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Simone Siemund: Arbeitszufriedenheit in der Zeitarbeit

Cover Simone Siemund: Arbeitszufriedenheit in der Zeitarbeit. Eine pädagogische Analyse. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2012. 295 Seiten. ISBN 978-3-658-00199-5. D: 39,95 EUR, A: 41,07 EUR, CH: 50,00 sFr.
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Thema

Die Arbeitszufriedenheitsforschung thematisierte bis vor zwanzig Jahren vorwiegend reguläre Beschäftigungen. Spätestens jedoch seit Mitte der 1990er Jahre werden prekäre Arbeitsverhältnisse allgemein wahrnehmbar. Parallel zur Prekarisierung der Erwerbsarbeit weitete sich die Zeitarbeitsbranche aus. Mittlerweile deckt sie alle Qualifikationen ab. Durch die Lockerung des Befristungsverbotes 1997 und den Wegfall von Beschränkungen der Überlassungsdauer im Jahre 2003 wurde sie zu einem attraktiven Mittel, um den wirtschaftlichen Anforderungen eines sich wandelnden Arbeitsmarktes – weg vom klassischen Normalarbeitsparadigma, hin zu flexibler und entgrenzter Arbeit – zu begegnen.

Die Studie geht der Frage nach, wie Arbeitszufriedenheit unter diesen spezifischen Bedingungen entstehen kann und woraus sie geschöpft wird. Denn Arbeitnehmerüberlassung ist in Deutschland umstritten. Zum einen sind diese Beschäftigungsverhältnisse in der Regel flexibel, es fehlt ihnen an der sozialen Einbindung in die Stammbelegschaften und sie werden im Vergleich zu Festanstellungen schlechter vergütet, zum anderen gilt die Zeitarbeit als Chance für den (Wieder-)Einstieg ins Berufsleben und ist mit der Hoffnung auf Klebeeffekte zur Übernahme in eine reguläre Beschäftigung verbunden. Der Konflikt zwischen beiden Aspekten hat Auswirkungen auf die Motivation der in der Zeitarbeit Beschäftigten.

Autorin

Simone Siemund wurde mit der vorliegenden Arbeit 2012 an der PH Freiburg promoviert. Sie ist als Sozialarbeiterin und Diplom-Pädagogin in der Erwachsenenbildung tätig.

Aufbau und Inhalt

Wie kann unter den prekären Arbeitsbedingungen in der Zeitarbeit Arbeitszufriedenheit entstehen und weshalb fällt die individuelle Entscheidung für eine Beschäftigung in die Zeitarbeit? Bei der Beantwortung dieser Fragen folgt die vorgestellte Dissertation einem klassischen Gliederungsmuster:

  • In den ersten Kapiteln wird unter den Überschriften Prekarisierung und Erwerbsarbeit, Zeitarbeit in Deutschland und Arbeitszufriedenheit und Motivation der Forschungsstand vorgestellt.
  • Darauf folgt eine Einführung in Methodologie und Forschungsdesign der Untersuchung.
  • Die letzten Kapitel beschreiben die Forschungsergebnisse hinsichtlich Erwerbsbiografien von Zeitarbeitskräften, der Arbeitsmotivation in der Zeitarbeit, der Arbeitszufriedenheit in der Zeitarbeit und Arbeitsbelastungen und Krankenstand.

Zum Forschungsstand: Kurz wird auf den Wandel der Erwerbsarbeit eingegangen. Dabei stehen vor allem die Prekarisierung und die üblichen Aussagen zur Ausweitung von Arbeitslosigkeit seit den 1970er Jahren im Vordergrund. Der Schwerpunkt der vorgestellten Studie liegt bei einem Personenkreis mit einem geringen Qualifikationsniveau. Grundlegend sind die Arbeiten von Bourdieu und Castel zum Prekariat und der sozialen Frage.

Ausführlicher wird auf die Zeitarbeit in Deutschland eingegangen. Es werden sowohl die rechtlichen Rahmenbedingungen als auch statistische Daten zur Entwicklung dieser Beschäftigungsform betrachtet. Aussagen über personalstrukturelle Daten und die Motivation zur Aufnahme der Beschäftigung ergänzen das Bild. Die Sichtweisen der Beschäftigten, der Kundenunternehmen und der Beschäftigungspolitik werden diskutiert. Hier liegt der Fokus auf dem Niedriglohnbereich. Die Autorin fügt dem Überblick über die Angaben zur Zeitarbeit, Aussagen über die gesundheitlichen Auswirkungen dieser Beschäftigungsform an.

Die Arbeitszufriedenheit ist eng verknüpft mit der Arbeitsmotivation. Diese basiert auf Erkenntnissen aus der Motivationspsychologie. Die Autorin stellt verschiedene Kriterienkatologe zur Arbeitszufriedenheit vor. Meist wird die Arbeitszufriedenheit quantitativ gemessen und ergibt sich aus einem Soll-Ist-Vergleich der individuellen Anforderungen an Erwerbsarbeit.

Zum Methodischen Vorgehen: Die Untersuchung ist als Grounded-Theorie-Studie angelegt und basiert auf einer Methodentriangulation aus zwei Gruppendiskussionen, siebzehn problemzentrierten Interviews (davon 12 Fallanalysen), welche teilweise mit Kurzinterviews zu Beginn der jeweiligen Beschäftigung vorbereitet wurden, und einer Dokumentenanalyse aus unternehmenseigenen Statistiken zur Mitarbeiter- und Beschäftigungsstruktur, die die Möglichkeit bot, den qualitativ erhobenen Daten quantitative Faktoren gegenüberzustellen. Das Sample setzte sich aus Beschäftigten des gleichen Zeitarbeitsunternehmens zusammen.

Zu den Forschungsergebnissen: „Fachlichkeit“ kann als Kategorie des Erwerbsverlaufs und der Motivation in der Zeitarbeit gelten. So versuchen Personen, die aufgrund von längerer Arbeitslosigkeit bzw. geringen Qualifizierungen keine Fachlichkeit aufweisen, ein Lernen „in the job“ zu praktizieren und dadurch Berufserfahrung und informelle Qualifikationen aufzubauen. In der Zeitarbeit beschäftigte Personen mit Fachabschlüssen und vorhandener Berufserfahrung können auch innerhalb dieser Beschäftigungsform auf kontinuierliche Erwerbsverläufe zurückgreifen.

Erwerbsorientierung ist der zentrale Grund zur Aufnahme einer Beschäftigung in der Zeitarbeit. Die Befragten der Studie finden so einen Weg, um Arbeitslosigkeit zu vermeiden. Hierbei wirkt die Hoffnung auf Übernahme und Einstieg in eine reguläre Beschäftigung als zusätzlich motivierendes Element.

Gerade die Personen, die in vorherigen Beschäftigungsverhältnissen Schwierigkeiten im Berufsalltag und Unregelmäßigkeiten bei den Lohnzahlungen hinnehmen mussten oder durch Phasen der Arbeitslosigkeit geprägt wurden, können durch die Tätigkeit im Zeitarbeitsunternehmen positive Erfahrungen hinsichtlich Kollegialität und „erweiterten Lohnbedingungen“ machen. So wird auf Grundlage der eigenen diskontinuierlichen Berufsbiografie, der Zeitarbeit ein gutes Zufriedenheitsurteil ausgesprochen.

Die Arbeitszufriedenheit in der Zeitarbeit unterliegt eigenen Gesetzmäßigkeiten. Unter der Voraussetzung, dass die Beschäftigung in den Kundenunternehmen lange genug währt, um sich in den Kreis der regulär Angestellten zu integrieren, dabei jedoch noch kurz genug andauert, dass Übernahmehoffnungen realistisch erscheinen, kann ein Gefühl der Zufriedenheit entstehen. Die Autorin richtet den Blick auch auf die Arbeitsbelastung und den Krankenstand. Unbestritten ist, dass die spezifischen Arbeitsbedingungen in der Arbeitnehmerüberlassung (vor allem schnell wechselnde Einsatzorte und lange Wegstrecken) zur Belastung werden. Dem steht eine geringe Identifikation sowohl mit der Zeitarbeitsfirma als auch den Kundenunternehmen gegenüber, die für den Arbeitnehmer die positive Auswirkung hat, dass die Sorge um den Erhalt des Arbeitsplatzes ihre disziplinierende Wirkung nur bedingt entfalten kann. Stress im Berufsalltag wird reduziert. Nur dort, wo oft wechselnde Einsatzorte belastend dazukommen, sind Krankheitszeiten häufiger. Sie dauern dafür aber weniger lange.

Diskussion

Kann der Zeitarbeit hinsichtlich der Zufriedenheit mit ihr ein gutes Urteil ausgesprochen werden? Vorab muss geklärt werden, was Arbeitszufriedenheit in diesem Zusammenhang bedeutet. Laut Siemund entsteht sie dann, wenn die individuellen Bedürfnisse mit den in der Erwerbsarbeit vorgefundenen Bedingungen kompatibel sind. Wenn dies in der Zeitarbeit gelingt, dann bedeutet das, dass wesentliche Funktionen, die Arbeit in der Vergangenheit zu erfüllen hatte, in diesem Kontext nicht mehr benötigt werden. In der Arbeitnehmerüberlassung heißen die Bedürfnisse für den Personenkreis mit geringen Qualifikationen und diskontinuierlichen Berufsverläufen konkret: Vermeidung von Arbeitslosigkeit, Übernahmehoffnungen, Verbesserung der Beschäftigungsfähigkeit (ganz im Sinne des Paradigmas vom Arbeitskraftunternehmer) und regelmäßige (wenn auch geringfügige) Zahlungseingänge sind an die Stelle von ökonomischer Sicherheit und Gewinnerzielung, Identitätsgebung, Loyalität zum Arbeitgeber und Identifikation mit dem Unternehmen getreten. Zeitarbeit kann demnach als Zeichen eines arbeitsgesellschaftlichen Wandels verstanden werden, der mit einer Verschiebung von Funktionen einhergeht.

Dieser Aspekt wirft Anschlussfragen auf: Kann unter den Gegebenheiten der Zeitarbeit, die Anforderung von „guter Arbeit“, die sich durch Zufriedenheit und Akzeptanz auszeichnet, erfüllt werden? Wie lässt sich der Widerspruch zwischen den mit Zeitarbeit verbundenen Hoffnungen und ihrer – empirisch belegbaren – Enttäuschung auflösen? Wie werden die Funktionen von Arbeit, die in der Arbeitnehmerüberlassung nicht erfüllt werden, kompensiert?

Fazit

Die vorliegende Dissertation ist als Grounded-Theorie-Studie angelegten und basiert auf einer breiten Datenbasis. Sie gibt Antworten darauf, wie prekär Beschäftigte mit geringen Qualifikationen eine Bewältigungsstrategie ihrer diskontinuierlichen Erwerbsverläufe finden. Laut der besprochenen Studie wird die Tätigkeit in der Arbeitnehmerüberlassung tatsächlich besser wahrgenommen, als der Ruf, der ihr vorauseilt, erwarten ließe. Arbeitszufriedenheit liegt bei den Angestellten des befragten Zeitarbeitsunternehmens dann vor, wenn der Vergleich zu vorausgegangenen prekären Beschäftigungen und Zeiten der Arbeitslosigkeit gezogen wird.

Die lesenswerte Studie verbindet Forschungsansätze zu Arbeitszufriedenheit und Prekarität und leistet damit einen Beitrag, arbeitsgesellschaftliche Deutungen aus Sicht prekär Beschäftigter zu generieren.


Rezensentin
Dipl. Soz.-Arb. / Dipl. Soz.-Päd. Maria Wolf


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Zitiervorschlag
Maria Wolf. Rezension vom 04.05.2013 zu: Simone Siemund: Arbeitszufriedenheit in der Zeitarbeit. Eine pädagogische Analyse. Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH (Wiesbaden) 2012. ISBN 978-3-658-00199-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14054.php, Datum des Zugriffs 23.11.2017.


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