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Silke Birgitta Gahleitner, Gernot Hahn u.a. (Hrsg.): Psychosoziale Diagnostik

Cover Silke Birgitta Gahleitner, Gernot Hahn, Rolf Glemser (Hrsg.): Psychosoziale Diagnostik. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2012. 202 Seiten. ISBN 978-3-88414-552-4. D: 29,95 EUR, A: 30,80 EUR.

Reihe: Klinische Sozialarbeit - Beiträge zur psychosozialen Praxis und Forschung - 5.
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Thema

Diagnostik ist ein integraler Bestandteil des Hilfeprozesses. In seinem Kontext wird die Problemlage der Klienten analysiert, eine fachliche Beurteilung der vorliegenden Symptome und des Störungsbildes/ der Problemlage vorgenommen sowie die Interventionsstrategien bzw. der Hilfebedarf bestimmt. Für die Kostenträger bildet das Ergebnis der Diagnostik die Legitimation zur Hilfefinanzierung. Fachlich wird Diagnostik häufig dominiert von Konzepten und Methoden der Medizin und der Psychologie. Aus diesen Fachwissenschaften – die Medizin bildet dabei die historischen Wurzeln der Diagnostik – stammen Vorstellungen von Krankheit und Gesundheit, diagnostische Systeme von Krankheits- und Störungsbildern (z.B. die International Classification of Disease, ICD 10), Prozessmodelle zur Durchführung einer professionellen Diagnostik und diagnostische Methoden.

Psychosoziale Diagnostik geht von den Praxiserfordernissen der Sozialarbeit (und verwandter pädagogischer Berufe) aus und formuliert in Abgrenzung zu den Bezugswissenschaften Medizin und Psychologie eigenständige Konzepte, Prozessmodelle und Methoden. Dabei gilt es praxisnah und praxistauglich Standards für eine professionelle Durchführung Psychosozialer Diagnostik zu formulieren. Ausgangspunkt hierfür bildet eine eigenständige transdisziplinäre Kompetenz und eine sozialarbeiterische Berufsidentität.

Entstehungshintergrund

Das Lehrbuch, herausgegeben als fünfter Jahresband der Reihe Klinische Sozialarbeit, entstand als eine Kooperation von namhaften Hochschuldozentinnen und -dozenten mit Berufspraktikerinnen und -praktikern. Es liefert Grundlagenwissen zum Stand der Psychosozialen Diagnostik, zu Diagnosemethoden und der zielgruppenspezifischen Umsetzung. Als Basis wird die ganzheitliche Sicht auf die „Person im Kontext″ (person in environment – Konzept) genommen und das Ziel der Berücksichtigung individueller, sozialer, psychischer, medizinischer, ökonomischer und politischer Aspekte in ihrer wechselseitigen Beeinflussung verfolgt. In dieser Arbeit hat sich Psychosoziale Diagnostik zwischen den stärker klassifizierenden kategorialen Ansätzen und den rekonstruktiv, fallverstehenden Verfahren zu verorten. Als Anforderung aus der Praxis will es dem Bedarf an „Methodisierung der professionellen Handlungsabläufe″ (S. 15) Rechnung tragen und in der Auswertung von Praxisprojekten gesammelte Erfahrungen zur Verfügung stellen. In der Integration von Absolventen von Vertiefungsstudiengängen klinische Sozialarbeit in den AutorInnenkreis versteht sich das Buch (und die Reihe) auch als Nachwuchsförderung.

Aufbau und Inhalt

Das Buch gliedert sich in drei Bereiche mit vierzehn Kapitel (+ Einleitung).

Der erste Bereich – Soziale Diagnostik im Diskurs – behandelt Grundfragen Psychosozialer Diagnostik. So wird auf die Kontroverse zwischen klassifizierendem und damit meist stärker standardisierendem gegenüber dem fallverstehenden und rekonstruktiven diagnostischen Arbeiten in ihrer Konsequenz für das sozialarbeiterische Handeln in verschiedenen Praxissituationen eingegangen. Es stellt sich dabei die Frage nach der Funktion der Diagnostik (zwischen orientierenden und risikoabschätzenden Funktionen). Auch braucht es eine professionsbegründete Herleitung diagnostischer Ziele (zwischen partizipativer und sozialökonomischer Orientierung). Es schließen sich diagnosekritische Ausführungen an, die der Frage nachgehen wie sich die Ziele der Diagnostik Ordnung und Systematisierung zu liefern mit den neueren Bestrebungen nach Partizipation und Inklusion auf der Ebene des diagnostischen Handelns vereinbaren lassen. Es wird dann eine Systematisierung vorliegender Konzepte psychosozialer Diagnostik vorgenommen, um einzelne integrierende Diagnosemodelle in ihren Grundgedanken, Zielsetzung und ihrer methodischen Systematik anzusprechen. Die Erkenntnisse werden im abschließenden Beitrag in einem Vorschlag für ein Grundmodell klinisch-sozialarbeiterischer Interventionsgestaltung gebündelt. Im beruflichen Handeln (von Strukturieren, Gestalten, Risikoabschätzen u.a.) wird dabei die Integration von Diagnostik und Intervention hervorgehoben.

Der zweite Bereich – Psychosoziale Diagnostikmethoden – wird eröffnet mit der Diskussion des Gegenstandsbereichs der Sozialen Arbeit und der Art seiner Strukturierung bzw. Klassifizierung. Als besondere Schwierigkeit erweist es sich dabei, dass zahlreiche Modelle (lebensweltorientierte, kritisch-emanzipatorische, sozialökologische Modelle u.a.) nebeneinander existieren, die jeweils verschiedene Beschreibungen des Gegenstandsbereichs des Sozialen, der Zielsetzung der Sozialen Arbeit und berufsethischer Implikationen vornehmen. Auch erweist sich die Multidimensionalität des Sozialen als besondere Herausforderung für die Strukturierung und Klassifizierung relevanter Einflussdimensionen. Hilfreich ist dabei vom “Fall“ auszugehen, der den Mittelpunkt des sozialarbeiterischen Handelns ausmacht. Dabei gilt es jedoch keinesfalls die Komplexität des sozialen Geschehens und die Grundannahme der “person in enviroment“ zu unterschätzen. Als konkrete Instrumente einer kooperativen Diagnostik wird auf die Inklusions-Chart 2 (IC2), das Zeitbalken-Interview und die Netzwerkkarte (alle Instrumente entwickelt von Pantucek) verwiesen. Dem schließt sich eine ausführlichere Erörterung der ICF (International Classification of Functioning, Disability ans Health) der WHO an. Dies schließt ihre Entwicklung, die Konzeption, die Zielsetzung und die Kontroverse um ihre Verwendbarkeit ein. Interessant ist der Rückbezug zu allgemeinen Modellüberlegungen der Funktionalen Gesundheit. Hier wird die in der Inklusionsdebatte bedeutsame Frage, wie sich der Teilhabeprozess in seinen Teilprozessen abbilden lässt, auf die diagnostische Ebene bezogen.

Es findet nun eine Hinwendung zur rekonstruktiven Diagnostik und den verschiedenen Zugängen (ethnographisch, kollegiales Fallverstehen, biographisch u.a.). Hier würde ich mir als Leser noch mehr Verfahrenswissen wünschen, um Hinweise für die Gestaltung der diagnostischen Praxis zu erhalten. Hinsichtlich der folgenden am Rubikon Modell zur Motivbildung von Heckhausen orientierten Diagnostik erhält die Leserin bzw. der Leser Diagnose-Inventare mitgeliefert. Diese beziehen sich insbesondere auf die Ressourcen und die Motivation der Klienten (für die Lebensziele und die Lebensbewältigung).

Der dritte Bereich – Zielgruppen und Umsetzung – widmet sich der konkreten Arbeit mit einzelnen Klientengruppen im Zusammenhang mit den spezifischen diagnostischen Verfahren. Um Fragen der Psychosozialen Gestaltungsdiagnostik beim klinisch-sozialarbeiterischen Fallverstehen möglichst konkret zu verdeutlichen werden Fallbeispiele (zur Suchterkrankung, zur Schizophrenie und zur Arbeit mit Angehörigen psychisch Erkrankter) vorgestellt. Nach einer jeweils kurzen Einführung in die sich stellenden konzeptuellen und arbeitsfeldspezifischen Fragen liefern die Fallbeispiele einen anschaulichen Zugang zu den Prozessschritten der Psychosozialen Diagnose und Intervention. Für die sehr spezifischen Fragen beispielsweise der Risikoabschätzung in der forensischen Arbeit würde ich mir noch die Veranschaulichung anhand eines spezifischen Fallbeispiels wünschen.

Abschließend werden anhand eines Praxisforschungsprojektes die Entwicklungsschritte von Diagnoseinstrumenten beschrieben. In diesem Sinne ist es m.E. auch als ein Anliegen der Autorinnen und Autoren zu verstehen, dass noch mehr derartige Entwicklungsarbeiten die Wissensbasis und das diagnostische Inventar im Feld der Psychosozialen Diagnostik bereichern.

Zielgruppen

Die Publikation wendet sich an Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter, wobei die Schwerpunktsetzung auf das Praxisfeld klinische Sozialarbeit erst im dritten Teil des Buches explizit zum Zuge kommt, in dem die zielgruppenspezifische Umsetzung diagnostischen Handelns thematisiert wird. Hilfreich ist das Buch auch für Studierende der Sozialen Arbeit in Bachelor- und Master-Studiengängen, sowie für Dozentinnen und Dozenten in diesen Studiengängen.

Empfehlenswert ist das Buch auch für Studierende angrenzender Fachgebiete (z.B. der Heilpädagogik), wenn es um Grundfragen der Zielsetzung und der konkreten Gestaltung des diagnostischen Settings geht. Es gibt eine Einführung in die Grundfragen und Dilemmata von diagnostischem Handeln und hilft sich hinsichtlich eigener professioneller Zielsetzungen zu positionieren.

Für spezifische Teilfragen (z.B. der Diagnostik in der klinischen Praxis) wären m.E. weiterführende Literaturhinweise und Links (zur Internet-Suche) empfehlenswert.

Diskussion

Es liegt hier ein lesenswertes und praxisorientiertes Fachbuch vor. Den Leserinnen und Lesern gibt es eine Einführung in die Grundfragen und Dilemmata des diagnostischen Handelns im psychosozialen Feld und hilft diese auf der Grundlage des professioneller Selbstverständnisses zu reflektieren.

Die Autorinnen und Autoren sind ausgewiesene Spezialistinnen bzw. Spezialisten im Lehrgebiet der Psychosozialen Diagnostik. Sie integrieren den aktuellen Stand der wissenschaftlichen Diskussion und zeigen den Kontext der diagnostischen Praxis exemplarisch für Felder der klinischen Sozialarbeit auf.

Fazit

Das vorgelegte Buch überzeugt durch eine klare thematische Struktur. Empfehlen würde ich es für Studenten, Dozentinnen und Dozenten im Bachelor- und Master-Studium der Sozialen Arbeit und für Studierende angrenzender Fachgebiete. Als lesenswerte Lektüre eignet es sich auch für Praktikerinnen und Praktiker in der klinischen Sozialarbeit.


Rezensent
Prof. Dr. Hans-Jürgen Balz
Dozent für Psychologie (Schwerpunkte Diagnostik und Beratung) an der Evangelischen Hochschule Rheinland-Westfalen-Lippe in Bochum
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Zitiervorschlag
Hans-Jürgen Balz. Rezension vom 09.04.2013 zu: Silke Birgitta Gahleitner, Gernot Hahn, Rolf Glemser (Hrsg.): Psychosoziale Diagnostik. Psychiatrie Verlag GmbH (Köln) 2012. ISBN 978-3-88414-552-4. Reihe: Klinische Sozialarbeit - Beiträge zur psychosozialen Praxis und Forschung - 5. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14075.php, Datum des Zugriffs 17.10.2018.


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