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Jean Ziegler: Wir lassen sie verhungern

Cover Jean Ziegler: Wir lassen sie verhungern. Die Massenvernichtung in der dritten Welt. C. Bertelsmann (München) 2012. 319 Seiten. ISBN 978-3-570-10126-1. D: 19,99 EUR, A: 20,60 EUR, CH: 28,50 sFr.
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Hunger mehr als genug!

Die Skandale der ungerechten Nahrungsmittelverteilung in der Welt sind vielfach angeprangert worden. Während die Kontroversen über den Zustand, dass lokal und global die Reichen immer reicher und die Armen immer ärmer werden, sich unterscheiden in Konzepten, die entweder weniger Kapitalismus und sachte kontrollierte freie Weltmärkte unter Beibehaltung des Wachstumsdenkens Lösungsmöglichkeiten gegen die Ungerechtigkeiten in der Welt sehen (Sebastian Dullien / Hansjörg Herr / Christian Kellermann, Der gute Kapitalismus. … und was sich dafür nach der Krise ändern müsste, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8846.php), oder nur mit radikalen, revolutionären Veränderungen die Abschaffung des neoliberalen Wirtschafts- und Machtsystems bewirken wollen (David Graeber, Kampf dem Kamikaze-Kapitalismus. Es gibt Alternativen zum herrschenden System, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13337.php), setzt sich mehr und mehr (intellektuell, wenn auch noch nicht machtpolitisch) die Auffassung durch, dass ein Weiter-so, ein business as usual und ein growth as usual (Brundtland-Bericht 1987) die Menschheit in den Abgrund treibt. Die beim Millenniumsgipfel der Vereinten Nationen im Jahr 2000 formulierten Entwicklungsziele, bis zum Jahr 2015 unter anderem extreme Armut und Hunger in der Welt zu bekämpfen und den Anteil der Menschen zu halbieren, die Hunger leiden, lassen sich, so zeigt sich die Bestandsaufnahme beim Zwischengipfel 2010, bis zum Zielpunkt nicht erreichen. Die aktuellen Statistiken weisen sogar aus, dass es heute, im Jahr 2012, mehr Hungernde und Hungertode auf der Welt gibt als in den Jahrzehnten vorher.

Entstehungshintergrund und Autor

Die Analysen über den Zustand der Welt(wirtschaft) liegen längst auf dem Tisch (Ian Morris, Wer regiert die Welt? Warum Zivilisationen herrschen oder beherrscht werden, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12186.php), und Lösungsmöglichkeiten ebenso (Saral Sarkar, Hrsg., Die Krisen des Kapitalismus. Eine andere Studie der politischen Ökonomie, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/12301.php). „Die Botschaft hör‘ ich wohl, allein mir fehlt der Glaube“ – oder der Mut, Veränderungen zu denken und zu realisieren (Jeremy Rifkin, Die dritte industrielle Revolution. Die Zukunft der Wirtschaft nach dem Atomzeitalter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12414.php). Das Zauberwort „sustainable development“, als Lichtblick aus chaotischem (bequemem und gläubigem) Denken und als Perspektive für eine tragfähige Entwicklung, hat sich freilich durch die unverbindliche Vereinnahmung des Begriffs „Nachhaltigkeit“ in die politische und alltägliche Speech abgenutzt (Harald Heinrichs / Katina Kuhn / Jens Newig, Hrsg., Nachhaltige Gesellschaft? Welche Rolle für Partizipation und Kooperation? 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11955.php).

Der Skandal des Hungers in der Welt wird zwar registrierend wahrgenommen, und Konzepte, wie die inhumane und unverantwortliche Situation beseitigt werden könnten, gibt es genug (Worldwatch Institute, Hrsg., Zur Lage der Welt 2011. Hunger im Überfluss: Neue Strategien im Kampf gegen Unterernährung und Armut, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11455.php); und die Ängste, dass andere Verteilungsmechanismen die Wohlhabenden ärmer machen würden, lassen sich auch zerstreuen (Paul Collier, Der hungrige Planet. Wie können wir Wohlstand mehren, ohne die Erde auszuplündern, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13125.php; sowie: Ronald Lutz / Corinna Frey, Hrsg., Poverty and poverty reduction. Strategies in a global and regional context, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13380.php). Die Aufmerksamkeit, die ein Nachdenken über ein neues Denken und Handeln, im ökonomischen und ökologischen Sinn, ist längst wissenschaftsrenovabel (Joachim Radkau, Die Ära der Ökologie. Eine Weltgeschichte, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11451.php), gesellschafts- und politiktauglich und sogar mit dem Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften (2009) ausgezeichnet worden (Elinor Ostrom, Was mehr wird, wenn wir teilen. Vom gesellschaftlichen Wert der Gemeingüter, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11224.php). Die Abwägung, wie sich ein Wandel vom homo oeconomicus (Tomáš Sedláček, Die Ökonomie von Gut und Böse, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/12902.php) zum homo sympathicus (Jeremy Rifkin, Die empathische Zivilisation. Wege zu einem globalen Bewusstsein, 2010, www.socialnet.de/rezensionen/9048.php) vollziehen ließe, mündet sogar in ein Nachdenken darüber, wie der Mensch zu einem homo eudaimôn, einem nach Glückseligkeit strebendem Lebewesen werden könne (Petra Pinzler, Immer mehr ist nicht genug! Vom Wachstumswahn zum Bruttosozialglück, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13332.php).

Doch die Verhältnisse sind nicht so! Die Besichtigung der Welt zeigt, dass kapitalistisches, neoliberales, hegemoniales und neokoloniales Denken und Handeln in immer größerem Maße von lokal- und globalökonomischen und -politischen Strukturen und Strategien bestimmt wird (Stefano Liberti, Landraub. Reisen ins Reich des neuen Kolonialismus, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13968.php; sowie: Wilfried Bommert, Bodenrausch. Die globale Jagd nach den Äckern der Welt, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13381.php). Wer aber hört denn die Signale, die ertönen und auffordern, endlich den längst fälligen Perspektivenwechsel zu vollziehen, wie ihn etwa auch die Weltkommission „Kultur und Entwicklung“ 1995 formuliert hat: „Die Menschheit steht vor der Herausforderung umzudenken, sich umzuorientieren und gesellschaftlich umzuorganisieren, kurz: neue Lebensformen zu finden“?; dass es notwendig ist, eine neue Politik der Versorgung mit Lebensmitteln einzuleiten? (Harald Lemke, Politik des Essens. Wovon die Welt von morgen lebt, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11833.php). Einen anderen Umgang mit Nahrungsmitteln pflegen? (Stefan Kreutzberger / Valetin Thurn, Die Essensvernichter. Warum die Hälfte aller Lebensmittel im Müll landet und wer dafür verantwortlich ist, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/13468.php). Wie wir Menschen zu einem Umdenken vom Haben zum Sein gelangen können? (Harald Weinrich, Über das Haben. 33 Ansichten, Verlag C. H. Beck, München 2012, gebunden mit Schutzumschlag, 207 S., 19,95 Euro, ISBN 978-3-406-64094-0). Die ernst zu nehmenden, eindringlichen Warnungen und Vorschläge lassen sich fortsetzen (Peter M. Senge, u.a., Die notwendige Revolution. Wie Individuen und Organisationen zusammenarbeiten, um eine nachhaltige Welt zu schaffen, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/11714.php), bis hin zu therapeutischen Diagnosen (Tilmann Moser, Geld, Gier & Betrug. Wie unser Vertrauen missbraucht wird – Betrachtungen eines Psychoanalytikers, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13080.php).

Einer der Welt-Analysten und Warner, dass die Menschheit sich am Wendepunkt ihrer (existentiellen) Geschichte befinde, soll aus dem Humanum nicht ein Egoismum werden, ist der Schweizer Ökonom, Globalisierungskritiker, langjähriger Sonderberichterstatter der Vereinten Nationen für das Menschenrecht auf Nahrung (vgl. dazu: Artikel 25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte vom 10. Dezember 1948: (1) „Jedermann hat das Recht auf einen für die Gesundheit und das Wohlergehen von sich und seiner Familie angemessenen Lebensstandard, einschließlich ausreichender Ernährung…“), derzeit Vizepräsident des beratenden Ausschusses des UNO-Menschenrechtsrats, Jean Ziegler. Er ist unermüdlich und beständig dabei darauf hinzuweisen, dass es Hunger in der Welt nicht geben müsse, dass ausreichend Nahrungsmittel zur Verfügung stünden, und dass die kapitalistische Weltmarktpolitik insbesondere der dominanten Mächte auf der Erde Hunger schaffe. Er richtet seine Appelle sowohl an Kinder (Jean Ziegler, Wie kommt der Hunger in die Welt. Ein Gespräch mit meinem Sohn, C. Bertelsmann-Verlag, München 2000, 160 S.), als auch an Erwachsene ( Jean Ziegler, Das Imperium der Schande. Der Kampf gegen Armut und Unterdrückung, 2005, www.socialnet.de/rezensionen/3287.php); er analysiert die Bedingungen und Zustände (Jean Ziegler, Die neuen Herrscher der Welt und ihre globalen Widersacher, 4. Aufl., C. Bertelsmann Verlag, München 2003, 318 S.) und warnt vor einer kriegerischen, globalen Heraussetzung ( Jean Ziegler, Der Hass auf den Westen. Wie sich die armen Völker gegen den wirtschaftlichen Weltkrieg wehren, 2009, www.socialnet.de/rezensionen/8994.php).

In seinem neuen Buch analysiert er erneut die Ursachen der globalen Nahrungsunsicherheit. Das 2011 in französischer Sprache erschienene Werk „Destruction massive. Géopolitique de la faim“ wird mit dem anklagenden Titel „Wir lassen sie verhungern“ in deutscher Sprache vorgelegt. Vorweg eine erstaunende Bemerkung: Die von mir geschätzte, durchaus als unabhängig wahrgenommene Wochenzeitung DIE ZEIT lässt in der Nummer 42 vom 17. 10. 2012 das Buch vom Präsidenten des Verwaltungsrats der Nestlé AG, Peter Brabeck-Letmathe, rezensieren – ja richtig: rezensieren, nicht etwa eine durchaus der Meinungsvielfalt geschuldete, mögliche konzernbestimmte Entgegnung veröffentlichen. Das ist ein Skandal! Wie man auch immer Zieglers in allen seinen Veröffentlichungen und Statements deutliche Kritik (auch) am Schweizer Nahrungsmittelkonzern Nestlé werten möge – eine Rezension bringt zwar legitimerweise die Meinung des Rezensenten zum Ausdruck; sie sollte sich jedoch darum bemühen, objektiv und nicht interessengeleitet eine Publikation zu besprechen; denn dass die „Rezension“ die Handschrift der Abteilung „Öffentlichkeitsarbeit“ des Konzerns trägt, ist unübersehbar. Zwar stampft Brabeck-Letmathe das Buch von Jean Ziegler nicht grundsätzlich in den Boden, und er stimmt einigen Argumentationen Zieglers sogar zu, doch die Visionen Zieglers und seine gesellschaftlichen und politischen Analysen als der „Vergangenheit verhaftet“ zu charakterisieren, ist nicht nur starker Tobak, sondern konzerngesteuerter und interessengeleiteter Unsinn!

Aufbau und Inhalt

Jean Ziegler gliedert seine Analyse des Hungerns in der Welt in sechs Kapitel.

Den ersten Teil titelt er mit „Das Massaker“. Mit Hinweisen auf das Menschenrecht auf Nahrung verdeutlicht er die „inhumane Katastrophe“, die sich aus den ungerechten Verteilungsverhältnissen und den unterschiedlichen Lebensbedingungen der Menschen auf der nördlichen und südlichen Hemisphäre der Erde ergeben. Es sind die erbärmlichen, mühsamen und unzureichenden Situationen, wie Menschen in Afrika, Asien und Lateinamerika vor allem auf dem Lande gegen vom Klimawandel bedrohten immer unfruchtbarer werdenden Böden Subsistenzwirtschaft zu betreiben versuchen, ungerechten, traditionellen Landverteilungsstrukturen ausgesetzt sind und bereits bei der Geburt vom „unsichtbaren Hunger“, der Unterernährung, geprägt sind. Es sind die periodisch wiederkehrenden Dürrekatastrophen, die den Anbau von Grundnahrungsmitteln, wie etwa Hirse, Reis, Weizen oder Gemüse immer unrentabler und sinnloser machen und die Menschen in die Städte treibt, hinein in die Slums, in denen noch mehr Hunger herrscht als in ihren angestammten Lebensräumen.

Dem ersten Kapitel stellt Jean Ziegler eine erschütternde Erzählung „Die Kinder von Saga“ voran, einem Dorf in der Republik Niger in der Sahelzone. Schwestern des Ordens der Mutter Teresa haben eine kleine Krankenstation aufgebaut, in der sie versuchen, vor allem die hungernden und verhungernden Kinder des viermal so großen Landes wie Deutschland mit Nahrung und ärztlichen Mitteln zu versorgen; ein Tropfen auf einen heißen Stein; viele Mütter mit Kindern, die in tagelangen Fußmärsche bei unmenschlichen Temperaturen Saga erreichen, müssen abgewiesen werden; bei vielen kommt jede Hilfe zu spät. „Der jährliche Hungertod von mehreren zehn Millionen Männern, Frauen und Kindern ist der Skandal unseres Jahrhunderts“.

Mit Statistiken, Diagrammen, Berichten, Resolutionen und zahlreichen Studien, die von den Vereinten Nationen, den UN-Sonderorganisationen, Forschungseinrichtungen und Nichtregierungsorganisationen zur Verfügung stehen, wie auch seinen Erfahrungen bei der jahrelangen Mitarbeit und bei seinen Dienstfahrten, beschreibt Ziegler die Situationen in den Hungergebieten der Erde, beispielhaft und glaubhaft. Dabei spiegelt er immer wieder Ursachen und Auswirkungen des Hungers, bis hin zu der dramatischen Beschreibung von „Noma“, einer Krankheit die aus Unterernährung entsteht und Kinder fürs Leben, wenn sie überleben, zeichnet. Dabei steht die Krankheit nicht einmal auf der Liste der Weltgesundheitsorganisation WHO!

Der zweite Teil wird mit „Das Erwachen des Bewusstseins“ umschrieben. Ein historischer Rückblick und eine engagierte Auseinandersetzung mit dem „Bevölkerungsgesetz“ von Thomas Malthus verdeutlichen das „Tabu des Hungers“, das über lange Zeit das imperiale und koloniale Denken und Handeln der „Satten“ gegenüber den Hungernden und Benachteiligten bestimmte. Die Abwendung von den Malthus?schen Theorien vollzieht sich zäh und gegen den massiven Widerstand der Besitzenden um die Jahrhundertwende durch die Besitzlosen, den „Landlosen“ in Brasilien und wird zynisch und rassistisch umgedeutet durch die nationalsozialistische Politik mit Hitlers „Hungerplan“. Am Beispiel des brasilianischen Soziologen und Politikers Josué de Castro, der zeitweise als Botschafter am europäischen Sitz der Vereinten Nationen in Genf wirkte, mit seinem Buch „Geopolitik des Hungers“ (1973) Einfluss auf den wissenschaftlichen und politischen Diskurs ausübte und später durch die faschistischen Regierungen in Brasilien verfolgt wurde, beschreibt der Autor die Gründung und Arbeit der Vereinten Nationen als „ein Licht in der Nacht“.

Im dritten Teil formuliert Ziegler „Das Recht auf Nahrung“ und setzt sich mit den neoliberalen Gegnern der Menschenrechte auseinander. Die Feinde des Rechts auf Nahrung macht er vor allem aus bei den transkontinentalen Privatkonzernen, die direkt oder indirekt den größten Teil des Weltagrarhandels kontrollieren, von der Saatgutkontrolle, der Dünger-, Fleischproduktion, Wasserverteilung, Getreidemarkt, bis hin zu Fertigprodukten, und die in einvernehmlicher (korrupter?) Weise mit den internationalen „apokalyptischen Reitern“, zu denen der Autor die WTO, den IWF und die Weltbank zählt, wie mit nationalen und staatlichen Organisationen zusammen arbeiten. Die Beispiele, über die er aus Afrika, Asien und Lateinamerika authentisch berichtet, wie auch die persönlichen und politischen Auseinandersetzungen mit offiziellen Vertretern der oligarchen Strukturen zeigen, wie konsequent (und sicherlich in den Augen einiger Betroffener auch undiplomatisch, etwa, wenn Peter Brabeck-Letmathe in seiner „Rezension“ ausführt: „Es ist wohl dem Temperament Zieglers zuzuschreiben, dass er durch seine nicht gerade diplomatischen Angriffe nicht in der Lage ist, die Koalitionen aufzubauen, die notwendig wären, um diese komplexe Herausforderung zu bewältigen“) Jean Ziegler den Finger in die eiternde Wunde der Welt legt.

„Der Ruin des WFP und die Ohnmacht der FAO“, so titelt Jean Ziegler den vierten Teil. Die am 16. Oktober 1945 gegründete Sonderorganisation der Vereinten Nationen, FAO (Food and Agricultural Organisation) und das 1963 eingerichtete WFP (World Food Programme, Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen), die größte humanitäre Einrichtung der Welt, vertreten und organisieren die Welternährungspolitik der UN. Das WFP ist im wesentlichen darauf angewiesen, ihre Soforthilfen mehr auf den guten Willen und der Spendenbereitschaft von Ländern als auf längerfristigen, institutionalisierten und gesicherten Programmen aufzubauen. Die riesigen, logistischen Maßnahmen, etwa bei Hungerkatastrophen Nahrungsmittel als Soforthilfe zur Verfügung zu stellen, werden auch nicht erträglicher und handhabbarer, dass die Industrieländer dem WFP und anderen Hilfseinrichtungen immer weniger finanzielle und Sachmittel zur Verfügung stellen – weil sie die Krisen in ihren Staaten zuallererst bewältigen müssen; und die Hungernden leben ja nicht in Rom, in Berlin, Paris oder in London, sondern im Jemen, in Niger, in Bangladesh…

Im fünften Teil geht es um das „grüne Gold“ und die menschlichen Geier, die darauf aus sind, es zu schürfen: Den Ankauf und die Aneignung von Böden in Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa; nicht, um dort, vielleicht mit effektiveren Methoden und Produktionsmitteln Nahrungsmittel für die Hungernden in der Welt anzubauen, sondern Biokraftstoffe für die Fahrzeuge und Maschinen in den Industrieländern. Verbunden damit sind Ausbeutung, Bodenverarmung und Wasserverknappung in den Hungerregionen der Erde: „Für die Produktion von einem Liter Bioethanol sind … 4000 Liter Wasser erforderlich“. Die Gier der US-amerikanischen und europäischen multinationalen Konzerne nach Anbauflächen für Zuckerrohr und anderen Pflanzen, die für die Bioethanolproduktion geeignet sind, führt dazu, dass die Böden für den Anbau von Lebensmitteln weniger werden. Der Teufelskreis setzt sich fort!

Im sechsten und letzten Teil geht es um die „Spekulanten“. Die Gier der Nahrungsmittelspekulanten vergleicht Ziegler mit der Fähigkeit des Tigerhais, der in der Lage ist, einen in 4.600.000 Litern Wasser aufgelösten Tropfen Blut aufzuspüren; wobei der Begriff „Blut“ gar nicht so schlecht gewählt ist, denn die Spekulationen bringen es mit sich, dass die Preise für Agrarprodukte steigen, was wiederum dazu führt, dass diejenigen, die die Grundnahrungsmittel wie Weizen, Mais, Reis… zum Überleben benötigen, sie nicht mehr bezahlen können. Die Spekulanten tummeln sich überall in den Großstädten der Welt, in Genf genau so wie in New York, Brüssel, Hamburg und anderswo. Die logischste, einfachste und humanste Lösung, das Spekulantenunwesen zu beenden, wäre ein Verbot von Spekulationen mit Nahrungsmitteln; aber die Mächtigen in den dominanten Regierungen, der UNO, im Menschenrechtsrat und den staatlichen und überstaatlichen Einrichtungen verhindern dies – aus eigenen Interessen, aus fehlender Einsicht und nicht zuletzt aus Ohnmacht gegenüber den multinationalen, mächtigen Konzernen.

Fazit

„Sag‘ die Wahrheit!“, das kann einer konformistischen oder einer nonkonformistischen Erwatungshaltung entsprechen – und eine eskalierende oder de-eskalierende Wirkung erzeugen. Die Reaktionen auf Jean Zieglers Denke und seine engagierte Kritik an den Missständen in der Welt, entspringen genau diesen unterschiedlichen Einstellungen. Das ist gut und nützlich für den notwendigen Diskurs darüber, wie es gelingen kann, dass die Menschen das verwirklichen, wozu sie sich im Sinne des humanen Denkens entwickelt haben (Karl Heinz Bohrer, Selbstdenker und Systemdenker. Über agonales Denken, 2011, www.socialnet.de/rezensionen/12903.php). Denn nichts an den unerträglichen Zuständen würde sich ändern, wenn jeder nur darauf bestünde, die einzig richtige Wahrheit zu sagen und zu behaupten, sie zu kennen (vgl. dazu: MERKUR. Deutsche Zeitschrift für europäisches Denken: Sag die Wahrheit! Warum jeder ein Nonkonformist sein will, aber nur wenige es sind, hrsg. von Karl Heinz Bohrer / Kurt Scheel, Heft 9/10/2011, S. 751 – 993). Die Reichen werden reicher und die Armen ärmer. Und zwar in gleichem Maße, in dem das Vermögen der 497 Dollarmilliardäre in der Welt im Jahr 2001 von 1,5 Billionen Dollar auf 4,5 Billionen Dollar der mittlerweile 1.210 Dollarmilliardäre angewachsen ist, stieg auch die Zahl der dauernd Hungernden auf fast eine Milliarde Menschen. Jean Zieglers kämpferisches Temperament und sein Optimismus lassen ihn nicht bei dem Skandal stehen bleiben; vielmehr macht er deutlich, dass jeder von uns die Möglichkeit hat, „die globale Herrschaft der agroindustriellen Beutejäger“ zu stoppen; z. B. indem wir, zusammen mit den Einsichtigen in der Welt, „gegen den Sittenverfall der Führungseliten in vielen Ländern der südlichen Hemisphäre kämpfen“ und gleichzeitig bei uns für eine gerechtere Weltordnung eintreten (vgl. dazu auch: Gerhard Hauck, Vergesellschaftung und koloniale Differenz, 2012, www.socialnet.de/rezensionen/13526.php).

Jean Zieglers Analysen über den Zustand der Nahrungsunsicherheit in unserer (Einen?) Welt sind für die einen Heilsbotschaften, für die anderen Reizthemen; sie sind jedoch keinesfalls, wie der Nestlé-Vertreter Peter Brabeck-Letmathe in seiner „Rezension“ des Buches „Wir lassen sie verhungern“ meint bewerten zu müssen, „der Vergangenheit verhaftet“, sondern eine weitere Bestandaufnahme in dieser mittlerweile anwachsenden Phalanx der Kritiker am bestehenden, sich krakenhaft ausbreitenden neoliberalen, ökonomischen System und eine überzeugende, engagierte Aufforderung, den notwendigen Perspektivenwechsel endlich einzuleiten, lokal und global.


Rezensent
Dipl.-Päd. Dr. Jos Schnurer
Ehemaliger Lehrbeauftragter an der Universität Hildesheim
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Zitiervorschlag
Jos Schnurer. Rezension vom 09.11.2012 zu: Jean Ziegler: Wir lassen sie verhungern. Die Massenvernichtung in der dritten Welt. C. Bertelsmann (München) 2012. ISBN 978-3-570-10126-1. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14063.php, Datum des Zugriffs 22.11.2017.


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