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Jochen Peichl: Hypno-analytische Teilearbeit

Cover Jochen Peichl: Hypno-analytische Teilearbeit. Ego-State-Therapie mit inneren Selbstanteilen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2012. 284 Seiten. ISBN 978-3-608-89128-7. D: 28,95 EUR, A: 29,80 EUR, CH: 38,90 sFr.

Reihe: Leben lernen - 252.
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Thema

Jochen Peichl stellt in diesem Band seine eigenständige Verbindung zwischen Psychoanalyse, Ego-State-Therapie und Hypnotherapie dar.

Der Autor

Jochen Peichl ist Mediziner und ausgebildeter Psychoanalytiker. Als Oberarzt an der Klinik für Psychotherapie und Psychsomatik am Klinikum Nürnberg hat er in vielen Berufsjahren aus seinen Erfahrungen in der Behandlung traumatisierter Menschen seine Behandlungspraxis entwickelt. Neben seiner Praxis haben seine Weiterbildungen in Ego-State-Therapie, systemischer Therapie und Hypnotherapie zu seinem komplexen Theorie- und Behandlungsansatz geführt, den er in diesem Band vorstellt.

Aufbau

Jochen Peichl stellt in großen Kapiteln die Theorien und Behandlungsansätze vor, die ihn wissenschaftlich und klinisch-praktisch geprägt haben und die in sein komplexes Modell eingeflossen sind. Zu Beginn jedes Kapitels begleiten kurze transkriptähnliche Dialog- und Kommentarpassagen eine (fiktive?) Patientin „Paula“ während ihrer Behandlung und illustrieren damit Schwerpunkte des jeweiligen Kapitels.

Inhalt

Im ersten Kapitel führt Peichl in Modelle ein, die von einer „Polyphonie des Selbst“ ausgehen. Angefangen von Freud bis zur Neo-Dissoziationstheorie (Hilgard) stellt Peichl kurz die wichtigsten Ansätze vor.

Ausführlicher beschäftigt sich dann Kapitel 2 mit dem Modell der Ego-State-Therapie von John und Helen Watkins (vgl. die kürzlich erschienene Rezension), in dem das Ehepaar Watkins die spezielle psychoanalytische Position von Paul Federn mit weiterentwickelten klassischen Hypnosekonzepten (Janet / Hilgard) verbindet.

Kapitel 3 beschäftigt sich mit Ich-Zuständen betrachtet im Licht neurobiologischer Erklärungen.

Im 4. Kapitel erweitert Peichl bereits das Modell der Ego-States von Watkins. Ausgehend von Watkins Fragestellung: „wann bilden sich Ego-States?“ geht Peichl von verschiedenen Ebenen aus, die unterschiedliche Grade an Anpassungsschwierigkeiten von Menschen beschreiben:

Zunächst beschreibt er, wie sich auch bei einer unproblematischen Entwicklung eines Kindes aus der Spannung zwischen eigenen Bedürfnissen und den Forderungen und Anforderungen der Umgebung innere Selbstanteile bilden können. Dies verdeutlicht er am Modell der Lebenskrisen von Erikson. Weiterhin setzt er die 13 verschiedenen Persönlichkeitsstile, wie sie in der Beschreibung der Persönlichkeitsstörung der DSM-IV eingegangen sind, in Bezug zu möglichen dominanten Selbstanteilen, denen Peichl eingängige Bezeichnungen verleiht („der zwanghafte Perfektionist“, „der sich Aufopfernde“).

Ausgehend von der psychoanalytischen Theorie diskutiert Peichl, welche Introjektion sozusagen „normal“ und adaptiv, welche maladaptiv bzw. traumatisch sind. Ausgehend von der Theorie der strukturellen Dissoziation (Nijenhuis) beschreibt Peichl, wie adaptive Introjektion die Stimme des Gewissens erzeugt, wie maladaptive Introjektion innere Verfolger und Kritiker hervorbringen kann und zu Selbstentwertung führt. Ausführlich schildert er, wie traumatische Introjektion mit Täterintrojekt als Überlebensstrategie momentan hilfreich, auf Dauer aber Menschen vom Leben abschneidet und belastet.

Ausgehend von Claire Fredericks Veröffentlichungen erweitert Peichl das Watkins?sche Modell um pathologische Bindung als Ursache für die Entstehung von Ego-States.

Das 5. Kapitel widmet sich der Dissoziation und der Infragestellung des Watkins?schen Differenzierungs-/Dissoziations-Kontinuums. Dissoziation ist nicht einfach ein „mehr“ an Differenzierung. Hier findet Peichl Konzepte wie „Detachment“ und „Kompartmentierung“ überzeugender.

Das 6. Kapitel beschäftigt sich mit der Rolle des „Selbst“ im Verhältnis zu den inneren Selbstanteilen und Jochen Peichl diskutiert verschiedenen Theorien dazu, unter anderem auch neurobiologische Sichtweisen.

Das 7. Kapitel stellt hypno-systemische Ansätze der Arbeit mit inneren Selbstanteilen in den Mittelpunkt. Zunächst erläutert Peichl die Erweiterung des psychoanalytische klassisch begrenzten Therapieraums durch die systemische Therapie auf das soziale Netzwerk der Patient_innen.

Aus systemischen Anregungen stammt auch eine weitere Erweiterung der Watkins?schen Ego-State-Therapie: Neben Gilligan/Schmidt mit ihrem Konzept der „Problemtrance“ sind es vor allem die Arbeiten Wolinskys, die Peichl dazu führen, auch von destruktiven inneren Selbstanteilen auszugehen. Er kritisiert die therapeutische Praxis innere Selbstanteile stets in ihrer positiven und Schutzfunktion zu würdigen und betont, wie schädlich bestimmte Selbstanteile in der Gegenwart wirken können.

In Fortführung seiner Diskussion des „Selbst“ betrachtet Peichl im 8. Kapitel des Modell des „inneren Beobachters“ als integrierende und Verantwortung übernehmende Instanz und Hilfe in der Therapie. Ergänzt wird diese Denkfigur durch das „Steuerungsselbst“ aus neurobiologischer Sicht.

Im Kapitel 9 legt Peichl dann sein Modell der Entstehung traumatischer Ich-Zustände dar. Er beschreibt 4 Arten der strukturellen Dissoziation und gibt therapeutische Hinweise.

Kapitel 10 beschäftigt sich mit der Rolle von Übertragung und Gegenübertragung in der Therapie innerer Selbstanteile. Idealtypisch konstruiert Peichl bestimmte Stile und Einstellungen von Therapeut_innen und zeigt die jeweiligen Fallstricke in der Therapie auf.

Eine kurze Zusammenfassung des Buches (auf knapp 2 Seiten) sowie eine lange Literaturliste schließen den Band ab.

Fazit und Zielgruppe

Wie auch in seinen vorherigen Veröffentlichungen zeigt sich Peichl als sehr belesener Theoretiker und versierter Praktiker. Er verbindet unterschiedliche Schulen, Traditionen, Theorien und klinische Praxen im Dienste der Verbesserung des Schicksals traumatisierter Menschen.

Beeindruckend ist die Frische, mit der Peichl klassische Modelle beibehält und ihre Erweiterung durch und Integration mit neuen und kritischen Ansätzen weiter treibt.

Das Fallbeispiel „Paula“ erscheint mir – im Gegensatz zu Fallbeispielen in früheren Büchern des Autors – etwas fiktiv und konstruiert, aber die theoretische Diskussion im Band spannend, fundiert und fruchtbar. An vielen Stellen sind die Gedanken in hilfreiche Schemata, Diagramme und illustrierende Zeichnungen übersetzt, was ich als unterstützende Auflockerung empfunden habe.

Sicher stellt dieser Band wegen der Fülle der vorgestellten Ansätze keine Einführung in die Therapie der inneren Selbstanteile dar. Wer sich in diesem Feld jedoch auskennt, findet hier eine anregende Diskussion mit zahlreichen fruchtbaren Querverweisen.


Rezensentin
Prof. Dr. Lilo Schmitz
Ethnologin und Dipl. Sozialpädagogin
Hochschule Düsseldorf, Lehrgebiet Methoden der Sozialarbeit am Fachbereich Sozial- und Kulturwissenschaften
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Zitiervorschlag
Lilo Schmitz. Rezension vom 02.01.2013 zu: Jochen Peichl: Hypno-analytische Teilearbeit. Ego-State-Therapie mit inneren Selbstanteilen. Klett-Cotta Verlag (Stuttgart) 2012. ISBN 978-3-608-89128-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14068.php, Datum des Zugriffs 16.11.2019.


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ISSN 2190-9245

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