
  8. ein mit 140 Seiten sehr umfangreiches Kapitel mit Ergebnissen zu den unterschiedlichen Hypothesen (einschließlich einer breiten Zusammenfassung)
  9. Diskussion und Ausblick

Im Rahmen der eigenen Evaluationsstudie wurden, im Sinne eines Follow-Up, zu drei Messzeitpunkten Fragebögen eingesetzt, um die Effekte des Programms zu evaluieren und einschätzen zu können.

Neben dem Literatur- finden sich auch ein Abbildungs- und ein Tabellenverzeichnis. Der Anhang enthält sowohl die eingesetzten Fragebögen sowie ein Papier mit zur Bearbeitung dieser mitgereichten Hinweisen.

Diskussion

Im Gesamtbild liegt hier eine mit großer Sorgfalt realisierte wissenschaftliche Arbeit vor. Der Theorieteil reißt alle wesentlichen Aspekte auf und vertieft diese an den entscheidenden Stellen gezielt. Schwerpunkte liegen insbesondere in Ansätzen der Gewaltprävention – als einer dezidierten, bedeutungsvollen pädagogischen Fragestellung – sowie bei den verschiedenen Varianten des Peer-Ansatzes und seiner Realisierung. Besonders hervorzuheben ist die systematische und differenzierte kritische Betrachtung der Konzepte Konfrontativer Pädagogik im 3. Hauptkapitel. Hier wird sowohl die kritische Literatur verarbeitet als auch eine gedanklich eigenständige Betrachtung dieser Gruppe von Ansätzen vorgenommen – ein wichtiger und hilfreicher Beitrag für die gesamte Gewaltdiskussion in Theorie wie Praxis.

Vor der eigenen Untersuchung steht eine eher knappe, aber gezielte und klare Einführung in das zu evaluierende Konzept Schlag.fertig. Aus diesem heraus wird eine sehr große Fülle von Hypothesen hergeleitet – wobei die Verfasserin selbst diese Fülle kritisch betrachtet und, insbesondere im Hinblick auf die unterschiedlichen zu evaluierenden Aspekte und die angestrebten Messzeitpunkte, gut nachvollziehbar legitimiert. Auch Untersuchungsmethodik und Realisierungsdesign werden klar beschrieben. Hervorzuheben ist die transparente empirisch-quantitative Methodik und dabei auch die kritische Berücksichtigung unterschiedlicher Messniveaus.

Die konsequente Systematik setzt sich in der Darstellung der Ergebnisse fort. Hier erleichtern verschiedene Zusammenfassungen, insbesondere jedoch eine überblicksartige zum Kapitelende, dem Leser die Übersicht der Fülle von Befunden. Als „Nebeneffekt“ ergeben sich diverse interessante Erkenntnisse zum Auftreten und zur Wahrnehmung von Gewalt (und dem Umgang damit) in Schulklassen. – Die Prüfung der Hypothesen wird ergänzt durch nicht-hypothesengebundene Befunde. In diesem Kapitel werden, durch die differenzierte Transparenz der Datenbearbeitung, auch Grenzen deutlich: Grenzen der Erhebung, indem manche Schulen im Rücklauf vollständig ausfielen, Grenzen der Schulung von Peers mit eigenen Gewalterfahrungen – oder auch Grenzen der Effekte ihres Einsatzes für die weitere Gewaltprävention.

Auch in der Abschlussdiskussion werden Schwierigkeiten und Grenzen der eigenen Erhebung und der gewonnenen Daten wohltuend kritisch analysiert. Im Hinblick auf die Evaluation erwies sich die besondere Wirkung der eingesetzten Peers als insgesamt recht eindeutig positiv, und es ergaben sich zugleich differenzierte Hinweise auf besonders hilfreiche Merkmale dieser Personen. Die Effekte auf Gewaltreduktion waren unterschiedlich. Wissensbestände zu Gewalt haben sich (subjektiv) verbessert, nicht jedoch leider die Einstellungen und das Verhalten. Als gestärkt erscheinen sowohl das Kompetenzerleben zum Umgang mit Gewalt als auch die Bereitschaft, über Gewalt zu sprechen. Zu bedenken ist, dass die wesentlichen Erkenntnisse in dieser Studie über die Befragung der Jugendlichen gewonnen wurden, also deren subjektives Erleben und noch dazu den Teil dieses Erlebens, der bewusst und intentional mitgeteilt wird. Dieser Aspekt hätte etwas stärker mitdiskutiert werden können.

Der Text hätte einen weiteren Korrekturgang verdient gehabt.

Fazit

Hier liegt eine sehr solide, systematische, gut reflektierte Evaluationsstudie vor. Zugleich wird ein durchdachtes, theoriebasiertes Konzept der Realisierung von Peer Education in die Diskussion eingeführt, dessen weitere Umsetzung und Fortentwicklung in der Praxis sehr wünschenswert ist. Adressaten des Buches dürften insbesondere Wissenschaftler sein, die sich mit Konzepten der Gewaltprävention und -intervention auseinandersetzen – im Hinblick auf weiterführende Forschungsprojekte, aber auch die Vorstellung des Konzepts und seiner Evaluation in der universitären Lehre. Aber auch Professionelle in der Praxis der Gewaltprävention, insbesondere in der Arbeit mit Ansätzen der Konfrontativen Pädagogik, können hier viele und zugleich aspektreiche Anregungen erhalten. Der interessante Doppelfokus des Projekts dient auch als Impuls für die Praxis von pädagogischen Projekten zur Gewaltreduzierung: Er zielt auf erheblich gewaltbereite Jugendliche (als spätere Peer-Trainer) – und zugleich über sie frühpräventiv auf alle anderen. Der Einsatz solcher Peers könnte zum einen auf Jugendliche besonders überzeugend wirken – und zum anderen eine positive Rückwirkung auf die Peer-Trainer selbst und ihre Gewaltbereitschaft entfalten.


Rezension von
Prof. Dr. Roland Stein
Universität Würzburg, Institut für Sonderpädagogik - Pädagogik bei Verhaltensstörungen
Homepage www.sonderpaedagogik-v.uni-wuerzburg.de
E-Mail Mailformular


Alle 28 Rezensionen von Roland Stein anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Roland Stein. Rezension vom 27.03.2013 zu: Sarah Strauß: Peer Education und Gewaltprävention. Theorie und Praxis dargestellt am Projekt Schlag.fertig. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2012. ISBN 978-3-86226-189-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/13993.php, Datum des Zugriffs 06.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung