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Ingrid Kurz-Scherf, Alexandra Scheele (Hrsg.): Macht oder ökonomisches Gesetz?

Rezensiert von Prof. Dr. Brigitte Stolz-Willig, 31.10.2012

Cover Ingrid  Kurz-Scherf, Alexandra Scheele (Hrsg.): Macht oder ökonomisches Gesetz? ISBN 978-3-89691-903-8

Ingrid Kurz-Scherf, Alexandra Scheele (Hrsg.): Macht oder ökonomisches Gesetz? Zum Zusammenhang von Krise und Geschlecht. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2012. 313 Seiten. ISBN 978-3-89691-903-8. D: 27,90 EUR, A: 28,70 EUR.
Reihe: Arbeit, Demokratie, Geschlecht - Band 16, herausgegeben von Ingrid Kurz-Scherf, Lena Corell, Stefanie Janczyk, Tina Jung, Julia Lepperhoff, Clarissa Rudolph und Alexandra Scheele.

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Thema

Der Schock einer tiefgreifenden Wirtschafts- und Finanzkrise 2009/10 öffnete bis in die Leitartikel der bürgerlichen Presse das Fenster für eine grundlegende Kritik des herrschenden kapitalistischen Entwicklungsmodells. Nicht nur war die Frage nach der Erklärungskraft der Marxschen Theorie nicht länger ein Tabu, gefragt wurde ebenfalls nach der geschlechterpolitischen Bedeutung der krisenhaften Entwicklung. Mit der Frage „hätten die Lehmann Sisters es anders gemacht“? fokussierte die Kritik die männliche Hegemonie in den Sektoren der global agierenden Wirtschafts- und Finanzinstitutionen und ein als typisch männlich charakterisiertes Verhalten ungezügelter Gier und verantwortungsloser Risikobereitschaft.

Mittlerweile hat sich das Fenster der Kapitalismus- und Patriarchatskritik nicht nur wieder geschlossen, als verantwortlich für die Erschütterungen an den Finanzmärkten und in den nationalen Wirtschaften erscheinen heute überbordenden Schuldenregime und mangelnde Entschlossenheit zu einer strikten Konsolidierungspolitik insbesondere in den südeuropäischen Nachbarstaaten. Von einer Suche nach alternativen Entwicklungsoptionen einer sozial gestalteten und gesellschaftlich integrativ wirkenden Wirtschafts- und Sozialpolitik und einer Einschränkung der Macht der Finanzinstitutionen und ihrer Akteure sind wir gegenwärtig weit entfernt.

Feministische Debatten um die Zukunftsfähigkeit des herrschenden Wirtschafts- und Sozialmodells drohen in ermüdenden Kämpfen um eine bindende oder vielleicht doch lieber flexible Quote verschlissen zu werden und mit dem Streit um ein sogen. Betreuungsgeld ist das Anliegen einer modernen Geschlechterpolitik fürs Erste entsorgt.

Der vorliegende Band „Macht oder ökonomisches Gesetz“ , herausgegeben von Ingrid Kurz-Scherf und Alexandra Scheele kommt zur rechten Zeit, um den Zusammenhang von Krise und Geschlecht in einer theoretisch begründeten und politisch wirksamen Kritikperspektive zu beleuchten. Die Aufsätze des Sammelbandes machen deutlich, dass eine Analyse der ökonomischen und politischen Krisenprozesse unter einem geschlechtsspezifischen Aspekt mit Erkenntnisgewinnen verbunden ist, mit dem nicht nur die Ursachen und Mechanismen der Krise besser verständlich werden. Krisendiskurse und Krisenpolitiken ebenso wie die sozialen Auswirkungen einer Austeritätspolitik werden nach ihren geschlechterpolitischen Folgen befragt und in den Kontext einer feministisch orientierten Suche nach Reformperspektiven und Alternativen zum Status quo gestellt.

Autorinnen und Autoren

Der Sammelband basiert auf den 4. Marburger Arbeitsgesprächen zum Thema „(Männer)Macht oder Ökonomisches Gesetz? Zur (Un)möglichkeit von Alternativen in der Krise, nach der Krise, vor der Krise“, die von der Forschungs- und Kooperationsstelle GendA an der Philipps-Universität Marburg unter der Leitung der Herausgeberin Prof. Dr. Ingrid Kurz-Scherf konzipiert wurde und im Januar 2011 mit Unterstützung der Hans-Böckler-Stiftung und der Heinrich-Böll-Stiftung stattfand. Der Sammelband dokumentiert die Beiträge der Tagung, die vorwiegend von Hochschullehrerinnen aus den Fachbereichen Politikwissenschaft, Ökonomie und Sozialwissenschaften stammen, geht aber thematisch deutlich darüber hinaus. Hinzuweisen ist vor allem auf die informativen Beiträge aus Griechenland (Maria Karamessini) und Spanien (Christina Castellanos Serrano und Elvira Gonzales Gago) zu den geschlechtsspezifischen Aspekten der Krisenentwicklung und -politik.

Aufbau und Inhalte

Der Sammelband gliedert sich in drei thematische Blöcke.

Im ersten Block „Hat die Krise ein Geschlecht?“ sind Beiträge versammelt, die ausgehend von einer kritischen Analyse ökonomischer Theoriebildung (der Beitrag von Friederike Habermann) nach einer Konzeptionalisierung einer genderorientierten oder feministischen Ökonomie fragen (die Beiträge von Brigitte Young und Ingrid Kurz-Scherf). Zurückgewiesen wird der mediale Diskurs einer Naturalisierung der Krisenursachen, mit denen vermeintlich typisch männliche Charaktereigenschaften zur Erklärung herangezogen werden. Auch wenn die Forderung nach Beteiligung weiblicher Expertinnen in den Institutionen der Finanzwirtschaft und ganz allgemein die Kritik an einer Aushöhlung demokratischer Beteiligungs- und Entscheidungsverfahren (der Beitrag von Alexandra Scheele) nicht nachtrüglich genug vertreten werden kann, eine angemessene Analyse der Rolle der Finanzmärkte aus einer Genderperspektive muss darüber hinausgehen. Wie Brigitte Young mit ihrem Beitrag zeigt, basiert die strukturelle Macht der Finanzmarktakteure nicht zuletzt auch auf der diskursiven Hegemonie von Ideen,“ Wissen“, Normen und Werten, anders formuliert der “ Ausgrenzung alternativen Finanzwissens“ (43). Für die feministische Forschung leitet sie daraus die Notwendigkeit ab, sich stärker in Richtung der Makroökonomie zu bewegen und die darin verankerte Finanzmarktökonomie und Governance Strukturen mit der Genderperspektive zu verbinden.

Im zweiten Block „Zweitrundeneffekte – nach der Krise, in der Krise, vor der Krise?“ werden die Konsolidierungspolitiken in Deutschland und in ausgewählten europäischen Ländern allgemein und in ihren geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Wirkungen beschrieben. Helene Schuberth diskutiert die Konstruktionsmängel der Europäischen Währungsunion, die fehlende Koordinierung von Geld- und Fiskalpolitik, das Missverhältnis von supranationaler Geldpolitik und nationaler Finanzpolitik, das Fehlen steuerlicher Mindeststandards und gravierende Mängel einer Abstimmung der Geld- und Fiskalpolitik mit der Struktur- und Lohnpolitik – Konstruktionsmängel die, wiewohl offensichtlich, im politischen Management der Krise nicht angetastet werden. Unter Bezug auf Foucaults Diskursanalyse fragt Gabriele Michalitsch anschließend nach den fundamentalen Verschiebungen, die in der Diagnostik der Krisenursachen stattfinden – der Umdeutung der Finanz- und Wirtschaftskrise in eine Staats(Schuldenkrise) und eine Krise des Sozialstaats – und zeigt auf, wie mit der Verstetigung und Deutungsmacht neoliberaler Erklärungsansätze und Politiken Geschlechterungleichheiten zementiert und naturalisiert werden. Diana Auth entzaubert mit ihrem Beitrag den Mythos, wonach Deutschland die Krise gut und beispielhaft gemeistert hat. Nicht nur geht der (moderate) Beschäftigungsaufbau mit einer sozialen Spaltung zwischen (noch) abgesicherten Vollzeitbeschäftigten und GeringverdienerInnen und prekär Beschäftigten einher, sondern die Konsolidierungsmaßnahmen sind sozial selektiv gestaltet und betreffen vorrangig Langzeitarbeitslose und deren Familien. Kurzfristige Wachstums- und Beschäftigungsziele dominieren, während der Umbau zu einem sozial investiven, sozial inklusiven und damit zukunftsfähigen Wohlfahrtssystem ausbleibt. Einen interessanten Einblick in die geschlechtsspezifisch unterschiedlichen Wirkungen der Struktur und Verteilung von Steuer- und Abgaben liefert der Beitrag von Margit Schratzenstaller. Im Vergleich Deutschland/Österreich arbeitet die Autorin heraus, dass die Konsolidierungsmaßnahmen in Deutschland überwiegend negative Verteilungungswirkungen für Frauen haben, während dies in Österreich in geringerem Ausmaß der Fall ist. Wenn es noch einer Begründung für die Notwendigkeit von Gender Budgeting bedurft hätte, hier wird er geliefert. Trotz rechtlicher und politischer Verpflichtungen zur Analyse von Gleichstellungswirkungen in den nationalen Haushaltspolitiken durch EU Gremien kann jedoch von einer Umsetzung des Gender Budgeting weder in Deutschland noch in Österreich gesprochen werden.

Der letzte dritte Block fragt unter dem Titel „Alternativen denken“ nach feministisch inspirierten Ansätzen einer solidarischen Ökonomie, wobei theoretisch-konzeptionelle Überlegungen (die Beiträge von Eva Berendsen und Irene Dölling) ebenso berücksichtigt werden, wie praktische Ansätze und Projekte der Alternativökonomie (der Beitrag von Elisabeth Voß) Hervorzuheben ist der Beitrag und Lena Corell und Lena Schürmann, die das Instrument der Mikrokredite nach ihren geschlechterpolitischen Wirkungen untersuchen und deren Ambivalenz herausstellen. Bei fortbestehender geschlechtsspezifischer Segregation des Arbeitsmarktes und defizitärer sozialer Absicherung der Selbständigkeit im deutschen Sozialsystem können „Armutskarrieren“ von Frauen mit diesem Instrument kaum verhindert werden.

Alle Autorinnen des Sammelbandes stimmen darin überein, dass mit den aktuellen Krisendiskursen und -politiken soziale und geschlechtsspezifische Spaltungslinien neu entstehen und sich vertiefen. Unterschiede und Differenzen werden da sichtbar, wo es um die Frage nach Perspektiven und Alternativen geht. Während einige Autorinnen die Rolle von Sozialstaat und Sozialpolitik zur Stabilisierung und Bewältigung ökonomischer Krisenprozesse und als Garant gesellschaftlicher Modernisierung betonen, wird in anderen Beiträgen der Ausweg in einer radikalen Kritik an wirtschaftlichem Wachstum, erwerbsbezogener Integration und öffentlich organisierter Daseinsvorsorge gesehen. Neben dem Plädoyer für den Auf- und Umbau des deutschen Wohlfahrtsstaates hin zu einem investiven, an sozialen Bürgerrechten und Geschlechterdemokratie orientierten Sozialstaat steht beispielsweise der Beitrag von Irene Dölling, die für einen konzeptionellen Ansatz plädiert, der von „Nicht-Arbeit als Ausgangspunkt für einen neuen Vergesellschaftungsmodus ausgeht“ (284). Transformatorische Potentiale sieht sie weniger in den Veränderungen in der Erwerbssphäre, wie sie in einem Beitrag von Andreas Heilmann untersucht werden. Der Autor konstatiert Brüche in den traditionellen männlichen Arbeitspraktiken und (Familienernährer)biographien, aus denen sich Chancen für eine geschlechterübergreifende Interessenpolitik zur Durchsetzung von Ansprüchen auf „gute Arbeit“ ergeben könnten. Demgegenüber sieht Dölling in dem Festhalten an Erwerbsarbeit als organisierendem gesellschaftlichen Zentrum und Ausbau der öffentlichen Daseinsvorsorge ein „Fortschreiben der Dominanz des Ökonomischen“ /285/. Dölling räumt ein, dass es für die Privilegierung der Nicht-Arbeit als Grundlage einer sozial-ökologischen individuellen Lebensführung Voraussetzungen braucht: „Arbeitszeitverkürzungen, ein (bedingungsloses) Grundeinkommen, allgemein zugängliche Bildungsangebote sind elementare Voraussetzungen dafür“ (287). Voraussetzungen also, für die es mehr noch als einen starken Sozialstaat eine gesellschaftliche Akzeptanz und Durchsetzungsmacht und gesellschaftliche Akzeptanz braucht.

Abschließend wird von Silke van Dyk die Frage gestellt, worin die Schwäche der Kritik am finanzmarktgetriebenen Kapitalismus begründet liegt und wo Ansatzpunkte für ihre Vitalisierung liegen könnten. Unter Bezug auf Gramscis Hegemonietheorie zeigt sie auf, dass die populäre These von der Fähigkeit des Neoliberalismus, Kritik zu vereinnahmen und zur Stabilisierung zu nutzen, die Bedeutung von Kräfteverhältnissen und sich wandelnden Kompromissgleichgewichten unterschätzt. In den weltweit sich ausbreitenden Sozialprotesten sieht sie Vorzeichen einer Destabilisierung, gleichwohl berge die „utopische Leerstelle“ (303) der Kritik die Gefahr, dass die Proteste über eine moralische Anklage nicht hinausweisen. Dass ein kapitalismuskritisches Projekt dabei gefordert ist, die Verkürzungen und Verzerrungen aufzuarbeiten, die mit der Ignoranz gegenüber androzentrischen Herrschafts- und Machtstrukturen in Wirtschaft und Politik verbunden sind, darauf weist Ingrid Kurz-Scherf in ihrem einleitenden Plädoyer für eine eigensinnige feministische Kritik der Politischen Ökonomie nachdrücklich hin.

Fazit

Mit der vorliegenden Veröffentlichung wird ein eindrucksvolles Spektrum ökonomisch-politischer Reflektionen der gegenwärtigen Krise und ihrer politisch-medialen Erzählung dargelegt. Die mit einem geschlechtertheoretischen und -politischen Wissen ausgestattete Analyse der behaupteten ökonomischen Sachzwänge, ihres Managements und der sozialen Folgen öffnet eine Kritikperspektive, deren Bedeutung weit über das Feld der Geschlechterforschung hinausweist. Als Lektüre zu empfehlen folglich für Studierende und Lehrende an Fachbereichen der Ökonomie, Politik und Sozialwissenschaft wie für Akteure im Bereich der Politik und der Sozialen Bewegungen.

Rezension von
Prof. Dr. Brigitte Stolz-Willig
Fachhochschule Frankfurt/Main, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit
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Es gibt 8 Rezensionen von Brigitte Stolz-Willig.

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Zitiervorschlag
Brigitte Stolz-Willig. Rezension vom 31.10.2012 zu: Ingrid Kurz-Scherf, Alexandra Scheele (Hrsg.): Macht oder ökonomisches Gesetz? Zum Zusammenhang von Krise und Geschlecht. Verlag Westfälisches Dampfboot (Münster) 2012. ISBN 978-3-89691-903-8. Reihe: Arbeit, Demokratie, Geschlecht - Band 16, herausgegeben von Ingrid Kurz-Scherf, Lena Corell, Stefanie Janczyk, Tina Jung, Julia Lepperhoff, Clarissa Rudolph und Alexandra Scheele. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14067.php, Datum des Zugriffs 20.04.2024.


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