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Gerhard Schwarz: Die "Heilige Ordnung" der Männer

Cover Gerhard Schwarz: Die "Heilige Ordnung" der Männer. Hierarchie, Gruppendynamik und die neue Rolle der Frauen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 5., überarb. Auflage. 267 Seiten. ISBN 978-3-531-15498-5. 34,90 EUR.
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Thema

Die "Heilige Ordnung der Männer" analysiert die Krise des hierarchischen Systems zu und denkt Möglichkeiten einer Weiterentwicklung an. Einer der möglichen Wege ist dabei eine Neubelebung der Gruppen. Die Entstehung der Hierarchie wird dabei über die Zentralisierung von Funktionen auch als eine Machtergreifung der Männer angesehen, die mit "Militär" und "Logik" bestimmte Teilaspekte der Wirklichkeit herausheben und andere – v.a. weibliche, aber auch widersprüchliche Dimensionen – vernachlässigen. Deshalb sind auch die Frauen bis heute Hierarchien gegenüber skeptisch.

Autor

Dr. Gerhard Schwarz, Universitätsdozent für Philosophie (Universität Wien) und Gruppendynamik (Universität Klagenfurt), mehrfacher Bestsellerautor (u. a. Konfliktmanagement, Führen mit Humor) arbeitet seit mehr als dreißig Jahren auf den Gebieten Organisationsentwicklung, Gruppendynamik und Konfliktmanagement. Er ist Organisationsberater, Gruppendynamiker und Managementtrainer.

Aufbau und Inhalt

In dem Buch geht es um Dynamiken bzw. Strukturen jener sozialen Systeme, die unser Alltagsleben entscheidend prägen – nämlich der Gruppe und der Organisation. Welchen grundlegenden Mustern folgen alle Gruppen bzw. Organisationen, wie haben sich diese von den einfachsten Formen der Kommunikation bis hin zur hierarchischen Ordnung entwickelt und welche Konsequenzen hat dies? Ziel dabei ist es, „unser Gruppenverhalten sowohl auf seinen entwicklungsgeschichtlichen Sinn als auch auf seinen Sinn in der Gegenwart hin zu analysieren“ (29) um damit u.a. einen Beitrag zum besseren Funktionieren von Organisationen und ihren Gruppen zu leisten. Basis dafür ist die Kenntnis der „Gesetzmäßigkeiten“, nach denen Gruppen und Organisationen funktionieren.

Zunächst, in Kapitel 1, liegt der Schwerpunkt auf der Gruppe und damit auf direkter Kommunikation.

Institutionen bzw. Organisationen und damit insbesondere die Hierarchie und indirekte Kommunikation werden in Kapitel 2 behandelt.

Kapitel 3 beschreibt die Ordnung der Hierarchie als Grundlage von Denk- und Gesellschaftsform.

Gruppen waren und sind sowohl für das Überleben von Menschen als auch für deren Ausbildung von Identität überlebenswichtig. Dies resultiert schon daraus, dass Menschen im Vergleich zu anderen Lebewesen relativ wenig spezialisiert sind und genetische Verhaltenssteuerung vergleichsweise gering ausgeprägt ist. An die Stelle der vorprogrammierten biologischen Kontrolle des Verhaltens tritt daher die Steuerung des Verhaltens durch Normen und Standards der Gruppe. Schwarz schildert die Entwicklung der Kommunikation in der Gruppe von ihren basalen Formen der emotionalen Partizipation (Rhythmik, Nahrungsaufnahme, Sexualität, Jagdbande) über Standards (Territorium, Sprache, Werkzeug, Abstraktion, Magie). Das Prinzip der ersten Stufe der menschlichen Kommunikation wird so formuliert: „Die Feststellung der Wirklichkeit erfolgt durch die Gruppe in der Weise der rhythmischen Übereinstimmung. Ob etwas angsterregend ist oder Anlass zur Freude gibt, ob es zu bejahen oder zu verneinen ist, zu betrachten oder zu meiden, das bestimmt die Gruppe.“ (S. 38) So spielt auch heute noch z.B. „innere“ Synchronisation von Gruppen eine wichtige Rolle, die emotional nicht synchronisierte Mitglieder erheblich unter Druck setzen kann (S. 35). Im Verlauf der Entwicklungsgeschichte erforderte zunehmende Komplexität die Entwicklung einer zunehmend abstrakten Sprache, die Unterschiede (z.b. von Subgruppen) kommunizieren konnte. Für heutige Gruppen beschreibt Schwarz zwei gegenläufige Tendenzen, die beide eine Exekutive archaischer Verhaltensmuster darstellen könnten: Gruppen mit einem festen Gefüge zeigen hohen Druck zu Vereinheitlichung durch Normen und Standards, Leistungsstandards liegen dabei meist im mittleren Bereich, was Stärkere tendenziell bremst und Schwächere anspornt. Es gibt keine ausgeprägten Rangdifferenzen und die Gruppe wehrt sich dagegen, Einzelne auszuschließen – die Funktion davon liegt in der Einheit und der Gemeinschaftsleistung. In eher locker strukturierten Gruppen gibt es die gegenläufige Tendenz, nämlich ein starkes Bedüfnis nach Rangdifferenzierung und der Polarisierung – mit der Funktion der Selektion. (258) In weiterer Folge entwickeln Gruppen Standards als Mittel zur Steuerung des Verhaltens der einzelnen Mitglieder über Normen und Regeln, v.a. mit Hilfe sprachlicher Kommunikation. Jedes Phänomen wird in der Folge unter den Standard – unter die Art, wie Phänomene von der Gruppe beobachtet, bewertet und gehandhabt werden – subsumiert.

In der Analyse von Hierarchie als „heiliger Ordnung“ werden deren geschichtliche Entwicklung mit unterschiedlichen Möglichkeiten und Herangehensweisen der Geschlechter sowie der aristotelischen Logik verbunden. Schwarz zeigt, wie die Grundprinzipien der Hierarchie den Axiomen der Logik als „obersten Prinzipien des Denkens“ (211) entsprechen und somit nicht in Frage gestellt werden dürfen (quasi „heilig“ sind). Den Satz der Identität übersetzt die Hierarchie demnach mit der klaren Definition der Position jedes Funktionsinhabers. Identität ist somit durch klare Über- und Unterordnungen, resultierend in einer Ordnung der Entscheidungskompetenz, definiert. Das Wahrheitsaxiom, bzw. den Satz vom zu vermeidenden Widerspruch (etwas ist entweder wahr oder falsch) ist konstituierendes Element von Organisationen auf Basis der anonymen Kommunikation. Widersprüche, die im emotionalen Bereich und in direkter Kommunikation ständig vorhanden sind, werden damit ausgeschlossen. „Alles Unlogische, Irrationale fällt aus dem System heraus…“ (213) Das Weisheitsaxiom, bzw. der Satz vom ausgeschlossenen Dritten begründet Über- und Unterordnung. Wenn alles mit sich identisch ist und Widersprüche nicht vorkommen dürfen, dann müssen dennoch vokommende Gegensätze an die nächsthöhere Instanz delegiert werden. Damit in Zusammenhang steht das Machtaxiom, der Satz des übergeordneten Grundes, übersetzt für die Hierarchie heißt das, „alles hat einen zureichenden Grund, und dieser Grund liegt beim jeweiligen Vorgesetzten.“ Die damit verbundene Annahme lautet, dass zentralere Stellen über den Zusammenhang von Informationen verfügen und daher aus sachlichen Gründen Entscheidungsbefugt seien. Schwarz analysiert, was die hierarchische Organisation des Zusammenlebens ermöglicht hat, wie Denken und Gesellschaftsform einander beeinflussen und wie das hierarchische Prinzip unterschiedliche gesellschaftliche Bereiche wie Recht, Moral oder Wissenschaften durchdringt.

Auch in Bezug auf die Akzeptanz von Hierarchie werden Unterschiede zwischen Männern und Frauen festgestellt – Frauen zeigen mehr Skepsis an der Hierarchie. Frauen ordnen sich in die logischen Prinzipien der Hierarchie weniger ein. Dies bringt für sie Nachteile, birgt aber auch die Chance auf Veränderung der Arbeitswelt (226). In Bezug auf Geschlechterunterschiede im Verhalten in Organisationen startet die Analyse bei archaischen Mustern, bezieht in der Folge aber soziologische Untersuchungen zum Führungsverhalten bzw. dessen Bedingungen mit ein.

Das Buch schließt damit, dass die Hierarchie für komplexe Herausforderungen nicht (mehr) geeignet ist – hier sind zu wenig Rückkopplungsschleifen, d.h. zu wenig Lernen, möglich und sie ist nicht geeignet, mit widersprüchlichen Situationen adäquat umzugehen. In welche Richtung sich dieses grundlegende Prinzip der gesellschaftlichen Strukturierung ändern wird, bleibt offen, so viel aber wird als sicher postuliert: „Es wird keine Heilige Ordnung der Männer" mehr sein." (258)

Diskussion

Schwarz beschreibt entwicklungsgeschichtliche Prägungen und beschreibt deren Erklärungsgehalt für viele auch heute in Gruppen vorfindliche Prozesse. In der Mischung aus anthropologischen, philosophischen und gruppendynamischen Zugängen geht die Analyse über die in vielen anderen Büchern zur Gruppendynamik bzw. Gruppensoziologie vorgenommene Engführung auf simple Definitionen, gruppendynamische Modelle und Übungen und Handlungsanweisungen weit hinaus. Das Buch ist vielleicht weniger leicht lesbar als diese, ermöglicht aber ein tieferes Verständnis. Nicht ohne Grund ist das Buch daher ein Klassiker, der bereits in der 5ten Auflage erschienen und in mehrere Sprachen übersetzt wurde.

Fazit

Das Buch ist vielschichtig, inspirierend und für all jene zu empfehlen, die mit Organisationen und Gruppen zu tun haben und sich für deren Dynamiken und Hintergründe interessieren.


Rezension von
Prof. Dr. Ruth Simsa
Wirtschaftsuniversität Wien
Institut für Soziologie, NOP Institut
Homepage www.ruthsimsa.at
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Zitiervorschlag
Ruth Simsa. Rezension vom 20.12.2012 zu: Gerhard Schwarz: Die "Heilige Ordnung" der Männer. Hierarchie, Gruppendynamik und die neue Rolle der Frauen. VS Verlag für Sozialwissenschaften (Wiesbaden) 2007. 5., überarb. Auflage. ISBN 978-3-531-15498-5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14056.php, Datum des Zugriffs 10.07.2020.


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