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Jürgen Mansel, Karsten Speck (Hrsg.): Jugend und Arbeit

Cover Jürgen Mansel, Karsten Speck (Hrsg.): Jugend und Arbeit. Empirische Bestandsaufnahme und Analysen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. 220 Seiten. ISBN 978-3-7799-1760-1. D: 25,95 EUR, A: 26,70 EUR.

Reihe: Jugendforschung.
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Thema

Nur noch von Zeit zu Zeit wird in sozialpolitischen Debatten, wie in jener zum bedingungslosen Grundeinkommen, grundsätzlich in Frage gestellt, dass Erwerbsarbeit bzw. die meistens damit verbundene Vorstellung einer ‚Normalerwerbsbiografie‘ von zentraler Bedeutung für die Entwicklung und insbesondere für die Identitätsbildung der Menschen ist. Trotz zunehmender Erosion des sogenannten Normalarbeitsverhältnisses sind die Diskussionen um das „Ende der Arbeitsgesellschaft“, so wie es André Gorz in den 1980er Jahren zuspitzte, spätestens seit Ende der 1990er Jahre kaum noch zu hören. Im Gegenteil: Obwohl empirisch nachgezeichnet werden kann, wie die Idee der ‚Normalarbeitsbiografie‘ durch eine immer größer werdende Anzahl an Minijobs, befristeten und Teilzeitarbeitsverhältnissen sowie Leiharbeit und wechselnden Phasen von Erwerbsarbeit und Arbeitslosigkeit zunehmend mehr zur Fiktion wird, sind junge Menschen in ihren Lebensorientierungen immer noch erwerbsarbeitszentriert. Gerade sie sind jedoch in besonderem Maße von den verschiedenen Risiken der phasenweisen oder sogar dauerhaften Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt betroffen, wie die Herausgeber des vorliegenden Sammelbandes, Jürgen Mansel und Karsten Speck, in ihrem einleitenden Kapitel erläutern.

Deshalb haben sie insgesamt 15 Beiträge zusammengestellt, in denen die Jugendlichen sowohl in qualitativen als auch quantitativen Studien selbst zu Wort gekommen sind. Angesichts der bereits umfangreich vorliegenden Untersuchungen zu den Entwicklungen von Jugenderwerbs- bzw. Jugendarbeitslosigkeit präsentieren Jürgen Mansel und Karsten Speck in ihrem Herausgeberband Forschungsergebnisse zu den biografischen Herausforderungen und Folgen, die junge Menschen zu bewältigen haben, wenn ihre Integration in Erwerbsarbeit zu scheitern droht oder ihnen dauerhaft nicht gelingt. Dabei verfolgen sie drei Ziele:

  1. Erstens zeigen sie ein breites Spektrum vorliegender empirischer Studien zu bestimmten Phasen im Übergangsprozess zwischen Schule und Berufsausbildung sowie Erwerbsarbeit (Berufsvorbereitung und -ausbildung), zu unterschiedlichen jugendlichen Gruppen (Benachteiligte, Arbeitslose, MigrantInnen) sowie aus international vergleichenden Studien.
  2. Zweitens möchten sie auch einen Blick auf die kreativen Bewältigungsstrategien werfen, auf die junge Menschen zurückgreifen, um trotz sozialer Benachteiligungen einen Arbeitsplatz zu finden oder nicht dauerhaft von Erwerbsarbeit ausgeschlossen zu werden.
  3. Schließlich ist es den Herausgebern drittens ein Anliegen, auf der Basis der zusammengestellten Forschungsergebnisse dazu anzuregen, über vorhandene und neue Maßnahmen und Angebote kritisch nachzudenken und diese entsprechend zu gestalten, um Jugendliche in prekären Lebenssituationen ihren biografischen Bedürfnissen und Perspektiven entsprechend unterstützen zu können.

Herausgeber und AutorInnen

Jürgen Mansel war bis zu seinem Tod im Jahr 2012 Professor an der Universität Bielefeld mit den Arbeitsschwerpunkten Sozialisation, Bildung und Erziehung, Jugendsoziologie, Gesundheit und Stress, Kriminologie, Gewalt und abweichendes Verhalten, Sozialstrukturanalyse, Armuts- und Reichtumsentwicklung, Migration und ethnische Konflikte. Karsten Speck ist Professor für Forschungsmethoden der Erziehungs- und Bildungswissenschaften an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg mit den Arbeitsschwerpunkten: Jugend- und Sozialforschung, Forschung zur Qualität und Evaluation im Bildungs- und Sozialbereich sowie Kooperations- und Netzwerkforschung. Die 15 Beiträge wurden insgesamt von 19 Autorinnen und 10 Autoren aus Universitäten oder Forschungsinstituten erstellt.

Entstehungshintergrund

Bereits oben habe ich herausgestellt, dass es das Anliegen der Herausgeber war, in einem Sammelband die schon umfangreich vorliegenden Forschungsergebnisse zur Entwicklung von Jugenderwerbslosigkeit um die Perspektiven der jungen Menschen zu ergänzen und zu zeigen, wie sie biografisch mit einer drohenden oder bereits vorhandenen Ausgrenzung vom Arbeitsmarkt umgehen und dieser begegnen.

Aufbau und Inhalt

Der einleitende Artikel von Jürgen Mansel und Karsten Speck sowie die15 Einzelbeiträge sind in sieben Abschnitte gegliedert:

I. Einleitung“
Unter der pointierten Überschrift „Jenseits der Erwerbsarbeit“ referieren Jürgen Mansel und Karsten Speck zentrale quantitative Forschungsergebnisse zu den strukturellen Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt sowie zu Erwerbsarbeitslosigkeit generell und zu jener von jungen Menschen speziell. Davon ausgehend skizzieren sie die biografischen Perspektiven junger Menschen angesichts der besonderen Risiken, denen sie auf dem Arbeitsmarkt ausgesetzt sind. Abschließend begründen sie ihr Anliegen, das sie mit ihrem Herausgeberband verfolgen und geben einen kurzen Überblick zu den einzelnen Beiträgen.
Gudrun Quenzel, Ingo Leven, Klaus Hurrelmann und Mathias Albert erläutern anhand der Ergebnisse der 16. Shell Jugendstudie aus 2010, welche zentrale Bedeutung Erwerbsarbeit in der Lebensplanung junger Menschen hat. Dabei sind die Probleme und Risiken, denen sie im Bildungssystem ausgesetzt sind, strukturell eng verbunden mit ihrer sozialen Herkunft und dem ökonomischen, sozialen und kulturellen Kapital ihrer Herkunftsfamilien. Um ihre beruflichen Ambitionen erfüllen zu können, ist in den Schulen und daran anschließenden Bildungseinrichtungen ein heftiger Kampf um Bildungszertifikate entbrannt, in dem rund 20 Prozent der Jugendlichen nicht mithalten können. Dieses Manko trübt ihre Aussichten auf einen anerkannten Berufsabschluss und eine dauerhafte Integration in Erwerbsarbeit statistisch nachweisbar erheblich.

II. Lebenssituationen und biografische Perspektiven von Jugendlichen in der Phase der Berufsvorbereitung“
Sylvia Müller stellt in ihrem Beitrag die Ergebnisse aus 36 leitfadengestützten Interviews vor, die sie auf freiwilliger Basis mit Schülerinnen und Schülern in drei Berufskollegs in NRW geführt hat. Die jungen Leute nahmen im Frühjahr 2008 und 2009 entweder an einem schulischen berufsvorbereitenden Bildungsgang teil oder absolvierten eine duale Berufsausbildung. Des Weiteren befragte sie sechs Lehrkräfte in den Berufskollegs. Ihre Forschungsergebnisse verweisen zum einen auf die Bedeutung von Betriebspraktika für die Aufnahme einer Berufsausbildung. Zum anderen geben sie Einblicke dazu, wie die jungen Menschen im Laufe ihrer Teilnahme an der Berufsvorbereitung ihre Berufswünsche reduzieren. Ferner zeigen sie die ambivalenten Perspektiven und Verhaltensweisen der Jugendlichen: Einerseits streben sie zwar eine Berufsausbildung an, andererseits unternehmen sie jedoch kaum Bewerbungsaktivitäten, weil sie für sich nur begrenzte Chancen auf dem Ausbildungsmarkt sehen.
Albert Scherr skizziert auf der Basis von einer quantitativen Befragung von 1.021 HauptschülerInnen und jenen, die nach der Hauptschule in eine berufsvorbereitende Maßnahme im Übergangsbereich Schule – Beruf eingemündet sind, den großen Stellenwert, den eine Berufsausbildung und Erwerbsarbeit für bildungsbenachteiligte junge Menschen haben. Sie äußern erwerbsarbeitszentrierte Lebensentwürfe und verfolgen mit ihren Berufswünschen die Idee, sich selbst verwirklichen zu wollen. Dabei wissen sie um ihre geringen Chancen, die sie jedoch ihren eigenen Defiziten zuschreiben. Damit folgen sie der Ideologie der Eigenverantwortlichkeit in der Rhetorik des aktivierenden Sozialstaats und damit der Individualisierung struktureller Ursachen, die auch von den sozialpädagogischen Fachkräften unterstützt und genährt wird, wie die Forschungsergebnisse von Albert Scherr zeigen.

III. Lebenssituationen und biografische Perspektiven von benachteiligten Jugendlichen in der Phase des Berufseinstiegs“
Laura Behrmann und Betina Hollstein haben sekundärempirisch qualitative Interviews mit 17 Männern und 18 Frauen ausgewertet, die zwischen 1992 und 1997 geführt wurden. Im Mittelpunkt ihrer netzwerktheoretischen Interpretation stand die Frage, welche Bedeutung soziale Netzwerke für den Berufseinstieg von gering qualifizierten Frauen hat. Eines ihrer zentralen Ergebnisse ist, dass zumindest Mitte der 1990er Jahre ihre familiäre Einbindung die jungen Frauen bei ihrem Berufseinstieg hemmen.
Mechthild Bereswill und Anke Neuber haben in einer qualitativen Längsschnittstudie mit 30 Jugendlichen und Heranwachsenden mit Hafterfahrungen untersucht, welche Bedeutung für sie Erwerbsarbeit hat. Ihre Forschungsergebnisse verweisen auf die von den jungen Männern zu bewältigenden ambivalenten Erfahrungen: Einerseits geben sie ihre erwerbszentrierte Lebensperspektive „als Mann“ (S. 113) nicht auf und erhalten entsprechende institutionelle Unterstützung z. B. durch die Möglichkeit, eine Berufsausbildung während der Haft absolvieren zu können. Gleichzeitig werden sie jedoch im Rahmen der diversen institutionellen Settings auch mit Abwertungs- und Ausgrenzungsprozessen konfrontiert.

IV. Lebenssituationen und biografische Perspektiven von Jugendlichen mit Migrationshintergrund“
Manuel Franzmann und Matthias Jung haben eine Einzelfallanalyse „über einen jungen Kurden ohne Schulabschluss aus einer traditionalen türkischen Einwanderungsfamilie, der sein Leben als ‚Jackpot‘“ (S. 119) begreift, durchgeführt. An diesem Fall zeigen sie, wie es dem jungen Mann gelingt, in seiner Lebensgestaltung sowohl traditionelle als auch moderne Werte zu verbinden. Dabei verfolgt er keine beruflich ambitionierten Pläne, sondern für ihn steht in Bezug auf Erwerbsarbeit im Vordergrund, dass er die ökonomische Existenz seiner zukünftigen Familie sichern kann. Darüber hinaus wünscht er sich ein ‚gemütliches Leben‘, das ihm Lebensglück, aber nicht unbedingt materiellen Erfolg bescheren sollte.
Die erste international vergleichende Studie im hiesigen Sammelband stammt von Carsten Keller, Ingrid Tucci, Ariane Jossin und Olaf Groh-Samberg. Sie haben „prekäre Verläufe von Jugendlichen mit Migrationshintergrund in Deutschland und Frankreich“ (S. 135) miteinander verglichen. Dabei lag ihr Fokus auf den unterschiedlichen Handlungsstrategien und biografischen Wendepunkten der jungen Menschen. Ihre qualitativen Forschungsergebnisse, die sie anhand von drei Einzelfallstudien illustrieren, verweisen auf grundlegende Unterschiede zwischen Frankreich und Deutschland. In Deutschland steht jungen Menschen aus Zuwanderungsfamilien, die zur biografischen Lebensbewältigung auf sogenannte ‚informelle‘ Handlungsstrategien zurückgreifen, ein breit ausgebautes Übergangssystem zwischen Schule und Beruf offen, das für viele von ihnen an einem biografischen Wendepunkt, z. B. aufgrund von Sanktionen von Polizei und Justiz, eine zweite Chance bedeutet.

V. Lebenssituationen und biografische Perspektiven von arbeitslosen Jugendlichen“
Franz Zahradnik, Franziska Schreyer und Susanne Götz haben insgesamt mit 15 jungen EmpfängerInnen von Alg 2, die im Rahmen der im SGB II rechtlich codifizierten Möglichkeiten sanktioniert wurden, biografisch-narrative Interviews geführt. An drei Fallskizzen zeigen sie, wie die Lebensverläufe dieser jungen Menschen durch die Sanktionen geprägt werden. Sie nehmen sie auf sich, um sich ihre Würde und Selbstachtung zu erhalten. In der Begründungslogik des aktivieren Sozialstaats sollen die Sanktionen dazu beitragen, dass die Alg 2 EmpfängerInnen in Erwerbsarbeit integriert werden. Stattdessen deuten die Forschungsergebnisse zumindest für eine Teilgruppe darauf hin, dass die Jugendlichen durch die Sanktionen nicht gefördert, sondern eher daran gehindert werden, ihre erwerbszentrierten Lebensentwürfe realisieren können.
Kornelia Sammet und Marliese Weißmann haben aus ihrem Sampel von insgesamt 30 jungen Menschen in prekären Lebenssituationen drei Einzelfälle ausgewählt. An diesen exemplarischen Biografieanalysen zeigen sie, wie es jungen, sozial benachteiligten Menschen trotz oder gerade wegen entsprechender ‚Maßnahmekarrieren‘ kaum gelingt, ihre „Autonomiepotenziale, Erwerbsorientierungen und Zukunftsentwürfe“ (S. 175) zu entwickeln. Auf der Grundlage ihrer Ergebnisse formulieren die Autorinnen Konsequenzen für die zukünftige Gestaltung von Bildungsmaßnahmen im Übergangsbereich zwischen Schule und Beruf.
Daniela Böhringer und Ute Karl referieren Forschungsergebnisse aus einem DFG-Projekt, in dem in Jobcentern insgesamt 52 Gespräche zwischen FallmangerInnen und ihren sogenannten „KundInnen“ konversationsanalytisch untersucht und ausgewertet wurden. Anhand der Analyse eines Gesprächs zeigen sie die Eingrenzungs-, Abwertungs- und Disziplinierungsprozesse, die von Seiten der Fallmanagerin erfolgen, weil sie die beruflichen Pläne ihrer Gesprächpartnerin immer wieder in Frage stellt und darauf verweist, dass diese Pläne nicht im Rahmen einer Förderung gemäß SGB II realisierbar seien. Auf diese Weise vernachlässigt sie, zwischen den beruflichen Plänen der jungen Frau und den im SGB II festgelegten Zielen der Aktivierung zu differenzieren. Anstatt die junge Frau bei ihren Suchbewegungen zu einer beruflich tragfähigen Perspektive zu unterstützen, zeigt sie ihr nur die Grenzen gemäß des gesetzlichen Rahmens SGB II auf.

VI. Lebenssituationen und biografische Perspektiven von Jugendlichen in Europa“
Sybille Bayard, Monika Staffelbach und Marlis Buchmann haben die quantitativen Daten des Schweizerischen Kinder- und Jugendsurveys COCON darauf hin befragt, wie diskontinuierliche Übergänge in eine Berufsausbildung in den ersten drei Jahren nach der allgemeinbildenden Schule die Wertentwicklung beeinflussen. Nach ihren Ergebnissen nimmt der Einfluss auf die Werteentwicklung mit der Länge des diskontinuierlichen Übergangsprozesses und der Häufigkeit der damit verbundenen Misserfolgserfahrungen zu.
Ebenfalls in der Schweiz hat David Glaser hat die Daten der nationalen Längsschnittstudie „Transitionen von der Erstausbildung ins Erwerbsleben“ (TREE) ausgewertet. Dort sind für die Ausgangsstichprobe von 6.000 Jugendlichen, die an der ersten PISA-Befragung teilgenommen haben, jährlich erfragte Informationen zu deren Ausbildungsstand und Beschäftigungssituation enthalten. Der Vergleich zwischen den jungen Menschen mit und ohne Berufsabschluss zeigt, dass gering Qualifizierte viel häufiger mit Einkommensnachteilen in unqualifizierte Beschäftigung einmünden als Jugendliche mit einer abgeschlossenen Berufsausbildung.
Bozena Majerek hat sekundärempirisch in Deutschland und Polen vorhandene Jugendstudien ausgewertet, um die „Erwartungen und Lebensorientierungen der polnischen und deutschen Jugend in Zeiten von Unsicherheit“ (S. 251) zu vergleichen. Zusammenfassend kommt sie unter anderem zu dem Ergebnis, dass der Lebensstil der Mehrzahl der Jugendlichen in Polen wie in Deutschland als „pragmatisch-konformistisch“ (S. 267) rekonstruiert werden kann, verbunden mit Optimismus und hoher Selbstwirksamkeit.

VII. Ausblick: Biografische Perspektiven von Jugendlichen jenseits der Erwerbsarbeit?“
Linda Nierling stellt ein Projekt in einer strukturschwachen Region vor, in dem der Anspruch verfolgt wird, für und mit jungen Menschen alternative Lebens- und Arbeitsformen zu realisieren. Die anerkennungstheoretisch basierte Befragung der Jugendlichen hat ergeben, dass sie zum einen die Arbeit in dem Projekt nur als ‚Ersatz‘ für einen Erwerbsarbeitsplatz erleben, weil für sie nur ein Arbeitsplatz als offizielle Anerkennungsstruktur gilt. Zum anderen sind sie auch unzufrieden mit ihren Tätigkeiten in dem Projekt, weil sie zu wenig an der Arbeitsplanung beteiligt werden und ihre eigenen Ideen und Interessen kaum einbringen können.
Der Sammelband schließt mit einem Fazit von Karsten Speck und Jürgen Mansel, in dem sie nochmals die zentralen Forschungsergebnisse aus allen 15 Einzelbeiträgen systematisch in zentralen Aussagen systematisieren und zusammenfassen.

Diskussion

In dem hier vorgestellten Sammelbands wird eine breite Vielfalt qualitativer und quantitativer Forschungsergebnisse zu aktuellen Lebenssituationen und Lebensperspektiven junger Menschen präsentiert, die aufgrund ihrer sozialen Benachteiligungen besonders große Unsicherheiten und Risiken bei ihrer Integration auf dem Arbeitsmarkt zu bewältigen haben. Alle vorgestellten Studien verweisen im Ergebnis auf den hohen Stellenwert, den junge Menschen in Deutschland, Frankreich, Polen und der Schweiz der Erwerbsarbeit in ihren Lebensvorstellungen zuschreiben. Zudem ist für mich angesichts der forschungsmethodischen und theoretischen Heterogenität der 15 Einzelbeiträge besonders bemerkenswert, dass die Herausgeber die Beiträge zu einem klar strukturierten Gesamtwerk zusammengeführt haben. Systematisch werden die einzelnen Phasen in den Blick genommen, die viele junge Menschen mit sozialen Benachteiligungen von der Berufsvorbereitung über eine Berufsausbildung beim Übergang in Erwerbsarbeit durchlaufen. Des Weiteren werden besondere AdressatInnengruppen berücksichtigt wie sozial benachteiligte oder arbeitslose Jugendliche sowie jene aus Zuwanderungsfamilien. Außerdem waren für mich die internationalen Vergleichsstudien weiterführend, um neue Perspektiven z. B. auf den sogenannten „Maßnahmedschungel“ im Übergangsbereich zwischen Schule und Beruf in Deutschland zu gewinnen. Außerdem haben mich die verschiedenen Handlungsstrategien beeindruckt, auf die junge Menschen zurückgreifen, um auch in prekären Lebenssituationen zurecht zu kommen. Schließlich möchte ich ebenfalls die kritischen Anregungen ausdrücklich herauszustellen, die in einzelnen Beiträgen zur Neugestaltung von Unterstützungsangeboten für junge Menschen und zur Selbstreflexion der Professionellen formuliert und mit entsprechenden empirischen Ergebnissen begründet werden. Exemplarisch möchte ich dazu zum einen an den Beitrag von Albert Scherr erinnern, in dem deutlich wurde, wie stark die pädagogischen Fachkräfte in den Maßnahmen zur Berufsvorbereitung die Rhetorik des aktivierenden Sozialstaats übernommen haben. Denn sie erklären den Jugendlichen, dass es alleine auf ihre Leistungen, ihr Engagement und ihr Verhalten ankomme, wenn sie einen betrieblichen Ausbildungsplatz erhalten möchten. Damit leugnen die Professionellen die strukturellen Probleme auf den Ausbildungsstellenmärkten und geben die Individualisierungslogik des aktivierenden Sozialstaats unkritisch direkt an die jungen Menschen weiter. In Folge dessen schreiben sie sich ihr Scheitern selbst zu, womit meistens auch erhebliche Identitätsbeschädigungen verbunden sind. Zum anderen möchte ich die Konversationsanalyse zwischen der Fallmanagerin und der jungen Frau im Jobcenter erwähnen, die Daniela Böhringer und Ute Karl vorgestellt haben. Sie zeigt für mich eindrucksvoll, wie wenig in ‚aktivierenden? Kontexten wie einem Jobcenter junge Menschen in ihren Bemühungen unterstützt werden, für sich einen gangbaren Weg in die Erwerbsarbeit zu finden.

Fazit

Für alle, die in der Bildungspraxis und -politik sowie in der Armuts-, Arbeitsmarkt- oder Bildungsforschung tätig sind oder ein sozialwissenschaftliches oder pädagogisches Studium absolvieren, ist das Lesen dieses Sammelbandes meines Erachtens ein MUSS! Auf insgesamt knapp 300 gut lesbaren Textseiten eröffnet er weitreichende und vor allem weiterführende empirische Einblicke in die biografischen Folgen, die für junge Menschen sowohl mit prekären Übergängen zwischen der allgemeinbildenden Schule in eine Berufsausbildung als auch mit Jugenderwerbslosigkeit verbunden sind vor dem Hintergrund, dass die Erwerbsorientierung einen zentralen Stellenwert in den Lebensperspektiven der jungen Menschen in Europa einnimmt. Zudem werden auch die institutionellen und pädagogischen Settings kritisch in den Blick genommen und mit entsprechenden Anregungen zu weiteren Entwicklungen versehen.


Rezension von
Prof. Dr. Ruth Enggruber
Hochschule Düsseldorf, FB Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Ruth Enggruber. Rezension vom 16.04.2013 zu: Jürgen Mansel, Karsten Speck (Hrsg.): Jugend und Arbeit. Empirische Bestandsaufnahme und Analysen. Beltz Juventa (Weinheim und Basel) 2012. ISBN 978-3-7799-1760-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14027.php, Datum des Zugriffs 29.02.2020.


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ISSN 2190-9245

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