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Michael Lenz: Anlage-Umwelt-Diskurs

Cover Michael Lenz: Anlage-Umwelt-Diskurs. Historie, Systematik und erziehungswissenschaftliche Relevanz. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2012. 390 Seiten. ISBN 978-3-7815-1882-7. D: 39,00 EUR, A: 40,10 EUR.

Reihe: Klinkhardt Forschung.
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Thema

Anlage und Umwelt und die wissenschaftliche Beschäftigung mit zentralen Einflussfaktoren bei der „Herausbildung menschlicher Eigenschaften und Verhaltensmerkmale“ stellen ein vielfältiges Forschungsfeld dar, geht es hier doch nicht weniger als um die zentralen Einflussgrößen menschlicher Entwicklungsprozesse und damit um ein Themengebiet auf dem „seit langer Zeit heftig diskutiert und gestritten“ wird (S. IX).

Michael Lenz beschäftigt sich in der vorliegenden Studie mit diesem breiten wie vielfältigen Themenfeld, hebt dabei zugleich hervor, dass die Auseinandersetzungen um die Bedeutung von Anlage und Umwelt in der deutschen Erziehungswissenschaft und auch angrenzenden Sozialwissenschaften bisher weitgehend vernachlässigt worden ist. Dabei verbinden sich mit diesem Themengebiet durchaus vielfältige, auch für die Erziehungswissenschaft wichtige Anschlussmöglichkeiten, etwa ob Anlagefaktoren für die Herausbildung menschlicher Eigenschaften und Verhaltensweisen von größerer Bedeutung sein können als Umweltfaktoren, ob Unterschiede zwischen den Geschlechtern im Hinblick auf Verhaltensaspekte zu beobachten sind und wie diese erklärt werden können, aber auch wie in einzelnen Disziplinen die Auseinandersetzungen über Anlage und Umwelt verlaufen sind und welche unterschiedlichen Positionen hierbei rekonstruiert werden können. Darüber hinaus rekonstruiert Lenz die historischen Wurzeln einzelner Argumentationsstränge und leistet so eine erstaunliche Arbeit, indem er nicht nur die unterschiedlichen (historischen) Verlaufslinien der Debatten skizziert, sondern auch Unterschiede und Gemeinsamkeiten in den Auseinandersetzungen über Anlage und Umwelt darstellt. Wichtig ist dabei zu betonen, dass es die Anlage-Umwelt-Debatte nicht gibt, sondern sich vielmehr komplexe Themenfelder mit einer Vielzahl unterschiedlicher Stränge wie auch Konjunkturzyklen in einem Diskurs verbinden.

Lenz beobachtet dabei, dass die Auseinandersetzungen auf diesem Feld nicht nur als ein Phänomen der Gegenwart oder gar der Moderne beschrieben werden können, sondern die historischen Wurzeln bis in die Antike zurückreichen und die gesamte abendländische Geistesgeschichte prägten. Der Autor stellt sich dem Forschungsziel eine Untersuchung über den Anlage-Umwelt Diskurs zu schreiben, in der er den Diskursverlauf nachzeichnet, ohne jedoch auf einer Gegenstands – und Theorieebene zu verharren, sondern vielmehr auf einer Art Metaebene eine zusammenfassende Betrachtung der Debatten über Anlage und Umwelt vorzunehmen.

Methodisch orientiert sich die Arbeit an der Kritischen Diskursanalyse nach Siegfried Jäger (1999). Diskurse werden hierbei als „Fluss von ‚Wissen‘ durch die Zeit“ (ebd.; 129) verstanden, welche Möglichkeiten eröffnen in ihre Entstehungs- und Entwicklungszusammenhänge einzutauchen und diese damit in ihrer Historizität und auch Einmaligkeit zu verstehen. Der Anlage-Umwelt-Diskurs besteht, dieser methodischen Annahme folgend, aus vielen Diskurssträngen, wobei sowohl Extrempositionen relevant werden, aber auch Verstrickungen zwischen und in einzelnen Diskurssträngen identifiziert werden können.

Aufbau und Inhalt

Michael Lenz folgt in seinem Buch einer differenzierten Erschließung des Themas. Neben einer historischen Rekonstruktion des Anlage-Umwelt-Diskurses bis in das 20. Jahrhundert hinein, werden dem Leser im zweiten Kapitel aktuelle Aspekte und Themenfelder vorgestellt. Daran anknüpfend werden an vier Schlüsseldebatten zentrale Diskursereignisse thematisiert und abschließend die erziehungswissenschaftliche Relevanz des Themas erörtert.

Die historische Rekonstruktion des Anlage-Umwelt-Diskurses im ersten Kapitel konzentriert sich auf die Identifizierung unterschiedlicher historischer Wurzeln und damit der wissenschaftlichen Grundlagen des Diskurses. Im Mittelpunkt stehen neben den Anfängen in der Antike vor allem der Zeitraum, den Lenz mit dem Aufstieg des evolutionären Paradigmas verbindet, aber auch die ‚Schattenseiten‘ dieser Entwicklungen v.a. im 20. Jahrhundert, die am Beispiel sozialdarwinistischer Positionen, der Eugenik sowie deren Zuspitzungen in der ‚nationalsozialistischen Rassenhygiene‘ beschrieben werden.

Im zweiten Kapitel stellt Lenz drei unterschiedliche, konkurrierende Ansätze und auch die damit verbundenen Kontroversen im Anlage-Umwelt-Diskurs vor. Diese finden sich in der Verhaltensgenetik und Zwillingsforschung (S. 123ff.), Soziobiologie und Evolutionspsychologie (S. 141ff.) sowie einer dritte Position, die der Autor als Kritischen Interaktionismus zusammenfasst. Dieser distanziert sich „deutlich von soziobiologischen (bzw. evolutionspsychologischen) und verhaltensgenetischen Konzepten […], obgleich auch in diesen Konzepten die Rezeption biologischen Wissens von zentraler Bedeutung ist“ (S. 161). Jede der drei Positionen wird in einem separaten Kapitel vorgestellt, in der historischen Entwicklung skizziert und im Hinblick auf die jeweilige Relevanz für den Anlage-Umwelt-Diskurs untersucht, wobei v.a. im Hinblick auf die Pluralität des Kritischen Interaktionismus eine Systematisierung vorgenommen wird, die sich neben der Darstellung von Schlüsselexperimenten (S. 168ff.), v.a. auch der Klassifikation unterschiedlicher Ansätze (S. 174ff.) sowie deren Hauptmerkmalen widmet (S. 177ff.).

Im vierten Kapitel werden vier Schlüsseldebatten des Anlage-Umwelt-Diskurses vorgestellt. Im Zentrum stehen neben der Mead-Freeman Kontroverse (S. 195ff.), die Debatte(n) bzgl. der Erblichkeit der Intelligenz (S.215ff.) auch die sogenannte ‚Burt-Debatte‘, die mit einem in der Mitte der 1970er Jahre geführten Streit verbunden ist. Die ‚Burt-Debatte‘ markiert ein Schlüsselereignis des Anlage-Umwelt-Diskurses, in dessen Verlauf Extrempositionen „aufeinanderprallten, ohne das die inhaltliche Diskussion auf der sachlichen Ebene zufriedenstellend einer Lösung zugeführt werden konnte“ (S. 247). Eine weitere Schlüsseldebatte wird am Fallbeispiel des ‚David Reimer‘ vorgestellt, eine Kontroverse in deren Verlauf die Entwicklung der Geschlechtsidentität im Zusammenhang mit biologischen Faktoren und deren Bedeutung im Mittelpunkt standen, zugleich aber auch erhebliche Widersprüche zu beobachten waren (S. 263ff.).

Abschließend thematisiert der Autor die erziehungswissenschaftliche Bedeutung des Anlage-Umwelt-Diskurses, wobei v.a. die Relevanz von Verhaltensgenetik, Evolutionspsychologie und die des Kritischen Interaktionismus thematisiert und Möglichkeiten zukünftiger erziehungswissenschaftlicher Diskursbeteiligungen eruiert werden.

Fazit

Michael Lenz ist mit der vorliegenden Studie nicht nur ein lesenswerter, sondern zugleich auch umfassender Einblick in einen Diskurs und dessen vielfältigen Verlaufsformen gelungen. In beeindruckender Weise schafft es der Autor ein v.a. in der Erziehungswissenschaft weitgehend vernachlässigtes Themenfeld und die Vielfalt der sich damit verbindenden Fragen diskursanalytisch aufzubereiten, Kontroversen aufzuzeigen und deren Relevanz für erziehungswissenschaftliche Fragestellungen zu formulieren.


Rezension von
Matthias Völcker
Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Erziehungswissenschaft der Georg-August-Universität Göttingen. Arbeitsschwerpunkte: neben sozialisations- und identitätstheoretischen Fragestellungen im Besonderen die empirische Bildungsforschung
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Zitiervorschlag
Matthias Völcker. Rezension vom 22.04.2013 zu: Michael Lenz: Anlage-Umwelt-Diskurs. Historie, Systematik und erziehungswissenschaftliche Relevanz. Julius Klinkhardt Verlagsbuchhandlung (Bad Heilbrunn) 2012. ISBN 978-3-7815-1882-7. In: socialnet Rezensionen, ISSN 2190-9245, https://www.socialnet.de/rezensionen/14076.php, Datum des Zugriffs 21.01.2020.


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