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Michael Schulz, Christian Burr u.a. (Hrsg.): Recovery in der Praxis

Cover Michael Schulz, Christian Burr, Andréa Winkler, Gianfranco Zuaboni (Hrsg.): Recovery in der Praxis. Voraussetzungen, Interventionen, Projekte. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2013. 240 Seiten. ISBN 978-3-88414-556-2. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.

Reihe: Fachwissen.
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Thema

Das Wort Recovery kann man im Deutschen mit Begriffen wie Genesung, Besserung, Erholung oder Wiedergewinnung umschreiben. Recovery steht für eine Bewegung von Psychiatrie-Erfahrenen, die, ausgehend vom englischen Sprachraum, seit Anfang der Neunzigerjahre des vergangenen Jahrhunderts für eine andere Wahrnehmung psychischer Krankheit, insbesondere der Schizophrenie kämpfen. Recovery betont hierbei das Prozesshafte an einem persönlichen Weg in ein befriedigendes, hoffnungsvolles und konstruktives Leben trotz der Einschränkungen durch die Krankheit. Die Krankheit wird als Teil der Person begriffen, welche sich durch und mit der Krankheit bewegt.

Entstehungshintergrund

Die Buchbeiträge beruhen im Wesentlichen auf Vorträgen des ersten Internationalen Psychiatriekongresses zu „Seelischer Gesundheit und Recovery“, der im März 2012 in Bern stattfand. Darüber hinaus wurden auch Recovery-Experten angefragt, die nicht an der Tagung teilgenommen haben.

Herausgeber und Herausgeberin

  • Christian Burr ist Bereichsleiter Pflege und Pädagogik bei den Universitären Psychiatrischen Diensten (UPD) in Bern,
  • Michael Schulz ist an der Fachhochschule der Diakonie in Bielefeld Professor für Psychiatrische Pflege und Herausgeber der Zeitschrift „Psychiatrische Pflege heute“,
  • Andréa Winter arbeitet in den UPD Bern als Betroffenenvertreterin und Übersetzerin und
  • Gianfranco Zuaboni ist Psychiatriepfleger und Pflegewissenschaftler. Er leitet die Abteilung Pflege- Entwicklung im Sanatorium Kilchberg bei Zürich.

Aufbau

Das Buch ist in fünf Abschnitte gegliedert:

  1. Grundsätzliches
  2. Veränderungsvoraussetzungen
  3. Praxiskonzepte
  4. Erfahrung und Evaluation und
  5. Visionen.

Zu Wort kommen nationale und internationale Psychiatrieerfahrene, Forscher und Praktiker. Besonders viele Experten kommen aus dem Bereich Pflegewissenschaften.

Ausgewählte Inhalte

Aus den zahlreichen Beiträgen sei hier eine Auswahl dargestellt:

Zu Beginn kommt eine der Protagonistinnen der Recovery-Bewegung, Patricia Deegan, zu Wort. Sie wurde im Alter von 17 Jahren mit Schizophrenie diagnostiziert und vermisste zunächst schmerzlich hoffnungsvolle Botschaften und Rollenmodelle. Für Fachleute sei es nicht einfach, an die Hoffnung auf Genesung zu glauben, diese zu vermitteln und die „Abnutzungserscheinungen“ des eigenen Mitgefühls in Supervisionen ehrlich zu thematisieren. Hier können selbstbewusste Peers, d.h. Menschen, die sich offen zu ihrer Psychiatrieerfahrung bekennen, eine ganz wichtige Rolle übernehmen. In ihrem eigenen Genesungsprozess habe die beharrliche, unaufdringliche und hoffnungsvolle Unterstützung durch ihre Großmutter eine ganz besondere Bedeutung gehabt.

Im Beitrag von Larry Davidson wird betont, welche Herabsetzung mit einer eindimensionalen Beziehungsgestaltung verbunden ist, in der ein Part (der Psychotherapeut) auf lange Sicht alleinig für das Geben und der andere Part (der Patient) nur für das Nehmen zuständig ist. Geben und Nehmen seien erforderlich, damit Patienten mit schweren psychischen Erkrankungen sich wieder wie wertvolle Menschen fühlen, die anderen Menschen etwas Wertvolles bieten können. Erste Strahlen zurückkehrender Kraft sollten von Betreuenden mit großem Eifer erfasst und zärtlich gehegt werden. Besonders wichtig sei es auch, zu akzeptieren, dass Menschen mit schweren psychischen Erkrankungen ihre eigenen Entscheidungen treffen. Hierzu gehört auch das Eingehen von Risiken.

An mehreren Stellen wird diskutiert, ob es sich beim Recovery-Ansatz wirklich um etwas Neues handelt. Geschichtliche Wurzeln, wie zum Beispiel die „Irren-Offensive“ der 80er Jahre werden dargestellt und verwandte Konzepte werden ausgeführt: Psychoedukation, Psychoseseminare, Trialog, Empowerment, soziale Inklusion, Coaching und motivierende Gesprächsführung. Mit dem BE-GO-GET-Programm werden Weiterentwicklungen von Psychoedukationsprogrammen im Hinblick auf Recovery und erste Evaluationsergebnisse dargestellt.

Der Beitrag von Peter Lehmann hebt deutlich hervor, dass angesichts der erheblich verminderten Lebenserwartung von Menschen mit Schizophrenie Gesundheitsthemen noch nicht die notwendige Beachtung finden, insbesondere angesichts der Tatsache, dass die Risiken für Diabetes und Herzerkrankungen, die sich aus den Nebenwirkungen von Neuroleptika ergeben, nur so ungenügend thematisiert werden, dass man den Verdacht gewinnen kann, dass finanzielle Interessen der Pharmaindustrie dominieren.

Durch die Beiträge des vorliegenden Buches wird auch deutlich, dass die Recoverybewegung inzwischen zu zahlreichen neuen Ansätzen geführt hat:

Gianfranco Zuaboni und Michael Schulz stellen ein Schulungsmanual für Fachkräfte vor, das zunächst in Schottland entwickelt wurde und ins Deutsche übersetzt wurde; dieses Fortbildungsprogramm zielt (u.a.) darauf ab, Recovery zu verstehen, sich selbst einzubringen, Peer Unterstützung zu ermöglichen, personenzentriert zu arbeiten, die Risikobereitschaft zu erhöhen und soziale Inklusion zu fördern. Gianfranco Zuaboni und Bettina Werder schildern ein Projekt, das mit Peermitarbeitern die Qualität der Akutbehandlung im Sanatorium Kilchberg weiterentwickelt; ein weiteres, ähnlich gelagertes Projekt wird von der psychiatrischen Station Lüthi vorgestellt. Im Ergebnis dieser Projekte wurde z.B. die Ansprechbarkeit des Personals erhöht, Professionelle änderten ihre Haltung und schauten mehr auf den Menschen als auf die Symptome, Gruppengespräche wurden auch von Betroffenen geleitet, die Wahlfreiheit im Behandlungsprogramm nahm zu und Betroffene erlebten mehr Respekt. Allerdings fehlt es jedoch nach wie vor an der systematischen Verankerung von Vertretungen der NutzerInnen und Angehörigen im Qualitätsmanagement.

Alice Medilia stellt in ihrem Beitrag aus den USA die Anforderungen an Recoverytrainer vor: dies sind professionelle Spezialisten, die bei Bedarf hinzugezogen werden, um in der Lebenswelt der Patienten Unterstützung anzubieten. Recoverytrainer sind jedoch keine Peer-Berater.

Anna Hegedüs und Regine Steinauer hingegen schreiben über den Weiterbildungsstudiengang „Experienced Involvement EX-IN“, der Psychiatrie-Erfahrene für verschiedene Tätigkeiten in Selbsthilfe, Betroffenenvertretung, Qualitätssicherung und Öffentlichkeitsarbeit qualifiziert.

Im letzten Buchabschnitt wird unter anderem eine preisgekrönte portugiesische Antistigma Kampagne (Encontrar+se) mit Videos, Plakaten, Musik bekannter portugiesischer Bands, Projekten an Schulen und Aktivitäten im Internet vorgestellt.

Diskussion

Je nach Interesse wird der Leser unterschiedliche Beiträge des Buches als besonders ansprechend empfinden, manche sind sehr einfach und anschaulich geschrieben, andere sind – ohne übertrieben in einen Fachjargon zu verfallen - wissenschaftsorientiert und verweisen stärker auf Forschungsinstrumente (Fragebögen, statistische Auswertungen) und Forschungsmethoden. Ich habe das Buch aus der Perspektive einer Hochschullehrerin betrachtet. Ich fühlte mich durch einige Beiträge sehr inspiriert; manches wiederholte sich allerdings auch in verschiedenen Beiträgen oder war nicht ganz neu. Sehr anschaulich waren einige Stimmen Psychiatrieerfahrener sowie die Darstellung der Projekte zur Veränderung der Organisation und der Haltungen auf psychiatrischen Stationen. Hingegen hätte ich mir bei den interessanten Schulungsunterlagen für Fachkräfte (Realising Recovery Learning Material und Recovery Training Programm) und für Psychiatrie-Erfahrene (EX-IN) eine noch ausführlichere inhaltliche Darstellung, evtl. auf Kosten der recht umfangreich thematisierten Evaluationsergebnisse gewünscht, insbesondere, da das Buch ja Recovery in der Praxis heißt.

Fazit

Das Buch macht deutlich, wie die Recovery Bewegung international an Fahrt gewinnt und welche Möglichkeiten konkret in der Praxis bestehen; wie die Hoffnung auf Genesung und die Suche nach einem erfüllten Leben für Menschen unterstützt werden kann, die sich mit der Diagnose Schizophrenie und ihren Folgen auseinandersetzen müssen. Zugleich werden Chancen eröffnet, die Recoverybewegung weiter zu entwickeln und in einer sozialwissenschaftlich orientierten Forschung den Recovery Ansatz beherzt aufzugreifen.


Rezensentin
Prof. Dr. Annemarie Jost
Professorin für Sozialmedizin an der Brandenburgischen Technischen Universität Cottbus - Senftenberg, Campus Cottbus Sachsendorf
Homepage www.b-tu.de/fg-sozialpsychiatrie/
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Zitiervorschlag
Annemarie Jost. Rezension vom 26.07.2013 zu: Michael Schulz, Christian Burr, Andréa Winkler, Gianfranco Zuaboni (Hrsg.): Recovery in der Praxis. Voraussetzungen, Interventionen, Projekte. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2013. ISBN 978-3-88414-556-2. Reihe: Fachwissen. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14074.php, Datum des Zugriffs 25.11.2017.


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