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Gerhard Schwarz: Die Religion des Geldes

Cover Gerhard Schwarz: Die Religion des Geldes. Wege aus der Krise des Kapitalismus ; ein Zukunftsszenario. Springer Gabler (Wiesbaden) 2012. 237 Seiten. ISBN 978-3-8349-3341-6. D: 34,95 EUR, A: 36,00 EUR, CH: 43,50 sFr.
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Thema

Ausgangsfrage ist die Suche nach einem Ausweg aus der kapitalistischen Krise. Ausgangsbefund: Geld spielt dabei eine zentrale Rolle – es ist der neue Gott im Kapitalismus, um den sich alles dreht. Angesichts der Analyse der bedeutsamen Krisen unserer Zeit wird argumentiert, wie wichtig es ist, Interessengegensätze und Widersprüche auszubalancieren und zu einem Konsens zu finden.

Autor

Dr. Gerhard Schwarz, Universitätsdozent für Philosophie (Universität Wien) und Gruppendynamik (Universität Klagenfurt), mehrfacher Bestsellerautor (u. a. Konfliktmanagement, Führen mit Humor) arbeitet seit mehr als dreißig Jahren auf den Gebieten Organisationsentwicklung, Gruppendynamik und Konfliktmanagement.

Aufbau und Inhalt

Die Argumentation ist sehr klar: „Langsam nimmt die Ökonomie religiöse Züge an“.1 Geld ist allgegenwärtig, alle Lebensbereiche werden zunehmend ökonomisiert, Geld als „Gott des Kapitalismus“ (Simmel) regiert die Welt und sein “Bodenpersonal“ – Banken, Versicherungen und Finanzmärkte – ist oftmals mächtiger als Politiker. Gleichzeitig ist in der Wirtschaft einiges aus der Balance geraten. Traditionelle Denkweisen bzw. Theorien reichen nicht mehr aus, um Prozesse der Finanzwelt zu verstehen oder zu gestalten. Das Denkmodell der Logik mit seinen vier Axiomen war die Grundlage vieler Errungenschaften v.a. der Naturwissenschaft, ist aber für widersprüchliche, mehrdeutige und mit irrationalen Elementen verwobene Systeme nicht geeignet (223). Logische Reduktionen werden der Komplexität vieler unserer Lebensbereiche nicht gerecht: „Insbesondere die Bereiche Wirtschaft und Geld können ohne die systematische Einbeziehung von Widersprüchen, die es in der reinen Logik ja nicht geben darf, nicht ausreichend verstanden werden.“ (10)

Die Dialektik ist diesbezüglich etwas weiter, hier werden bei vorliegenden nichtauflösbaren bzw. jeweils berechtigten und voneinander abhängigen Widersprüchen (Aporien) die zwei Gegensätze (These und Antithese) zu einer Synthese gebracht. Auch dies reicht nicht aus und Schwarz schlägt daher eine Weiterentwicklung vor: Die Trialektik, die ein Verhältnis von Widersprüchen zueinander meint. Ziel ist es, die Out-of-Balance von drei Widersprüchen im Finanzsystem wieder in Balance zu bringen, sodass durch Geld Gerechtigkeit hergestellt werden kann. In der Folge werden mithilfe der trialektischen Denkmethode die bedeutsamen Krisen unserer Zeit analysiert – die der Arbeit und Arbeitslosigkeit, des Bildungs- und des Gesundheitssystems sowie der Ethik. „Dies geht nicht mehr nur mit rationalen Konzepten, sondern es ist für das Verständnis wirtschaftlichen Handelns auch eine Analyse der irrationalen Prozesse notwendig.“ (12) Für die Praxis bedeutet dies, dass viele Lösungen nicht mehr mithilfe von allgemeinen Regeln gefunden werden können, sondern nur mittels Konsensfindung in jedem einzelnen Fall.

Religion wird verstanden als Verwaltung des Normensystems, mit dessen Hilfe der Mensch sich an geänderte Umweltbedingungen anpasst. Anders gesagt: sie verwaltet die Prozesse von Machtumkehr – wenn bestimmte Naturgewalten beherrschbarer wurden. In Zusammenhang mit Religion steht meist auch die (Selbst)Zuschreibung von „Wissen“ über die Zukunft, wie in folgendem Zitat aus dem Buch des Papst Benedikt deutlich wird: „…alle Releigionen versuchen irgendwie, den Schleier der Zukunft zu heben. Sie erscheinen bedeutend gerade dadurch, dass sie Wissen über das Kommende vermitteln und dem Menschen auf diese Weise den Weg zeigen können, den er nehmen muss, um nicht zu scheitern.“ (Jesus von Nazareth, 2006; zit. ohne Seitenangabe, auf Seite 17)

Die Trialektik des Geldes wird entwickelt aus drei grundlegenden ihm eigenen widersprüchlichen Dimensionen, nämlich Geld als Tauschmaß, Geld als Ware, welche selbst getauscht wird, und Geld als Eigentum. Erfolgreich sind alle geldabhängigen Bereiche, wenn sie diese widersprüchlichen Dimensionen gleichermaßen zur Geltung bringen. Schwarz setzt diese Dimension in Beziehung zu den Formen der Gerechtigkeit von Aristoteles.

Geld als Maßstab wird gebraucht für den Tausch – hier müssen Werte verschiedener Güter in Verhältnis zueinander gesetzt werden, hier braucht es Gesetzesgerechtigkeit. Geld als Eigentum wird verwendet für privaten Konsum, dieser Aspekt entspricht Bedürfnisgerechtigkeit und Geld als Ware entspricht Leistungsgerechtigkeit (die Balance von Leistungs- und Bedürfnisgerechtigkeit nannte Aristoteles übrigens Ökonomie). Die Balance zwischen den unterschiedlichen Dimensionen bzw. auch Gerechtigkeitslogiken muss als politischer Akt hergestellt werden (49). Die Dimensionen sind widersprüchlich – als Maßstab z.B. muss Geld invariant sein, also auch keinen eigenen Preis haben. Als Ware wird Geld gehandelt. „Geld ist entweder nur Maßstab, dann ist es als Zahlungsmittel nicht einsetzbar. Oder Geld ist nur Eigentum, dann ist es nicht tauschbar. Die Lösung dieser Aporie lautet, dass Geld auch selbst Ware sein muss. Erst Geld als Ware vermittelt zwischen Geld als Maßstab und Geld als Eigentum.“ 55 Der Gegenstand Geld hat somit eine doppelte Wertigkeit (Gebrauchswert und Tauschwert) – er ist einerseits Eigentum und kann als solches verwendet werden, kann andererseits aber auch getauscht werden und hat damit einen anderen Wert. Hier geht es also darum, jeweils drei Fragen der Trialektik in ein ausgewogenes Verhältnis zu bringen: Welche Regeln (sollen) gelten? – Welche Bedürfnisse sind vorhanden? – Was kostet wie viel? (Tausch). Anhand verschiedener Beispiele wird illustriert, wie diese trialektischen Aspekte in Balance gebracht werden können, bzw. wie sie sich in verschiedenen Zusammenhängen konkret äußern, z.B. familiäre Urlaubsplanung oder Spesenabrechnung. Schwarz sieht in der Trialektik einen Weg aus der Krise des Kapitalismus. Im Sinn der Trialektik könnten einzelne Teile unterschiedlicher Systeme (Bildungs-, Gesundheits-, Wirtschafts-, Finanzsystem) besser organisiert und verstanden werden. Entsprechend des Ansatzes der Trialektik geht es in unterschiedlichsten Fragestellungen jeweils immer um die Balance von Wünschen/Bedürfnissen, dem Erlaubten/Sinnvollen/Möglichen und den Kosten. „Bedürfnisse und Leistung, individuelle Wünsche und ihre Kosten und das Eingebettet sein beider in einen größeren Rahmen müssen sorgfältig – und sicher oft mühsam – in einer Konsensfindung miteinander ausbalanciert werden.“ (225)

Fazit

Die Kombination von Philosophie, Ökonomie und Theologie ist hier eine spezifische Brille, die – wie auch in anderen Büchern von Gerhard Schwarz – zu originiellen und inspirierenden Sichtweisen führt. Der Ansatzpunkt bei grundlegenden Denkformen (Logik, Dialektik bzw. deren Weiterentwicklung) ist fundierter als so manche rasche Lösung. Aus der Praxis von Organisationen bzw. auch der Entwicklung unseres Wirtschaftssystems wird zudem die Notwendigkeit des permanenten Prozessieren bzw. Balancieren deutlich, auf die dieses Buch in differenzierter Form den Blick lenkt.

Auch das Buch selbst kann drei unterschiedliche Logiken gut ausbalancieren: Es ist unterhaltsam, wissenschaftlich sorgfältig argumentiert und praktisch anwendbar.

1 Siehe dazu auch: Wolfgang Maderthaner: Die Ökonomie des Okkulten. in: Andrea Grisold, Wolfgang Maderthaner, Otto Penz (Hrsg.): Neoliberalismus und die Krise des Sozialen. Das Beispiel Österreich. Böhlau Verlag (Wien) 2010


Rezensentin
Prof. Dr. Ruth Simsa
Wirtschaftsuniversität Wien
Institut für Soziologie, NOP Institut
Homepage www.ruthsimsa.at
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Zitiervorschlag
Ruth Simsa. Rezension vom 20.12.2012 zu: Gerhard Schwarz: Die Religion des Geldes. Wege aus der Krise des Kapitalismus ; ein Zukunftsszenario. Springer Gabler (Wiesbaden) 2012. ISBN 978-3-8349-3341-6. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14051.php, Datum des Zugriffs 20.10.2019.


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