socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Claudia Buschhorn: Frühe Hilfen (Eltern)

Cover Claudia Buschhorn: Frühe Hilfen. Versorgungskompetenz und Kompetenzüberzeugung von Eltern. Springer VS (Wiesbaden) 2012. 232 Seiten. ISBN 978-3-531-19597-1. D: 39,95 EUR, A: 41,10 EUR, CH: 50,00 sFr.

Reihe: Soziale Arbeit als Wohlfahrtsproduktion.
Recherche bei DNB KVK GVK

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Thema

Das Buch stellt eine wirkungsorientierte Analyse von Frühen Hilfen dar. Damit sollen wichtige Impulse für zukünftige Diskussionen zum Verständnis, zur Einordnung und zur Wirksamkeit Früher Hilfen geliefert werden.

Autorin

Bei der vorliegenden Publikation handelt es sich um die im Jahr 2011 an der Westfälischen Wilhelms-Universität Münster verteidigte Dissertation der Erziehungswissenschaftlerin Dr. Claudia Buschhorn.

Entstehungshintergrund

Für ihre Dissertation hat Claudia Buschhorn die Daten von 23 Müttern analysiert, die im Rahmen des Projekts „Guter Start ins Leben“ bei der ersten Erhebungswelle von Juni bis August 2008 erfasst wurden. Es handelt sich um ein Modellprojekt zur frühen Förderung elterlicher Erziehungs- und Beziehungskompetenzen in prekären Lebenslagen und Risikosituationen. Um Vernachlässigung und Kindeswohlgefährdung im frühen Lebensalter zu vermeiden, sollen belastete Eltern, wie etwa sehr junge und alleinerziehende Mütter, früh unterstützt werden und die Kooperation und Vernetzung der Unterstützung optimiert werden. Bei den Angeboten ging es bspw. um Kurzberatung, aufsuchende Arbeit, Geburtsvorbereitung, Mutter-Kind-Gruppe, Krabbel- und Spielgruppen.

Aufbau und Inhalt

Der Band ist in sechs Kapitel gegliedert:

  1. Einleitung
  2. Grundlagen Früher Hilfen
  3. Versorgungskompetenz
  4. Fragestellung und Untersuchungsdesign
  5. Die empirische Perspektive auf Angebote Früher Hilfen
  6. Fazit

Kapitel 1: Einleitung widmet sich dem Hintergrund der in den letzten Jahren forcierten Thematisierung von elterlicher Unterstützung und Sozialen Frühwarnsystemen. Zunächst erfolgt eine Darstellung des Konzepts und der Arbeitsfelder des im Jahr 2005 neu gegründeten Nationalen Zentrums Frühe Hilfen (NZFH). Als zentrale Aufgabe sieht das NZFH die Unterstützung der Verständigungsprozesse jener AkteurInnen an, die in verschiedenen Arbeitsfeldern der Kinder- und Jugendhilfe sowie des Gesundheitssystems zum Thema Kinderschutz (zusammen)arbeiten. In der Einleitung nimmt Claudia Buschhorn eine Einordnung und Begriffsbestimmung der Frühen Hilfen vor. Außerdem verweist sie anhand der skizzierten Forschungslücke auf die Relevanz ihrer Studie.

Kapitel 2: Grundlagen Früher Hilfen dient zunächst einem Rückblick auf die Entwicklung familienunterstützender Angebote mit dem Fokus auf die Situation in Nordrhein-Westfalen. Mit den Begriffsklärungen „Soziales Frühwarnsystem“, „Kindeswohlgefährdung“ und „Prävention“ sowie dem Aufzeigen dazugehöriger Systematiken, Varianten, Verfahrensweisen und Problempunkte erfolgt eine solide theoretische Grundlegung zum Verständnis der (Relevanz der) Studie. Den Abschluss des Kapitels bildet eine kritisch reflexive Auseinandersetzung mit der Thematik, die noch einmal die Bedeutung der Wirksamkeitsprüfung von Präventionsmaßnahmen herausstreicht.

Kapitel 3: Versorgungskompetenz stellt die theoretische Basis zum Verständnis sowie zur Analyse der Zielgröße dar. Claudia Buschhorn fokussiert und definiert hier Versorgungskompetenz, als den – im Rahmen ihrer Studie – am meisten interessierenden Schwerpunkt der Erziehungskompetenz(en). „Unter Versorgungskompetenz wird im Rahmen dieser Untersuchung, den Empfehlungen der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) folgend, das elterliche Wissen sowie die Fähigkeiten verstanden, die für einen altersgemäßen Umgang mit dem Kleinkind als erforderlich angesehen werden.“ (S. 75). Ergänzend zu den Themen Körperpflege, Ernährung, Schlafverhalten, Bewegung und das Trockenwerden werden vier Wissens-Bereiche fokussiert: kindliche Entwicklung, Förderung bzw. Erhaltung der Gesundheit, Kindersicherheit und altersgerechte Ernährung. Die Angebote Früher Hilfen zielen auf den Aufbau von Wissen als zentralem Element von Kompetenz.

Kapitel 4: Fragestellung und Untersuchungsdesign bietet zunächst einen Überblick über den (internationalen) Forschungsstand zu den Angeboten Früher Hilfen bevor es zu einer Implementierung des Nationalen Zentrums Frühe Hilfen (NZFH) kam. Daran schließt sich die Herausarbeitung des Forschungsdesiderates an. Die leitende Fragestellung der Studie lautet: „Verändert sich das Wissen der Eltern bezogen auf die Versorgungskompetenz sowie die elterliche Kompetenzüberzeugung im Zuge der Wahrnehmung von Angeboten Früher Hilfen?“ (S. 115). In einem weiteren Schritt wird das Design einer wirkungsorientierten Analyse von Angeboten Früher Hilfen präsentiert. Der Gewinn der empirischen Daten erfolgte mittels standardisierter telefonischer Befragungen von Teilnehmerinnen sowie Repräsentantinnen einer Kontrollgruppe. Des Weiteren hat Claudia Buschhorn die Dokumentationen der Fachkräfte ausgewertet und sich dabei insbesondere für die Einschätzung der Fachkräfte hinsichtlich der Ausgangslage und der Veränderungen durch die entsprechenden Angebote interessiert.

Kapitel 5: Die empirische Perspektive auf Angebote Früher Hilfen widmet sich der Auswertung der erhobenen Daten und der Beantwortung der Fragestellung. Es beginnt mit einer Charakterisierung des Zugangs und der Belastungen der Untersuchungsgruppe. Dabei stellt sich heraus, dass die größte Anzahl der Mütter in der dokumentierten Stichprobe (wie auch der Gesamtgruppe) keine besonderen Belastungen im Sinne des Clusters 1 (fehlende Kompetenzüberzeugung und fehlende Empathie) oder des Clusters 2 (Partnerschaftsprobleme und ihre Folgen) aufweisen und damit nicht (direkt) zur anvisierten Zielgruppe für ein Angebot im Rahmen von „Guter Start ins Leben“ gehören. Deutlich wird vielmehr, dass die erreichten Mütter „sich durch vielfältige Lebenssituationen charakterisieren lassen, die jedoch eines gemeinsam haben: Sie werden Mütter bzw. sind es gerade geworden und fühlen sich aufgrund dessen mit Unsicherheiten und Fragen konfrontiert.“ (S. 146). Der Vorstellung der Untersuchungsgruppe schließt sich die Thematisierung der Wünsche und Erwartungen der Mütter an. Darauf folgen die Präsentationen der Arbeitsziele und der wahrgenommenen Veränderungen aus der Sicht der Fachkräfte sowie der subjektiven Sicht der Mütter auf ihre Belastungen und Veränderungen im Zuge des Angebotes Früher Hilfen.

Kapitel 6: Fazit dient der Zusammenfassung und kritischen Reflexion der Ergebnisse und des methodischen Vorgehens sowie einer kompetenztheoretischen Reflexion. Abschließend streicht Claudia Buschhorn die Notwendigkeit der Abgrenzung Früher Hilfen vom Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdung heraus und bietet eine um die Ergebnisse der eigenen Studie ergänzte Gegenüberstellung an.

Diskussion

Wesentliches Ziel der Erhebung von Claudia Buschhorn war die Formulierung und Überprüfung von Ergebnis- und Wirkindikatoren zur Kontrolle der Passung und Effizienz Früher Hilfen. Dazu wurden die Daten einer Experimentalgruppe und einer Kontrollgruppe analysiert. Von den Ergebnissen der Studie sind folgende herauszustreichen: Mit den Angeboten der Frühen Hilfen im Rahmen des Modellprojekts „Guter Start ins Leben“ werden eher weniger stark belastete Zielgruppen erreicht wird und zudem (nur) die Mütter. Es handelt sich vor allem um Mütter, die einen allgemeinen Informationsbedarf haben bzw. Interesse an Geburtsvorbereitungskursen und Rückbildungsgymnastik. Außerdem erhoffen sich die Mütter über die Angebote den Aufbau von Kontakten zu anderen Müttern. Zudem wurde Beratungsbedarf hinsichtlich staatlicher Unterstützungsleistungen deutlich. Claudia Buschhorn kritisiert diesbezüglich veraltete, sich haltende Denkmuster der Fürsorge, die defizitär und an der Klassifizierung von in „Risikofamilien“ und „Nichtrisikofamilien“ orientiert sind. Die Risikogruppen würden dabei (allein) in sozioökonomisch schwachen Milieus antizipiert. Um niedrigschwellige präventive Angebote im Bereich der Frühen Hilfen zu gewährleisten, sind aus der Sicht der Autorin ein Umdenken und vor allem eine klare Abgrenzung zwischen Frühen Hilfen und Handlungsschritten bei Verdacht auf Kindeswohlgefährdung nötig. Dafür bietet sie eine tabellarische Vorlage an. Die Ergebnisse hinsichtlich der Wirksamkeit der Angebote im Rahmen des Projektes „Guter Start ins Leben“ decken sich mit Ergebnissen aus anderen Evaluationen von Modellprojekten des NZFH: so wurden jeweils positive, aber nicht signifikante Effekte auf das Wissen über kindliche Versorgung und Erziehung nachgewiesen. Claudia Buschhorn fasst zusammen: „Das für die Fragestellung dieser Arbeit sehr interessante Ergebnis zeigt, dass sich insbesondere bei den Müttern, die sich zu Beginn der Angebote hinsichtlich ihres Wissens/Vertrauens in Bezug auf ihre Versorgungskompetenz eher gering kompetent einschätzten, im Zuge der Wahrnehmung von Angeboten Früher Hilfen positive Veränderungen gerade mit Blick auf die modellierten Wirkfaktoren Elterliche Versorgungskompetenz und Wissen hinsichtlich der eigenen Versorgungskompetenz beobachten lassen.“ (S. 169).

Diese gut lesbare, transparent dargestellte und reflektierte Doktorarbeit verdient Wertschätzung. Für den weiteren Umgang mit dieser Thematik in Forschung und Praxis möchte ich zwei Vorschläge machen. Zum einen sollte von ‚elterlichen Kompetenzüberzeugungen‘, ‚elterlichen Kompetenzen‘ bzw. ‚Eltern‘ nur dann gesprochen werden, wenn es sich auch tatsächlich um beide Elternteile handelt und nicht, wenn ‚nur‘ Mütter erreicht wurden. Nur wenn unmissverständlich klar wird, dass (wieder) nur Mütter erreicht wurden und nicht ‚Eltern‘ oder ‚Familien/Mütter‘ kann dies auch kritisch reflektiert werden und, wenn das ernsthafte Anliegen der Unterstützung gemeinsamer elterlicher Fürsorge umgesetzt werden soll, zur Erforschung und Konzipierung neuer Angebote führen. Diese Differenzierung und forschungsmethodische Reflexion dient also einer genaueren Analyse und zukünftigen Angebotsausgestaltung. So kann bspw. eine Doppelbelastung von Müttern – mit den entsprechend nötigen Kompetenzen – stärker herausgearbeitet werden oder der Stand sowie Wünsche an Kompetenzzuwachs bei Vätern stärker ins Auge fallen. Spezifischere und differenziertere Forschungsdesigns könnten mit dazu beitragen, dass Angebote der Frühen Hilfen auch für Väter entwickelt werden und sich für diese als interessant und zugänglich erweisen. Den Forschungsgegenstand betreffend halte ich es zum weiteren für notwendig und ergiebig, ein qualitatives Forschungsdesign zu konzipieren. So könnte bspw. anhand von Narrationen viel stärker expliziert werden, woran Mütter (oder Väter oder Eltern) bzw. Fachkräfte Veränderungen in der Kompetenz bzw. Kompetenzüberzeugung festmachen und welche Erfahrungen sie mit der Umsetzung konkret machen.

Fazit

Mit ihrer Studie zum bisher vernachlässigten Thema der Wirksamkeit Früher Hilfen hat Claudia Buschhorn einen Beitrag zur Konzeption, Gewichtung und Ausrichtung Früher Hilfen geleistet. Sensibilisiert durch diese Erkenntnisse sollten zukünftige Programm- bzw. Angebotsgestaltungen genauer reflektiert werden und stärker an den Bedarfen und Bedürfnissen der in Anspruch nehmenden bzw. potentiellen Zielgruppen orientiert werden. Der Autorin ist hoch anzurechnen, dass sie – basierend auf ihrer Nutzerinnen- und Wirkungsanalyse – eine andere Einordnung der Frühen Hilfen im Gesamt der Hilfesysteme vorschlägt. So soll(t)en Frühe Hilfen grundsätzlich allen (werdenden) Eltern offenstehen und angesichts der Aufgabenvielfalt sowie unterschiedlichen sozialen Lagen von Eltern ein breites Angebot an Hilfen bieten.

Die Publikation richtet sich vorrangig an ForscherInnen und Lehrkräfte der Disziplinen Sozialpädagogik, Psychologie und Gesundheitsförderung sowie konzeptionell Verantwortliche und MitarbeiterInnen von Bildungs-, Beratungs- und Unterstützungsangeboten von (werdenden) Eltern. Insbesondere richtet sie sich an all jene, die an der Entwicklung, Unterstützung und Erforschung von Kompetenzen bei Müttern, Vätern und Elternpaaren interessiert sind.


Rezension von
Prof. Dr. Grit Behse-Bartels
Professur für Soziale Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien an der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur (HTWK) Leipzig Hochschule für Technik, Wirtschaft und Kultur Leipzig
E-Mail Mailformular


Alle 8 Rezensionen von Grit Behse-Bartels anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Grit Behse-Bartels. Rezension vom 17.01.2013 zu: Claudia Buschhorn: Frühe Hilfen. Versorgungskompetenz und Kompetenzüberzeugung von Eltern. Springer VS (Wiesbaden) 2012. ISBN 978-3-531-19597-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14019.php, Datum des Zugriffs 08.07.2020.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Über 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft.

Gehören Sie auch schon dazu?

Jetzt kostenlosen Newsletter abonnieren!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung