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Ewald Kiel (Hrsg.): Erziehung sehen, analysieren und gestalten

Rezensiert von Dipl.Päd. Werner Glanzer, 06.06.2013

Cover Ewald Kiel (Hrsg.): Erziehung sehen, analysieren und gestalten ISBN 978-3-7815-1880-3

Ewald Kiel (Hrsg.): Erziehung sehen, analysieren und gestalten. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2012. 224 Seiten. ISBN 978-3-7815-1880-3. D: 19,90 EUR, A: 20,50 EUR.

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Thema

Erziehen in der Schule strukturieren, reflektieren und gleichzeitig Felder der Erziehungstheorie einzubeziehen ist der Schwerpunkt des vorliegenden Buches. Es richtet sich an Lehramtsstudierende der ersten Ausbildungsphase, Referendare, Eltern und in der Lehrerausbildung tätige Personen.

Autor

Prof. Dr. Ewald Kiel, Inhaber des Lehrstuhls für Schulpädagogik und Leiter der Abteilung für Schul- und Unterrichtsforschung an der Ludwig-Maximilians-Universität München ist der Herausgeber dieses thematischen Bandes.

Entstehungshintergrund

Bereits 2008 erschien ebenfalls im Verlag Julius Klinkhardt ein Band mit gleichem Titel (UTB 3090,173 Seiten) und den gleichen Autoren, der jedoch andere inhaltliche Schwerpunkte setzt.

Aufbau

Das Buch stellt sowohl der Einleitung als auch den folgenden 7 thematischen Kapiteln jeweils eine praktische erzieherische Situation aus dem schulischen Kontext voran und leitet dann über in theorierelevante Ausführungen zum beschriebenen Anlass. Diesen Ausführungen folgt am Kapitelende eine Aufgabenstellung zur Verknüpfung von Ausgangslage und theoretischem Bezugsrahmen, der sich eine Vertiefungsaufgabe anschließt. Abgerundet wird das jeweilige Kapitel mit einem Literaturverzeichnis.

In der Einleitung wird die Frage „Was ist Erziehung“ (Ewald Kiel) diskutiert, die weiteren Kapitel sind

  • „Denken in Systemen“ (Sabine Weiß), mit einer Einführung in systemisches Denken unter Einbeziehung von Bronfenbrenners ökosystemischem Ansatz, über schulische Spezifizierung am Beispiel von Dan Olweus bis zum Denken auf Systemebene für Beratung und Therapie (Kapitel 2)
  • „Wie kultiviere ich die Freiheit bei dem Zwange?“ (Kapitel 3) (Eva Steinherr), Freiheit und Zwang in der Erziehung werden hier thematisiert und problematisiert unter Rückgriff auf Kant bis zu Neills Summerhill und zur Antipädagogik.
  • Das Kapitel 4 hat Menschenbilder im Erziehungsprozess (Thomas Lerche) zum Thema und spannt einen Bogen von Luhmann, Foucault bis zu Skinner und von Glasersfeld,
  • Kapitel 5 mit dem Thema Erziehung zwischen Familie und Schule (Wolf-Thorsten Saalfrank) geht auf Erziehungsverantwortung, Sozialisationswirksamkeit, Aufgabe der Schule im Rahmen von Erziehung in Konkurrenz zum Elternrecht ein,
  • „Milieuspezifische Erziehungsstile“ (Sylvia Liebenwein) in Kapitel 6 beschreibt die sozialen Milieus und ihre Bedeutung und Berücksichtigung im Lehrerhandeln,
  • Kapitel 7 „Erziehung im interkulturellen Kontext“ (Angela Guadatiello & Wolf-Thorsten Saalfrank) hat als inhaltlichen Schwerpunkt Migrantenfamilien und Migrantenmilieus, abgeschlossen wird das Buch mit dem
  • 8. Kapitel zur Frage der „Selbsterziehung des Erziehers“ (Ewald Kiel & Agnes Braune) als Entwicklungsaufgabe in der Lehrerbildung. Der interessante Ansatz diese Buch liegt im „umgekehrten Transfer“: Nicht aus der Theorie abgeleitet zur Praxis sondern aus der Praxis eine Verbindung zur Theorie und theoriegeleitetem Handeln herstellen. Diese Ableitung ist zugleich sicher für die Zielgruppe der größte Nutzen, aus Alltäglichkeiten werden theorieverortete Reflexionen und Handlungsableitungen möglich, die über den persönlichen Erfahrungshintergrund hinausreichen.

Ausgewählte Inhalte

Beispielhaft soll an Kapitel 4 „Menschenbilder im Erziehungsprozess“ von Thomas Lerche der Aufbau des Buches und der Kapitel dargestellt werden. Dem Kapitel ist ein Fall aus dem Kunstunterricht, in dem ein Lehrer zwecks gerechter Notengebung eine kreative Aufgabe vereinheitlicht, vorangestellt. Darauf folgt ein Überblick über die Entwicklung unterschiedlicher historischer Menschenbilder, beeinflusst von animal rationale, homo faber, animal metaphysikum zu homo oeconomicus als Beschreibung wesentlicher Aspekte des Menschen mit unterschiedlichen Schwerpunkten. Die unterschiedlichen Menschenbilder dienen als Grundlage von Erziehungszielen und Erziehungshandeln, in diesem Zusammenhang werden die Diskurse Nature vs. Nurture (Ridey 2003), freier Wille vs. Persönlichem Determinismus (Mainzer 2005), Gleichheit oder Ungleichheit (Ladwig 2004) und Medienbeeinflussung (McLuhan) abgebildet und in ihren Auswirkungen nachvollziehbar. Weitergeführt wird diese Vorgehensweise am Beispiel von Luhmann und Foucault unter dem besonderen Aspekt Freiheit vs. Zwang. Hier wird innerhalb der Darstellung jeweils auf andere Kapitel des Buches Bezug genommen, in diesem Fall auf Kapitel 3 „Wie kultiviere ich die Freiheit bei dem Zwange?“ (Eva Steinherr). Das Paradox der Erziehung zur Freiheit indem dabei Zwang angewendet wird ist Gegenstand dieser Erörterungen. Eine solche wechselseitige Bezugnahme findet sich in allen Kapiteln.

In diesem 4. Kapitel werden zwei systemtheoretische (Luhmann, Glasersfeld) und zwei lerntheoretische Ansätze (Skinner, Foucault) vorgestellt sowie eine Synthese (Schneewind) dieser Ansätze. Der fallbezogenen Aufbereitung der Ansätze von Foucault und Luhmann ist eine kurze Übersicht über die Systemtheorie und ihre Entwicklung vorangestellt. Foucaults Theorie der Überwachung und Strafen wird durch eine modifizierte Darstellung der Ausgangslage nachvollziehbar und gleichzeitig verstehbar in ihren handlungsleitenden Konsequenzen im erzieherischen Alltag. Die Foucaultsche Orientierung an gesellschaftlichen Machtverhältnissen und Macht als kulturellem Prinzip der Kräfteverbindungen zwischen Individuen und Institutionen, gekoppelt mit einer Entpersonalisierung von Macht, denn diese wird durch die Institution repräsentiert, wird am Beispiel des Strafvollzugs verdeutlicht. Die Übertragung dieser Veranschaulichung auf die Schule führt zu einer Betonung der Selektions- und Allokationsfunktion der Schule. Jedes Kind ist durch das System Schule zu einem nützlichen Glied der Gesellschaft zu erziehen. Die notwendigen diagnostischen Mittel liegen in der Hand des Systems Schule, die mit hierarchischen Strukturen und Methoden der Kontrolle dafür sorgt, dass das Individuum sich den vorgegebenen Normen anpasst. Übernimmt ein Lehrer diese Sicht, wird er als verlängerter Arm der Institution stets auf seine institutionelle Macht bedacht sein, diese nutzen und sein Handeln entsprechend strukturieren.

Im Gegensatz dazu steht der systemtheoretische Ansatz von Luhmann, eine Interpretation des Beispiels wird nun auch unter diesen Aspekten vorgenommen. Luhmann sieht den Menschen als ‚Nichttriviale Maschine‘ und betont die Selbstreferenzialität eines Systems. Das bedeutet, dass eine Reaktion weniger auf den Input erfolgt sondern vor allem auf sich selbst. Unter diesem Gesichtspunkt kann der Lehrer weniger steuern als vielmehr durch Kommunikation wirksam anregend werden. Er ist daher keine „Beibringmaschine“ sondern jemand der günstige Rahmenbedingungen schafft oder erkennt. Dies steht im Gegensatz zur vorherigen Outputorientierung und zeigt sehr gut auf, wie in dem Buch gearbeitet wird. Durch die Herleitung und Konkretisierung auf das jeweilige Fallbeispiel zu Beginn in Abwandlungen werden die Bedeutung und Wirkung des reflektierten Handelns deutlich in ihrer Auswirkung auf Unterrichts- und Erziehungsrealität. Fortgesetzt wird das Kapitel mit den lernpsychologischen Erziehungstheorien und den ihnen zugrundeliegenden Menschenbildern am Beispiel von B.F. Skinner. Skinner versteht Lernprozesse als wesentlich durch Belohnung und Bestrafung gesteuert, Belohnungen sind am effektivsten, wenn sie unmittelbar auf das erwünschte Verhalten erfolgen. Es folgt die Darstellung der klassischen und der operanten Konditionierung, die zu einem Menschenbild führt, das Verhalten und Verhaltensänderung als von außen steuerbar definiert. Als weitere Möglichkeit wird der radikale Konstruktivismus von Ernst von Glasersfeld vorgestellt. Nach Glasersfeld kann ein Abbild niemals der Realität entsprechen sondern ist eine Konstruktion aus Sinnesreizen und Gedächtnisleistung. Jede Wahrnehmung ist subjektiv und selbst konstruiert. Damit ändert sich aber auch grundlegend die Rollenzuweisung von Edukant und Edukator, die Rolle des Erziehenden ändert sich von der Erziehungsautorität zur Moderation und Begleitung eines Prozesses, der den selbstgesteuerten Erwerb unterstützt.

Das Kapitel schließt ab mit Schneewinds Konzept der Freiheit in Grenzen, das mit Bronfenbrenners Systemebenen in Verbindung gebracht wird. Mit Schneewind wird vom Autor ein Kompromiss angeboten zur Balance zwischen erziehen und aushandeln unter Berücksichtigung und Aufrechterhaltung von Grenzen. Dabei sind die subjektiven Voraussetzungen und die intersubjektiven Vereinbarungen zu erkennen und in Bezug auf die eigenen Erziehungshandlungen zu reflektieren. Auch hier schließt sich wie in allen Kapiteln eine kapitelbezogene Aufgabe mit einer Vertiefung an, abschließend das Literaturverzeichnis.

Diskussion

Obwohl das Buch sehr auf den schulischen Kontext ausgerichtet ist bietet es dennoch interessante Anregungen und vor allem Informationen für den weiten Bereich der Erziehung. Das Themenspektrum entspricht den in der heutigen Schule vorfindbaren Fragestellungen und Herausforderungen und vor allem für Lehrer ist hier eine deutliche Erweiterung über die Didaktik hinaus möglich. Die Bezüge auf Bronfenbrenner sind sehr gelungen, da er ja mit seinem ökopsychologischen Ansatz eine Grundlage für das systemische Verstehen von Entwicklung gibt. Allerdings scheint die Verwendung des Begriffes „Zögling“ im Kontext Mikrosystem fraglich, denn Bronfenbrenner geht hiervon einer sich aktiv entwickelnden Persönlichkeit aus. Daraus resultiert auch die Einordnung der Rolle und das Verständnis des Erziehers. Auch die systemischen Grundlagen werden breit dargestellt und gehen u.a. auf Autopoiese und Selbstreferenz ein, Elemente die im Schulbetrieb wenig Beachtung finden. Unverständlich aber dass hier bei aller Sorgfalt Ludwig von Bertalanffy zu Bertalaffny wurde, nicht nur im Text, auch in der Literaturangabe.

Bei allen Anregungen und Beschreibungen gibt das Buch aber nicht die Antwort darauf, woran nun sich der Erzieher/Lehrer orientieren soll. Dies bleibt offen. Mit Sicherheit wird sich jedoch für viele Lehramtsstudenten, Lehrer oder Referendare eine interessante Welt der Erziehungstheorien und Erkenntnistheorien eröffnen, die bereichernd auf den schulischen Alltag bzw. im Studium qualifizierend wirken kann. Jedoch: Die Anregung zu reflektorischer und diagnostischer Kompetenz kann nicht das Handeln ersetzen. Die gegebenen Anregungen eröffnen auch Bereiche, die nicht Handlungsfeld für Lehrer sind. Der Bereich der Zusammenarbeit mit den außerhalb der Schule angesiedelten Fachkräften und z.B. im Bereich der Jugendhilfe oder der Therapie wird nicht thematisiert. Im letzten Kapitel Selbsterziehung des Erziehers fehlt ein Eingehen auf Supervision, die gerade in den außerschulischen Arbeitsfeldern üblich ist.

Fazit

Der vorliegende Band mit seiner Thematisierung von Erziehungsverhalten ist ein sehr geeignetes Buch vor allem für Lehramtsstudierende. Die Vielfalt der erzieherischen Theorien im Bezug auf Schule und die Auswirkungen auf das Erzieherverhalten leiten hin zu einem professionellen Verständnis und der Überwindung unreflektierter persönlicher Sichtweisen. Die Bedeutung eines reflektierten schulischen Erziehers als elementare Voraussetzung einer positiv gestalteten schulischen Erziehung wird herausgestellt. Dazu tragen auch die vielfältigen Übungen und weiteren Hinweise bei.

Rezension von
Dipl.Päd. Werner Glanzer
Dipl.Soz.päd./Sozialarbeiter, Supervisor, Lehrbeauftragter an der ASH Berlin, Arbeitsfeld Schulsozialarbeit
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Es gibt 13 Rezensionen von Werner Glanzer.

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Zitiervorschlag
Werner Glanzer. Rezension vom 06.06.2013 zu: Ewald Kiel (Hrsg.): Erziehung sehen, analysieren und gestalten. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2012. ISBN 978-3-7815-1880-3. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14042.php, Datum des Zugriffs 27.01.2023.


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