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Manfred Lütz: Bluff! Die Fälschung der Welt

Cover Manfred Lütz: Bluff! Die Fälschung der Welt. Droemer Knaur (München) 2012. 188 Seiten. ISBN 978-3-426-27597-9. D: 16,99 EUR, A: 17,50 EUR.
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Die Wirklichkeit und die eigene Wirklichkeit

Wie bitte? Soll es zwei Wirklichkeiten geben? Wäre dann die eine „Wirklichkeit“ nicht unwirklich und die andere, echte „Wirklichkeit“ nicht die einzig wirkliche? Eine vertrackte, unwirkliche Unterscheidung, werden Sie sagen! Oder haben wir es mit einer Abstraktion oder hamartia zu tun, wie Aristoteles den Irrtum bezeichnet als etwas, wovor man sich fürchtet, was man nicht tun soll? Wir sind bei der problematischen Nachdenke, ob die Realität, die wir in unserem alltäglichen und gesellschaftlichen Leben wahrnehmen, die wirkliche Wirklichkeit oder eine gemachte, vorgespiegelte und vertauschte Wahrheit ist (vgl. dazu: Heinz von Foerster / Bernhard Pörksen, Wahrheit ist die Erfindung eines Lügners. Gespräche für Skeptiker, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12494.php). Es ist das „Rätsel der Erkenntnis“, das uns danach fragen lässt, ob wir erkennen können, wie Realität entsteht und wie wirklich sie ist (Lawrence LeShan, Das Rätsel der Erkenntnis. Wie Realität entsteht, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13512.php), und es ist überhaupt die Frage nach der „Wahrheit“, wie sie ist und gemacht ist (MERKUR. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken: Sag die Wahrheit! Warum jeder ein Nonkonformist sein will, aber nur wenige es sind, Klett-Cotta-Verlag, Berlin, Heft 9/10, September/Oktober 2011, S. 751 – 993). „Glaub‘ nicht alles, was du siehst, hörst und zu erleben glaubst!“ – dieser Ratschlag wird nur allzu oft als defätistische und negative Einstellung gegen das scheinbar Tatsächliche und Logische gewertet, und der kritisch Fragende, Distanzierte wird als Kritikaster betrachtet, der gegebene Auffassungen und Ordnungen hinterfragt oder gar verneint und sich damit aus der Gemeinschaft der Überzeugten verabschiedet. Dabei hat die „Philosophie des Nichtwissens“ (Andreas Hetzel) im Denken der Menschen eine lange Tradition, und Negativität und Unbestimmtheit sind Kategorien, die gedacht werden.

Entstehungshintergrund und Autor

Die Metapher „Lebe ich im falschen Film?“ will ja zum Ausdruck bringen, dass da vor mir etwas abläuft, das nicht in meinem Denksystem, meinen Erwartungshaltungen und Erfahrungen vorhanden ist und überrascht, irritiert und verunsichert. Meist lässt sich das abtun mit der beruhigenden Auffassung: „Das ist ja nur im Film“ oder „Das habe ich mir ja nur eingebildet“ oder „Das ist unwirkliche Phantasie“. Kommt aber dann jemand, der behauptet, dass die scheinbare Unwirklichkeit wirklich ist, entsteht leicht Unsicherheit, und aus Ungläubigkeit kann sich Gläubigkeit oder Überzeugtheit entwickeln. Das kann durch Beweise geschehen, oder durch Manipulation oder Indoktrination. Wir sind bei der Frage, wie sich die Existenz und das Dasein des Menschen begründet, als Haben oder als Sein (Erich Fromm, siehe auch: Harald Weinrich, Über das Haben. 33 Ansichten, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/14000.php). Das eu zên, das gute Leben, das nach Aristoteles gleichbedeutend ist mit einem gelingendem, sittlichem, schönem, glücklichem und autarkem Leben (Ottfried Höffe, Hrsg., Aristoteles-Lexikon, Stuttgart 2005), erreicht der Mensch eben nicht (ausschließlich) durch materielle Werte und ein egoistisches Immer-Mehr, sondern durch das ständige Bemühen, sich in der Gemeinschaft der Mitmenschen selbst zu verwirklichen (Jürgen Straub, Hg., Der sich selbst verwirklichende Mensch. Über den Humanismus der Humanistischen Psychologie, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13888.php). Die Versuchungen und die Fallen liegen auf der Straße und umgeben uns Menschen in unserem alltäglichen Denken und Tun, das gute Leben mit dem materiell voll gestalteten und ausgestatteten Dasein zu verwechseln. Dabei ist das konsumtive Gegenargument – „Aber wir Menschen wollen ja nicht mehr auf den Bäumen leben“ – ein vorgeschobener und kalkulierter Einwand, ja nicht Alternativen zu denken oder gar auszuprobieren; es könnte nämlich sein, dass wir zu der Frage kommen: „Könnte es nicht sein, dass die Welt, in der wir zu leben meinen, nichts anderes ist als eine einzige spekulative Fälschung?“.

Diese Frage nämlich stellt der Psychiater, Psychotherapeut und Diplomtheologe Manfred Lütz, der in Köln das Alexianer-Fachkrankenhaus für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie leitet und bereits mehrere Bücher vorgelegt hat, in denen er gegen den Stachel von etablierten, akzeptierten und gängigen medizinischen und allgemeinen Meinungen und Auffassungen löckt, wie etwa mit seinem Buch „Irre! – Wir behandeln die Falschen. Unser Problem sind die Normalen“ (2009). Er identifiziert unsere Lebensauffassungen, Einstellungen und Erwartungshaltungen als „Bluff!“, als einen gigantischen, gesteuerten und manipulierten Schwindel, einen Irrtum und die Vorspiegelung von Trugbildern und Scheinwelten. Als Psychiater ist er allerdings nicht der Meinung, dass die „Fälschung der Welt“ ein psychiatrisches Problem darstellt; vielmehr ist er der Auffassung, „dass wir alle unter machtvollen Einflüssen stehen, die uns daran hindern, die Welt so zu sehen, wie sie in Wirklichkeit ist, und dass diese Täuschung inzwischen gefährliche Ausmaße annimmt“. Damit nimmt er die Überzeugung auf, dass der Mensch ein zôon politikon, ein politisches Lebewesen ist, das, nach Aristoteles, in der Lage ist, vernunftgemäß zu denken und zu handeln und ein glückliches Leben nur in Verantwortung und Gemeinschaft mit den Mitmenschen zu führen. Diese erst einmal utopisch anmutende und scheinbar unrealistische Vorstellung stattet der Autor allerdings aus mit ganz konkreten Überlegungen und Situationsbeschreibungen, die unser „wirkliches“ Leben als recht „unwirklich“ erscheinen lassen.

Aufbau und Inhalt

Manfred Lütz gliedert sein Buch in drei Teile.

Im ersten Teil – „Auftakt“ – unternimmt er einen Ausflug in unsere Vergangenheit und erzählt von Visionen und Phantasien, die Wirklichkeit und Wahrheit zu suchen, um festzustellen, dass die eigene Welt fremd geworden ist und nach Ausstieg oder einem Perspektivenwechsel verlangt. Die Entdeckung freilich, die sich oftmals dabei einstellt, ist nicht selten ein Abbild oder ein Schein, wie dies Platon mit seinem Höhlengleichnis zu verdeutlichen versuchte. So bleibt bis heute die berühmte Frage: „Wie wirklich ist die Wirklichkeit?“ – und die überraschende Vermutung, wir befänden uns in einem falschen Film, lässt uns manchmal (aber meist nur kurz) zweifeln an unseren Wirklichkeiten. „Wir werden zum Produkt unseres Milieus“, was bedeutet, dass es immer schwerer fällt, über den eigenen Gartenzaun hinaus zu schauen. Gelingt es aber, entsteht ein außerordentlich befreiendes Gefühl: Niemand muss Gefangener seines Milieus bleiben!

Dieser hoffnungsvolle Gedanke wird im zweiten Kapitel „Das Welttheater“ thematisiert. Weltdeutung wird heute, im Gegensatz zur früheren, religiösen, heute als wissenschaftliche Erkenntnis verstanden. Der Autor setzt sich mit den Jägern und Sammlern in der Wissenschaft auseinander, mit den Behauptern und Beweisern, den Analytikern und den Fälschern. Zu Letzteren zählt er die Fundamentalisten jeder Couleur, die ideologischen, religiösen und atheistischen, wie etwa den Oxforder Evolutionsbiologen Richard Dawkins (Der Gotteswahn, Ullstein Buchverlage, Berlin, 7. Aufl. 2007, 575 S.). Als Psychoanalytiker geht Manfred Lütz äußerst kritisch mit der Psychoanalyse um. Hier kommt der Theologe in ihm zum Vorschein und der (falsche?) Glaube, dass Expertenwissen, aus welcher Denkrichtung und Schule auch immer, sich oft genug als Fälschung, Irrweg oder vielleicht sogar als Allerweltswissen herausstellt. Sein Protagonist für diese Auffassung ist der Psychoanalytiker, Kommunikationswissenschaftler und Soziologe Paul Watzlawick (1921 – 2007). Von ihm stammt die Erkenntnis, dass es einen Unterschied macht, einen Unterschied zu machen; eine kluge Betrachtung unseres Weltendaseins, bei dem psychologische Phänomene „einen erheblichen Einfluss ausüben und die Wahrnehmung verzerren, die Gleichgültiges oder gar Falsches groß herausstellen und Wahres und Wichtiges verstecken“. Der Psychoanalytiker Manfred Lütz outet sich damit als systemischer Therapeut.

Die „Agenturen des Irrtums“ sind es, die es zu analysieren gilt. Es sind die scheinbaren Tatsachenbilder, die uns der Bildschirm spiegelt, als Dokumentationen und „Reality-Shows“, die Gut und Böse wahr-haftig machen wollen und doch nur, wenn sie gut gespielt werden, falsches Spiel sind. Die Martin Bubersche Erkenntnis, dass die erste (gute) Erfahrung im Leben nicht das Ich (also der Egoismus), sondern die Begegnung mit dem Du sei, kommt in der Scheinwelt nicht vor. Lütz‘ Ratschlag ist dann nicht, den Fernseher aus dem Fenster zu schmeißen, sondern ihn öfter mal auszuschalten und den Ausgang zu suchen. Ein Gang durch eine Fußgängerzone oder auch durch eine Dorfstraße vermittelt ein weiteres Problem der Scheinwelt: Das Bedürfnis, dauernd erreichbar zu sein und auf jeden noch so phantasievoll aufgespielten Klingelton oder eine Schaltung im virtuellen Netz sofort reagieren zu müssen. Auch hier gilt: Es ist nicht unbedingt notwendig, das Handy, das I-Phon oder welche Namen die Geräte auch immer tragen, zu verschrotten, sondern sich ab und zu bewusst zu werden, „dass die Welten, denen man da ausgesetzt ist, nicht wahr sind“.

Es lohnt auch, einen Blick auf die „Profiteure der Lüge“ zu richten, die uns Zuschauern eine Welt des großen Geldes und der idealen Schönheit vorgaukeln, auf die Werbestrategen, die den Konsum zur Religion erhoben haben, auf die Finanzjongleure und gierigen Profiteure, die sich auf Kosten der menschlichen Gesellschaften bereichern, aber auch auf uns selbst, die dabei sein wollen und im Event und den Castingshows sich selbst erfolgreich zu finden glauben und doch im künstlichen Trubel der Fälschung unsichtbar werden. Dabei geht es auch um die „Produzenten des Scheins“, die als Gesundheitsfanatiker, Esoteriker oder Hobbyisten daherkommen und den Blick auf die Wirklichkeiten verstellen.

Im dritten und letzten Kapitel geht es um die in der Historie und Erinnerungskultur wenig hinterfragten Geschichtsmanipulationen und -verdrehungen, die letztlich das Falsche im Richtigen verdeutlichen. „Wie wir wurden, was wir sind“, diese Frage von Bernt Engelmann (1980) bestimmt in der Menschheitsgeschichte bis heute, in den Weltanschauungen, Ideologien und ökonomischen Richtungsweisungen, die machtvollen Fälschungen, die sich nur entlarven lassen, „wenn man für sich selbst einigermaßen klar hat, wo man herkommt, wo man eigentlich steht und was die existentielle Welt, was also Liebe, was Gut und Böse und was der Sinn des Lebens wirklich ist“.

Fazit

So liefert auch dieser „Fälschungsbericht“ kein Rezept, wie das Falsche, das Vorgegaukelte, das gesellschaftlich und ideologisch Gemachte erkannt werden kann; vielmehr kommt es darauf an, den Adornoschen Satz – „Es gibt kein richtiges Leben im falschen“ – als eine wirkliche Herausforderung zum Perspektivenwechsel in unserem lokalen Alltag wie im globalen Menschsein zu verstehen. Der Psychoanalytiker und Theologe Manfred Lütz stellt uns mit seinen Überlegungen zum falschen im richtigen Leben vor die Frage, ob wir als Anthropogene, als Menschen also, die sich und die Umwelt beeinflussen, gestalten und verändern, in der Lage und bereit sind, durch die Tür zu gehen, die er uns zeigt: „Wer die Fälschungen der Welt hinter sich lässt und sich der existentiellen Welt zuwendet, der kann wirklich leben, aber er kann auch der Frage nach dem Sinn des Lebens nicht mehr ausweichen, er muss mit seinem ganzen Leben höchst persönlich darauf antworten, und er muss die Konsequenzen seiner Antwort tragen“. Dass dies zwar eines „Haurucks“ bedarf, aber keines ungesicherten Drahtseilakts, zeigt Manfred Lütz in einer beinahe entlarvenden und beruhigenden Sprache auf. Warum sollte das Buch nicht auf den Familien-Weihnachtstisch liegen?


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 16.11.2012 zu: Manfred Lütz: Bluff! Die Fälschung der Welt. Droemer Knaur (München) 2012. ISBN 978-3-426-27597-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14059.php, Datum des Zugriffs 22.06.2018.


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