socialnet - Das Netz für die Sozialwirtschaft

Ottmar Hanke: Gewalt in der Peer-Group von Jungen

Cover Ottmar Hanke: Gewalt in der Peer-Group von Jungen. Konzeptioneller Zugang - pädagogische Folgerungen. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2003. 254 Seiten. ISBN 978-3-8255-0455-7. 20,35 EUR, CH: 34,20 sFr.

Reihe Pädagogik, Band 15.
Recherche bei DNB KVK GVK.

Besprochenes Werk kaufen
über socialnet Buchversand


Einführung

In seinem Buch "Gewalt in der peer-group von Jungen" geht Ottmar Hanke der Frage nach, welche Möglichkeiten der Prävention und Intervention die Pädagogik bezogen auf Gewaltverhalten von männlichen Kindern und Jugendlichen hat. Der explizite Focus auf Jungen wird mit der deutlichen männlichen Dominanz in Statistiken zu Gewalttaten und Tatverdächtigen begründet. Damit wird nicht nur das immer wieder auch in der Öffentlichkeit viel diskutierte Thema "Gewalt" einer wissenschaftlichen Analyse unterzogen, sondern gleichfalls ein geschlechtsspezifischer und, durch den Focus auf peer-groups, auch ein gruppenpädagogischer Aspekt im Kontext von Gewaltverhalten bei Kindern und Jugendlichen diskutiert. Das Thema Gewalt im Kindes- und Jugendalter wird somit um entscheidende Dimensionen erweitert, die, wie Hanke resümiert, in bisherigen Auseinandersetzungen mit dem Thema Gewalt nicht in einem ausreichenden Umfang berücksichtigt wurden.

Aufbau und Inhalte

In der Einleitung werden ausführlich das erkenntnisleitende Interesse, der Hintergrund der Fragestellung und die Systematik der Vorgehensweise dargestellt. Um seine Fragestellungen nach geeigneten Interventions- und Präventionsmöglichkeiten, nach der Gender-Dimension von Gewalt in Bezug auf männliche Jugendliche sowie nach den Einflüssen von peer-groups zu bearbeiten, gliedert Hanke das Buch in zwei übergreifende Teile.

Im ersten Teil des Bu,ches werden unterschiedliche Definitionen, Bedeutungszusammenhänge und Diskussionsstränge zum Gewaltbegriff einer kritischen Analyse unterzogen. Der Gewaltbegriff wird in seiner Verwendung in der Alltagssprache in der öffentlichen Diskussion, in der Gewaltkommission der Bundesregierung, in sozialwissenschaftlichen Ansätzen sowie in der Rechtssprechung diskutiert. Hanke kritisiert die häufig zu erkennende Engführung des Gewaltbegriffes und plädiert demgegenüber für einen umfassenden Gewaltbegriff nach Galtung, den er ebenfalls einer kritischen Diskussion unterzieht. Anschliessend werden Erklärungsansätze zur Genese von Gewaltverhalten anhand von psychologischen Theorien zur Aggressionsentstehung (Triebtheorien, Frustrations-Aggressions-Theorie, Lerntheorien) und soziologischen Theorien zum abweichenden Verhalten (Anomietheorie, Theorie der differentiellen Assoziation, Labeling-approach) diskutiert. Hanke resümiert, dass keiner dieser theoretischen Ansätze ein allgemein anerkanntes Erklärungsmodell zur Entstehung von Gewalthandlungen darstellt. Vor dem Hintergrund des damit verbundenen Bedarfes an Theorieentwicklung bezieht sich Hanke auf Bronfenbrenner und erläutert ausführlich dessen human-ökologischen Ansatz, den er als ein adäquates Deutungsmuster zur Reflexion über die Entstehung von Gewaltverhalten auslegt.

Im zweiten Teil des Buches werden zunächst anhand der von Bronfenbrenner formulierten Axiome zur Untersuchung empirischer Arbeiten Studien zum Gewaltverhalten bei Jungen und zum Aufwachsen in der Gleichaltrigengruppe analysiert. Vor dem Hintergrund dieser Analyse formuliert Hanke pädagogische Postulate zur reflektierten Intervention und Prävention bezogen auf Gewaltverhalten von männlichen Kindern und Jugendlichen. Als die vier zentralen Momente dieser pädagogischen Postulate werden die Aspekte

  • Akzeptanz,
  • Kommunikation,
  • Clique und
  • Vernetzung herausgestellt.

Darauf aufbauend untersucht Hanke, inwieweit diese Aspekte in bisherigen pädagogischen Konzepten und Handlungsanweisungen Berücksichtigung finden. Als Resultat wird festgestellt, dass einzelne Konzepte keine adäquate Handlungsgrundlage für den Kontext von Gewaltverhalten und männlicher Sozialisation in peer-groups bieten, sondern dass es vielmehr auf eine "Rahmenkonstruktion für verschiedene Konzepte" ankommt (S. 219). Eine solche Rahmenkonzeption, die im Stande ist, Elemente von akzeptierender Jugendarbeit, Moralerziehung, emanzipatorischer Jungenarbeit, konfliktorientierter Pädagogik und Erlebnispädagogik zu vereinen, sieht Hanke in der von Böhnisch/Münchmeier formulierten sozialräumlichen Jugendpädagogik bzw. der Pädagogik des Jugendraums.

Diskussion

Hanke hat es in seiner Auseinandersetzung mit dem Thema verstanden, verschiedene Ebenen zwar analytisch voneinander zu trennen, aber dennoch gemeinsame Zusammenhänge zwischen diesen Ebenen herauszuarbeiten. So diskutiert er ausführlich auf einer theoretischen Ebene verschiedene Gewaltbegriffe, analysiert empirische Befunde zum Themengebiet, argumentiert auf konzeptioneller Ebene über die Ausgestaltung einer entsprechenden pädagogischen Praxis und formuliert zudem ein Qualifikations- und Tätigkeitsprofil für Pädagogen in der Praxis. Diese umfassende Perspektive wird zum einen dem Thema gerecht, zum anderen wird damit auch deutlich, auf welche Komplexität sich Hanke mit seiner Fragestellung eingelassen hat. Zudem ist vor diesem Hintergrund der vorsichtige (und damit angemessene) Sprach- und Argumentationsstil Hankes positiv hervorzuheben, durch den die Vielfalt des Themas gut vermittelt wird. Lediglich die ausführliche Diskussion der psychologischen Theorien zur Aggressionsentstehung steht etwas unvermittelt im Gesamtzusammenhang von Hankes Ausführungen, da er zu Beginn dieser Ausführungen bereits analysiert, dass keine generelle Übereinstimmung zwischen den Begriffen Gewalt und Aggression zu erkennen ist (S. 67).

Zielgruppe

Dieses Buch bietet mit der ausführlichen und kritischen Diskussion des Gewaltbegriffes, der Thematisierung des Gender-Aspektes bezogen auf männliche Kinder- und Jugendliche sowie den peer-group-Aspekten ansprechende Literatur zum einen für wissenschaftliches Fachpublikum, zum anderen jedoch auch eine gute Übersicht für alle, die sich in die Gewaltthematik einarbeiten und verschiedene Ansätze im Überblick kennen lernen möchten. Darüber hinaus enthalten seine konzeptionellen Empfehlungen eine Vielzahl von Anregungen für Fachpersonen aus der Praxis Sozialer Arbeit, die ihre Konzepte und Handlungsansätze hinsichtlich der gewählten Thematik weiterentwickeln möchten.

Fazit

Der Autor liefert eine klar nachvollziehbare Argumentation mit inhaltlicher Tiefe zum Thema "Gewalt in der peer-group von Jungen". Damit gibt er zum einen umfangreiche Anregungen zur weiteren Diskussion des Themas, zum anderen werden Notwendigkeiten zur weiteren Theorieentwicklung und Forschungsarbeit deutlich.


Rezensent
Florian Baier
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
Basler Institut für Sozialforschung und Sozialplanung – basis
Homepage www.schulsozialarbeit.ch


Alle 2 Rezensionen von Florian Baier anzeigen.

Besprochenes Werk kaufen
Sie fördern den Rezensionsdienst, wenn Sie diesen Titel – in Deutschland versandkostenfrei – über den socialnet Buchversand bestellen.


Zitiervorschlag
Florian Baier. Rezension vom 29.06.2004 zu: Ottmar Hanke: Gewalt in der Peer-Group von Jungen. Konzeptioneller Zugang - pädagogische Folgerungen. Centaurus Verlag & Media KG (Freiburg) 2003. ISBN 978-3-8255-0455-7. Reihe Pädagogik, Band 15. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/1406.php, Datum des Zugriffs 20.10.2018.


Urheberrecht
Diese Rezension ist, wie alle anderen Inhalte bei socialnet, urheberrechtlich geschützt. Falls Sie Interesse an einer Nutzung haben, treffen Sie bitte vorher eine Vereinbarung mit uns. Gerne steht Ihnen die Redaktion der Rezensionen für weitere Fragen und Absprachen zur Verfügung.


socialnet Rezensionen durch Spenden unterstützen
Sie finden diese und andere Rezensionen für Ihre Arbeit hilfreich? Dann helfen Sie uns bitte mit einer Spende, die socialnet Rezensionen weiter auszubauen: Spenden Sie steuerlich absetzbar an unseren Partner Förderverein Fachinformation Sozialwesen e.V. mit dem Stichwort Rezensionen!

Zur Rezensionsübersicht

Hilfe & Kontakt Details
Hinweise für

Bitte lesen Sie die Hinweise, bevor Sie Kontakt zur Redaktion der Rezensionen aufnehmen.
rezensionen@socialnet.de

ISSN 2190-9245

Newsletter bestellen

Immer über neue Rezensionen informiert.

Newsletter

Schon 13.000 Fach- und Führungskräfte informieren sich monatlich mit unserem kostenlosen Newsletter über Entwicklungen in der Sozialwirtschaft

Gehören Sie auch schon dazu?

Ansonsten jetzt für den Newsletter anmelden!

socialnet optimal nutzen!

Recherchieren

  • Rezensionen liefern den Überblick über die aktuelle fachliche Entwicklung
  • Materialien bieten kostenlosen Zugang zu aktuellen Fachpublikationen
  • Lexikon für die schnelle Orientierung und als Start für eine vertiefende Recherche
  • Sozial.de für tagesaktuelle Meldungen

Publizieren

  • wissenschaftliche Arbeiten
  • Studien
  • Fachaufsätze

erreichen als socialnet Materialien schnell und kostengünstig ihr Publikum

Stellen besetzen
durch Anzeigen im socialnet Stellenmarkt

  • der Branchenstellenmarkt für das Sozial- und Gesundheitswesen
  • präsent auf führenden Fachportalen
  • schnelle und preiswerte Schaltung
  • redaktionelle Betreuung