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Fran Osrecki: Die Diagnosegesellschaft

Cover Fran Osrecki: Die Diagnosegesellschaft. Zeitdiagnostik zwischen Soziologie und medialer Popularität. transcript (Bielefeld) 2011. 377 Seiten. ISBN 978-3-8376-1656-9. 29,80 EUR, CH: 43,90 sFr.

Reihe: Sozialtheorie.
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Thema

Osrecki führt in seinem Werk „Die Diagnosegesellschaft“ aus, wie die Zeitdiagnosen entstanden und warum diese besonders in der Soziologie verbreitet sind. Der Autor möchte aufzeigen, dass Zeitdiagnosen sich an medialen Kriterien orientieren und trotzdem als fachinterne Kommunikation wahrgenommen und nicht lediglich als Bestandteil medialer Diskurse der Gesellschaftsdeutung gesehen werden. Primär verfolgt die Arbeit das Ziel zu analysieren, was Zeitdiagnosen als Genre auszeichnet.

Aufbau und Inhalt

Osrecki gliedert seine Arbeit in drei umfangreiche Kapitel. Dabei stellt er im ersten die Genealogie der Zeitdiagnostik, anschließend die Struktur soziologischer Zeitdiagnosen dar, was dann in seiner Darlegung einer Wissenssoziologie der Zeitdiagnostik kulminiert.

Um die Genealogie der Zeitdiagnostik nachzuvollziehen, wird zunächst die Rolle des Soziologen als öffentlicher Intellektueller geklärt und die adressierte Öffentlichkeit aufgezeigt, bevor die Zeitdiagnose als Genre der Soziologen mit Anspruch auf öffentliche Wirksamkeit präsentiert wird.

Die Relevanz des Themas begründet Osrecki einerseits im Desiderat einer trennscharfen Definition von Zeitdiagnosen. Andererseits erfordere die von Michael Burawoy angestoßene Public Sociology Debatte eine Klärung der Rolle der Soziologie und des Soziologen in der Öffentlichkeit, da Burawoy gerade soziologische Zeitdiagnosen als öffentlich wirksame Soziologie ansehe.

Mit der Vorstellung der Zeit als Fortschritt wird im 18 Jhd. die Gegenwart unsicher und die Frage nach dem veränderten Morgen wird vielfach diskutiert. Ob die Gegenwart von einem bestimmten Zeitgeist geprägt ist und in welchem Zustand die Gesellschaft sich befindet ist, wird v. a. durch diese gewandelte Zeitvorstellung relevant und durch die neuen öffentlichen Intellektuellen zum Thema der bürgerlichen Öffentlichkeit. Mit einem Blick in die Geschichte der Disziplin verdeutlicht Osrecki, dass die (europäische, besonders die deutsche historische) Soziologie zunächst ein krisendiagnostisches Unterfangen war, welches in der Konkurrenz mit auf exklusivem Fachwissen beruhenden Großtheorien (Bsp. Strukturfunktionalismus) ins Hintertreffen geriet.

Osrecki folgert, dass die modernen Zeitdiagnosen deswegen eben keine Theoriealternativen sind, sondern eine eigenständige Kommunikationsform und als solche zu untersuchen. Fraglich ist hierbei, ob sie wissenschaftlicher oder massenmedialer Kommunikation zuzurechnen sind.

Für eine Analyse des Genres Zeitdiagnose wählt der Autor David Riesmans The Lonely Crowd (1951), Daniel Bells The Coming of Postindustrial Society (1973), Neil Postmans Amusing Ourselves to Death (1985), Ulrich Becks Risikogesellschaft (1986) und Richard Sennetts The Corrosion of Character (1999) aus.

Dieses Sample wird dann in drei Sinndimensionen sozialen Wandels, die Sach-, Zeit- und Sozialdimension, eingeteilt. Anschließend werden die Zeitdiagnosen daraufhin untersucht, welche Argumente sie in der jeweiligen Sinndimension anführen. Osrecki geht dabei davon aus, dass die verschiedenen Topoi der Argumentation prinzipiell austauschbar seien.

Die Sachdimension in den untersuchten Zeitdiagnosen zeichnet sich dadurch aus, dass oft auf sozialen Teilgebieten beobachtbare Veränderungen als Gesamtveränderungen der Gesellschaft gedeutet werden. Die analysierten Veränderungen werden zumeist als Epochenbrüche charakterisiert, so dass die Autoren ihrer Leserschaft „etwas ganz Neues? präsentieren.

Die Zeitdimension bezieht sich auf die Frage, für wann Zeitdiagnosen sozialen Wandel postulieren, also das Verhältnis von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, das in Zeitdiagnosen entfaltet wird. Dazu stellt Osrecki fest, dass Zeitdiagnosen immer behaupten, der soziale Wandel passiere genau jetzt, in diesem Augenblick. Deswegen wird oftmals ein Bruch zwischen Vergangenheit und Gegenwart postuliert. Auch schrumpft die Gegenwart zusammen auf einen Moment in dem entweder gerade über die Zukunft entschieden wird oder bereits entschieden wurde und nun nur noch eine Folgenabschätzung übrig bleibe.

In der Betrachtung der Sozialdimension geht es darum, wie die bestehenden Selbstdeutungen der Gesellschaft mit den zeitdiagnostischen Befunden zusammen gebracht werden. Einerseits kann man anderen Beobachtern der Gesellschaft ein falsches Bewusstsein unterstellen, wonach ihre Ideologien dafür sorgen, dass sie den Wandel nicht sehen können. Andererseits ist es möglich das Neue als das bereits alltäglich Gewordene zu erklären, dass deswegen nicht mehr auffällt. Letztendlich müssen Zeitdiagnostiker immer erklären warum sie die ersten sind, die sozialen Wandel beobachten und in Worte fassen und warum andere eine davon abweichende Weltsicht haben.

Nachdem die genrespezifischen Strukturen mithilfe einer funktionalistisch reformulierten Gattungsanalyse herausgestellt wurden, nutzt Osrecki sie zur Abgrenzung der Zeitdiagnose von Gesellschaftstheorien.

Dabei untersucht er, ob in Zeitdiagnosen und Gesellschaftstheorien bzgl. der drei Sinndimensionen sozialen Wandels die gleichen Topoi und Bezugsprobleme auftauchen. Die Gesellschaftstheorien, die er zum Vergleich heranzieht, sind Habermas? Interpretation historisch sozialen Wandels als Trennung von System und Lebenswelt und diejenige Luhmanns, der von einer Veränderung der Prinzipien der Systemdifferenzierung von Gesellschaften ausgeht.

Definierten Zeitdiagnostiker in der Zeitdimension oft einen radikalen Bruch, so attestieren Gesellschaftstheoretiker immer eine Verschränkung von Altem und Neuem, ein Hinzukommen neuer Möglichkeiten.

In der Sachdimension steht das zeitdiagnostische Argument, wonach ein soziales Teilsystem den Wandel der Gesamtgesellschaft einläutet dem gesellschaftstheoretischen gegenüber. Letzteres hebt abstrakte Prinzipien die Gesamtgesellschaft umkrempeln hervor, die keinem ihrer Teile exklusiv zuzuordnen sind.

In der Sozialdimension benennen Zeitdiagnostiker oftmals die Fronten neuer sozialer Konflikte und deren soziale Trägergruppen. Gesellschaftstheoretiker stehen hingegen alleine, ohne jemanden in der Gesellschaft der ihre Ideen versteht und berücksichtigt. Ihre Theorie ist von morgen und im Hier und Jetzt finden sich keine sozialen (Kollektiv-)Kräfte, die man zu ihrer Plausibilisierung heranziehen könne.

Sind Gesellschaftstheorien zuvorderst fachinterne Kommunikation, so entscheide sich laut Osrecki der Erfolg von Zeitdiagnosen in den Massenmedien. Sie vermögen es jedoch nicht ihren Anspruch auf Orientierung der Öffentlichkeit einzulösen. Mit der Entstehung der Massengesellschaft und der Bildungsexpansion entstehe eine heterogene Öffentlichkeit. Diese Heterogenität führe aber dazu, dass, selbst wenn es das Ziel der Zeitdiagnostiker ist, die Öffentlichkeit anzusprechen, dieses Ziel gar nicht erreichbar wäre. Die „vermasste“ Öffentlichkeit bestehe nämlich nicht aus einer gleichförmig gebildeten Bürgerschaft, sondern aus lauter Personen mit unterschiedlichen spezialisierten beruflichen und privaten Hintergründen. Dieses Publikum kann inhaltlich gar keine qualifizierten Urteile über öffentlich gemachte zeitdiagnostische Argumente abgeben. Somit unterbleibt auch eine öffentliche Debatte um deren orientierenden Gehalt. Ein generelles Urteil kann sich deswegen nur auf den Neuigkeitswert der zeitdiagnostischen Argumente richten. Dies ist aber ein eindeutiges Bewertungskriterium massenmedialen Journalismus“. Soziologen, die nach öffentlicher Wirksamkeit strebten, müssten sich nach den kommunikativen Spielregeln der Massenmedien richten. Dabei würden sie unweigerlich zu sogenannten Medienintellektuellen.

Schlussendlich, stellt Osrecki fest, lebten wir in einer Diagnosegesellschaft, einer Gesellschaft die immer wieder sich selbst zum Thema macht, ihr Woher und Wohin deutet. Die Wertung von Zeitdiagnosen als fachinterne Beiträge beweise, dass die Soziologie sich nicht von öffentlichen Diskursen emanzipiert hat. Immer noch möchten ihre Vertreter die öffentliche Aushandlung des Gesellschaftsbildes mitgestalten. Wichtig sei, Zeitdiagnosen nicht mit Gesellschaftstheorien zu verwechseln sondern die jeweils eigenen Leistungen der unterschiedlichen Genres anzuerkennen.

Diskussion und Fazit

Osreckis Ausführungen zu (öffentlichen) Intellektuellen nehmen leider nicht die ganze Bandbreite aktueller Diskussionen auf. Auch könnte seine Darstellung der Public Sociology differenzierter sein. Die Gleichsetzung von Soziologen die Zeitdiagnosen verfassen, und öffentlichen Intellektuellen bzw. Medienintellektuellen kann ebenfalls bezweifelt werden. Nichtsdestotrotz ist ihm zuzustimmen, wenn er feststellt, dass durch die Adressierung der Öffentlichkeit sich Soziologen den Zwängen massenmedialer Kommunikation unterwerfen.

Sein eigentliches Ziel, die beiden Genres Zeitdiagnose und Gesellschaftstheorie mit seinem methodischen Instrumentarium gezielt zu analysieren und zu unterscheiden erreicht Osrecki. Einige seiner Aussagen über das Verhältnis von Zeitdiagnose und Gesellschaftstheorie und auch zu den Leistungen der Zeitdiagnose für die Gesellschaft sind ähnlich bereits bei Manfred Prisching (Modelle der Gegenwartsgesellschaft 2003: 153ff.) zu finden, der diese aber – im Gegensatz zu Osrecki- eben nicht auf eine methodisch begründete Genreanalyse zurückführt. Da diese Analyse zunächst an den zugrunde gelegten Fällen entfaltet wurde, wird sie ihre Tragfähigkeit und Trennschärfe noch im Transfer auf andere Zeitdiagnosen und Gesellschaftstheorien beweisen müssen.

Von großem Interesse ist dieses Werk für alle diejenigen, die an einer Methode der wissenssoziologischen Textgattungenanalyse interessiert sind und für alle Soziologen, die begründet zwischen Zeitdiagnosen und Gesellschaftstheorien unterscheiden wollen.


Rezension von
David Kreitz
M.A., Mitarbeiter der Zentralen Einrichtung für Qualitätsentwicklung in Studium und Lehre an der Universität Hannover. Freiberuflicher Schreibberater und Schreibtrainer, Mitherausgeber der Zeitschrift JoSch – Journal der Schreibberatung und der Reihe „Theorie und Praxis der Schreibwissenschaft“.
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Zitiervorschlag
David Kreitz. Rezension vom 26.02.2013 zu: Fran Osrecki: Die Diagnosegesellschaft. Zeitdiagnostik zwischen Soziologie und medialer Popularität. transcript (Bielefeld) 2011. ISBN 978-3-8376-1656-9. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14071.php, Datum des Zugriffs 21.10.2020.


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